Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Dennoch sagte Lynley: »Die nächste Frage ist reine Routine, Mr. Davies, ich muss sie stellen: Wo waren Sie vorgestern Abend, als Ihre Mutter getötet wurde? Sagen wir, zwischen zweiundzwanzig Uhr und Mitternacht.«
»Hier«, antwortete Davies. »Im Bett. Allein.«
»Hatten Sie Kontakt mit einem gewissen James Pitchford, seit dieser vor gut zwanzig Jahren das Haus Ihrer Eltern verließ?«
Davies' Verwunderung war nicht gespielt. »Mit James, dem Untermieter? Nein. Warum?« Die Frage schien durchaus aufrichtig.
»Ihre Mutter war auf dem Weg zu seiner Wohnung, als sie getötet wurde.«
»Auf dem Weg zu James? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.«
»Nein«, stimmte Lynley zu. »Einen Sinn ergibt es bis jetzt nicht.«
Und es war nicht die einzige ihrer Handlungen, die keinen Sinn ergab. Lynley fragte sich, welche von ihnen zu ihrem Tod geführt hatte.
14
Jill Foster sah Richard an, dass es ihm nicht passte, schon wieder von der Polizei Besuch zu bekommen. Noch weniger passte es ihm, dass der Kriminalbeamte eigenem Bekunden zufolge direkt von Gideon kam. Er hörte sich diese Mitteilung zwar höflich an, aber Jill bemerkte, wie er, als er den Beamten ins Wohnzimmer führte, den Mund zusammenkniff - bei ihm stets ein Zeichen der Verärgerung.
Dieser Inspector Lynley fasste Richard so scharf ins Auge, als wollte er sich nicht die kleinste Reaktion entgehen lassen. Das machte Jill unruhig. Sie kannte sich aus mit der Polizei, nicht umsonst hatte sie jahrelang Zeitungsberichte über manipulierte Ermittlungen und berühmte Justizirrtümer gelesen. Sie wusste ziemlich genau, wie weit diese Leute zu gehen bereit waren, wenn sie einem Verdächtigen ein Verbrechen anhängen wollten. Bei Mord waren sie mehr daran interessiert, irgendjemanden festzunageln - ganz gleich, wen -, als den Ereignissen wirklich auf den Grund zu gehen, denn wenn man einen Täter hatte, konnte man die Ermittlungen abschließen und ausnahmsweise mal zu einer vernünftigen Zeit nach Hause zu Frau und Kindern gehen. Jeder Schritt, den sie bei einer Morduntersuchung unternahmen, war von diesem Wunsch motiviert, und man war gut beraten, sich darüber im Klaren zu sein, wenn man von ihnen befragt wurde.
Die Polizei ist nicht unser Freund und Helfer, Richard, rief sie ihrem Lebensgefährten lautlos zu. Diese Leute warten nur darauf, dass du etwas sagst, was sie später verdrehen und gegen dich verwenden können.
Genau das tat jetzt offensichtlich der Inspector. Er sah Richard mit seinen dunklen Augen an - braune Augen waren es, nicht blaue, wie man sie bei einem blonden Menschen erwartet hätte - und sagte: »Als wir gestern miteinander sprachen, Mr. Davies, sagten Sie nichts davon, dass Sie ein Treffen Ihres Sohnes mit seiner Mutter befürwortet hatten. Warum ließen Sie das unerwähnt?«
Ein elegantes Notizbuch offen in der schlanken Hand, wartete er geduldig auf eine Antwort.
Richard saß auf einem hochlehnigen Stuhl, ein Stück von dem Tisch weggerückt, an dem er und Jill ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten. Er hatte diesmal keinen Tee angeboten, als wollte er keinen Zweifel daran lassen, dass der Inspector ihm nicht willkommen war. Bei der Ankunft des Inspectors, noch bevor dieser erwähnte, dass er gerade von Gideon kam, hatte Richard gesagt:
»Ich möchte Ihnen wirklich gern behilflich sein, Inspector, aber ich muss Sie doch bitten, bei Ihren Besuchen eine gewisse Rücksichtnahme walten zu lassen. Miss Foster braucht viel Ruhe, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn unsere Gespräche nicht in den Abendstunden stattfinden würden.«
Der Kriminalbeamte hatte leicht den Mund verzogen, und der Unbedarfte hätte vielleicht geglaubt, er lächelte. Aber der Blick, mit dem er Richard musterte, sagte klar, dass er es nicht gewöhnt war, sich Vorschriften machen zu lassen. Weder hatte er sich für sein Erscheinen entschuldigt, noch hatte er versucht, sie mit Beteuerungen zu beschwichtigen, dass er sie nicht lange in Anspruch nehmen würde.
»Mr. Davies?«, hakte er jetzt nach.
