Die Fünfundvierzig
- Автор: Дюма Александр
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Die Fünfundvierzig». Краткое содержание книги:
Henri öffnete die Augen. Aufrecht, den Kopf in einer andern Richtung als den Körper haltend, atmete das Tier den Wind ein, der von Südost kam.
»Was gibt es, mein gutes Roß?« sagte der junge Mann, indem er aufstand und seinem Pferde den Hals streichelte, »hast du eine Otter vorüberkommen sehen, die dich erschreckt, oder sehnst du dich nach dem Obdach eines guten Stalles?«
Als hätte es die Frage verstanden und wollte darauf antworten, machte das Tier eine freie, lebhafte Bewegung in der Richtung von Lier und horchte, das Auge starr und die Nüstern weit geöffnet.
»Ah! ah!« murmelte Henri, »es ist ernster, wie es scheint; ein Trupp Wölfe, der dem Heere folgt, um die Leichname zu verzehren.«
Das Pferd wieherte, senkte den Kopf und ergriff dann mit einer Bewegung, rasch wie der Blitz, die Flucht nach Westen. Doch dabei kam es in den Bereich der Hand seines Herrn, der es beim Zaume packte und aufhielt. Ohne die Zügel zusammenzunehmen, faßte es Henri bei der Mähne und schwang sich in den Sattel; hier machte er sich als guter Reiter zum Herrn seines Pferdes und hielt es fest.
Aber was das Pferd gehört hatte, fing Henri nach einem Augenblick auch an zu hören, und der Mensch erschrak, wie vorher das rohe Tier.
Ein langes Murmeln, dem eines scharfen und schweren Windes ähnlich, erhob sich von den verschiedenen Punkten eines Halbkreises, der sich von Süden nach Norden auszudehnen schien; Stöße einer frischen und mit Wasserdunst beladenen Brise unterbrachen von Zeit zu Zeit dieses Gemurmel, das dem Geräusche steigender Fluten auf den mit Kieselsteinen bedeckten, sandigen Ufern ähnlich wurde.
»Was ist denn das?« fragte Henri, »sollte es der Wind sein? Nein, das kann nicht sein. Ist es das Prasseln eines Brandes? Ebenfalls nicht; denn man sieht keinen Schimmer am Horizont, und der Himmel scheint sich sogar zu verdüstern.«
Das Geräusch verdoppelte sich und wurde deutlich; es war das unablässige, dumpfe Rollen, wie es tausend in der Ferne auf tönendem Pflaster polternde Kanonen hervorbringen würden.
Henri glaubte einen Augenblick den Grund dieses Geräusches gefunden zu haben, indem er es der von uns erwähnten Ursache zuschrieb. Bald aber sagte er: »Unmöglich, es gibt keine gepflasterte Chaussee in dieser Gegend, es gibt keine tausend Kanonen bei der Armee.«
Das Tosen kam immer näher. Henri setzte sein Pferd in Galopp und sprengte einer Anhöhe zu.
»Was sehe ich?« rief er, als er den Gipfel erreichte.
Was er sah, hatte sein Pferd vor ihm gesehen, denn er hatte es nicht in dieser Richtung vorwärts bringen können, ohne ihm die Flanken mit seinen Sporen zu zerreißen, und als es den Gipfel des Hügels erreicht hatte, bäumte es sich, daß es seinen Reiter beinahe abwarf.
Was Roß und Reiter sahen, war am Horizont ein blasses, ungeheures, endloses Band, das auf der Ebene vorrückte, einen unermeßlichen Kreis bildete und nach dem Meere zu ging. Und dieses Band erweiterte sich Schritt für Schritt vor Henris Augen.
Der junge Mann schaute unsicher die seltsame Erscheinung an, als er, nach dem Platze, den er verlassen, zurückblickend, bemerkte, daß der Wiesgrund sich mit Wasser schwängerte, und der kleine Fluß überströmte. Das Wasser rückte ganz sacht gegen das Haus heran.
»Ich unselig Wahnsinniger, der ich bin!« rief Henri, »ich erriet es nicht, es ist das Wasser! Es ist das Wasser! Die Flamländer haben ihre Dämme durchbrochen!«
Henri sprengte sogleich nach dem Hause fort, klopfte wütend an die Tür und rief:
»Öffnet, öffnet!«
Niemand antwortete.
