Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Plötzlich änderte sich der Ton von Jostas Briefen, Verzweiflung, Vorwürfe und Angst kamen zurück. Richard steckte in Arbeit, ein Ärztekongreß stand an, auf dem er ein Referat über Operationstechniken an der Hand halten sollte; Robert machte Schwierigkeiten in der Schule, er war jetzt in der neunten Klasse, mit deren Zeugnis man sich um einen der begehrten EOS-Plätze bewarb, und auch mit Christian schien etwas nicht zu stimmen, wie Anne sagte; doch wenn Richard ein Gespräch versuchte, wich Christian aus. Richard schob es der Pubertät zu, daß sein Sohn an manchen Wochenenden nicht nach Hause kam. Wenigstens seine Zensuren waren in Ordnung, Richard hatte mit dem Klassenlehrer telefoniert. Josta verlangte, daß er Anne verlassen solle, sie nannte ihn wieder» Graf Danilo«, was er nicht mochte, und zwar gerade deshalb, weil er wußte, daß dieser Spitzname etwas Wahres traf; er traute Josta nicht den psychologischen Scharfsinn und die Menschenkenntnis zu, ihn mit dem Namen dieses Operettenhelden zu titulieren; er glaubte, daß Josta ihm diesen Spitznamen nur wegen irgendeiner entfernten Ähnlichkeit zwischen einem Sänger der Staatsoperette Leuben und ihm gegeben hatte, daß der Treffer aus purem Zufall saß, und das gönnte er ihr nicht. Dieser Darsteller hätte genausogut einen Helden aus einer x-beliebigen anderen Operette spielen können, dann hätte Josta wahrscheinlich den Namen dieser Figur gewählt … Er glaubte, daß sie schlecht beobachtete, aber insgeheim wußte er, daß er sich irrte. Gegen Ende Mai kam ein Brief, in dem sie drohte, eines nicht mehr allzufernen Tages vor seiner Tür zu stehen und eine Entscheidung zu erzwingen, von seiner Feigheit war die Rede, von gemeinsamem Urlaub, von Lucie und Daniel, dann von Gas und Schlaftabletten. Richard nahm es nicht ernst, der Brief war zu sehr im Affekt geschrieben, wirkliche Selbstmörder drohten nicht, sondern handelten; er hatte in seinen Diensten zu viele dieser Fälle gesehen. Und sah sie noch — gerade jetzt im Mai schienen die Einsamkeit, die Verzweiflung, die Schmerzen für viele Menschen unerträglich zu werden. Josta bat um ein Treffen, er sagte zu, aber es kam etwas dazwischen, er verspätete sich, und als er zum verabredeten Ort kam, war sie schon gegangen. Sie hatte kein Telefon zu Hause; für solche Fälle hatten sie vereinbart, daß sie ihm ein Zeichen hinterließ, wohin sie gegangen war: ein scheinbar achtlos unter eine Parkbank gerolltes Papierkügelchen hieß: bin zu Hause; zwei gekreuzte Zweige: warte an der Trinitatiskirche auf dich; im Winter ordneten sie Schneebälle zu bestimmten Mustern. Diesmal fand er nichts. Er wartete, vielleicht war sie nur für einen Augenblick weggegangen. Sie kam nicht.
«Oh, Herr Hoffmann, warten Sie auf jemanden?«Das war Heinsloe, der Verwaltungsdirektor.
«Ich — N-nein. Nur ein bißchen frische Luft schöpfen.«
«Das tun Sie recht, Herr Hoffmann. Komm lieber Mai und mache … Man wird doch gleich ein anderer Mensch. «Heinsloe rieb sich die Hände.»Ich habe vor einigen Tagen einen Brief von Herrn Arbogast bekommen. Sie kennen ihn? Er schrieb in diesem Sinne. Er möchte mit der Chirurgischen Klinik, genauer: mit Ihrer Abteilung, zusammenarbeiten. Er wird Ihnen sicher auch noch schreiben. — Was Ihren Mittelantrag betrifft, so ist leider noch nichts entschieden. Haben Sie einen Augenblick Zeit?«Heinsloe faßte Richard am Arm, zog ihn Richtung Medizinische Kliniken mit sich. Richard hatte jetzt überhaupt keinen Sinn für Gespräche über Budgets, neue Geräte oder Mittel für einen eigenen Hand-OP, die er schon vor langer Zeit beantragt hatte und um die es Heinsloe wohl ging. Der redete eifrig auf ihn ein.
«Ich habe eigentlich keine Zeit, Herr Heinsloe, entschuldigen Sie — «
«Sie müssen noch mal in die Klinik?«Die Frage kam so unvermittelt, daß Richard nichts Besseres einfiel, als zu nicken.»Das trifft sich doch gut, ich wollte sowieso vorbeikommen. Da mach’ ich das doch gleich. Gehen wir zusammen, da sparen Sie sich einen Termin bei mir. «Richard war überrumpelt und konnte wieder nur nicken. Auf dem Weg in die Chirurgische Klinik, mit Heinsloes Geschwätz im Ohr, verfluchte er innerlich den Zufall, der ihn ausgerechnet hier und ausgerechnet jetzt mit dem Verwaltungsdirektor hatte zusammentreffen lassen. Erst in der Ambulanz wurde er ihn los.
«Ach, und übrigens noch Glückwunsch zum Medizinalrat!«Heinsloe zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Richard hatte keine Zeit, sich über diese plump vertrauliche Geste Gedanken zu machen, Pfleger Wolfgang winkte ihm:»Herr Oberarzt, man hat Sie gesucht. Anruf für Sie.«
Richard ging auf seine Station.»Ein Daniel Fischer, klang noch ziemlich jung«, sagte die Schwester, die den Anruf entgegengenommen hatte.
«Was wollte er?«
«Er hat nur gesagt, daß man seine Mutter ins Krankenhaus gebracht hat.«
«Aha. Und in welches?«fragte Richard, in Patientenkurven blätternd.
«Hat er nicht gesagt.«
«Danke. Schönen Dienst noch. «Richard gelang es nur mühsam, sich zu beherrschen und nicht loszustürzen. Von seinem Zimmer rief er die Leitstelle der Schnellen Medizinischen Hilfe an und erfuhr, daß Josta nach Friedrichstadt gebracht worden war.»Und weswegen?«
«Moment. «Richard hörte, wie der Mann schnaufend aufstand und in Papieren kramte.»Verdacht auf Tabletteneinnahme in suizidaler Absicht. Darf ich Ihnen eigentlich gar nicht sagen, aber weil Sie’s sind, Doktor Hoffmann.«
«Wie lange ist das her?«
«Gute Stunde.«
Richard drückte auf den Unterbrecher, schloß die Augen. Einige Sekunden blieb er so stehen, dann konnte er wieder klare Gedanken fassen.
«Hallo, Anne, es wird heute später. — Nein, Sitzung in der Verwaltung. Hab’ Heinsloe getroffen, es geht um den Hand-OP. — Ich dich auch. «Er war überrascht, daß es ihm gelungen war, ruhig zu klingen. Er ging zum Waschbecken, wusch sich das Gesicht, betrachtete im Spiegel sein tropfendes Gegenüber und spuckte aus. Als er die Spucke mit einem Handtuch wegwischte, bemerkte er ein einzelnes Barthaar auf der Wange, das er beim Rasieren übersehen hatte. Er ging zum Schrank, in dem er für die Dienste eine vollständig bestückte Waschtasche aufbewahrte, nahm den Rasierer und schnitt das Barthaar ab.