Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Je näher sie der Askanischen Insel kamen, desto nervöser wurde Richard, malte Schreckensszenarien, was mit Christian geschehen konnte, wenn Sperber keinen Ausweg finden oder sich des Falls, entgegen Londoners Versicherung, nicht annehmen würde.»Was könnten wir dann noch tun?«Er ging Namen durch. Ob Londoner selbst nichts unternehmen könne, immerhin sei er ein Vertrauter des Staatsratsvorsitzenden; ob Meno um einen Termin bei Barsano nachsuchen würde, oder vielleicht bei Arbogast? Der sei doch ein einflußreicher Mann, geschätzt von den Oberen, ein wichtiger Devisenbringer.
«Warten wir erst mal ab, was Sperber sagt«, versuchte Meno zu beruhigen. Aber auch er machte sich Gedanken, was man noch tun konnte, wenn Sperber sich reserviert zeigte.»Und Christian? Hat er inzwischen diesen Text geschrieben?«»Dieser Text «war Annes Einfall gewesen, Christian sollte seine Sicht der Dinge darlegen, erklären, warum er die Erinnerungen eines U-Boot-Kommandanten aus Hitlers Kriegsmarine gelesen hatte.
«Ja. Dem Bezirksschulrat und auch der Schulkommission hat das vorgelegen. «Wieder verfiel Richard in Nachdenken, nannte neue Namen, prüfte sie, hieß gut oder verwarf.
«Hat er sich inzwischen ein bißchen erholt?«
«Er ist, sagen wir, wieder einigermaßen ansprechbar. Inzwischen scheint er begriffen zu haben, was er angestellt hat. Anne und ich haben beraten: Sollte das alles gutgehen, wäre es das beste, wenn er in diesem Jahr nicht mit uns in Urlaub fährt, sondern in sich geht, sich allein erholt. Bei Kurt. Du kannst ihn ja besuchen, das wird ihm sicher guttun. Er soll ein paar Wochen seine Freiheit haben und nachdenken. Vielleicht hat er eine Freundin? Mir sagt der Junge ja nichts. «Richard sah Meno an, Meno hob die Hände.
Die Brücke endete an einem Warnschild, das Unbefugten das Betreten der Insel in vier Sprachen verbot. Dichter Wald wuchs zu beiden Seiten des ausgetretenen Weges, durch die Baumkronen drang nur noch wenig Licht, Meno und Richard zuckten zusammen, als plötzlich eine Wache ihre Papiere zu sehen wünschte.
«Passieren«, sagte der Mann, die Silben gleichmäßig betonend, und winkte die beiden Männer in Richtung Fährstation durch. Faulgeruch breitete sich aus, im Zwielicht schlummerten gelbschwarze Blüten, Bilsenkrautwiesen in fimbrienfeiner, wie saugender Bewegung, obwohl kein Lüftchen ging. Der Waldboden war mit Fichtennadeln bestreut, es herrschte die wattige, schallschluckende Atmosphäre eines Treibhauses. Meno hustete: ein echolos kurzes, von der sirupartigen Luft sofort geglättetes Geräusch. Er wunderte sich, daß keine Vögel zu hören waren, auch keine sonstigen Waldgeräusche: Astknacken, Warnrufe eines Eichelhähers, die leise Gischt des Laubes in den lustlosen Feierabendwinden, die Tausende geruhsam auf- und abbewegter Zweige im Hintergrund die Dunkelheit heraufzeichnen ließen mit dem sanften, stimmlosen Strich von Bleistiften auf Papier.
Richard warf zwei Groschen in den Münzkasten an der Fährstation, Meno zog den Hebel, die beiden Geldstücke klickten aus der gekammerten Drehscheibe; ein graubärtiger Schaffner kam aus dem Warteverschlag der Station, in deren Fenstern Geranientöpfe standen, wies die beiden Männer wortlos zur Fähre, einem rostigen Flachboot mit Schanzkleid und Steuerhaus. Der Graubärtige ließ den Motor an, die Fähre schob sich hinaus auf den pechschwarzen Flußarm, an dessen Ufern, metallisch weiß prangend in träger Strömung, Massen von Seerosen wucherten. Während der Überfahrt wechselten Meno und Richard kein Wort, jeder beobachtete hellwach.
Auf der Askanischen Insel wurden sie von einem Assistenten Sperbers erwartet. Er führte sie einen illuminierten Weg entlang; bald kamen, zwischen Ballungen milchigen Grüns, die barocken Schloßgebäude in Sicht, die ein Nachfolger des askanischen Herrschergeschlechts auf dieser Insel hatte errichten lassen.
