Der schwarze Obelisk. Geschichte einer verspäteten Jugend
- Автор: Ремарк Эрих Мария
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Der schwarze Obelisk. Geschichte einer verspäteten Jugend». Краткое содержание книги:
Er hat recht. Ich habe es auch schon früher gemerkt. Es waren manchmal Augenblicke da, wo Isabelle mich nicht zu erkennen schien. Ich erinnere mich an das letzte Mal und trinke wütend den Wein aus. Er schmeckt mir heute nicht.
»Das ist wie ein unterirdisches Beben«, erklärt der erfolgstrotzende Wernicke.»Ein Seebeben. Inseln, sogar Kontinente, die vorher da waren, verschwinden, und andere tauchen wieder auf.«
»Und wie ist es mit einem zweiten Seebeben? Geht es dann umgekehrt?«
»Es kann auch das vorkommen. Aber das sind dann fast immer andere Fälle; solche, die mit zunehmender Verblödung Hand in Hand gehen. Sie haben ja die Beispiele davon hier gesehen. Wünschen Sie das für Fräulein Terhoven?«
»Ich wünsche ihr das Beste«, sage ich.
»Na, also!«
Wernicke schenkt den Rest des Weines ein. Ich denke an die trostlosen Kranken, die in den Ecken herumstehen und -liegen, denen der Speichel aus dem Munde läuft und die sich beschmutzen.»Natürlich wünsche ich ihr, daß sie nie wieder krank wird«, sage ich.
»Es ist nicht anzunehmen. Wir hatten bei ihr einen der Fälle vor uns, die geheilt werden können, wenn die Ursachen beseitigt worden sind. Alles ging sehr gut. Mutter und Tochter haben das Gefühl, das manchmal durch den Tod in solchen Situationen entsteht: in einer fernen Weise betrogen worden zu sein, und so sind beide wie verwaist und dadurch enger zusammen als je vorher.«
Ich starre Wernicke an. So poetisch habe ich ihn noch nie gehört. Er meint es auch nicht ganz ernst.»Sie haben heute mittag Gelegenheit, sich davon zu überzeugen«, erklärt er.»Mutter und Tochter kommen zu Tisch.«
Ich will weggehen; aber etwas zwingt mich, zu bleiben. Wenn der Mensch sich selbst quälen kann, versäumt er so leicht keine Gelegenheit dazu. Bodendiek erscheint und ist überraschend menschlich. Dann kommen Mutter und Tochter, und es beginnt ein plattes, zivilisiertes Gespräch. Die Mutter ist etwa fünfundvierzig Jahre alt, etwas voll, belanglos hübsch und angefüllt mit leichten, runden Phrasen, die sie mühelos verteilt. Sie weiß auf alles sofort eine Antwort, ohne nachzudenken.
Ich betrachte Geneviève. Manchmal, ganz kurz, glaube ich in ihren Zügen wie eine Ertrinkende das geliebte, wilde und verstörte andere Gesicht auftauchen zu sehen; aber es verschwimmt gleich wieder im Plätschern des Gespräches über die moderne Anlage des Sanatoriums, beide Damen gebrauchen kein anderes Wort, die hübsche Aussicht, die alte Stadt, verschiedene Onkel und Tanten in Straßburg und in Holland, über die schwere Zeit, die Notwendigkeit, zu glauben, die Qualität der Lothringer Weine und das schöne Elsaß. Nicht ein Wort von dem, was mich einst so bestürzt und erregt hat. Es ist versunken, als wäre es nie dagewesen.
Ich verabschiede mich bald.»Leben Sie wohl, Fräulein Terhoven«, sage ich.»Wie ich höre, reisen Sie diese Woche.«
Sie nickt.»Kommen Sie heute abend nicht noch einmal?«fragt Wernicke mich.
»Ja, zur Abendandacht.«
»Dann kommen Sie doch auf einen kleinen Trunk herüber zu mir. Nicht wahr, meine Damen?«
»Gerne«, erwidert Isabelles Mutter.»Wir gehen ohnehin zur Abendandacht.«
Der Abend ist noch schlimmer als der Mittag. Das weiche Licht trügt. Ich habe in der Kapelle Isabelle gesehen. Der Schein der Kerzen wehte über ihr Haar. Sie bewegte sich kaum. Die Gesichter der Kranken kamen beim Klang der Orgel herum wie helle, flache Monde. Isabelle betete; sie war gesund.
Nachher wird es nicht besser. Es gelingt mir, Geneviève am Ausgang der Kapelle zu treffen und mit ihr ein Stück allein vorauszugehen. Wir kommen durch die Allee. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Geneviève zieht ihren Mantel um sich.
»Wie kalt es abends schon ist.«
»Ja. Fahren Sie diese Woche ab?«
»Ich möchte schon. Ich war lange nicht zu Hause.«
»Freuen Sie sich?«-»Gewiß.«
Es ist nichts mehr zu sagen. Aber ich kann mir nicht helfen, der Schritt ist derselbe, das Gesicht im Dunkel, die weiche Ahnung.»Isabelle«, sage ich, bevor wir aus der Allee treten.
