Die Fünfundvierzig
- Автор: Дюма Александр
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Die Fünfundvierzig». Краткое содержание книги:
»Der Tapfere ist herrlich in seiner Kaltblütigkeit,« sagten die anderen.
Einige Stunden der Ruhe von zwei bis sechs Uhr sollten dem Fußvolk wieder die erforderliche Kraft geben, um die Flucht fortzusetzen. Nun fehlte es aber an Lebensmitteln.
Die Pferde schienen noch mehr abgemattet als die Menschen, sie schleppten sich nur mit Mühe fort, denn sie hatten seit dem vorhergehenden Tage nichts mehr gefressen; sie bewegten sich auch am Schweif der Armee.
Man hoffte Brüssel zu erreichen, das dem Herzog gehörte, und wo man zahlreiche Parteigänger zählte; doch war man nicht ohne Unruhe über den guten Willen der Stadt; auch auf Antwerpen hatte man einen Augenblick rechnen zu können geglaubt. In Brüssel, nämlich kaum acht französische Meilen von dem Orte, wo man sich befand, wollte man die Truppen verproviantieren und ein vorteilhaftes Lager beziehen, um den unterbrochenen Feldzug wiederzubeginnen, sobald man den Augenblick für geeignet hielte. Die Trümmer, die man zurückbrachte, sollten als Kern für eine neue Armee dienen.
Noch zu dieser Stunde sah niemand den furchtbaren Augenblick vorher, in dem der Boden unter den Füßen der unglücklichen Soldaten sinken, Wasserberge niederstürzen und über ihren Häuptern hinrollen, die Überreste so vieler Tapferen, von dem schlammigen Gewässer fortgetragen, bis ins Meer gewälzt oder auf dem Wege niedergeworfen werden sollten, um die Felder Brabants zu düngen ...
Der Herzog von Anjou ließ sich in der Hütte eines Bauern zwischen Heboken und Heckhout Frühstück bringen. Die Hütte war leer, die Bewohner hatten sich schon am vorhergehenden Abend geflüchtet; das von ihnen am Tag zuvor angezündete Feuer brannte noch im Kamin. Die Soldaten und Offiziere wollten ihrem Führer nachahmen und zerstreuten sich in den genannten zwei Flecken; aber sie sahen mit einem Erstaunen, in das sich Schrecken mischte, daß alle Häuser verlassen waren, und daß die Einwohner ihre Mundvorräte fast gänzlich mitgenommen hatten.
Der Graf von Saint-Aignan suchte auf gut Glück wie die andern; die Sorglosigkeit des Herzogs von Anjou in der Stunde, in der so viele Brave für ihn starben, widerstrebte seinem Geiste, und er entfernte sich vom Prinzen. Er gehörte zu denen, die sagten: »Der Elende hat kein Herz.«
Er durchsuchte zwei bis drei Häuser, die er leer fand; er klopfte an die Tür des vierten, als man ihm sagte, aus zwei Meilen in der Runde, das heißt in dem Umkreise des Landes, den man innehatte, seien alle Häuser so. Bei dieser Nachricht runzelte Saint-Aignan die Stirn und machte seine gewöhnliche Grimasse.
»Vorwärts, meine Herren, vorwärts,« sagte er zu den Offizieren.
»Aber wir sind zu müde, wir sterben vor Hunger, General,« entgegneten sie.
»Ja, aber ihr lebt, und wenn ihr eine Stunde länger hier bleibt, seid ihr tot; vielleicht ist es jetzt schon zu spät.«
Herr von Saint-Aignan konnte nichts Sicheres angeben, aber er ahnte eine große, verborgene Gefahr. Man brach auf. Der Herzog stellte sich an die Spitze, Herr von Saint-Aignan behielt das Zentrum, und Joyeuse übernahm die Nachhut.
Doch es trennten sich von der Gruppe noch zwei- bis dreitausend Mann, entweder durch ihre Wunden geschwächt oder durch die Anstrengungen zu sehr ermattet, und legten sich verlassen, trostlos, von finsterer Ahnung ergriffen, im Grase oder am Fuße der Bäume nieder. Bei ihnen blieben auch die demontierten Reiter, deren Pferde sich nicht fortschleppen konnten oder auf dem Marsche verwundet worden waren. Es waren um den Herzog von Anjou kaum noch dreitausend hinreichend kräftige und kampffähige Soldaten versammelt.
Die Reisenden.
Während dieses Unglück, der Vorläufer eines noch viel größeren, in Erfüllung ging, kamen zwei Reisende auf vortrefflichen Pferden in einer kühlen Nacht aus dem Tore Brüssels und ritten in der Richtung von Mecheln vorwärts. Sie bewegten sich nebeneinander; sie hatten ihre Mäntel eingebunden und scheinbar keine Waffen, abgesehen von einem flämischen Messer, dessen messingenen Griff man am Gürtel des einen glänzen sah.
