Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
»Na los, geben Sie schon her«, drängte Kescha und streckte ihm seine schlanke, gepflegte Hand entgegen. »Wenn Ihnen mein Rat nicht gefällt, kriegen Sie das Geld zurück.«
Nun ja, das war eigentlich ganz in Ordnung. Der Staatsanwalt holte das kostbare Papierchen mit dem Konterfei Katharina der Großen hervor und überreichte es dem Blonden. Der hatte es nicht eilig, sein Honorar wegzustecken, er hielt den Schein lässig zwischen zwei Fingern, als wollte er seine Bereitschaft demonstrieren, ihn tatsächlich jederzeit zurückzugeben, wenn es verlangt wurde.
»Also, wer hat Razewitsch freigekauft?«, fragte Matwej Benzionowitsch heiser.
»Ich denke, jemand, der ihn sehr geliebt hat.«
Nanu, eine Romanze? Der Staatsanwalt horchte auf. Das war ja eine ganz neue Wendung, wer weiß, wo das jetzt hinführte.
»Sie meinen, eine . . . Dame?«
»Nein, das meine ich nicht«, sagte Kescha lächelnd.
Matwej Benzionowitsch griff sich an die Nase.
»Ich verstehe nicht ganz . . .«
»Sie glauben, Razewitsch sei wegen seiner Schulden aus der Gendarmerie entlassen worden? Weit gefehlt! Wenn man jeden wegen solcher Bagatellen gleich aus dem Korps entfernen wollte, könnte man die Gendarmerie auflösen. Und Razewitsch war ein sehr verdienstvoller Offizier. Nein, nein, das war nur ein Vorwand.«
»Und was ist der wahre Grund?«
Der junge Mann lächelte noch geheimnisvoller.
»Das weiß niemand – außer dem Kommandeur der Gendarmerie und den Unseren.«
»Den Unseren?«
Noch einmal nahm der Kontorist Berditschewskis linke Hand und wiederholte die seltsame Geste – mit der Fingerspitze kitzelte er ganz leicht seinen Handteller. Als er das verdatterte Gesicht seines Gegenübers sah, kicherte Kescha los.
»Was denn, glauben Sie mir nicht? Tja, stellen Sie sich vor, auch unter den Gendarmen gibt es welche, die was für Männer übrig haben.«
Matwej Benzionowitsch fiel die Kinnlade herunter.
»Ich sehe, die hundert Rubel habe ich mir verdient«, konstatierte der Blonde zufrieden und ließ den Schein in seiner Geldbörse verschwinden.
Der Staatsanwalt konnte es immer noch nicht fassen. War das denn die Möglichkeit?
Und da fiel es ihm siedend heiß ein. Ja, genau! Pelagia hatte doch erzählt, auf dem Dampfer habe sich eine ganze Gesellschaft von Homosexuellen befunden, die auf dem Weg in das neu erbaute Sodom waren. Aber das . . . aber das gab der Ermittlung ja eine völlig andere Richtung!
Der Staatsrat packte den jungen Mann am Ellenbogen.
»Aber Sie haben mir noch nicht verraten, wer ihn nun freigekauft hat.«
»Ganz sicher weiß ich es nicht, aber ich bin so gut wie überzeugt, dass es Tscharnokuzki war, sonst kommt eigentlich niemand in Frage.«
»Und wer ist dieser Tscharnokuzki?«
»Sie haben noch nie vom Fürsten Tscharnokuzki gehört?«, fragte Kescha argwöhnisch.
»Doch, das ist ein vornehmer polnischer Name.«
»Vornehm? Das ist wohl eine gelinde Untertreibung! Die Tscharnokuzkis sind die reichste Familie in ganz Wolhynien. Zwanzig Werst von hier beginnt der Tschornokutsker Bezirk, und die Bezirksstadt Tschorny Kut befindet sich komplett im Besitz des Grafen.«
»Die ganze Stadt? So etwas gibt es?«, rief Matwej Benzionowitsch erstaunt. »Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter.«
»In Wolhynien gibt es das sehr wohl noch. Die Stadt Rowno, zum Beispiel, gehört dem Fürsten Ljubomirski, Alt-Konstantinow der Fürstin Abamelek, Dubno der Fürstin Barjatinskaja. Und die Tscharnokuzkis sind schon seit siebenhundert Jahren in Wolhynien ansässig. Sehen Sie diese Klippen dort?« Kescha deutete auf ein Gesteinsmassiv, das in der Ferne malerisch über dem Fluss aufragte. »Das ist Shitomirs große Sehenswürdigkeit. ›Tschazkis Kopf‹ heißt das.«
Der Fels gemahnte tatsächlich an ein stolz erhobenes Haupt.
