Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Es war keine naheliegende Quelle für die Informationen, die sie suchte, doch der Titel des Buches war Lieder und Balladen des achtzehnten Jahrhunderts. Er kannte die Neugier zu gut, die einen Historiker dazu brachte, impulsiv an den unwahrscheinlichsten Stellen herumzustochern. Brianna wusste genug, um dies auch zu tun. Außerdem kannte er ihren kindlichen Wissensdurst – nach jeglicher Art von Wissen –, der sie dazu bewegen würde, sich alles anzusehen, was mit der betreffenden Periode zu tun hatte, in dem Bemühen, sich die Umgebung ihrer Eltern vorzustellen, eine Vision von einem Leben hervorzurufen, das sie weder sehen noch teilen konnte.
Unwahrscheinlich, aber nicht unwahrscheinlich genug. Jemand rempelte ihn im Vorübergehen an, und er stellte fest, dass er schon seit einigen Minuten am Brückengeländer lehnte und blicklos zusah, wie die Regentropfen auf die Wasseroberfläche prasselten. Langsam wandte er sich wieder der Straße zu, ohne die Läden und die zahllosen Regenschirme wahrzunehmen.
Es gab keine Möglichkeit sicherzugehen, dass sie niemals ein Exemplar dieses Buches zu Gesicht bekam; es konnte sein, dass dies hier das einzige Exemplar war, doch es konnte genauso gut Hunderte davon geben, die wie Zeitbomben in den Bibliotheken der USA verteilt lagen.
Der Schmerz tief in seinem Inneren wurde stärker. Er war jetzt völlig durchnässt und fror. Er spürte, wie sich bei einem weiteren Gedanken eine noch durchdringendere Kälte in ihm ausbreitete: Was würde Brianna tun, wenn sie es herausfand?
Sie würde verstört sein, schmerzerfüllt. Doch dann? Er persönlich war davon überzeugt, dass man die Vergangenheit nicht ändern konnte; die Dinge, die Claire ihm erzählt hatte, hatten ihn darin bestätigt. Sie und Jamie Fraser hatten das Gemetzel von Culloden zu verhindern versucht und nichts erreicht. Sie hatte versucht, Frank zu retten, ihren Ehemann in der Zukunft, indem sie seinen Vorfahren, Jack Randall, rettete – und hatte versagt, nur um herauszufinden, dass Jack überhaupt nicht Franks Vorfahr gewesen war, sondern die schwangere Geliebte seines jüngeren Bruders geheiratet hatte, damit das Kind nach dessen Tod ehelich geboren wurde.
Nein, die Vergangenheit mochte sich um sich selbst drehen wie eine sich windende Schlange, man konnte sie nicht ändern. Er war sich allerdings nicht so sicher, ob Brianna diese Überzeugung teilte.
Wie trauert man um eine Zeitreisende?, hatte sie ihn gefragt. Wenn er ihr die Notiz zeigte, konnte sie wirklich trauern; dann wüsste sie Bescheid. Dieses Wissen würde sie verletzen, doch die Wunde würde heilen, und dann konnte sie die Vergangenheit ruhen lassen.
Wenn da nicht die Steine von Craigh na Dun wären. Der furchtbare Steinkreis und die Möglichkeiten, die er verhieß.
Claire war am traditionellen Tag des Samhain, des uralten Feuerfestes, durch die Steine von Craigh na Dun gegangen, am ersten Tag im November vor fast zwei Jahren.
Roger erschauerte, und es lag nicht an der Kälte. Seine Nackenhaare sträubten sich jedes Mal, wenn er daran dachte. Es war ein klarer, milder Herbstmorgen gewesen, damals in der Dämmerung des Allerheiligenfestes; und nichts störte den grasbewachsenen Frieden des Hügels, auf dem der Steinkreis Wache stand. Nichts, bis Claire den großen, gespaltenen Stein berührt hatte und in die Vergangenheit verschwunden war.
Dann war es ihm erschienen, als löste sich die Erde unter seinen Füßen auf, und die Luft hatte mit einem Dröhnen an ihm gezerrt, das in seinem Kopf wie ein Kanonendonner widerhallte. Er hatte grelles Licht und dann nur noch Dunkelheit wahrgenommen, nur seine Erinnerungen an das letzte Mal hatten verhindert, dass er in völlige Panik geriet.
Er hatte Briannas Hand festgehalten. Ein Reflex schloss seinen Griff, als schon alle Sinne von ihm wichen. Es war, als würde man aus einer Höhe von aberhundert Metern in eisiges Wasser gestürzt; furchtbares Schwindelgefühl und ein Schrecken, der so intensiv war, dass er nur noch den Schrecken selbst fühlte. Blind und taub, seiner Sinne und seines Verstandes beraubt, war er sich zweier letzter Gedanken bewusst gewesen, Überbleibsel seines Bewusstseins, das verlosch wie Kerzenlicht in einem Hurrikan. Ich sterbe, hatte er gedacht und dabei große Ruhe verspürt. Und dann: Nicht loslassen.
