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Der schwarze Obelisk. Geschichte einer verspäteten Jugend

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Der schwarze Obelisk. Geschichte einer verspäteten Jugend
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»Kinder, das sind Pläne«, sagt Riesenfeld zu mir.»Wo bleibt der Wein? Ich habe Ihnen ja soeben das Leben gerettet.«

»Wer rettet hier eigentlich wen?«frage ich.»Jeder einmal irgend-einen«, sagt Georg.»Genau, wie er immer einmal irgendeinen tötet. Auch, wenn er es nicht weiß.«

Der Wein steht auf dem Tisch. Eduard erscheint. Er ist blaß und verstört.»Gebt mir auch ein Glas.«

»Verschwinde!«sage ich.»Schmarotzer! Wir können unsern Wein allein trinken.«

»Nicht deswegen. Die Flasche geht auf mich. Ich zahle sie. Aber gebt mir ein Glas. Ich muß etwas trinken.«

»Du willst die Flasche spendieren? Überlege, was du sagst!«

»Ich meine es.«Eduard setzt sich.»Valentin ist tot«, erklärt er.

»Valentin? Was ist ihm denn passiert?«

»Herzschlag. Habe es gerade am Telefon gehört.«

Er greift nach einem Glas.»Und du willst darauf trinken, du Lump?«sage ich empört.»Weil du ihn los bist?«

»Ich schwöre euch, nein! Nicht deshalb! Er hat mir doch das Leben gerettet.«

»Was«, sagt Riesenfeld.»Ihnen auch?«

»Natürlich mir, wem sonst?«

»Was ist hier los?«fragt Riesenfeld.»Sind wir ein Klub von Lebensrettern?«

»Es liegt an der Zeit«, erwidert Georg.»Es ist in diesen Jahren vielen gerettet worden. Und vielen nicht.«

Ich starre Eduard an. Er hat tatsächlich Tränen in den Augen; aber was weiß man bei ihm?»Ich glaube dir nicht«, sage ich.»Du hast ihm das an den Hals gewünscht! Ich habe es zu oft gehört. Du wolltest deinen verdammten Wein sparen.«

»Ich schwöre euch, nein! Ich habe es manchmal so gesagt, wie man etwas sagt. Aber doch nicht im Ernst!«Die Tropfen in Eduards Augen werden dicker.»Er hat mir ja tatsächlich das Leben gerettet.«

Riesenfeld steht auf.»Ich habe jetzt genug von diesem Lebensretter-Quatsch! Sind Sie nachmittags im Büro? Gut!«

»Schicken Sie keine Blumen mehr, Riesenfeld«, warnt Georg.

Riesenfeld winkt ab und verschwindet mit einem undefinierbaren Gesicht.

»Laßt uns ein Glas auf Valentin trinken«, sagt Eduard. Seine Lippen zittern.»Wer hätte das gedacht! Durch den ganzen Krieg ist er gekommen, und jetzt auf einmal liegt er da, von einer Sekunde zur anderen.«

»Wenn du schon sentimental sein willst, dann sei es richtig«, erwidere ich.»Hole eine Flasche von dem Wein, den du ihm nie gegönnt hast.«

»Den Johannisberger, jawohl.«Eduard erhebt sich eifrig und watschelt davon.

»Ich glaube, er ist ehrlich traurig«, sagt Georg.

»Ehrlich traurig und ehrlich erleichtert.«

»Das meine ich. Mehr kann man meistens nicht verlangen.«

Wir sitzen eine Weile.»Es passiert eigentlich etwas viel im Augenblick, was?«sage ich schließlich.

Georg sieht mich an.»Prost! Einmal mußt du ja gehen. Und Valentin? Er hat ein paar Jahre länger gelebt, als man 1917 hätte vermuten sollen.«

»Das haben wir alle.«

»Ja, und deshalb sollten wir was draus machen.«

»Tun wir das nicht?«

Georg lacht.»Man tut es, wenn man nichts anderes im Augenblick will, als was man gerade tut.«

Ich salutiere.»Dann habe ich nichts aus meinem gemacht. Und du?«

Er blinzelt.»Komm, laß uns hier verschwinden, ehe Eduard zurückkehrt. Zum Teufel mit seinem Wein!«

»Sanfte«, sage ich gegen die Mauer in das Dunkel.»Sanfte und Wilde, Mimose und Peitsche, wie töricht war ich, dich besitzen zu wollen! Kann man den Wind einschließen? Was wird dann aus ihm? Verbrauchte Luft. Geh, geh deinen Weg, geh zu den Theatern und Konzerten, heirate einen Reserveoffizier und Bankdirektor, einen Inflationssieger, geh, Jugend, die du nur den verläßt, der dich verlassen will, Fahne, die flattert, aber nicht einzufangen ist, Segel vor vielen Blaus, Fata Morgana, Spiel der bunten Worte, geh, Isabelle, geh, meine späte, nachgeholte, über einen Krieg zurückgerissene, etwas zu wissende, etwas zu altkluge Jugend, geh, geht beide, und auch ich werde gehen, wir haben uns nichts vorzuwerfen, die Richtungen sind verschieden, aber auch das ist nur scheinbar, denn den Tod kann man nicht betrügen, man kann ihn nur bestehen. Lebt wohl! Wir sterben jeden Tag etwas mehr, aber wir leben auch jeden Tag etwas länger, ihr habt mich das gelehrt, und ich will es nicht vergessen, es gibt keine Vernichtung, und wer nichts halten will, besitzt alles, lebt wohl, ich küsse euch mit meinen leeren Lippen, ich umarme euch mit meinen Armen, die euch nicht halten können, lebt wohl, lebt wohl, ihr in mir, die ihr bleibt, solange ich euch nicht vergesse -«

