Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
»Sie sind nur infolge Ihres gestrigen Mißerfolgs so böse und herausfordernd«, platzte endlich Lebesjatnikow heraus, der im allgemeinen trotz seiner ganzen »Unabhängigkeit« und aller seiner »Proteste« nicht wagte, Pjotr Petrowitsch zu opponieren, und ihm gegenüber den aus früheren Jahren angewöhnten Respekt beobachtete.
»Sagen Sie mir besser,« unterbrach ihn Pjotr Petrowitsch hochmütig und ärgerlich, »können Sie ... oder, besser gesagt, sind Sie mit der erwähnten jungen Person tatsächlich so intim bekannt, um sie sofort, für einen Augenblick zu mir in dieses Zimmer zu bitten? Mir scheint, sie sind schon alle vom Friedhof heimgekommen ... Ich höre sie dort herumgehen ... Ich muß sie sehen, ich meine diese junge Person.«
»Was brauchen Sie sie?« fragte Lebesjatnikow erstaunt.
»Ich muß sie sprechen. Heute oder morgen ziehe ich von hier aus und möchte ihr darum mitteilen ... Übrigens bitte ich Sie, während unserer Unterredung hierzubleiben. Es ist sogar besser so. Sonst wird man sich noch Gott weiß was denken.«
»Ich werde mir absolut nichts denken ... Ich habe nur so gefragt, und wenn Sie von ihr was wollen, so gibt es nichts Leichteres, als sie herkommen zu lassen. Ich gehe gleich hin, und Sie können überzeugt sein, daß ich nicht stören werde.«
Nach fünf Minuten kam Lebesjatnikow wirklich mit Ssonjetschka zurück. Sie trat äußerst erstaunt und wie immer sehr schüchtern ein. Sie war in solchen Fällen immer scheu und fürchtete alle neuen Menschen und neue Bekanntschaften; sie hatte sie schon als Kind gefürchtet, jetzt aber fürchtete sie sie mehr als je ... Pjotr Petrowitsch empfing sie »freundlich und höflich«, doch mit einem Anflug von einer lustigen Vertraulichkeit, die übrigens, seiner Meinung nach, einem so ehrenwerten und soliden Menschen im Verkehr mit einem so jungen und in gewisser Beziehung interessanten Wesen wie sie durchaus ziemte. Er beeilte sich, sie zu »ermutigen«, und bot ihr einen Stuhl am Tische ihm gegenüber an. Ssonja setzte sich, sah sich um, – sah auf Lebesjatnikow, auf das Geld, das auf dem Tische lag, und dann plötzlich wieder auf Pjotr Petrowitsch, von dem sie ihren Blick wie festgebannt nicht mehr wandte. Lebesjatnikow ging schon zur Tür, aber Pjotr Petrowitsch stand auf, forderte Ssonja durch einen Wink auf, sitzen zu bleiben, und hielt Lebesjatnikow an der Tür zurück.
»Ist Raskolnikow dort? Ist er schon gekommen?« fragte er ihn leise.
»Raskolnikow? Er ist schon dort. Warum fragen Sie? Ja, er ist schon dort. Soeben sah ich ihn kommen ... Warum?«
»Nun, dann bitte ich Sie ganz besonders, hier mit uns zu bleiben und mich mit diesem ... Fräulein nicht allein zu lassen. Die Sache ist ganz unbedeutend, aber man wird Gott weiß was sagen. Ich will nicht, daß Raskolnikow es dort erzählt ... Verstehen Sie, was ich meine?«
»Ich verstehe, ich verstehe!« rief Lebesjatnikow, dem plötzlich ein Licht aufging. »Ja, Sie haben recht ... Allerdings, Sie gehen nach meiner persönlichen Überzeugung in Ihren Befürchtungen viel zu weit, aber ... aber Sie haben doch ein Recht darauf. Ich bleibe gern hier. Ich will hier am Fenster stehen und werde nicht stören ... Meiner Ansicht nach haben Sie recht ...«
Pjotr Petrowitsch kehrte zum Sofa zurück, nahm Ssonja gegenüber Platz, sah sie aufmerksam an und setzte sich plötzlich eine außerordentlich solide und sogar etwas strenge Miene auf, als wollte er sagen: Bilde dir nur nichts ein, meine Liebe! – Ssonja verlor endgültig die Fassung.
»Erstens bitte ich Sie, Ssofja Ssemjonowna, mich bei Ihrer hochverehrten Frau Mama zu entschuldigen ... Es stimmt doch? Katerina Iwanowna vertritt doch bei Ihnen die Mutter?« begann Pjotr Petrowitsch sehr solid, aber doch recht freundlich.
Er hatte sichtlich die freundschaftlichsten Absichten.
»Jawohl, die Stelle der Mutter«, antwortete Ssonja hastig und scheu.
