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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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Josef Redlich hätte nie seinen privaten Geschmack zur objektiven Instanz erklärt. Das taten pädagogisch ambitionierte Imperatoren des bundesdeutschen Feuilletons wie der Großkritiker Wiktor Hart, dessen Artikel Josef Redlich mit starrer Zigarre las, wobei der Aschkegel zu statisch berückender Länge wuchs; dann legte er die Blätter beiseite (numerierte Kopien), tupfte den Stumpen ab und bemerkte:»Man sollte ihn ernst nehmen«, oder» Seine Stilmittel sind zaunskräftig, wenn Sie mir das Wort gestatten, ein Zaun entsteht ja gerade dadurch, daß er sein Grundelement, die Latte, immer wieder fortsetzt; es ist nicht klar, ob der Wunsch nach Abwechslung hier verfehlt wäre«, oder» Von Lyrik versteht er nichts, er verwechselt sie mit den Ausrufezeichen am Rand unserer Biographien«, dann äugte er zu Meno, heiter auf Widerspruch gefaßt, der auch nicht lange auf sich warten ließ, denn Meno las die mit Furor geschriebenen, kenntnisreichen und von der Sache der Literatur geradezu besessenen Kritiken gern; Hart teilte ohne Rabatt aus, ein Anwalt des gesunden Menschenverstands (der freilich in der Literatur, dieser vagen Kunst der Empfindungen, Widersprüche und Träume, nicht immer wunschgemäße Ergebnisse zeitigte: halbverrückte Autoren hatten halbverrückte Unsterblichkeiten verfaßt; mancher Vertreter des relevantesten Realismus’ nichts als glasklare Schrullen); ein Wettergott, der grob wurde, weil er eine Nuance vernachlässigt fand, und der sich schützend vor sein Heiligtum stellte — wobei er selbst diesen Begriff nie gebrauchte, auch ein Wort wie Seele nicht, er verspottete es, schob es von sich, setzte es in Gänsefüßchen, witterte Schmus. Er verstand viel, so schien es Meno, und er besaß die Tugend des geborenen Kritikers: Er verriß nicht mit Genuß (wenngleich seine Verrisse genußreich zu lesen waren), und ihm stand die differenzierte, folgenreiche Klaviatur des Lobens zur Verfügung. Hart war eitel, aber er war es für die Literatur, und er war uneitel genug, manche Angelegenheiten aus Takt oder Diskretion unausgesprochen zu lassen; Meno spürte auch immer, daß er, im Grunde, von sich kein Aufhebens machen wollte, da gab es ein» Das gehört sich nicht «und viel stille Menschenkenntnis. Alle, die seine Kritiken bekommen konnten, lasen sie sofort, aber nicht alle im Verlag hatten dieses Privileg, Kopien gingen an Schiffner, die Leitenden Lektoren und die Parteisekretäre, in der Dresdner Edition an Lektor Kurz; daß Meno sie lesen konnte, verdankte er der Sympathie, die Josef Redlich offenbar für ihn empfand (und die, im übrigen, auf Gegenseitigkeit beruhte). Alle, die Hart gelesen hatten, nickten entweder heftig oder machten sich in entrüsteten Gesten Luft, gleichgültig ließ er niemanden, besonders nicht die Autoren, mit denen er sich beschäftigte: Eschschloraque wünschte sich Moskauer Verhältnisse,»wo ich dieses Subjekt hätte unschädlich machen lassen können«; der Alte vom Berge fand Hart» großartig, wissen Sie, er hat mich verrissen, aber ich sehe, daß er recht hatte«, und Schiffner sagte:»Ein wichtiger Mann, leider. Er hilft uns wirtschaften, wenn er lobt, er hilft uns wirtschaften, wenn er verreißt, wir sehen betroffen diese Frage offen, wenn er schweigt.«

Typograf Udo Männchen litt unter der Hitze offensiver als Josef Redlich: Häufiger als sonst trat er aus seinem Grafischen Atelier am Ende des Gangs, raufte sich die wuschelige Lockenpracht, hob die Brille gegen das Licht, ließ sie resigniert baumeln. Er wedelte eines seiner theaterhaft geschnittenen Oberkleider (indisch-hawaianisch-buddhistisch, Hemden waren es nicht) und rief:»Dante! Ich werde die Dante-Antiqua nehmen, denn wir brutzeln«, in den Flur.

«Ruhe!«rief aus dem Korrektorat, schräg gegenüber, Korrektor Oskar Klemm.

«Oder doch keine Dante«, Udo Männchen setzte die Brille wieder auf und ließ die Arme sinken.»Eschschloraque, der König der Zierfische, ist Klassizist; mit Dante aber hat der Untergang begonnen. — Was meinen Sie, Herr Rohde, sollten wir nicht gerade die Dante für ihn nehmen, als tiefempfindende Menschen?«»Er würde es bemerken«, erwiderte Meno lächelnd.

«Bemerken, o ja! Das würde er! Und würde mich packen und zausen, er würde mich verdammen — Männchen, würde er drohen, das geschah auf den Flügeln schwacher Lungen! Das ist gewissermaßen intellektuell-elementar, was Sie sich da geleistet haben. Sie haben bei mir … wertester Lektor! Jetzt kommt was Schlimmes. Ein schmutziges, ein unbelletristisches Wort. Graphisch nicht anschaulich. Verschissen.«

«Er würde es nicht verwenden, Herr Männchen.«

«Nein, da muß ich Meno recht geben«, Stefanie Wrobel holte sich, wenn sie Udo Männchen hörte, gern einen Kaffee oder ein Eis,»wir wissen zuverlässig, daß ihn ein einziger sogenannter Kraftausdruck oft zwei bis drei Stunden kosten soll.«

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