Die aufgehende Sonne war wie ein lichter Pfad durch den gespaltenen Stein gefallen; Claire war ihn gegangen. Als Roger sich schließlich regte und den Kopf hob, glühte die späte Nachmittagssonne golden und lavendelfarben hinter dem hohen Stein und ließ ihn gegen den Himmel schwarz erscheinen.
Er lag auf Brianna und beschützte sie mit seinem Körper. Sie war bewusstlos, atmete aber, und ihr Gesicht war entsetzlich blass im Kontrast zu ihrem roten Haar. Schwach, wie er war, war es ihm völlig unmöglich gewesen, sie den steilen Hügel hinunter zum Auto zu tragen; sie war die Tochter ihres Vaters, fast eins achtzig groß, nur ein paar Zentimeter kleiner als Roger selbst.
Er hatte über ihr gekauert, ihren Kopf in seinem Schoß gehalten und zitternd ihr Gesicht gestreichelt bis kurz vor Sonnenuntergang. Dann hatte sie die Augen geöffnet, so dunkel und blau wie der Abendhimmel, und geflüstert: »Sie ist fort?«
»Ist schon gut«, hatte Roger zurückgeflüstert. Er beugte sich über sie und küsste ihre kalte Stirn. »Ist schon gut; ich pass auf dich auf.«
Er hatte es ernst gemeint. Doch jetzt?
Es wurde schon dunkel, als er zu seinen Räumen zurückkehrte. Im Vorbeigehen hörte er Klappern aus dem Speisesaal, und er roch Speck und gebackene Bohnen, doch Abendessen war das Letzte, wonach ihm jetzt der Sinn stand.
Er schlich sich zu seinen Räumen hinauf und ließ seine feuchten Sachen in einem Haufen auf den Boden fallen. Er trocknete sich ab und setzte sich dann nackt auf sein Bett, das Handtuch vergessen in der Hand, und starrte auf den Schreibtisch und das Holzkistchen mit Briannas Briefen.
Er würde alles tun, um sie vor Schmerzen zu bewahren. Er würde noch viel mehr tun, um sie vor der Bedrohung durch die Steine zu bewahren.
Claire war – so hoffte er – von 1968 nach 1766 zurückgereist. Und war dann 1776 gestorben. Jetzt war 1970. Wenn man jetzt zurückging, würde man – vielleicht – 1768 ankommen. Zeit genug. Das war das Schlimmste daran, Zeit genug.
Selbst wenn Brianna genau wie er glaubte – oder er sie davon überzeugen konnte –, dass man die Vergangenheit nicht ändern konnte, würde sie die nächsten sieben Jahre in dem Bewusstsein leben können, dass das Fenster der Gelegenheit sich schloss, dass ihre einzige Chance, jemals ihrem Vater zu begegnen, jemals ihre Mutter wiederzusehen, Tag für Tag schrumpfte? Es war eine Sache, sie sich selbst zu überlassen, wenn man nicht wusste, wo sie waren oder wie es ihnen ergangen war; es war eine andere, es genau zu wissen und nichts zu tun.
Er kannte Brianna seit über zwei Jahren, hatte aber nur ein paar Monate davon mit ihr zusammen verbracht. Und dennoch kannten sie einander in mancher Hinsicht sehr gut. Wie hätte es auch anders sein sollen, nachdem sie eine solche Erfahrung gemeinsam durchgestanden hatten? Dann waren da die Briefe gewesen – Dutzende, zwei, drei oder vier in der Woche – und die seltenen, kurzen Urlaube, die er zwischen Zauber und Frustration verbrachte und an deren Ende er jedes Mal solches Bedürfnis nach ihrer Nähe hatte, dass es schmerzte.
Ja, er kannte sie. Sie war ein stilles Wasser, aber von einer wilden Entschlossenheit besessen, die sich dem Schmerz wohl kaum kampflos ergeben würde. Und sie war zwar zurückhaltend, doch wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann handelte sie mit haarsträubender Eile. Wenn sie beschloss, den Sprung zu riskieren, konnte er sie nicht aufhalten.
Seine Hände schlossen sich fest um das zusammengeballte Handtuch, und sein Magen verkrampfte sich, als er an den Abgrund im Steinkreis dachte und an die Leere, die sie beide fast verschlungen hätte. Das Einzige, was noch erschreckender war, war der Gedanke, Brianna zu verlieren, bevor er sie wirklich gehabt hatte.