Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
»Frau!«, brüllte der Beg auf. »Du hast mich jetzt zum zweiten Mal Dummkopf genannt!«
»Sie hat Recht«, mischte sich Magellan ein. »Es gibt in diesem Land mehr Araber als Juden und Tscherkessen zusammen. Das bedeutet Krieg. Wir sollten besser mit dem Scheich verhandeln. Das ist vernünftiger.«
»Du bist nicht nur mutig, Magellan-Beg, sondern auch weise«, sprach der Tscherkesse und legte sich die Hand auf die Brust.
Und die beiden Männer verbeugten sich ehrerbietig voreinander. Die Frau hatten sie schon wieder vergessen.
Frauengespräche
Dann begaben sich alle zusammen auf den Feldzug gegen Jussuf-Beg: vorneweg die Tscherkessen auf ihren Pferden, die Juden hinterher. Um Eindruck auf ihre Verbündeten zu machen, bildeten die Kommunarden eine Kolonne, legten die Gewehre über die Schultern und gaben sich Mühe, im Gleichschritt zu marschieren.
Staubumwallt zog das vereinigte Heer die Straße hinab ins Tal. Die tscherkessischen Frauen schauten ihnen nach. Sie riefen nicht, sie winkten nicht – offenbar war das nicht so üblich.
Der Beg hatte zu Polina Andrejewna gesagt, sie sei frei und könne gehen, wohin der Wind sie trüge, aber dorthin wollte sie gar nicht mehr. Sie hatte einen günstigen Moment abgepasst und mit Magellan unter vier Augen gesprochen. Sie klagte, nach dem, was sie gerade erlebt habe, fürchte sie sich, ohne Schutz weiterzureisen, und bat, in der Kommune übernachten zu dürfen.
Er gab großmütig seine Erlaubnis und sagte wieder: »Wo habe ich Sie bloß gesehen? Ich bin sicher, es war in Russland, aber wo genau?«
Pelagia hielt es für ratsam zu schweigen, und er selber hatte jetzt nicht die Zeit, in seinem Gedächtnis herumzukramen.
Bis zum Mittag blieb sie noch in dem Aul und wartete, dass das Eigentum der Kommunarden aus der Stadt El-Ledjun ankam. Das Mädchen mit Namen Malke, mit dem die Nonne damals auf dem Dampfer einige Worte gewechselt hatte, nahm die Beute in Empfang.
Eine Frau ist eine Frau – Malke erkannte Pelagia sofort, trotz ihrer weltlichen Kleidung und der Sommersprossen. Sie erkannte sie und freute sich, als hätte sie eine alte Freundin wiedergetroffen. Das Erscheinen der Nonne in der Jesreelebe-ne erweckte bei dem lebenslustigen Dickerchen nicht den geringsten Verdacht.
Sie duzte Polina Andrejewna ohne Umschweife und begann, ihr eine Menge Einzelheiten über sich und die Kommune und was sie sonst so über die Welt dachte, mitzuteilen. Ab und zu fragte sie auch mal was, aber meistens antwortete sie sich gleich selber.
Zum Beispiel fragte sie:
»Wie kommst du eigentlich hierher? Ach ja, du warst ja mit uns auf dem Dampfer. Du bist als Pilgerin unterwegs, stimmt’s? Und die Kutte hast du bestimmt ausgezogen, weil es so warm darunter ist? Klar, in einem Seidenkleid ist es ja auch viel angenehmer bei der Hitze. Wahrscheinlich bist du keine Nonne, sondern eine Novizin, stimmt’s?«
Pelagia brauchte nur zu nicken.
Erst als die Sonne schon in der westlichen Himmelshälfte stand, machten sie sich auf den Weg nach »Neu-Megiddo«.