»Und was hat dieser Felsen mit Tschazki zu tun?«
»Gar nichts. Früher hieß er ›Tscharnokuzkis Kopf‹. Im sechzehnten Jahrhundert wurde ein Vorfahre des heutigen Fürsten von den Hajdamaken geköpft. Aber nach dem drei-undsechziger Jahr hat man den Felsen umbenannt. Es ging darum, dass mehrere Angehörige der Familie Tscharnokuzki am polnischen Aufstand beteiligt waren, und einen von ihnen hat es den Kopf gekostet. Jedenfalls hat man dann den Stein in ›Tschazkis Kopf‹ umbenannt, um irgendwelche Zweideutigkeiten zu vermeiden.«
»Also gehörte der Graf zu den Aufständischen von 1863?«
»Ach was! Seine Erlaucht hat ganz andere Interessen. So ziemlich die gleichen wie Sie und ich.« Der Kontorist lachte. »Schade, dass er Juden nicht ausstehen kann, sonst hätte ich Sie unbedingt mit ihm bekannt gemacht.«
»Aber ich bin ja gar kein Jude«, behauptete Berditschewski. »Ich habe mich nur als Jude ausgegeben, um Golossowkers Vertrauen zu gewinnen.«
»Das haben Sie allerdings ziemlich gut gemacht«, bemerkte Kescha und betrachtete skeptisch das Gesicht des Staatsanwalts.
»Nein, wirklich! Die Haare sind gefärbt. Eigentlich bin ich blond. Wenn Sie mich zu dem Grafen bringen, werde ich die Farbe auswaschen. Mein Name ist auch keineswegs Mordechaj Berditschewski, sondern Matwej Berg-Ditschewski. Und wie Sie ganz richtig vermutet haben, bin ich auch alles andere als ein Wucherer. Ich . . . ich bin Bezirks-Adelsmarschall«, log Matwej Benzionowitsch, dem auf die Schnelle nichts Aristokratischeres einfiel. »Aus dem Gouvernement Sawolshsk.«
Ob ihm der junge Mann nun glaubte oder nicht, war nicht zu erkennen. Doch nach kurzem Nachdenken sagte er:
»Zweihundert Rubel.«
»Sie sind verrückt!«, stöhnte der Staatsrat und überlegte, ob er so viel Geld überhaupt dabei hatte. Schlimmstenfalls konnte er ein Telegramm an den Bischof aufgeben.
»Sie geben mir das Geld, wenn wir dort waren. Sollte ich falsch liegen, und der Graf hat Razewitsch gar nicht freigekauft, zahlen Sie gar nichts«, köderte der geschäftstüchtige junge Mann geschickt.
Diese Konditionen schienen Matwej Benzionowitsch wiederum sehr akzeptabel. Sollte sich die Spur als richtig erweisen, würde man die Reise wohl als Erfolg bezeichnen können, und in dem Falle ließen sich diese Kosten sicher doch noch als Spesen verbuchen.
»Wo sind Sie abgestiegen?«, fragte Kescha.
»Im ›Versailles‹.«
»Ich schließe die Kasse um sieben. Aber seien Sie nicht zu geizig, mieten Sie eine Kalesche mit guter Federung, sonst sind wir grün und blau, wenn wir dort ankommen. Ich werde mit Semjon Potschtarenko verhandeln, der hat eine gute Equipage. Es ist ein ziemlich weiter Weg . . .«
Gedanken über die traurige Zukunft der Menschheit
Wieder einmal nahm der Staatsrat die Hilfe des »blonden Engels« in Anspruch. Allerdings gelang die Herstellung der gewünschten Hellhaarigkeit nicht zur Gänze. Stattdessen kam etwas vage Rotgoldenes dabei heraus. Nun ja, halb so schlimm, am Abend und bei künstlichem Licht wird ’s schon gehen, sagte sich Berditschewski und beunruhigte sich nicht.
Kescha erschien pünktlich in einem ganz respektablen Phaethon, für welchen der Staatsanwalt allerdings acht Silberrubel hinlegen musste. Der Handlungsgehilfe war kaum wieder zu erkennen. Er war nach der neuesten Mode herausgeputzt, fein parfümiert, und sein Haar glänzte, dass man sich darin spiegeln konnte. Wenn man ihn so sah, wäre man nie darauf gekommen, dass dieser Stutzer sich bei einem kleinen jüdischen Geldverleiher als Schabbat-Aushilfe ein Zubrot verdiente.