Бесплатная библиотека
Читайте книгу на сайте или телефоне
Der Turm - Читать Любимую Русскую Полную Книгу 👉 Read-E-Book.com

Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
1 ... 125 126 127 128 129 130 131 132 133 ... 260
Перейти на страницу:

Die Tage verloren ihre Ränder, wurden Zeit. Sonne rädelte über den Bergen hoch. Farn bekam rote Spitzen, Nebelgeister spukten in den Gründen, bevor Augusthitze sie vertrieb. Hähne krähten aus dem Dorf, aber Christian war schon vorher wach und lauschte den Atemzügen der anderen, die besser schlafen konnten als er, obwohl es auf den Luftmatratzen heiß war und Stickluft im Raum zwischen den weit geöffneten Fenstern brütete. Er beobachtete die Mädchen, die vor ihm schliefen, Verena trotz der Hitze im Nachthemd, Reina mit nacktem Oberkörper, sie lag auf dem Bauch, das Laken verrutschte bis zur Taille. Dann stand er auf und ging nach draußen, der Wecker sagte: vier Uhr, vier Uhr zehn; Pepi hob müde den Kopf, wenn Christian an der Hütte vorbeikam, entschloß sich zu Nasenstüber und Schwanzwedeln: Bißchen früh für Fressen, schien er sagen zu wollen, wenn das Fleisch in den Napf schlappte, aber weil du es bist, na gut. Christian füllte die Eimer, die Kurt an die Zisterne gestellt hatte, wusch sich, goß das Wasser über den nackten Körper: so hielt es Kurt, so hielten es Meno und er, solange er sich erinnern konnte: Im Winter war es ein eisiger Peitschenhieb, der die Müdigkeit zerriß; jetzt war das Wasser lau und roch nach Kresse. Für die Mädchen machte er es in der Küche mit dem Tauchsieder warm.

Meno kam, brachte Vorräte mit, bezog seine alte Kammer unter dem Dach, in der eine» Fortuna«-Schreibmaschine, klobig wie eine» Konsum«-Registrierkasse, auf einem roh gezimmerten Schreibtisch inmitten von Salmiakgeist-Flaschen, einem Mikroskop, einer Schale mit Packungen» Carlsbader Insektennadeln«, Entomologen-Sammelgläsern stand: hierher zog er sich zurück, wenn er freihatte und für sich arbeiten wollte. Verena und Reina brachten ihm Blumen, denn er hatte sich Stille und Gesellschaft zum Geburtstag gewünscht, und gratulierten ihm nachträglich: Der 8. 8. war irgendwo in den blau gestuften Fernen elbabwärts versunken. Christian wehrte ab, wenn jemand ihn auf das Wehrlager, die Relegation ansprechen wollte. Sie trieben. Sie breiteten die Arme, trieben auf dem verdichteten Licht, das die Berge glasierte und sich erst in den Schluchten verlor. Wenn sie gefrühstückt hatten, sagte Meno:»Ihr müßt Pflanze sein und Tier. Horcht, lauscht, beobachtet. Der Körper hat eine Grenze, aber sie löst sich auf, wenn ihr wartet und Vertrauen habt. «Sie wanderten früh. Der Falkenstein lag im Dunst. Die Schrammsteinwände waren noch dunkel wie Blei, im Hintergrund hob sich der Große Winterberg, dann seitwärts in der Ferne der ebenmäßige Kegel des Rosenbergs: Růžová hora, murmelte Meno; das war schon Böhmische Schweiz. Sie lehnten an Felsen und blickten auf den Elbbogen bei Schandau. Der Fluß schien sich in diesen frühen Stunden dehnen zu müssen, am Knie war er runzlig, nur in der Mitte münzenblank; Schleppkähne gravierten Nadellinien hinein. Verena und Falk wetteiferten in der Beschreibung der wechselnden Farbtöne: Lakritze, Pechblende, Mokka, Apothekenflaschenbraun, Ölgeschiller darin und Violettflecken, wenn die Sonne höhergestiegen war. Einmal, vom Postelwitzer Ufer aus, sahen sie tote Fische die Elbe hinabtreiben, so viele, als hätte jemand den Fluß mit Metallbarren gepflastert. Meno angelte mit einem Stock einige Fische heran, es waren Plötzen, unnatürlich groß.»Cadmium. «Sie zerflockten, als er sie in die Strömung zurückschob. Die Mädchen wandten sich ab.