Ich trage in meiner Hand eine Flasche Rothschen Korn und sitze auf der letzen Bank der Allee mit dem vollen Blick auf die Irrenanstalt. In meiner Tasche knistert ein Scheck auf harte Devisen: dreißig volle Schweizer Franken. Die Wunder haben nicht aufgehört: eine Schweizer Zeitung, die ich seit zwei Jahren mit meinen Gedichten bombardiert habe, hat in einem Anfall von Raserei eines angenommen und mir gleich den Scheck geschickt. Ich war bereits auf der Bank, mich zu erkundigen – die Sache stimmt. Der Bankvorsteher hat mir sofort einen Preis in schwarzer Mark dafür angeboten. Ich trage den Scheck in der Brusttasche, nahe dem Herzen. Er ist ein paar Tage zu spät gekommen. Ich hätte mir für ihn einen Anzug und ein weißes Hemd kaufen und damit eine repräsentable Figur vor den Damen Terhoven machen können. Dahin! Der Dezemberwind pfeift, der Scheck knistert, und ich sitze hier unten in einem imaginären Smoking, ein Paar imaginärer Lackschuhe, die Karl Brill mir noch schuldet, an den Füßen, und lobe Gott und bete dich an, Isabelle! Ein Taschentuch aus feinstem Batist flattert in meiner Brusttasche, ich bin ein Kapitalist auf der Wanderschaft, die Rote Mühle liegt mir zu Füßen, wenn ich will, in meiner Hand blinkt der Champagner des furchtlosen Trinkers, des Nie-genug-Trinkers, der Trank des Feldwebels Knopf, mit dem er den Tod in die Flucht schlug – und ich trinke gegen die graue Mauer mit dir dahinter, Isabelle, Jugend, mit deiner Mutter dahinter, mit dem Bankbuchhalter Gottes, Bodendiek, dahinter, mit dem Major der Vernunft, Wernicke, dahinter, mit der großen Verwirrung dahinter und dem ewigen Krieg, ich trinke und sehe gegenüber, links von mir, die Kreis-Hebammenanstalt, in der noch ein paar Fenster hell sind und in der Mütter gebären, und es fällt mir erst jetzt auf, daß sie so nahe bei der Irrenanstalt liegt – dabei kenne ich sie und sollte sie auch kennen, denn ich bin in ihr geboren worden und habe bis heute kaum je daran gedacht! Sei gegrüßt auch du, trautes Heim, Bienenstock der Fruchtbarkeit, man hat meine Mutter zu dir gebracht, weil wir arm waren und das Gebären dort umsonst war, wenn es vor einem Lehrgang werdender Hebammen geschah, und so diente ich schon bei meiner Geburt der Wissenschaft! Gegrüßt sei der unbekannte Baumeister, der dich so sinnvoll nahe dem anderen Gebäude gesetzt hat! Wahrscheinlich hat er es ohne Ironie getan, denn die besten Witze der Welt werden immer von ernsthaften Vordergrundmenschen gemacht. Immerhin – laßt uns unsere Vernunft feiern, aber nicht zu stolz auf sie sein und ihrer nicht zu sicher! Du, Isabelle, hast sie zurückbekommen, dieses Danaergeschenk, und oben sitzt Wernicke und freut sich und hat recht. Aber recht zu haben ist jedesmal ein Schritt dem Tode näher. Wer immer recht hat, ist ein schwarzer Obelisk geworden! Ein Denkmal!

Die Flasche ist leer. Ich werfe sie fort, so weit ich kann. Sie fällt mit einem dumpfen Laut in den weichen, aufgepflügten Acker. Ich stehe auf. Ich habe genug getrunken und bin reif für die Rote Mühle. Riesenfeld gibt dort heute einen vierfachen Abschieds- und Lebensretterabend. Georg wird da sein, Lisa, und dazu komme ich, der noch ein paar Privatabschiede zu erledigen gehabt hat, und wir alle werden außerdem noch einen mächtigen allgemeinen Abschied feiern – den von der Inflation.

Spät in der Nacht bewegen wir uns wie ein betrunkener Trauerzug die Große Straße entlang. Die spärlichen Laternen flackern. Wir haben das Jahr etwas vorzeitig zu Grabe getragen. Willy und Renée de la Tour sind zu uns gestoßen. Willy und Riesenfeld sind in einen heftigen Kampf geraten; Riesenfeld schwört auf das Ende der Inflation und auf die Roggenmark – und Willy hat erklärt, daß er dann bankrott sei, schon deshalb könne es nicht sein. Renée de la Tour ist darauf sehr schweigsam geworden.

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