Diese Reisenden ritten ihres Weges, jeder seinem Gedanken folgend, ohne ein Wort auszutauschen.
Wer sie auf der vom Monde beleuchteten Landstraße so friedlich hätte traben sehen, würde sie für gute Leute gehalten haben, die es drängte, nach einer guten Tagereise ein gutes Bett zu finden.
Doch man hätte nur einige durch den Wind von ihrem Gespräche abgelöste Sätze zu hören brauchen, um diese irrige Meinung aufzugeben.
Und das seltsamste von allen Worten, die sie austauschten, war auch ihr erstes, als sie ungefähr eine halbe Meile von Brüssel entfernt sein mochten.
»Madame,« sagte der stärkere zu dem schlankeren Gefährten, »Ihr habt in der Tat recht gehabt, diese Nacht aufzubrechen; wir gewinnen sieben Meilen durch unsern Marsch und kommen nach Mecheln gerade in dem Augenblick, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach das Resultat des Handstreichs auf Antwerpen bekannt sein wird. Man wird sie dort in der ganzen Trunkenheit des Triumphes finden. In zwei kurzen Tagemärschen erreichen wir Antwerpen, und zwar ohne Zweifel zur Stunde, wo der Prinz sich von seiner Freude erholt und die Gnade haben wird, auf den Boden zu schauen, nachdem er sich bis in den siebenten Himmel erhoben.«
Der Gefährte, der von dem andern Madame genannt wurde, erwiderte mit einer zugleich ruhigen, ernsten und sanften Stimme: »Mein Freund, glaubt mir, Gott wird müde sein, diesen elenden Prinzen zu beschützen, und ihn grausam schlagen; beeilen wir uns also, unsere Pläne in Ausführung zu bringen, denn ich gehöre nicht zu denen, die an das Schicksal glauben, und ich denke, die Menschen haben frei über ihren Willen und über ihre Handlungen zu gebieten. Wenn wir nicht handeln und Gott handeln lassen, so war es nicht der Mühe wert, so schmerzlich bis auf diesen Tag zu leben.«
In diesem Augenblick pfiff ein eisiger Nordwest vorüber.
»Ihr schauert, Madame,« sagte der ältere von den Reisenden; »nehmt Euren Mantel!«
»Nein, Remy, ich danke; du weißt, ich fühle weder mehr die Schmerzen des Körpers noch die Qualen des Geistes.«
Remy schlug die Augen zum Himmel auf und blieb in ein düsteres Nachdenken versunken. Zuweilen hielt er sein Pferd an und wandte sich auf seinen Steigbügeln um, während ihm seine Gefährtin stumm wie eine Reiterstatue voranritt.
Nach einem von diesen Halten, und als ihr Gefährte sie wieder eingeholt hatte, sagte sie: »Nu siehst niemand mehr hinter uns?« – »Nein, Madame, niemand.«
»Der Reiter, der uns in der Nacht in Valenciennes einholte und sich nach uns erkundigte, nachdem er uns so lange beobachtet hatte?« – »Ich sehe ihn nicht mehr.« »Aber mir scheint, ich habe ihn gesehen, ehe wir Mons erreichten.« – »Und ich, Madame, weiß sicher, daß ich ihn gesehen habe, ehe wir nach Brüssel kamen.«
»Nach Brüssel, sagst du?« – »Ja; doch er wird in dieser Stadt angehalten haben.«
»Remy,« sagte die Dame, indem sie sich ihrem Gefährten näherte, als fürchtete sie, man könnte sie auf dieser öden Straße hören, »kam es dir nicht vor, als gliche er ...« – »Wem?«
»Seiner Haltung nach wenigstens, denn ich habe sein Gesicht nicht gesehen, dem unglücklichen jungen Mann.« – »Oh! nein, nein, Madame,« erwiderte Remy hastig, »nicht im geringsten; wie hätte er überdies vermuten sollen, daß wir Paris verlassen haben und uns auf dieser Straße befinden?«
»Woher wußte er, Remy, daß wir unsere Wohnung in Paris veränderten?« – »Nein, nein, Madame, er ist uns nicht gefolgt und hat uns nicht folgen lassen, und ich habe, wie ich Euch dort sagte, starke Gründe zu glauben, daß er einen verzweifelten Entschluß gefaßt hat.«
»Ach! Remy, jeder trägt seinen Teil Leiden auf dieser Erde; Gott erleichtere die dieses armen Jünglings.«
Remy antwortete mit einem Seufzer auf den Seufzer seiner Gebieterin, und sie setzten ihre Reise fort, ohne ein anderes Geräusch, als das der Tritte ihrer Pferde auf der schallenden Straße.