Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Lobow nickte anerkennend und bewies damit seine Unwissenheit. Auch wenn allein die Tatsache, ein Luftschiff als automatisch gelenktes Kriegsschiff nutzen zu können, schon ein Erfolg für sich darstellte, so reichte es längst nicht, um eine alles zerstörende Waffe zu produzieren, deren explosives Niveau - ferngelenkt nach Japan - noch bis Moskau zu spüren gewesen wäre.
Lobow nickte erneut. »Sie sind ein Genie, Schenkendorff. Sie alle sind Genies ...«, sagte er und weitete seine Lobeshymne auf Pjotr und Weinberg aus, die ihnen in die Steuerungsgondel gefolgt waren.
»Es wäre wirklich schade gewesen, wenn man Männer wie euch einfach erschossen hätte .«
Am 14. Juni 1908 zeigte sich das Wetter abermals von seiner freundlichen Seite. Dem Start des Prototyps LSi stand nichts mehr im Wege. Am nächsten Morgen wollte man in aller Frühe beginnen, das erste der beiden Luftschiffe aus der Halle zu befördern. Den ganzen Tag zuvor hatte man die Tanks mit einem Wasserstoff-Heliumgemisch befüllt, und nun schwebte es leicht wie eine Feder in fünf Meter Höhe über dem Boden. Lobow hatte in der Nacht zuvor die Wachen verstärkt, damit auch ja niemand auf die Idee kam, das Vorhaben in letzter Minute zu sabotieren.
Leonard hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan und am Morgen die verbliebene Zeit genutzt, indem er Katja mit der üblichen Auf-merksamkeit beglückte. Obwohl ihm eigentlich nicht der Sinn danach stand, weckte er sie aus einem unruhigen Schlaf und gab ihr mit ein paar stürmischen Küssen zu verstehen, dass er sie wollte. Leise zeternd gab sie ihm nach und zog ihre Schenkel an, damit er tief in sie eindringen konnte.
Während sie sich genüsslich unter ihm rekelte, bewegte er sich behutsam in ihr und raunte ihr Zärtlichkeiten zu - nicht nur, weil er sie liebte und sie sich einer fortgeschrittenen Schwangerschaft erfreute, nein - weil er Angst hatte, höllische Angst, dass es das letzte Mal sein konnte, dass er bei ihr lag. Doch er sagte kein Wort, sondern stöhnte laut und hingebungsvoll, als wenn es nichts anders gab, an das er denken konnte.
Lobow hatte wie selbstverständlich erwartet, dass Leonard Schenkendorff als einer der verantwortlichen Ingenieure den Jungfernflug des LSi persönlich begleitete. Schließlich war der Deutsche für die Überwachung der Steuerungsautomatik, des Funkverkehrs und der Navigationsgeräte verantwortlich. Zusammen mit Pjotr und Weinberg, der für die 800 PS starken Motoren zuständig war, würde er sämtliche Ergebnisse der Testfahrt protokollieren. Später wollte man die Leistung der Maschinen noch steigern, nicht nur um einen Höhenrekord zu erreichen, sondern auch um einen Streckenrekord aufzustellen. Bis hierher hatte Leonard seine wissenschaftliche Arbeiten mit Enthusiasmus verfolgt, dabei hatte er niemals daran gedacht, eines Tages selbst fliegen zu müssen.
»Es heißt Fahren ... nicht Fliegen ... «, hatte Pjotr ihn lachend getröstet. »Es ist längst nicht so gefährlich, wie du glaubst. Es sei denn, dein automatischer Navigator steuert uns in die falsche Richtung und wir zerschellen an einem Berg - aber notfalls kann ich auf manuelle Steuerung umschalten, und wir kommen mit dem Leben davon.«
Was hätte er dazu schon sagen sollen? Sicher nicht, dass er Angst vorm Fliegen hatte und dass ihm die Arbeiten in der längst nicht so hohen Gondel in der Konstruktionshalle von Beginn an Probleme bereitet hatten.
Das ganze Lager war auf den Beinen, als sich das riesige Luftschiff unter einem leisen Rauschen in die Lüfte erhob. Unzählige Männer an Seilen sorgten dafür, dass das Schiff sich in die richtige Richtung schob, um die gut dreißig Meter hohe Konstruktionshalle verlassen zu können. Pjotr saß laut pfeifend in der Führungskanzel wie der Kapitän auf der Brücke seines Schiffs, und Weinberg rannte im Maschinenraum umher, während Leonard ein paar Pläne zurechtlegte und den Kompass justierte. Insgeheim beneidete er Aslan, der sicher unten am Boden stand, seine Bombe fertig konstruierte und ein paar abschließende Experimente mit dem Schamanen durchführte.
»Irkutsk hin und zurück«, plärrte Pjotr ihm fröhlich ins Ohr, als die Nase des leicht schwankenden Luftschiffs sich neugierig zum Tor hinausstreckte.
Die Sonne prallte mit unvermittelter Kraft auf das silberne Aluminiumblech und blendete nicht nur die übrigen Lagerinsassen, die sich mit der außerordentlichen Erlaubnis des Kommandeurs versammelt hatten, um das seltene Schauspiel zu betrachten. Einem der Techniker, der dafür zu sorgen hatte, dass das Luftschiff ohne Schrammen aus dem Schuppen befördert wurde, ließ es für einen winzigen Moment an Aufmerksamkeit mangeln, und er gab die falschen Signale. Ein furchtbarer Schrei durchschnitt die erwartungsfrohe Stille. Ein metallisches Ächzen folgte und ein langes schleifendes Geräusch, das nicht nur Leonard zu Tode erschreckte. Männer schrien durcheinander, und ein Stöhnen erklang.
Der Gigant geriet ins Schlingern, und für einen Moment sah es so aus, als ob er aus dem Gleichgewicht geraten würde. Lobow, der das ganze Manöver wie gebannt verfolgt hatte, brüllte hektisch Befehle. Soldaten schwärmten aus und drängten die vor Angst flüchtenden Arbeiter zurück in ihre Positionen.
Dann kehrte plötzlich eine seltsame Stille ein, und als der Gigant sich in die Lüfte erhob, verunzierte eine lange, blutige Spur die Unterseite des ansonsten makellosen Schiffskörpers.
»Heilige Maria Mutter Gottes«, flüsterte Katja, die am Rande des Lagers stand und ihr Töchterchen fest bei der Hand hielt. Sie war nicht sehr gläubig, und doch bekreuzigte sie sich, als sie sah, dass das Luftschiff beim Auslaufen drei Menschen regelrecht zerquetscht hatte.
»Das ist kein gutes Omen«, murmelte Katja düster und sah Aslan an.
»Denkst du, sie kommen heil zurück?«
Der Turkmene konnte die Angst in Katjas Augen sehen. »Ja, sicher.« Er lächelte zuversichtlich. »Allah wird mit ihnen sein ...«
28.
Juni 2008, Tunguska - Tanz der Dämonen
»Rebrov soll mit Attilo in den Wald gehen und den Ewenken erschießen.« Bashtiri klang heiser, als er seinem Verbündeten und Weggefährten seine düstere Absicht unterbreitete. Er wollte kein Risiko eingehen. Leonid Aldanov verschwinden zu lassen war die zuverlässigste Methode, nicht noch einmal ins Visier des FSB zu geraten. Offiziell war der Ewenke tot - niemand würde ihn vermissen. Außer vielleicht seine Angehörigen, aber wie sollten die erklären, dass er noch lebte - ohne selbst unglaubwürdig zu wirken?