Das schwarze Buch der Geheimnisse
- Автор: Хиггинс Фиона Э.
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «Das schwarze Buch der Geheimnisse». Краткое содержание книги:
Die englische Originalausgabe erschien bei Macmillan Children’s Books, London, unter dem Titel »The Black Book of Secrets«
Joe legte Obadiah fest die Hand aufs Knie.
»Macht Euch frei von diesen furchtbaren Gedanken«, sagte er. »Sie fressen nur Eure Seele auf. Es gibt eine natürliche Gerechtigkeit auf dieser Welt. Vielleicht stellt sie sich nicht so prompt ein, wie wir es uns wünschen, aber glaubt mir, Jeremiah Ratchet wird ihre Macht zu spüren bekommen. Nun geht nach Hause. Ihr werdet schlafen können und Ihr werdet nicht träumen.«
Obadiah seufzte schwer.
»Wisst Ihr, Mr Zabbidou, ich glaube, Ihr könntet recht haben.« Er erhob sich und wollte gehen, aber Joe hielt ihn zurück.
»Eure Bezahlung, wie vereinbart.« Joe reichte ihm einen Lederbeutel mit Münzen, und Obadiahs Augen weiteten sich, als er ihr Gewicht spürte.
»Ich danke Euch sehr, Mr Zabbidou«, sagte Obadiah. »Das kann ich gut gebrauchen.«
»Und so soll es auch sein«, erwiderte Joe und drückte ihm herzlich die Hand. »So soll es sein.«
»Und Jeremiah? Was ist mit Jeremiah?«, fragte Obadiah vorsichtig.
Joe zwinkerte nur. »Habt Geduld, Mr Strang. Habt Geduld.«
Kapitel 13
Fragment aus den
Erinnerungen des Ludlow Fitch
So endete mein erster langer Tag bei Joe Zabbidou. Es war nach zwei Uhr, als Obadiah aufbrach. Joe blieb an der Tür stehen und sah ihm nach, wie er die Straße hinunterging und in seiner Hütte verschwand. Er wartete, bis das Licht gelöscht und alles wieder dunkel war, dann kam er herein und machte die Tür hinter sich zu. Ich war am Tisch sitzen geblieben und starrte verwundert auf das geschlossene Buch. Mir war schwindlig von all dem, was ich eben gehört hatte. Jetzt begriff ich. Es ist ein Buch der Geheimnisse, dachte ich, und Joe ist tatsächlich der Geheimnis-Pfandleiher.
Ich konnte kaum glauben, dass mich Joe ein solches Buch anfassen, geschweige denn mich hineinschreiben ließ. Wie gern hätte ich es aufgeschlagen und von vorn bis hinten durchgelesen! Was für Geschichten von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit würde ich darin finden?
Ich hörte Joe im Laden umherlaufen und mit seinem Frosch reden. Schnell schlug ich das Buch auf, blätterte darin und las die ersten Zeilen der Geständnisse:
»Mein Name ist Eleanor Hardy, ich kann nicht länger mit meinen Lügen leben …«
»Mein Name ist George Cutchpole, und ich habe ein höchst schändliches Geheimnis …«
»Mein Name ist Oscar Carpue. In einem unkontrollierten Wutanfall habe ich wie von Sinnen …«
Das war alles, was ich lesen konnte, bevor Joe pfeifend zurück ins Hinterzimmer kam. Ich schlug das Buch zu und sprang so ungeschickt auf, dass ich dabei den Stuhl umstieß.
»Dann lass mal sehen, wie du dich angestellt hast«, sagte Joe, indem er meine Verlegenheit übersah. Er nahm das Buch vom Tisch. Nervös sah ich zu, wie er prüfte, was ich geschrieben hatte.
»Hervorragende Arbeit, Junge«, sagte er, dann legte er das rote Band zwischen die nächsten leeren Seiten und schloss das Buch. »Ich hätte es nicht besser machen können.«
Jäh schoss mir brennende Röte in die Wangen. Lob war ich nicht gewohnt. Um meine Verlegenheit zu verbergen, zeigte ich auf die goldene Schrift auf dem Einband.
»Was ist das für eine Sprache?«
Joes Gesicht leuchtete auf. »Ah, Latein«, sagte er. »Die Sprache der Präzision. ›Gesprochenes vergeht, Geschriebenes besteht.‹ Merk dir diese Worte, Ludlow. Die Menschen glauben, was sie lesen, gleichgültig, wie viel Wahrheit das Geschriebene enthalten mag.«
Joe hielt das Buch hoch und sagte leise: »Die Berichte, die wir hier haben, bedeuten ihrem jeweiligen Besitzer sehr viel und können folglich von finanziellem Nutzen für andere sein. Die Leute haben sich mir anvertraut und mir ihre größten Geheimnisse gestanden – es ist meine Pflicht, sie gut zu hüten. Wohin ich auch komme, es gibt überall verbrecherische Elemente, die viel Geld für dieses Buch bezahlen und es zu ihrer finanziellen Bereicherung oder Schlimmerem verwenden würden. Doch diese Geständnisse, Ludlow, sind allein uns anvertraut, deshalb dürfen wir niemals außerhalb dieses Zimmers darüber sprechen.«
Joe schien mich nicht zu diesen verbrecherischen Elementen zu rechnen. Und ausgerechnet in diesem Moment spürte meine Hand etwas Kaltes in der Tasche. Mein Herz machte einen Hüpfer. Die Uhren. Ich hatte sie immer noch. Anscheinend war Joe ihr Verschwinden noch nicht aufgefallen. Ich beschloss, sie so bald wie möglich an ihren Platz zurückzulegen.
