Das schwarze Buch der Geheimnisse
- Автор: Хиггинс Фиона Э.
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «Das schwarze Buch der Geheimnisse». Краткое содержание книги:
Die englische Originalausgabe erschien bei Macmillan Children’s Books, London, unter dem Titel »The Black Book of Secrets«
Horatio hatte im Geschäft angefangen, kaum dass er über den Ladentisch blicken konnte, und im Lauf der Jahre hatte sich seine äußere Erscheinung der des Fleisches angeglichen, mit dem er den ganzen Tag zu tun hatte. Sein Körper war mit der Zeit stämmiger geworden, ein wenig wie der eines Stiers, und seine dicken haarlosen Unterarme hatten die Form von Lammkeulen. Er hatte ein längliches Gesicht und weite Nasenlöcher, und seine braunen Augen betrachteten die Umgebung mit mäßigem Interesse. Seine Fingerkuppen waren dick und stumpf; für einen Mann, der seinen Lebensunterhalt durch die Arbeit mit Messern verdiente, ging er erstaunlich leichtsinnig mit seinen Werkzeugen um.
Horatio wischte sich die Hände an seiner grau gestreiften Schürze ab und begrüßte Joe mit einem freundlichen »Schönen Nachmittag« und einem nervösen Lächeln. Er nickte in Richtung der flüchtenden Kinder.
»Würstchen sollte ich aus denen machen«, scherzte er, und die Klingen seiner Messer funkelten im Licht der Lampe. Ludlow, der draußen stand, schauderte bei dem Anblick.
Joe lachte höflich. »Darf ich mich vorstellen«, sagte er. »Ich bin Joe Zabbidou …«
»Der Pf-Pfandleiher«, unterbrach Horatio.
Joe antwortete mit einer kleinen Verbeugung.
»Ihr wohnt oben im alten Laden der Putzmacherin. Hoffentlich ergeht’s Euch besser als Betty P-P-Peggotty.«
Joe hob fragend eine Augenbraue.
»Sie hat Hüte gemacht«, fuhr Horatio fort und blies dabei in seine großen roten Hände. Die Temperatur im Laden war nur wenig höher als die im Freien. »Sehr teure Hüte, müsst Ihr wissen. Mit Pf-Pfauenfedern, Straußenfedern, seidenen Blumen und lauter solchen Sachen. Nicht mein Geschmack. Zu verrückt. Also ich, ich habe lieber eine einfache Kopfbedeckung.« Er strich stolz über seine weiße Fleischermütze und hinterließ Fettflecke darauf.
»Das sehe ich.«
»Sie konnte hier nichts verdienen, deshalb ist sie in die Stadt. Wollte da eine Schenke aufmachen, glaube ich.« Er rückte mit der Hand ein Stück Schweinefleisch auf dem Ladentisch zurecht und hackte gedankenverloren darauf herum.
»Falsche Lage, versteht Ihr. Zu weit oben auf dem verdammten Berg. Da kommt heute kaum mehr einer rauf, es sei denn, er liegt flach in der Kiste. Und selbst dann muss er raufgezogen werden. Sechs Pf-Pferde braucht man dazu. Und der Lärm auf dem Kopfsteinpflaster! Zum Tote-Aufwecken.« Er hielt einen Moment inne, das Messer mitten in der Luft, um über seinen Witz zu lachen.
»Zu mir kommen sie schon«, sagte Joe.
»Hab ich gehört, ja. Vielleicht habt Ihr mehr Glück als sie.«
»Jeremiah Ratchet glaubt das nicht.«
Voll Verachtung spuckte Horatio in die Sägespäne auf dem Boden.
»Der hat ja nicht lange gebraucht, bis er seinen Senf dazugegeben hat.«
»Er sagt, er sei Geschäftsmann.«
»P-Pah!«, rief Horatio. »Diese schleimige Kröte. Ich wette, der hat schon zu seinen Lebzeiten das eine oder andere Geschäft mit dem Teufel gemacht. Der lebt doch von der Not der Armen. Leiht ihnen Geld, und wenn sie’s dann nicht zurückzahlen können, nimmt er ihnen alles ab, was sie haben. Wirft sie aus ihren Häusern, nur wegen ein p-paar Tagen Mietrückstand. Der wird noch das ganze Dorf ausbluten lassen. Kein Wunder, dass er sich so gut mit meinem Vater verstanden hat; sie sind aus dem gleichen Holz geschnitzt.«
Mit einem gewaltigen Krach ließ er sein Messer niedersausen, sodass ein großer Fleischbrocken in die Luft und quer über den Ladentisch flog. Joe fing ihn blitzschnell auf.
Er sah dem Fleischer fest in die Augen, und obwohl Horatio seinem Blick ausweichen wollte, gelang ihm das aus irgendeinem Grund nicht. Seine Ohren wurden von einem sanften Rauschen erfüllt wie von Wind, der in den Bäumen raschelt, und die Beine wurden ihm schwach. In seinen tauben Fingern kribbelte es wie von tausend kleinen Ameisen.
