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Das schwarze Buch der Geheimnisse

Электронная книга - «Das schwarze Buch der Geheimnisse». Краткое содержание книги:

Unwiderstehlich gruselig: das Buch von Licht und Schatten Auf der Flucht vor seiner Vergangenheit rast Ludlow durch die Nacht, als blinder Passagier an eine Kutsche geklammert. Schließlich wird der Junge Lehrling beim Pfandleiher Joe Zabbidou, der einen besonderen Handel treibt: Er kauft Geheimnisse und trägt sie in sein schwarzes Buch ein. Aber die Dorfbewohner wollen nicht nur ihr Gewissen erleichtern, sondern sehen in Joe den Retter, der sie von dem grausamen Grundbesitzer Ratchet befreit. Bald reicht es ihnen nicht mehr, ihre Schuld zu verkaufen, und sie erwarten mehr von Joe. Doch auch Ludlow verbirgt ein Geheimnis. Das Netz um die beiden zieht sich immer enger zusammen Rätsel, Krimi, Spannung! Ein außergewöhnlicher Roman, super spannend und literarisch zugleich.
Die englische Originalausgabe erschien bei Macmillan Children’s Books, London, unter dem Titel »The Black Book of Secrets«
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Jeremiah Ratchet konnte von Joe und Ludlow halten, was er wollte, die Dorfbewohner nutzten das Pfandleihgeschäft fleißig. Es stimmte, dass sie kaum etwas von Wert besaßen, doch anders als die meisten Pfandleiher nahm Joe alles an, was man ihm anbot, selbst die lächerlichsten und wertlosesten Dinge. Eine ausgestopfte, von Motten zerfressene, halb vermoderte Katze zum Beispiel. Und Joe bezahlte gut, ganz wie er versprochen hatte. Nicht einmal Lembart Jellico würde ein solches Pfand annehmen, dachte Ludlow.

Da die meisten Kunden außer Atem waren, nachdem sie die steile Straße heraufgekommen waren, musste Ludlow einen Stuhl neben die Tür stellen, und der wurde dankbar angenommen. Von seinem Platz hinter dem Ladentisch aus beobachtete Ludlow die Leute, wie sie keuchten und husteten und jammerten. Nach einer Weile ließ das Keuchen nach, dann kamen sie heran und zeigten vor, was sie an armseligen Sachen mitgebracht hatten. Joe hielt jedes Stück ins Licht, drehte es in diese und in jene Richtung. Manchmal (aber nur selten) nahm er sein Vergrößerungsglas und prüfte etwas aus der Nähe. Der Kunde stand dann die ganze Zeit daneben, kaum atmend und mit so fest geballten Fäusten, dass die Knöchel weiß hervortraten, und hoffte inständig, Joe würde das wertlose Objekt als Pfand nehmen. Das tat er natürlich, und so waren alle froh und erleichtert und dankten Joe überschwänglich. Meistens endete das Geschäft damit, dass sie rückwärts aus der Tür gingen und dabei immer noch dankten. Manchmal aber zögerte jemand, trat von einem Fuß auf den andern und gab vor, sich für Saluki zu interessieren.

Dann drehte sich Joe irgendwann um und fragte ganz ahnungslos: »Ist noch etwas?« Und in seinen Mundwinkeln zuckte der Anflug eines Lächelns.

In solchen Fällen sprachen die Leute ausnahmslos über Jeremiah Ratchet.

»Ihr müsst ein mutiger Mann sein, Mr Zabbidou. Nicht viele würden so gegen Jeremiah auftreten.«

Damit meinten sie die Begegnung am ersten Tag, als Joe es gewagt hatte, anderer Meinung zu sein als Mr Ratchet. Das hatte großen Eindruck auf die Dorfleute gemacht.

Joes Antwort war immer die gleiche. »Ich habe nur die Wahrheit ausgesprochen.«

»Ihr müsst wissen, er hat schon wieder eine Familie auf die Straße gesetzt«, fuhr der Betreffende fort, ohne sich von Joes scheinbarer Gleichgültigkeit abschrecken zu lassen. »Er hat ja seine Schläger, die das für ihn erledigen. Sie tragen Masken über den Gesichtern, deshalb wissen wir nicht, wer sie sind. Und alles wegen ein paar Pennys Miete, Mr Zabbidou. Es ist nicht recht.«

Wenn sie erwarteten, Joe würde etwas dagegen unternehmen, wurden sie enttäuscht. Er schüttelte nur traurig den Kopf.

»Eine schlimme Sache«, sagte er. »Wirklich eine schlimme Sache.«

Kapitel 16

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Die Stadt war grau von Schmutz und Krankheit; auch Pagus Parvus lag immer in grauem Licht, aber das kam von den offenbar nie abziehenden Wolken. Ich machte bald die Erfahrung, dass in dieser Gegend selten anderes Wetter herrschte als in jener Nacht, in der ich gekommen war. Da der Ort an der ungeschützten Seite eines Berges lag, acht von zwölf Monaten mit Schnee bedeckt war und während der restlichen vier dem Regen ausgesetzt, war Pagus Parvus bei Fremden nicht beliebt, und die Menschen, die hier lebten, verließen es kaum je. Zwar waren Gerüchte von einem Fahrzeug, das sich von selbst bewegte, zu ihnen durchgedrungen, aber noch nie hatten sie eines dieser großen eisernen Ungeheuer gesehen – die zwei Schienen, auf denen es rollte, führten nicht nach Pagus Parvus. Wer die Wahl hatte, reiste am liebsten mit Pferd und Wagen, was allerdings ein Privileg einiger weniger war. Man war also hauptsächlich zu Fuß unterwegs.