»Öffnet, Remy!« schrie der junge Mann, wahnsinnig vor Schrecken, »ich bin es, Henri du Bouchage, öffnet!«
»Oh! Ihr braucht Euch nicht zu nennen, Herr Graf,« erwiderte Remy aus dem Innern des Hauses, »ich habe Euch längst erkannt, doch ich sage Euch nur, wenn Ihr diese Tür sprengt, so findet Ihr mich dahinter, in jeder Hand eine Pistole!«
»Du verstehst mich also nicht, Unglücklicher!« rief Henri im Tone der Verzweiflung, »das Wasser! das Wasser! es ist das Wasser!«
»Keine Fabeln, keine Vorwände, keine schmähliche List, Herr Graf. Ich sage Euch, daß Ihr über meinen Leichnam schreiten müßt, um hereinzukommen.«
»Dann werde ich darüber schreiten, aber hineinkommen,« rief Henri. »Im Namen des Himmels, im Namen Gottes, – im Namen deines Heils und des Heils deiner Gebieterin, willst du öffnen?« – »Nein!«
Der junge Mann schaute umher und erblickte einen mächtigen Stein; er hob ihn in seine Arme, von da auf seinen Kopf, lief gegen das Haus und schleuderte ihn gegen die Tür, die in tausend Stücke zersprang. Zugleich pfiff eine Kugel an Henris Ohr vorüber, jedoch ohne ihn zu berühren.
Henri stürzte auf Remy los. Dieser drückte seine zweite Pistole ab, doch nur das Zündkraut fing Feuer.
»Du siehst wohl, daß ich keine Waffen habe,« rief Henri; »wehre dich nicht mehr gegen einen Mann, der dich nicht angreift; schau' nur, schau'!«
Und er zog ihn nach dem Fenster, das er mit einem Faustschlag zerschmetterte.
»Nun,« sagte er, »siehst du nun?«
Und er deutete auf die ungeheure Wassermasse, die weiß am Horizont erschien und, während sie wie die Front eines riesigen Heeres vorrückte, ein dumpfes Murmeln und Brausen vernehmen ließ.
»Das Wasser!« murmelte Remy.
»Ja, das Wasser! das Wasser!« rief Henri; »es rückt heran; sieh zu unseren Füßen; der Fluß tritt aus, er steigt, in fünf Minuten kann man nicht mehr von hier weg.«
»Madame!« rief Remy, »Madame!«
»Kein Geschrei, keine Angst, Remy, halte die Pferde bereit, rasch, rasch!«
»Er liebt sie,« dachte Remy, »er wird sie retten.«
Remy lief in den Stall. Henri stürzte nach der Treppe.
Bei Remys Ruf hatte die Dame ihre Tür geöffnet. Der junge Mann hob sie in seine Arme, als wäre sie ein Kind. Aber sie glaubte, es sei Verrat, oder man wolle Gewalt brauchen, und sträubte sich aus Leibeskräften und klammerte sich an den Wänden an.
»Sage ihr doch,« rief Henri, »daß ich sie rette!«
Remy hörte den Ruf des jungen Mannes in dem Augenblick, wo er mit den beiden Pferden zurückkehrte.
»Ja! ja!« rief er, »ja, Madame, er rettet Euch, oder vielmehr, er wird Euch retten; kommt! kommt!«
Die Flucht.
Ohne mit Erklärungen Zeit zu verlieren, trug Henri die Dame aus dem Hause und wollte sie mit sich auf sein Pferd setzen. Doch mit einer Bewegung unüberwindlichen Widerstrebens schlüpfte sie aus dem lebendigen Ring und wurde von Remy aufgefangen, der sie auf das Pferd hob, das für sie bereitstand.
»Oh! was macht Ihr, Madame,« sagte Henri, »und wie versteht Ihr mein Herz? Es gilt für mich nicht das Vergnügen, Euch in meine Arme zu schließen, obgleich ich bereit wäre, für diese Gunst mein Leben zu opfern; es handelt sich darum, so schnell wie der Vogel zu fliehen. Seht Ihr, wie die Vögel fliehen?«
In der eben entstehenden Dämmerung sah man wirklich Scharen von Tauben die Luft mit raschem, scheuem Fluge durchschneiden.
Die Dame antwortete nichts; als sie aber im Sattel war, trieb sie ihr Pferd vorwärts, ohne den Kopf umzuwenden. Doch infolge des zweitägigen Gewaltrittes waren ihr Pferd und Remys abgemattet. Jeden Augenblick wandte sich Henri um, und als er sah, daß sie ihm nicht folgen konnte, rief er: »Seht, Madame, wie mein Pferd dem Eurigen voraneilt, und ich halte es doch mit beiden Händen zurück; laßt Euch bitten, Madame, während es noch Zeit ist; ich verlange nicht mehr, Euch in meinen Armen zu halten, aber nehmt mein Pferd und laßt mir das Eurige!«
»Ich danke, mein Herr,« erwiderte die Reisende mit ruhiger Stimme, und ohne daß sich die geringste Gemütsbewegung in ihrem Tone verriet.