Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Fahr weiter, Kind!« Die alte Frau sah sie mit schmalen Lidern an, dabei hielt sie die Pistole so, dass Viktoria mit einem Mal das Gefühl beschlich, gekidnappt zu werden. Mit zitternden Knien setzte sie die Fahrt fort.
»Wenn es nötig wird, werden sie alle dran glauben müssen«, knurrte Vera Leonardowna düster. »Lebenov, Bashtiri und die ganze verdammte Bande. Bevor sie Leonid etwas antun können, werde ich sie alle zu den Dämonen der Unterwelt schicken. Diese Teufel haben mir meinen Mann genommen, und ich werde nicht zulassen, dass sie mir auch noch meinen einzigen Enkel nehmen.«
»Ich habe Angst. Nicht nur um Leonid, sondern auch um dich, Ba-buschka. Du weißt doch bestimmt nicht, wie man mit so einem Ding umgeht. Was ist, wenn Lebenovs Leute uns entdecken und zuerst schießen?«
»Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich war im Krieg und schon mit fünfzehn im Widerstand. Ich habe mehr Menschen auf dem Gewissen, als Gott der Herr mir verzeihen könnte.«
»Haben wir einen Plan?« Viktoria konnte immer noch nicht glauben, was Vera gesagt hatte. »Wie sollen wir es schaffen, Leonid zu retten, bevor uns jemand bemerkt?«
»Unser Herz wird uns lenken, Kind. Mich und dich erst recht. Leo-nid hat dir das Leben gerettet. Du bist mit ihm auf ewig verbunden, du weißt es vielleicht nur noch nicht.«
Viktoria atmete tief durch. Ja, sie wusste, dass sie mit Leonid auf eine eigentümliche, intensive Weise verbunden war. Sie hatte es gewusst, seit sie im Krankenhaus von Vanavara erwacht war. Nur wie es so rasch dazu kommen konnte, war ihr immer noch schleierhaft. Aber für die wahre, große Liebe gab es in den seltensten Fällen eine Erklärung.
Nach über einer Stunde Fahrt gelangten sie in jenen Teil des Waldes, den Viktoria nach ihrem heimlichen Treffen im Camp bereits mit Leo-nid zu Fuß durchquert hatte.
»Die Straße führt nicht bis zum See«, erklärte Viktoria der alten Frau mit unsicherer Miene. »Wir müssen den Wagen hier abstellen und ein ganzes Stück gehen. Der Weg führt über eine alte Brücke über den Kimchu. Wir müssen verdammt aufpassen, damit man uns nicht entdeckt.«
»Ich weiß, Kind.« Die Großmutter lächelte sie an. »Schließlich bin ich hier zu Hause.«
Viktoria parkte den Lada zwischen zwei Baumriesen in einer natürlichen Schneise. Der Gedanke, mit einer alten Frau mitten in der Nacht durch einen unwegsamen Wald zu schleichen, beunruhigte sie beinahe so sehr wie der Gedanke an das, was noch folgen konnte. Was würde geschehen, wenn Vera Leonardowna stürzte und sich ein Bein brach?
Doch die alte Partisanin hatte vorgesorgt. Mit einem triumphierenden Lächeln zückte sie eine moderne LED-Taschenlampe.
»Denk nicht, Kindchen, dass ich hinter dem Mond lebe«, erklärte sie völlig ruhig. Überhaupt war sie für eine Frau, deren Mann soeben verstorben war und deren Enkel in Lebensgefahr schwebte, beängstigend gefasst.
Lautlos pirschten sie über einen ausgetrampelten Pfad zu jener hölzernen Brücke hin, die den Kimchu überquerte. Gebückt huschten sie über die Planken und tauchten am anderen Ende wieder in den dichten
Nadelwald. Vera Leonardowna hielt die Lampe halb verdeckt zu Boden gerichtet, damit man sie von weitem nicht erkennen konnte. In der Nähe des Camps machte sie halt und ging für eine Achtzigjährige erstaunlich flink in die Hocke. Dabei packte sie Viktoria am Ärmel ihrer Jacke und zog sie mit nach unten. Die Umgebung der Baracken war hell erleuchtet. Zwei Wachen standen vor dem Gebäude, in dem man Leonid am Nachmittag festgesetzt hatte. Die uniformierten Männer rauchten und unterhielten sich angeregt. Dabei galt ihre Aufmerksamkeit kaum der Umgebung und schon gar nicht dem Ausgang von Leonids Gefängnis. Weiter hinten, in Bashtiris Behausung brannte ebenfalls noch Licht. Offenbar hatte er sich mit seinen Leuten zur Beratung zurückgezogen. Jedenfalls stand - anders als sonst - keiner der Bodyguards draußen und bewachte den Eingang zur Unterkunft des Oligarchen.