«Er möchte Sie allein sprechen«, sagte der Assistent zu Richard.»Was soll ich inzwischen tun?«
«Sie können im Sekretariat bei einer Tasse Tee warten, Sie können sich im Park frei bewegen — ganz wie Sie wünschen, Herr Rohde.«
«Dann werde ich spazierengehen. — Viel Glück, Richard.«
Richard folgte dem Assistenten. Sperbers Kanzlei lag in einem der pavillonartigen Nebengebäude, die das Askanische Schlößchen, Sitz des Obersten Bezirksgerichts, flankierten. Die Flure waren mit grauem, schrittdämpfendem PVC belegt, Neonröhren gaben das ungesund wirkende, eitergelbe Licht, das für Behörden typisch war. An einer Tür mit einem einfachen Schild» RA Dr. Sperber «klingelte der Assistent, kurz darauf summte es, die Tür öffnete sich. Sie war gepolstert. Am Sekretariat vorbei, in dem ein Telex-Gerät und mehrere schwarze Schreibmaschinen standen, gingen sie in Sperbers Büro. Der Assistent sagte» Herr Doktor Hoffmann «zur Zimmerdecke und zog sich zurück. Sperber saß am Schreibtisch und schrieb, ohne aufzublicken. Er wies Richard auf den Stuhl ihm gegenüber. Richard strich sich übers Jackett und setzte sich zögernd.
«Entschuldigen Sie, das ist dringend, bin gleich fertig. «Der Rechtsanwalt sah noch immer nicht auf. Hinter seinem Schreibtisch, an der Wand und auf einem Regal, tickte eine Uhrensammlung; sämtlich gute Stücke, wie Richard mit dem geübten Blick des Uhrmachersohns feststellte. Einige gerahmte Grafiken des Malers Bourg, dicht schraffierte, spinnwebhafte Zeichnungen; Richard dachte an die» Schwarzen Pflanzen«, die bei seinem Bruder im Korridor hingen. Über einem Waschbecken ein kleiner Spiegel auf Krawattenknotenhöhe. In der Ecke ein bequem aussehendes Sofa mit Tisch und Sesseln, vielleicht für prominente Besucher oder für Sperber selbst, wenn er Zeitungen las: Stapel der» Frankfurter Allgemeinen«, der» ZEIT «und der» Süddeutschen Zeitung «lagen auf dem Tisch; offenbar gehörte Rechtsanwalt Sperber zur schmalen Schicht derer, denen ein Abonnement dieser Presseerzeugnisse gestattet — und finanziell möglich war. Über dem Sofa hing ein Querner. Matrjoschka-Puppen schien Sperber ebenfalls zu sammeln, ein Brett in den mit Akten vollgestopften Wandregalen gehörte ihnen. Ein Kachelofen, die Kacheln mit blauen Windmühlen in Delfter Manier. An freien Stellen neben der Uhrensammlung gerahmte Diplome und Dankschreiben; eine Urkunde für den Vaterländischen Verdienstorden in Gold.
Sperber wedelte das Frischgeschriebene trocken, tat es in die Ablage, zog zwei Hefter aus einer Schublade.»Herr Hoffmann, ich will weder Ihre noch meine Zeit verschwenden, darum gleich in medias res. Ich habe hier zwei Fälle. Für einen von beiden kann ich etwas tun. Unsere Rechtsprechung ist merkwürdig. Selten werden zwei einander ähnliche Fälle — wie eben der Ihres Sohnes und dieser hier — gleich beurteilt. Bekomme ich den einen, büße ich den anderen ein. Das habe ich oft erleben müssen. Ich werde also die Angelegenheit abgeben, die ich nicht annehme, das ist ein Gebot der Klugheit. Anderer Jurist — neue Chance. Leider besitzen nicht alle Kollegen meine Erfahrung; weshalb sich ja auch so viele Klienten an mich wenden, wir brauchen nicht um den heißen Brei zu reden. Welchen Fall soll ich Ihrer Meinung nach abgeben?«Er legte die gespreizten Finger auf die beiden Hefter und sah Richard neugierig an.
«Den meines Sohnes nicht«, antwortete Richard nach einer Weile.
«Sehen Sie, ähnlich hat der andere Vater auch geantwortet. Versetzen Sie sich in meine Lage … Was soll ich tun? Jener Vater will, daß Ihr Kind verliert, dieser Vater will, daß dessen Kind verliert …«
«Wenn es eine Frage des Honorars ist — «