Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Nein, das wird nicht gehen. Ich muß draußen warten. Ich bin ja bloß der Onkel, glaub’ nicht, daß sie mir Lucie geben. Aber dir werden sie sie geben, du bist ihr Bruder. Kennen sie dich? — Gut. Komm.«
Lucie hatte völlig versunken gespielt und war froh gewesen, daß sie endlich einmal das ganze schöne Spielzeug für sich allein gehabt hatte. Die Erzieherin war erleichtert gewesen, daß Daniel gekommen war, glücklicherweise fragte sie ihn nichts. Sie hatte Josta nicht erreichen können; unter der für Zwischenfälle hinterlassenen Nummer, dem Anschluß von Jostas Friseuse, nahm niemand ab. Lucie genoß die Fahrt mit dem Auto, wenn sie an einer Kreuzung hielten, winkte sie den Passanten zu, von denen manche erheitert zurückwinkten. Richard war es jetzt gleichgültig, ob jemand, der ihn kannte, aufmerksam wurde; er pfiff vor sich hin, brach ab, als er im Rückspiegel Daniels Gesicht sah.
Josta hatte eingekauft, er fand Käse, Brot, Butter, Wurst im Kühlschrank, auch Fleisch und Eier waren da.»Soll ich euch was Richtiges machen?«Zu spät fiel ihm ein, daß er dann nach Bratenfett riechen und seine Ausrede, bei einer Konferenz gewesen zu sein, unglaubhaft werden würde. Zum Glück schüttelte Daniel den Kopf.»Hab’ kein’ Hunger.«
«Aber du mußt was essen, Junge.«
«Wo ist Mama?«fragte Lucie aus dem Wohnzimmer. Sie hatte den Fernseher angestellt, Richard hörte die Melodie der» Aktuellen Kamera«, kurz darauf knatterten Schüsse, wahrscheinlich hatte sie umgeschaltet, und es lief irgendein Abenteuerfilm.
«Lucie, was möchtest du zum Abendbrot?«
«Josta gibt ihr abends bloß was Leichtes, weil sie sonst schlecht schläft und Bauchschmerzen kriegt.«
«Was Leichtes, aha. Und — ist das was Bestimmtes?«Er wußte noch nicht einmal, was seine Tochter abends aß. Daniel seufzte.»Gib her, ich mach’s. Und spätestens um acht muß sie ins Bett. Normalerweise nach dem Sandmann. Und sie will eine Geschichte.«
«Und du selber, wann mußt du ins Bett?«
«Och …«
«He, mein Lieber, das läuft nicht! — Ich könnte euren Großeltern Bescheid sagen.«
«Weißt du denn, wo die wohnen?«fragte Daniel mißtrauisch. Richard wußte es nicht, und es gelang ihm nicht, das zu verbergen.
«Na, du gehst nachher sowieso. Sonst macht dir deine Anne die Hölle heiß. Josta ist im Krankenhaus, da kann ich machen, was ich will!«erwiderte Daniel trotzig und mit hämischem Grinsen, vor dem Richard erschrak.»Daniel, hör’ mal zu. Du hast jetzt auch Verantwortung. Du hast alles prima gemacht, wie ein Großer. Aber solange Josta nicht wiederkommt, mußt du auf Lucie aufpassen. Und auf die Wohnung. Verstehst du mich? Vielleicht schicken sie von der Sozialfürsorge jemanden her.«
«Kommst du morgen wieder?«
«Ja, morgen ist Donnerstag, da kann ich nach euch sehen. Versprichst du mir, daß du vernünftig bist?«
«Versprichst du mir auch was?«
Richard zögerte, der Blick des Jungen verwirrte ihn, Haß, Trauer, Angst waren darin gemischt.»Was?«
Aber Daniel sagte nichts, lief plötzlich hinaus.