»Was ist, wenn sie Leonid etwas angetan haben?« Viktorias Stimme zitterte, weil sie kaum auszusprechen wagte, wovor sie sich am meisten fürchtete.
»Wenn er tot wäre«, sinnierte Leonids Großmutter kühl, »würden die beiden wohl kaum da draußen stehen und Wache halten. Oder gibt es einen weiteren Gefangenen?«
»Nein. Soweit ich weiß, nicht.« Viktoria seufzte erleichtert. » Aber wie sollen wir da hineinkommen, ohne dass uns jemand bemerkt, und wie sollen wir Leonid dort herausholen? Und selbst wenn wir es schaffen würden, an den Wachen vorbeizukommen - wo sollten wir anschließend hingehen, damit man uns nicht findet?«
Die Augen der Großmutter funkelten angriffslustig, während sie die Pistole entsicherte. »Das ist das geringste Problem, mein Kind.«
In einem Vorraum von Bashtiris Büro stand das gesamte nachrichtentechnische Equipment des Camps, streng bewacht von einem Bodyguard. Der Mann sorgte dafür, dass ankommende E-Mails unverzüglich ausgedruckt und geheftet an seinen Chef weitergeleitet wurden.
Andrej Lebenov hatte - gleich nach Erhalt - das Tagebuch des Schenkendorff fotokopiert, eingescannt und per E-Mail nach Irkutsk übersandt. Doktor Swerew, ehemaliger Dozent an der Universität von Moskau und nun wissenschaftlicher Leiter im biologischen Forschungsinstitut von GazCom, gehörte zu der Sorte Menschen, für die es keinen Feierabend gab. Daher verwunderte es Lebenov nicht, dass er bereits eine Stunde nach seiner Anfrage an Swerew dessen Analyse in Händen hielt.
Er blätterte noch in den einzelnen Seiten, während er Bashtiris Privatgemächer betrat.
»Swerew schreibt etwas von kalter Fusion und natürlicher Kernspaltung«, erklärte Lebenov mit Blick auf Bashtiri. »Er ist der Auffassung, dass Schenkendorffs Hinweis ein bemerkenswertes Zeugnis dafür liefert, was hier wirklich vor einhundert Jahren geschehen sein könnte. Er will sich noch heute auf den Weg machen, um sich die Sache hier vor Ort anzusehen. Er hält eine intensive Untersuchung des Bunkers und auch des Sees und seiner Umgebung für unabdingbar. Außerdem ist er sehr interessiert an unserem Ewenken. Seiner Meinung nach könnte der Mann bemerkenswerte pyrokinetische Fähigkeiten besitzen, wenn Schenkendorffs Äußerungen zutreffen.«
Bashtiri, der in seinem bequemen Sessel saß und gerade dabei war, ein paar Zahlen in seinem Laptop zu schönen, schaute erstaunt auf. »Und was sagt er sonst noch?«
»Sollten sich seine Vermutungen bewahrheiten, rät Swerew, unverzüglich den Präsidenten zu informieren.«
Bashtiri bedachte Lebenov mit einem überraschten Blick.
»Wann wird Swerew hier eintreffen?«
»Morgen Mittag.«
Viktoria stand kurz davor, sich vor Aufregung zu übergeben, als sie der alten Frau durch die Dunkelheit folgte. Vera Leonardowna hielt die Makarov fest in ihrer von Altersflecken übersäten Hand.
Lieber Gott, betete Viktoria stumm, obwohl sie sich nicht als gläubig bezeichnen durfte, wenn es zu einer Schießerei kommen sollte, lass uns bitte nicht sterben. Sie dachte an ihre Mutter, deren einzige Sorge bei ihrer Abreise dem passenden Mückenschutzmittel gegolten hatte und dass sie nicht in schlechte, männliche Gesellschaft geriet. Mit beiden Befürchtungen hatte sie in fataler Weise recht behalten. Viktoria versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, wenn ihre Mutter jemals das ganze Ausmaß der Geschichte erfahren sollte.