»Nun, wollen Sie mich also bei ihr entschuldigen, daß ich infolge unvorhergesehener Umstände gezwungen bin, der Einladung keine Folge zu leisten, und zu den Pfannkuchen, das heißt zum Totenmahl, nicht kommen werde, trotz der liebenswürdigen Aufforderung Ihrer Frau Mama.«
»Gut ... ich will es ihr sagen ... sofort.«
Und Ssonjetschka sprang hastig vom Stuhle auf.
»Es ist noch nicht alles«, hielt sie Pjotr Petrowitsch zurück, über ihre Einfalt und Unkenntnis der Anstandsregeln lächelnd. »Sie kennen mich zu wenig, liebste Ssofja Ssemjonowna, wenn Sie glauben, daß ich wegen dieser unbedeutenden und nur mich allein angehenden Angelegenheit eine Person wie Sie bemüht und zu mir gerufen hätte. Ich habe ganz andere Absichten.«
Ssonja setzte sich eilig hin. Die grauen und regenbogenfarbigen Banknoten, die noch auf dem Tische lagen, flimmerten wieder vor ihren Augen, sie wandte aber schnell ihr Gesicht von ihnen ab und richtete ihren Blick auf Pjotr Petrowitsch; es kam ihr plötzlich furchtbar unanständig vor, fremdes Geld anzusehen, besonders wenn sie es tat. Sie heftete ihren Blick auf das goldene Lorgnon Pjotr Petrowitschs, das er in der Linken hielt, und zugleich auf den außerordentlich hübschen, großen, schweren Ring mit gelbem Stein, den er auf dem Mittelfinger dieser Hand trug; doch sie wandte die Augen auch davon ab und richtete den Blick wieder auf Pjotr Petrowitsch, da sie nicht wußte, wohin sie sehen sollte. Nachdem er eine Weile noch solider als früher geschwiegen hatte, fuhr er fort:
»Ich hatte gestern Gelegenheit, im Vorbeigehen einige Worte mit der unglücklichen Katerina Iwanowna zu wechseln. Es genügten zwei Worte, um zu erfahren, daß sie sich in einem – widernatürlichen Zustande befindet, wenn man so sagen darf.«
»Jawohl ... in einem widernatürlichen«, bestätigte Ssonja hastig.
»Oder einfacher und verständlicher – in einem kranken.«
»Ja, einfacher und verständl ... jawohl, sie ist krank.«
»Nun also. Aus dem Gefühle der Humanität und ... sozusagen des Mitleides, möchte ich ihr nun meinerseits irgendwie behilflich sein, da ich ihr unvermeidlich trauriges Los voraussehe. Ich glaube, die ganze arme Familie lastet jetzt ganz auf Ihnen?«
»Gestatten Sie die Frage«, sagte Ssonja, indem sie sich plötzlich erhob: »Was haben Sie ihr gestern von der Möglichkeit einer Pension gesagt? Denn sie sagte mir schon gestern, Sie hätten es übernommen, ihr eine Pension zu erwirken. Ist es wahr?«
»Durchaus nicht, in gewisser Beziehung ein Unsinn. Ich habe nur auf einen einmaligen Unterstützungsbeitrag für die Witwe eines Beamten hingedeutet – natürlich, nur wenn eine Protektion vorhanden ist –, aber Ihr verstorbener Vater hat, soviel ich weiß, nicht nur die vorgeschriebene Frist nicht ausgedient, sondern in der letzten Zeit überhaupt nicht gedient. Mit einem Wort: es könnte wohl eine Hoffnung vorhanden sein, doch nur eine recht schwache, denn in diesem Falle liegen keinerlei Rechte auf die Unterstützung vor, sogar im Gegenteil. Sie aber denkt schon an eine Pension, he-he-he! Eine fixe Dame!«
»Jawohl, an eine Pension ... Denn sie ist leichtgläubig und gut und glaubt aus Güte alles und ... und ... sie hat mal einen solchen Verstand ... Jawohl, entschuldigen Sie ...« sagte Ssonja und erhob sich wieder zum Fortgehen.
»Entschuldigen Sie, Sie haben mich noch nicht zu Ende gehört.«
»Jawohl, ich habe noch nicht zu Ende gehört«, murmelte Ssonja.
»Also setzen Sie sich.«
Ssonja wurde entsetzlich verlegen und setzte sich zum drittenmal.
»Da ich Ihre Lage mit den unglücklichen kleinen Kindern sehe, möchte ich, wie gesagt, ihr nach Kräften behilflich sein, das heißt, wie man so sagt, nach Kräften und nicht mehr. Man könnte zum Beispiel zu ihren Gunsten eine Kollekte veranstalten, oder eine Lotterie ... oder etwas in dieser Art, wie es auch immer von Nahestehenden und sogar auch von fremden Menschen gemacht wird, die helfen möchten. Ich hatte eben die Absicht, Ihnen das mitzuteilen. Das ginge zu machen.«