Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Immer noch höre ich Sonia weinen, aber sie weint jetzt sehr jämmerlich, schreit beinahe, und ich weiß, dass ich mich auf die Suche nach ihr begeben soll. Rund um mich herum ist Dickicht, das von Augenblick zu Augenblick dichter und höher zu werden scheint. Mit den Händen Farne und Liliengewächse zur Seite schiebend, versuche ich, mir einen Weg zu bahnen, um das Weinen zu lokalisieren. Gerade als ich mich ganz nahe glaube, ertönt es plötzlich aus einer völlig anderen Richtung, und ich muss aufs Neue zu suchen beginnen.
Ich rufe nach Hilfe - nach meiner Mutter, meinem Vater, Großmutter oder Großvater. Aber keiner kommt. Dann erreiche ich den Rand des Wasserbeckens und sehe, dass zwei Menschen an den Schuppen gelehnt dastehen, ein Mann und eine Frau. Er ist über sie gebeugt und saugt an ihrem Hals, indes Sonia immer noch unablässig weint.
Am Haar erkenne ich die Frau, es ist Libby. Ich stehe wie erstarrt und beobachte die beiden, während der Mann, den ich noch nicht erkennen kann, an ihr saugt. Ich rufe ihnen zu; ich bitte sie, mir bei der Suche nach meiner kleinen Schwester zu helfen. Der Mann hebt den Kopf, und ich erkenne meinen Vater.
Ich bin wütend, fühle mich verraten, bin wie gelähmt. Sonia weint immer weiter.
Dann ist meine Mutter bei mir oder jemand wie meine Mutter, jemand von ihrer Größe und ihrer Gestalt, mit Haar der gleichen Farbe. Diese Person nimmt mich bei der Hand, und mir ist bewusst, dass ich ihr helfen muss, weil Sonia uns braucht, um sich zu beruhigen. Ihr Weinen hat sich jetzt zu zornigem Schreien gesteigert, schrill vor Trotz, als hätte sie einen Wutanfall.
»Keine Angst«, sagt die Mutterperson zu mir. »Sie ist nur hungrig, Schatz.«
Wir finden sie unter einem Farn liegend, zugedeckt von großen Farnwedeln. Die Mutterperson nimmt sie auf den Arm und drückt sie an ihre Brust. »Ich lasse sie saugen. Dann beruhigt sie sich.«
Aber Sonia beruhigt sich nicht, weil sie gar nicht saugen kann. Die Mutterperson gibt ihr nicht die Brust, und selbst wenn sie es täte, würde das nichts helfen. Denn wie ich erst jetzt sehe, trägt meine Schwester eine Maske, die ihr ganzes Gesicht bedeckt. Ich versuche, die Maske zu entfernen, aber es gelingt mir nicht; meine Finger rutschen immer wieder ab. Die Mutterperson bemerkt nicht, dass etwas nicht stimmt, und ich kann sie nicht dazu veranlassen, meine Schwester anzuschauen. Ich versuche weiterhin verzweifelt, die Maske abzureißen, aber es gelingt mir einfach nicht.
Ich bitte die Mutterperson, mir zu helfen, aber das nützt auch nichts. Sie schaut ja nicht einmal zu Sonia hinunter. In höchster Eile kämpfe ich mich zurück zum Becken, um dort Hilfe zu holen, aber an seinem Rand angelangt, verliere ich den Halt und stürze ins Wasser. Unablässig drehe ich mich unter Wasser und bekomme keine Luft.
An dieser Stelle erwachte ich.
Mein Herz raste. Ich konnte seinen hämmernden Schlag im ganzen Körper spüren. Während des Schreibens habe ich mich beruhigt, aber ich glaube nicht, dass ich heute Nacht noch einmal schlafen kann.
Libby ist nicht bei Ihnen?, fragen Sie.
Nein. Sie ist nicht zurückgekommen, seit sie nach unserer Heimkehr von Cresswell-White, als mein Vater vor dem Haus wartete, auf ihrer Maschine davongeprescht ist.
Machen Sie sich Sorgen um sie?
Sollte ich mir Sorgen machen?
Es gibt kein sollte, Gideon.
Bei mir schon, Dr. Rose. Ich sollte mich an mehr erinnern können. Ich sollte Geige spielen können. Ich sollte eine Beziehung zu einer Frau eingehen, etwas mit ihr teilen können, ohne zu fürchten, dass ich alles verlieren werde.
Was denn verlieren?
Das, was mich zusammenhält.
Haben Sie es denn nötig, zusammengehalten zu werden, Gideon?
So fühlt es sich jedenfalls an.