»Ich habe nichts davon gesagt, dass ich vorhatte, meinen Sohn und seine Mutter zusammenzuführen, weil Sie nicht danach gefragt haben«, erklärte Richard. Er sah zu Jill hinüber, die mit geöffnetem Laptop am anderen Ende des Tisches saß und die fünfte Version von Akt III, Szene 1 ihrer Fernsehadaption von Die Schöne und das Biest auf dem Bildschirm prüfte. Er sagte: »Du möchtest wahrscheinlich weiterarbeiten, Jill. Der Schreibtisch im Arbeitszimmer…«
Jill hatte nicht die Absicht, sich in diesen mausoleumsähnlichen Gedenkraum für Richards Vater verbannen zu lassen. »Ich kann im Moment sowieso nicht weitermachen«, erwiderte sie und ging wie zur Bestätigung ihrer Worte daran, das Geschriebene zu speichern und zu sichern. Wenn hier über Eugenie gesprochen werden sollte, wollte sie dabei sein.
»Hatte sie darum gebeten, Ihren gemeinsamen Sohn zu sehen?«, fragte der Kriminalbeamte.
»Nein.«
»Sie sind sicher?«
»Aber ja, natürlich. Sie wollte keinen von uns sehen. So hatte sie sich vor zwanzig Jahren entschieden, als sie ging, ohne ein Wort darüber zu verlieren, wohin sie wollte.«
»Und warum?«, fragte der Inspector.
»Warum was?«
»Warum ist Ihre Frau gegangen, Mr. Davies? Hat sie sich dazu geäußert?«
Richard war empört. Jill hielt den Atem an und versuchte, den Stich nicht zu beachten, den die Worte - Ihre Frau - ihr versetzt hatten. Wie sie sich dabei fühlte, wenn eine andere Frau so bezeichnet wurde, war in diesem Moment völlig nebensächlich; die Frage des Inspectors traf genau den Kern der Geschichte, der sie interessierte. Sie wollte wissen, warum Richard von seiner Frau verlassen worden war, und sie wollte wissen, was für Gefühle es bei ihm ausgelöst hatte, dass Eugenie ihn verlassen hatte; wie er sich damals gefühlt hatte und, wichtiger noch, wie er sich heute fühlte.
»Inspector«, sagte Richard ruhig, »haben Sie je ein Kind verloren? Durch Gewalt? Durch die Tat eines Menschen, der mit Ihnen unter einem Dach lebte? Nein? Nun, dann würde ich vorschlagen, Sie überlegen sich einmal, was ein derartiger Verlust für eine Ehe bedeuten kann. Eugenie brauchte mir keine langen Erklärungen darüber zu geben, warum sie ging. Manche Ehen überleben ein Trauma. Andere nicht.«
»Sie haben nicht nach Ihrer geschiedenen Frau gesucht, nachdem sie gegangen war?«
»Was hätte das für einen Sinn gehabt? Ich wollte Eugenie nicht mit Gewalt an mich binden, wenn sie nicht bleiben wollte. Und ich musste auch an meinen Sohn denken. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die der Auffassung sind, dass zwei Elternteile für ein Kind immer das Beste sind, ganz gleich, wie es in ihrer Ehe aussieht. Wenn eine Ehe misslingt, muss sie beendet werden. Das ist für Kinder gesünder, als in einer Familie zu leben, in der ständig Krieg herrscht.«
»Sie haben sich nicht im Guten getrennt?«
»Sie ziehen Schlussfolgerungen, Inspector.«
»Das gehört zu meiner Arbeit.«
»Aber es führt Sie auf den falschen Weg. Es tut mir Leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber zwischen Eugenie und mir gab es kein böses Blut.«
Richard war verärgert. Jill hörte es an seinem Ton und war ziemlich sicher, dass auch der Inspector es hörte. Besorgt versuchte sie mit ein paar scheinbar absichtslosen Gesten die Aufmerksamkeit Richards zu gewinnen, um ihn mit einem Blick zu warnen, der ihn hoffentlich veranlassen würde, wenn schon nicht den Inhalt seiner Antworten, so doch ihren Ton zu ändern. Sie kannte die Quelle seines Argers: Gideon, immer Gideon, was Gideon tat und nicht tat, was Gideon sagte und nicht sagte. Richard war verstimmt, weil Gideon nicht angerufen und den Besuch des Kriminalbeamten gemeldet hatte. Aber der Inspector würde es nicht so verstehen. Er würde den Ärger weit eher als Richards Reaktion auf die allzu direkten Fragen über Eugenie verstehen.
»Entschuldige, Richard«, sagte sie. »Könntest du mir kurz helfen…?« Und zu dem Kriminalbeamten gewandt, fügte sie mit einem ungeduldigen Lächeln hinzu: »Ich laufe in letzter Zeit jede Viertelstunde zur Toilette. - Oh, danke dir, Darling. Du lieber Gott, ich bin ganz wackelig.« Sie hielt Richards Arm umklammert und tat, als wäre ihr schwindlig, während sie auf sein Angebot wartete, sie zum Badezimmer zu begleiten. Damit würde er etwas Zeit gewinnen, um sich wieder in den Griff zu bekommen. Aber zu ihrer Enttäuschung legte er ihr nur einen Moment stützend den Arm um die Taille und sagte, »sei vorsichtig«, ohne die geringsten Anstalten zu machen, sie aus dem Zimmer zu geleiten.