»Ihr hört Euch an wie einer, der sich etwas von der Seele reden muss«, sagte Joe leise. »Kommt heute Nacht in meinen Laden. Vielleicht kann ich helfen.«
»Glaube ich nicht«, erwiderte Horatio schwerfällig und wie gebannt von Joes Blick.
Joe blieb beharrlich. »Nach Mitternacht, dann erfährt keiner davon.«
»Mal sehen.«
»Ausgezeichnet«, sagte Joe mit einem breiten Lächeln und brach damit den Bann. »Bis später also.«
»Was ist mit meinem Fleisch?«
»Das mache ich mir zum Abendessen«, sagte Joe. »Ich bezahle Euch später, wenn Ihr raufkommt.«
Die Kirchenglocke schlug Mitternacht, als Horatio vor dem Laden stand. Er zog seinen Umhang fester und hob die Hand zur Tür. Ungerührt sah der bleiche Halbmond zu, wie der Mensch dort unten zögerte und hin-und hergerissen war, ob er klopfen sollte oder nicht. Er hatte nicht herkommen wollen, und er begriff wirklich nicht, warum er jetzt hier stand, aber als Mitternacht herangekommen war, hatten ihn seine Beine ganz wie von selbst aus der Tür und den Berg hinauf geführt. Wie konnte ihm dieser Fremde helfen? Und überhaupt, woher wusste dieser Fremde, dass er Hilfe brauchte? Er dachte daran, wie Joe ihn angesehen hatte. Hatte er ihm den Verstand aus dem Kopf gesaugt?
Horatio schob die Hand vor, aber bevor er anklopfen konnte, öffnete Joe schon die Tür.
»Kommt herein, Horatio«, sagte er herzlich. »Wir haben Euch erwartet.«
Er geleitete den schweigenden Fleischer ins Hinterzimmer, wo im Kamin ein Feuer brannte. Horatio ließ seine massige Gestalt in den angebotenen Sessel sinken und runzelte die Stirn, als die Flammen beängstigend knackten. Joe reichte ihm ein Glas mit dem goldfarbenen Schnaps, und nachdem Horatio einen tiefen Zug genommen hatte und gleich noch einen, röteten sich seine Wangen, und seine Augen begannen zu glänzen.
»Ein starkes Tröpfchen«, sagte er und leerte das Glas.
»Ich glaube, Ihr habt ein Geheimnis, das Ihr nur zu gern verpfänden würdet«, half Joe ihm auf die Sprünge.
Fragend zogen sich Horatios Augenbrauen zusammen. »Was meint Ihr damit?«
»Das ist nun mal mein Beruf«, erklärte Joe. »Ich kaufe Geheimnisse.«
Ein Weilchen dachte Horatio über den Vorschlag nach. »Dann kauft dieses«, sagte er endlich.
Ludlow saß schon am Tisch, das Schwarze Buch vor sich aufgeschlagen, und Horatio begann.
Kapitel 18
Auszug aus dem
Schwarzen Buch der Geheimnisse
Das Geständnis des Fleischers
Ich heiße Horatio Cleaver und ich muss ein schreckliches Geständnis machen.
Mein Schuldgefühl hat mich an den Rand des Wahnsinns getrieben. Ich kann nicht mehr schlafen. Jede Nacht gehe ich auf und ab, bis der Morgen kommt, und dann drehen sich meine Gedanken immer wieder um das, was ich getan habe. Für mich gibt es nur den einen Wunsch: erlöst zu werden von meiner schrecklichen Last.
Ich weiß, dass mich die Leute für unfähig halten, sowohl als Mensch wie auch als Fleischer. Mir fehlt das Talent, das mein Vater hatte, und ich bin der Erste, der das zugibt. Er war ein wahrer Meister seines Gewerbes. Sein Geschick mit dem Hackbeil war unübertroffen, und mit seinem Tempo und seiner Genauigkeit hat er jeden Fleischer-Wettbewerb in der Grafschaft gewonnen. Stan, der Blitz, so haben sie ihn genannt. Für Pagus Parvus war er der größte Held seit Mick MacMuckle, dem einarmigen Hufschmied, der mit verbundenen Augen ein Pferd beschlagen konnte.
Für mich war er eine Bestie.
Solange meine Mutter lebte, blieb ich von seinen schlimmsten Ausfällen verschont, aber sie starb noch als junge Frau, und danach war ich ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er war ein hinterhältiger Mann, müsst Ihr wissen. Für die Leute im Dorf war er der fröhliche Kumpel, den Frauen wusste er immer etwas Nettes zu sagen und mit den Männern scherzte er. Aber abseits vom Ladentisch, hinten im Kühlhaus, war er ein anderer Mensch. Dort wurde er zu einem Monster. Er schlug mich jeden Tag, und zwar mit allem, was ihm gerade in die Hände fieclass="underline" Schweinshaxen, Rumpsteaks, sogar mit Hühnern, an denen noch die Federn hingen. Dauernd schärfte er mir ein, wie dankbar ich ihm sein müsse, dass er mir sein Handwerk beibrächte.