In den Schlüften herrschte Farndunkel und Brodem, den erst die Mittagshitze zerstreuen würde. Die Felswände waren moosig, von Brauneisen und gelber Schwefelflechte durchzogen, glitschig wie Krötenhaut. Manchmal kam das» Achtung!«Menos zu spät, und Christian, der vor den anderen ein wenig prahlen wollte und leichtsinnig geworden war, blickte erschrocken dem Geröll nach, das seitlich in die Klamm sprang. Sie gingen ohne feste Routen, folgten Meno, der schweigsam voranlief und die Touristenwege und Ausflugsziele mied: die Bastei, von der aus man ins weite Land sehen konnte, auf gescheckte Felder, die Ebenheit mit ihren großen Linien, in der, schroffrückig wie Urzeittiere, die Tafelberge auszuruhen schienen: Königstein, Lilienstein. Anfangs schafften sie nicht mehr als zehn, fünfzehn Kilometer am Tag, kamen erschöpft zu Hause an, ohne Sinn für Menos Erklärungen. Er war hier anders, nicht mehr der ruhige, pfeiferauchende Lektor aus dem Tausendaugenhaus, der an den Abenden mit Niklas und Richard Musik hörte, Vorträgen im Kreis der Urania lauschte, mit Josef Redlich oder Judith Schevola über Literatur fachsimpelte. Hier war er aufgewachsen, hier nahm er wieder den sehnigen und raschen Gang der Gebirgler an, die feine Witterung, die Christian bewunderte: dort die Spur eines Baummarders, die zu Menos Befremden für niemanden sonst zu erkennen war; hier die Reste eines Zapfens, ohne daß sie wußten, welches Tier ihn benagt hatte; sonderbare Laute an einer Schonung, vor der sie, überrieselt von Ameisen, quälend lange warteten: In der Dämmerung blockte ein Vogel auf, schwarz mit leuchtend rotem Scheitel, ein Schwarzspecht, den außer Meno noch niemand von ihnen gesehen hatte.

Nach einer Woche wurde selbst die blaßhäutige Reina braun. Sie schafften es, mit Meno mitzuhalten, ohne daß sie abends halbtot auf die Luftmatratzen kippten. Lene kochte, die Mädchen kauften ein, die Jungs hackten Holz vor für den Winter. Mit Raubtierhunger stürzten sie sich auf die siebenbürgischen Speisen mit den fremd klingenden Namen. Abends ging Meno allein oder schrieb auf der» Fortuna «in seinem Zimmer; sie hielten sich dann nahe beim Haus auf, nur einmal gingen Reina und Christian in der Dämmerung noch in den Wald. Sie nahmen Pepi mit und Taschenlampen.

«Wie du dein Haar zurückgestrichen hast, so affektiert«, sie ahmte es nach, zu seinem Ärger.

«Ich mach’ das nicht aus Eitelkeit, sondern weil mich die Tolle stört. Ist mir unangenehm, wenn sie so in die Stirn fällt.«

«Dann schneid sie doch ab.«

«Damit ich aussehe wie ’n Stoppelkopf?«

«Den hast du doch jetzt auch. Sieht nicht schlecht aus. Würd’s lassen, an deiner Stelle.«

«Wieso?«

«Verena gefällt’s auch besser.«

«Woher weißt du das?«

«Magst du ›Montechristo‹ wirklich nicht?«

«Nicht besonders.«

«Aber es klingt so ernst, wenn ich Christian sage. Und wenn es so ernst klingt, muß ich lachen, und das will ich eigentlich nicht. — Weißt du schon was aus Leipzig, ob sie dich zugelassen haben?«

«Nein. Und bei dir?«

«Ich weiß nicht, ob Chemikerin für mich das richtige ist«, sagte Reina nach einigem Zögern.

«Aber du magst es doch sehr. Frank hält große Stücke auf dich. Du bist die beste in Chemie, mit Abstand. Hat mich geärgert.«»Tatsächlich? Na, das find’ ich ja spitze!«Reina lachte, kickte übermütig einen Zapfen weg.»Du, der du so ehrgeizig bist und immer gelernt hast … weißt du, was sie über dich gesagt haben?«

«Nein. Aber du wirst’s mir bestimmt gleich verraten.«

«Swetlana meint, du hast ’n Knall. Verena hat gedacht, dein Einigeln wäre so ’ne Art unreife Reaktion von dir, Kompensation von irgendwelchen familiären Traumen …«

«Ich dachte, sie will Kunsthistorikerin werden, nicht Seelenklempner.«

«Verena will heute dies und morgen das. This tender butterfly with dark brown eyes. Sie kann froh sein, daß du ihren Siegbert rausgehauen hast.«

Christian ging nicht darauf ein.»Und du? Was hast du gedacht?«Er beobachtete Reina mißtrauisch.

«Willst du das wirklich wissen?«

«Darum frag’ ich ja.«

«Ich dachte, du hast Angst vor Mädchen. Du müßtest dich mal sehen, wie du mit einem Mädchen sprichst. Immer halb abgewandt, immer in Verteidigungshaltung. Ich dachte … du bist schwul. Das war das erste. Dann hab ich gedacht: Soviel Disziplin möchte ich auch mal haben.«

1 ... 125 126 127 128 129 130 131 132 133 ... 260
Перейти на страницу:
0
Сюжет
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Атмосфера
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Главный герой
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Общее впечатление
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Итоговая оценка: 0.0 из 10 (голосов: 0 / История оценок)