Wäre Joe nicht gewesen, hätte mich kaum etwas hier gehalten, trotzdem fühlte ich mich in Pagus Parvus langsam zu Hause. Meine Zeit als Taschendieb war lange vorbei, und ich war froh, nicht mehr stehlen zu müssen. Aber Ratchets Handschuhe und seinen Schal trug ich weiterhin. Es war einfach zu schön, wie er mich deshalb bei jeder Begegnung anglotzte.

Immer abends nach dem Essen saß ich mit Joe am Feuer und wir unterhielten uns. Wir sprachen über vieles, kamen aber so gut wie nie zu einem Schluss. Joe war ein Mann, in dessen Gesicht sich wenig spiegelte; selten verriet sein Ausdruck, was in ihm vorging, und nur wenn wir von Saluki sprachen, wurde er ziemlich lebhaft. Dieser Frosch wurde wie eine Königin behandelt. Joe fütterte Saluki mit den fettesten Insekten, Schnecken und Würmern, und die Jungen aus der Bäckerei machten jeden Tag ein großes Getue um sie.

Wir sprachen auch über Jeremiah Ratchet. Ich hatte mir angewöhnt, wenn die Ladenglocke bimmelte, zu raten, ob jemand mit einem Pfandgegenstand käme oder mit einer Klage über Ratchet. Der aufgeplusterte Kerl hatte sich praktisch das ganze Dorf verpflichtet gemacht. Er schien seine Tage damit zu verbringen, dass er seinen Pächtern entweder drohte, sie aus ihren Häusern zu werfen, oder dass er seine maskierten Männer schickte, um diese Drohung wahr zu machen. Jedes Mal, wenn ich seinen Namen hörte, wuchs meine Enttäuschung darüber, dass niemand im Dorf willens oder in der Lage schien, es mit ihm aufzunehmen.

»Warum, meint Ihr, erzählen Euch die Leute so viel von Jeremiah Ratchet?«

»Weil sie ungeduldig sind.«

Eine typisch knappe Antwort. Manchmal waren die Unterhaltungen mit Joe wie Rätselraten.

»Für einen kleinen Ort wie diesen«, fuhr er fort, »ist Jeremiah eine schwere Bürde.«

»Warum tun sie dann nichts gegen ihn? Sie sind doch genug.«

Joe schüttelte den Kopf. »Jeremiah ist ein raffinierter Bursche. Hier ist jeder in seiner eigenen Notlage gefangen, und keiner sieht, dass wahre Macht nur in der Menge liegt. Um Jeremiah zu Fall zu bringen, müssten sie zusammenstehen, aber er hat sie entzweit und zieht Nutzen aus ihrer Angst. Sie glauben, er hat seine Informanten im Dorf.«

»Die Dorfleute würden sich ja wohl nicht gegenseitig verraten?«

»Zweifellos werden sie dazu gezwungen«, sagte Joe. »Und weil sie einander nicht trauen können, sind sie nicht bereit, sich gegen Jeremiah zu verschwören. Er könnte ja dahinterkommen. Mir erzählen sie von ihren Nöten, weil ich ein Fremder bin und Jeremiah mich nicht in der Hand hat. In ihrer Verzweiflung denken sie, ich würde sie vor dem Gauner schützen.«

»Und werdet Ihr das tun?«, fragte ich. Im Stillen wünschte ich, Joe würde es mit ihm aufnehmen.

»Wie übel die Situation auch sein mag, den Lauf der Dinge kann ich nicht ändern«, erwiderte er. Mehr wollte er zu dem Thema nicht sagen.

Unzählige Male hat Joe diesen Satz mit dem Lauf der Dinge gesagt. Ich fragte mich dann immer: Wollte er andeuten, dass er den Lauf der Dinge kannte? Aber auch wenn er nichts ändern wollte, wie er immer wieder beteuerte, so hatte allein seine Gegenwart schon eine merkliche Auswirkung auf die Dorfbewohner. Immerhin war Joe als Fremder nach Pagus Parvus gekommen, hatte seinen Laden eröffnet und schon in wenigen Tagen die Achtung und Bewunderung der Menschen seiner Umgebung gewonnen. Wir alle wurden von ihm angezogen wie die Motten, die nachts geräuschvoll gegen die erleuchteten Fenster flatterten. Manche Menschen machen mit lauter Stimme und großen Gesten auf sich aufmerksam, aber das hatte Joe nicht nötig. Seine Stimme war leise, er machte keine überflüssigen Worte. Und doch konnte man spüren, wenn er in der Nähe war.

Wie Joe zu Geld kam, war mir ein vollkommenes Rätsel. Überhaupt, was war das für ein seltsames Geschäft, Geld zu verschenken? Oder wie sollte man seine Tätigkeit sonst beschreiben? Die Schaufensterauslage nahm jeden Tag zu, doch obwohl er für viele Sachen bezahlte, sah ich ihn selten etwas verkaufen.

Und dann das Schwarze Buch der Geheimnisse. Die Einwohner von Pagus Parvus waren schnell bereit, Joes Angebot zu nutzen, und um Mitternacht verteilte er Beutel voller Münzen an alle und jeden. Es gab viele Geheimnisse in Pagus Parvus. Tagsüber schien der Ort nichts anderes, als was er war: ein kleines Bergdorf. Erst in den Stunden der Dunkelheit war zu erkennen, dass nicht alles zum Besten stand. In meinen schlaflosen Nächten, wenn ich über die Häuser am Hang blickte, ahnte ich, dass jede brennende Lampe, jede flackernde Kerze hinter den Fenstern eine Geschichte erzählte. Schatten bewegten sich hinter den Gardinen, Silhouetten, die unruhig im Dunkeln auf und ab gingen und vor Verzweiflung und Schuldgefühlen die Fäuste an die Stirnen pressten.

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