Ich nickte ernst. »Ich kann ein Geheimnis für mich behalten«, erklärte ich.
»Das glaube ich dir, Ludlow. Aber ich kenne auch die menschliche Natur. Versuchung ist ein Fluch, der auf allen Menschen lastet.«
»Ich kann es«, sagte ich unbeirrt. »Gebt mir eine Chance.«
Einen Augenblick lang dachte ich, er würde Nein sagen, aber er lachte nur und sagte: »Was wäre das Leben, wenn man nicht ab und zu ein Risiko einginge? Ich kannte mal einen, der traf seine Entscheidungen allein durch das Werfen einer Münze. Sollte er aufstehen oder im Bett liegen bleiben? Er warf eine Münze. Sollte er essen oder nicht? Er warf eine Münze. Das ging fast zwei Jahre so, dann wurde er eines Tages krank. Er warf also eine Münze, um zu entscheiden, ob er nach einem Arzt schicken sollte oder lieber nicht. Die Münze sagte Ja.«
»Und er wurde geheilt?«
»Nun, unglücklicherweise war der Arzt nicht gerade der beste. Seine Diagnose war mehr falsch als richtig, und die Arznei, die er ihm gab, viel zu stark. Der arme Kerl starb am nächsten Tag.«
Ich begriff nicht, was Joe mir damit sagen wollte.
»Verstehst du, Ludlow«, erklärte er, »das Leben ist ein Spiel, ganz gleich, wie du es spielst. Aber nun, wo waren wir stehen geblieben?« Er klopfte auf das Schwarze Buch der Geheimnisse und schlug einen ernsteren Ton an. »Natürlich gibt es ein paar Dinge, die du wissen musst, wenn du für mich arbeiten willst. Erstens, wir beginnen stets auf einer neuen Seite. Ich habe es mir zur Regel gemacht, vorauszublicken, nicht zurück.« Er lächelte vielsagend und sah mir in die Augen. Er wusste genau, dass ich in dem Buch geblättert hatte.
»Und zweitens, wenn alles niedergeschrieben ist, müssen wir das Buch so aufbewahren, dass es vor neugierigen Blicken geschützt ist.«
Ich beobachtete, wie er das Buch an keinen sichereren Platz als unter seine Matratze schob. Sollte das eine Art Probe sein? Wollte er mich in Versuchung führen, es zu stehlen?
Während ich noch hinschaute, stellte er mir eine sonderbare Frage.
»Glaubst du an das Glück, Ludlow?«
Darüber hatte ich in meinem Leben schon mehr als einmal nachgedacht. »Ich glaube, manche Menschen haben einfach mehr Glück als andere. Zum Beispiel die, die nicht in der Stadt zur Welt kommen.«
Joe lachte. »Ah, ja«, sagte er, »ein höchst unseliger Geburtsort. Die meisten, die dort geboren werden, sterben auch dort. Dir aber ist es gelungen, herauszukommen.«
»Dann habe ich also Glück gehabt.«
Joe zog die Schultern hoch. »Vielleicht ist es nicht nur Glück. Möglicherweise war es das Schicksal selbst, das dich zu mir geführt hat.«
»Schicksal? Schon eher meine beiden Füße!« Dann fragte ich ihn: »Woran glaubt Ihr? An Glück oder an Schicksal?«
Joe dachte eine Weile nach, bevor er antwortete. »Für unser Glück können wir selbst etwas tun, Ludlow. Durch unser Handeln und durch unsere Einstellung. Und damit nehmen wir Einfluss auf unser Schicksal. Gewiss ist nur eins: Dem Grab kann keiner von uns entrinnen.«
Dann überraschte er mich ein zweites Mal, indem er mir einen Shilling gab.
»Für eine gewissenhaft ausgeführte Arbeit. Steck es zu den anderen Münzen in deinem Beutel«, sagte er augenzwinkernd.
Kurz darauf gingen wir zu Bett. Als ich Joe schnarchen hörte, tastete ich hinter dem losen Mauerstein nach meinem Geldbeutel und warf den Shilling hinein. Dann wickelte ich mich in den Umhang und legte mich wieder hin. Ich fand aber keinen Schlaf, weil ich viel zu aufgewühlt war. Ich drehte mich um und dachte an Obadiah und Jeremiah Ratchet. Armer Obadiah, er war zu Recht empört über sich selbst; Grab-und Leichenräuber wurden tief verachtet. Was für eine schreckliche Ironie, wenn ausgerechnet ein Totengräber Tote wieder ausgraben muss. Je mehr ich Obadiah bedauerte, desto größer wurde meine Verachtung für Ratchet. Er hatte mich zwar nach Pagus Parvus gebracht, aber das war mehr Zufall als Absicht gewesen.