Richard war nicht wohl bei dem Gedanken, die Kinder allein zu lassen. Es konnte vierzehn Tage dauern, bis Josta aus dem Krankenhaus entlassen werden würde. Bis dahin mußte er jemanden finden, der regelmäßig nach ihnen sehen konnte. Daniels Vater? Er hatte ihn nie gesehen, kannte weder Namen noch Adresse; Josta war allen Fragen ausgewichen. Die Friseuse? Die würde erst abends Zeit haben, außerdem waren Frisiersalons Zentren des Klatsches. Und wenn seine mühselig aufrechterhaltene Tarnung inzwischen wahrscheinlich hinüber war — provozieren mußte man nichts. Würde Pfleger Markus den Mund halten? Gleichviel, Jostas Tat würde für Wirbel sorgen, man würde nach Gründen fragen, Nachforschungen anstellen, die Konfliktkommission oder sonst eine dieser um den Menschen bemühten Organisationen in der Akademie würden sich, wie man das nannte,»ihrer annehmen«.»Ihrer annehmen«, er sprach es leise vor sich hin, und dabei wurde ihm bewußt, was das für die Kinder heißen konnte: Wer hätte für sie gesorgt, wenn der Krankenwagen zu spät gekommen wäre; was, wenn Josta das wiederholte, was sie heute getan hatte, dann aber –
Hatte sie an die Kinder gar nicht gedacht? Das konnte er sich nicht vorstellen. Keine Mutter tat das. Jedenfalls war ihm eine solche Mutter noch nicht begegnet. Hatte sie darauf gehofft, daß er sich um die Kinder kümmern würde? Hatte sie jemanden informiert? Er durchsuchte die Wohnung nach einem Abschiedsbrief, fand aber keinen. In der Schublade ihres Nachtschränkchens lagen Unmengen von Schlaf- und Beruhigungstabletten, auch weitere Packungen Obsidan. Woher hatte sie die? Betablocker waren rezeptpflichtig, jemand mußte sie ihr verschrieben haben, oder sie hatte sie sich auf Schleichwegen besorgt; aber diese Medikamente waren registriert … Hatte sie eine Herzkrankheit, von der sie ihm nichts erzählt hatte? Welcher Leichtsinn, dieses Zeug hier aufzubewahren, die Kinder konnten heran, und zumindest Lucie war noch nicht aus dem Alter, in dem man alles in den Mund nahm. Er warf alle Tabletten weg, die Obsidan, wenn sie sie brauchte, würde sie wiederbekommen. Dann durchsuchte er Jostas Kleider und Taschen im Schrank — nichts. Also eine Kurzschlußreaktion. Er setzte sich aufs Bett, wo das zerknüllte Laken noch die Spur ihres Körpers zeigte. Auf dem Nachtschränkchen war der Abdruck eines Flaschenbodens zu sehen, die Sanitäter hatten die Flasche wahrscheinlich, wie auch die Tablettenpackung, in die Klinik mitgenommen. Was sollte er jetzt tun? Wie würde es mit Josta, mit ihm, mit Anne, den Kindern überhaupt weitergehen? Lange Zeit saß er reglos. Nebenan lief der Fernseher, Lucie war offenbar zufrieden, er hörte sie hin und wieder lachen und in die Hände klatschen. Daniel saß vielleicht daneben und begutachtete das Taschenmesser … Oder überlegte, was er tun würde, wenn» sein Onkel «gegangen war. Dann fiel Richard wieder das ungelöste Problem ein, wer auf die Kinder aufpassen sollte.
Frau Schmücke hatte sich umgezogen und schien wieder betrunken zu sein, wedelte mit der linken Hand, doch er bemerkte, daß sie gerade dabeigewesen war, sich die Nägel zu lackieren, offenbar wollte sie ausgehen. Richard war erstaunt über die Fülle ungebändigten Haars, es war ihm vorhin nicht aufgefallen.
«Kann ich Sie … Verzeihung, ich habe Sie gestört. Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?«
«Kommen Sie rein«, sagte sie nach kurzem Zögern.
«Nicht nötig, vielen Dank, ich wollte Sie nicht — «
«Hören Sie, auch wenn Mai ist, ich hab’ immer noch geheizt, und zwischen Tür und Angel flutscht mir die Wärme raus. Es geht doch bestimmt um nebenan, das sollten wir nicht hier besprechen. Außerdem«, sie beugte sich etwas vor, ihre Stimme fiel in Flüsterton,»haben die Leute hier gerne ein Ohr im Hausflur, na, und nicht nur dort, denk’ ich. «Sie trat in den Flur, er folgte ihr unsicher. Diese Frau erregte ihn, das fand er grotesk, doch betrat er die fremde Wohnung mit Herzklopfen, und das machte ihn zu seinem Erstaunen neugierig. Sie hatte einen weichen Gang und trug keine Schuhe, um die linke Fessel ein Kettchen, ihre Zehennägel waren ebenfalls lackiert. Der Anblick ihrer nackten Füße mit den roten Nägeln und dem Kettchen erregte ihn noch mehr. Im Flur und im Wohnzimmer hingen Bilder dicht an dicht; es roch nach Farbe. Die Bilder beunruhigten ihn, Totemmasken in schroffen Kontrasten, schreiende blaue Münder, gelbe Vögel mit schwarzen und grünen Köpfen waren zu sehen, an die Wohnzimmerdecke waren Malerpaletten genagelt, und auf einer Staffelei in der Ecke, wo in den meisten Wohnungen dieses Typs der Fernseher stand, hockte ein Bild aus brutalem Rot, das sich in Schlieren ballte, zu fetten Strudeln krümmte, in der oberen linken Ecke klaffende Schnitte ertragen mußte, in der Mitte um eine dunkler gehaltene Spindel schwelte. Alle Bilder wirkten kraftvoll und packend, aber dieses besonders; Richard war beeindruckt, wehrte es ab, er war nicht hergekommen, um sich Malerei anzusehen.»Von Ihnen?«fragte er hastig und mehr aus Höflichkeit.