»Wie, bitte?«fragt sie erstaunt.
»Ach«, sage ich.»Es war nur ein Name.«
Sie verhält einen Augenblick den Schritt.»Sie müssen sich irren«, erwidert sie dann.»Mein Vorname ist Geneviève.«
»Ja, natürlich. Isabelle war nur der Name für jemand anderen. Wir haben manchmal darüber gesprochen.«
»So? Vielleicht. Man spricht über so vieles«, erklärt sie entschuldigend.»Da vergißt man dies und jenes.«
»O ja.«
»War es jemand, den Sie kannten?«
»Ja, so ungefähr.«
Sie lacht leise.»Wie romantisch. Verzeihen Sie, daß ich mich nicht gleich erinnerte. Jetzt fällt es mir ein.«
Ich starre sie an. Sie erinnert sich an nichts, ich sehe es. Sie lügt, um nicht unhöflich zu sein.»Es ist so viel in den letzten Wochen vorgefallen«, sagt sie leicht und etwas überlegen.»Da geht einem alles ein wenig durcheinander.«Und dann, um die Unhöflichkeit wieder gutzumachen, fragt sie:»Wie ist es denn weiter geworden in der letzten Zeit?«
»Was?«
»Das, was Sie von Isabelle erzählt haben.«
»Oh, das! Nichts weiter! Sie ist gestorben.«
Sie bleibt erschreckt stehen.»Gestorben? Wie leid mir das tut! Verzeihen Sie, ich wußte nicht…«
»Das macht nichts. Ich kannte sie auch nur flüchtig.«
»Plötzlich gestorben?«
»Ja«, erwidere ich.»Aber so, daß sie es gar nicht gemerkt hat. Das ist ja auch etwas wert.«
»Natürlich«, sie reicht mir die Hand.»Es tut mir aufrichtig leid.«
Ihre Hand ist fest und schmal und kühl. Sie fiebert nicht mehr. Es ist die Hand einer jungen Dame, die einen kleinen Fauxpas gemacht und wieder geordnet hat.»Ein schöner Name, Isabelle«, sagt sie.»Ich habe meinen eigenen Namen früher immer gehaßt.«
»Jetzt nicht mehr?«
»Nein«, erwidert Geneviève freundlich.
Sie bleibt es auch weiter. Es ist die fatale Höflichkeit, die man für Leute in einer kleineren Stadt hat, die man vorübergehend trifft und bald wieder vergessen wird. Ich spüre auf einmal, daß ich einen schlecht sitzenden, umgearbeiteten Militäranzug trage, den der Schneider Sulzblick aus einer alten Uniform angefertigt hat. Geneviève dagegen ist sehr gut angezogen. Sie war es immer; aber es ist mir nie so sehr aufgefallen. Geneviève und ihre Mutter haben beschlossen, zuerst einmal nach Berlin zu fahren für einige Wochen. Die Mutter ist ganz verbindliche Herzlichkeit.»Die Theater! Und die Konzerte! Man lebt immer so auf, wenn man in eine wirkliche Großstadt kommt. Und die Geschäfte! Die neuen Moden!«
Sie tätschelt Genevièves Hand.»Wir werden uns da einmal gründlich verwöhnen, wie?«
Geneviève nickt. Wernicke strahlt. Sie haben sie zur Strecke gebracht. Aber was ist es, das sie zur Strecke gebracht haben? denke ich. Ist es vielleicht in jedem von uns, verschüttet, verborgen, und was ist es wirklich? Ist es dann nicht auch in mir? Und ist es da auch schon zur Strecke gebracht worden, oder war es nie frei? Ist es da, ist es etwas, das vor mir da war, das nach mir da sein wird, etwas, das wichtiger ist als ich? Oder ist alles nur ein bißchen tiefgründig scheinendes Durcheinander, eine Verschiebung der Sinne, eine Täuschung, Unsinn, der wie Tiefsinn aussieht, wie Wernicke behauptet? Aber warum habe ich es dann geliebt, warum hat es mich angesprungen wie ein Leopard einen Ochsen, warum kann ich es nicht vergessen? War es nicht trotz Wernicke, als ob in einem geschlossenen Raum eine Tür geöffnet worden wäre, und man hätte Regen und Blitze und Sterne gesehen?
Ich stehe auf.»Was ist los mit Ihnen?«fragt Wernicke.»Sie sind ja unruhig wie -«Er hält ein und fährt dann fort:»Wie der Dollarkurs.«
»Ach der Dollar«, sagt Genevièves Mutter und seufzt.
»Ein Unglück! Zum Glück hat Onkel Gaston -«
Ich höre nicht mehr, was Onkel Gaston getan hat. Ich bin plötzlich draußen und weiß nur noch, daß ich zu Isabelle gesagt habe:»Danke, für alles«, und sie verwundert gefragt hat:»Aber wofür nur?«