23. Oktober
Raphael hat heute wieder seinen täglichen Pflichtbesuch bei mir absolviert, aber anstatt uns ins Musikzimmer zu setzen und auf ein Wunder zu warten, sind wir zum Regent's Park gegangen und haben einen Spaziergang durch den Zoo gemacht. Einer der Elefanten wurde gerade von einem Wärter mit Wasser abgespritzt, und wir blieben stehen und sahen zu, wie das Wasser in Strömen an den Seiten des gewaltigen Tiers herabfloss. Haarbüschel auf dem Rückgrat des Elefanten sträubten sich wie steife Drähte, und das Tier verlagerte sein Gewicht, als suchte es besseren Halt.
»Seltsame Geschöpfe, nicht?«, sagte Raphael. »Man fragt sich, was zu einer solchen Konstruktion geführt hat. Wenn ich so eine biologische Merkwürdigkeit sehe, bedaure ich stets, dass ich nicht mehr über die Evolution weiß. Wie, beispielsweise, hat sich ein Geschöpf wie der Elefant aus dem Urschlamm entwickelt?«
»Er macht sich wahrscheinlich die gleichen Gedanken über uns.«
Mir war gleich bei Raphaels Ankunft aufgefallen, dass er ausgesprochen guter Dinge war. Er war derjenige, der vorschlug, »an die Luft« zu gehen und einen Spaziergang durch den Zoo zu machen, wo die Luft nicht nur von Abgasen geschwängert ist, sondern auch von den Gerüchen nach Urin und Heu. Mich veranlasste das, mir Gedanken darüber zu machen, was vorging, und ich erkannte die Handschrift meines Vaters. »Sieh zu, dass er mal aus dem Haus kommt«, hatte er vermutlich befohlen.
Und wenn mein Vater befiehlt, dann gehorcht Raphael.
Nur darum hat er sich so lange als mein Lehrer gehalten: Er lenkte meine musikalische Entwicklung; mein Vater lenkte den Rest meines Lebens. Und Raphael hat diese Gewaltenteilung von Anfang an akzeptiert.
Erwachsen hätte ich Raphael natürlich ersetzen und mir einen anderen Reisebegleiter - neben meinem Vater, meine ich - und Partner bei den täglichen Übungsstunden suchen können. Aber nach zwei Jahrzehnten der Zusammenarbeit und Partnerschaft war jeder von uns mit dem Lebens- und Arbeitsstil des anderen so innig vertraut, dass es mir nie in den Sinn kam, mich nach jemand anderem umzusehen. Im Übrigen habe ich immer sehr gern mit Raphael zusammen musiziert, als ich dazu noch in der Lage war. Er war - und ist - technisch einfach brillant. Zwar fehlt ihm der innere Funke, die Leidenschaft, die ihn vor langem schon getrieben hätte, seine Hemmungen und Ängste zu überwinden und vor großem Publikum zu spielen, um durch sein Spiel eine Brücke zu den Zuhörern zu schlagen, die die Viererkonstellation Komponist-Musik-Zuhörer-Interpret vollkommen gemacht hätte. Aber das Können und die Liebe waren immer vorhanden, ebenso wie eine bemerkenswerte Fähigkeit, sein technisches Können in eine Form der Kritik und der Unterweisung zu gießen, die dem Novizen gut verständlich und dem etablierten Geiger, dem es darum geht, sein Spiel zu verbessern, von unschätzbarem Wert ist. Darum habe ich nie daran gedacht, mich von Raphael zu trennen - trotz seines Gehorsams meinem Vater gegenüber und seines Abscheus vor ihm.
Ich muss diese gegenseitige Antipathie der beiden immer gespürt haben, obwohl sie nie offen zu Tage trat. Irgendwie kamen sie bei aller gegenseitiger Abneigung miteinander zurecht, und erst jetzt, wo sie sich plötzlich so ungeheuer bemühten, diese beiderseitige Animosität zu verbergen, hatte ich einen Anlass, mich zu fragen, worin ihr Ursprung liegt.
Die logische Antwort konnte nur lauten, in der Konkurrenz um meine Mutter, in den Gefühlen, die Raphael meiner Mutter entgegenbrachte. Aber das erklärte im Grunde nur, warum Raphael meinen Vater nicht ausstehen konnte: Weil der etwas besaß, das Raphael haben wollte. Die Aversion meines Vaters gegen Raphael erklärte es nicht. Da musste noch etwas anderes eine Rolle spielen.
Vielleicht war es Neid auf das, was Raphael Ihnen geben konnte, bieten Sie mir als Antwort an.
Ja, es ist wahr, mein Vater spielte kein Instrument, aber meiner Meinung nach hat der Hass zwischen den beiden eine tiefere, eher atavistische Wurzel.
Als wir das Elefantengehege hinter uns ließen, um zu den Koalas zu gehen, sagte ich zu Raphaeclass="underline" »Dir ist wohl aufgetragen worden, mich aus dem Haus zu lotsen.«