Malke spannte das zurückeroberte Pferd vor einen tscherkessischen Wagen, die beiden Kühe band sie hinten an. Die Egge und die lädierte, aber ungeöffnete Eisenkiste legte sie auf die Ladefläche, obendrauf die Säcke mit dem Saatgut, dann setzten sich die beiden Frauen nebeneinander auf den Bock, und los ging’s.
Salach rumpelte mit seinem Hantur hinter ihnen her und sang aus voller Kehle alle möglichen disharmonischen Lieder. Er war glücklich, sein Gespann ohne Lösegeld wiederbekommen zu haben.
Polina Andrejewna schaute begeistert zu, wie geschickt ihre neue Freundin das schwer beladene Fuhrwerk lenkte: Malke saß im Türkensitz da (ihre braun gebrannten Knie sahen aus wie zwei knusprig gebratene Ferkel), das Gewehr quer über die Schulter gehängt, und ließ die Peitsche knallen. Dabei stand ihr Mund keine Minute still.
Das Gespräch war leicht und unbeschwert, wie zwischen zwei jungen Mädchen.
»Pola, ich kann überhaupt nicht begreifen, warum du Nonne werden willst! Wenn du so eine hässliche Vogelscheuche wärst, aber du bist eine richtige Schönheit, wirklich. Du bist bestimmt unglücklich verliebt, stimmt’s? Aber trotzdem, selbst dann darf man sich nicht in einem Kloster einsperren! Ein Kloster ist so eine winzige, enge Welt, und die große, weite Welt ist doch so interessant! Das ist ja, als wäre ich in meinem Borissowo geblieben, da wäre ich alt und grau geworden und hätte nie erfahren, wie ich wirklich bin. Früher dachte ich immer, ich sei furchtbar feige, aber weißt du, wie mutig ich in Wirklichkeit bin? Du denkst vielleicht, Magellan hat mich nicht in das arabische Dorf mitgenommen, weil ich eine Frau bin? Von wegen! Wenn es dort ein Gefecht gäbe, dann wäre ich auf jeden Fall mitgegangen. Er hat zu mir gesagt, Malli, meine Kleine, du bist die Gescheiteste von allen, das kann ich nur dir anvertrauen. – So nennt er mich manchmal, nicht Malke, sondern Malli, oder meine Kleine. – Bring alles heil nach Hause, hat er gesagt, und pass auf, dass diese beiden Tolpatsche, der Kolloseum und der Schlomo – sie sind wirklich ein bisschen langsam im Kopf –, mein Pferd erst herumführen, bevor sie ihm Wasser geben. Und sie sollen das Saatgut zum Trocknen auslegen, weil es feucht geworden ist vom Nachttau.«
Obwohl Pelagia sich ein wenig schämte, die Offenheit dieses netten Mädchens auszunutzen, ergriff sie trotzdem die erste Gelegenheit (als Malke gerade erzählte, wie abgeschieden die Kommune dort in ihrem Tal lebte), spielte die Unwissende und fragte: »Kommen denn nicht manchmal Fremde zu euch zu Besuch?«
»Selten. Die Rothschild-Juden halten uns für verrückte Gottlose. Zu den Arabern haben wir auch ein sehr schlechtes Verhältnis. Und wie es mit den Tscherkessen steht, hast du ja selbst gesehen.«
»Aber vielleicht irgendwelche Wanderer oder Pilger? Man hat mir erzählt, Palästina sei voll von Wanderpredigern«, hakte die Nonne nach, nicht allzu geschickt auf das gewünschte Thema überlenkend.
Malke lachte hell auf.
»Ach, so einer ist mal bei uns vorbeigekommen! So ein Prophet. Der war vielleicht ulkig. Er kam übrigens aus Russland. Erinnerst du dich noch an diesen Manuila, der auf dem Dampfer umgebracht wurde? Das heißt, das war er gar nicht, wie sich dann herausstellte, sondern jemand ganz anderes! Das erzähle ich dir später. Jedenfalls, dieser Manuila hat sich dann Immanuel genannt, als er ins Heilige Land kam, weil‘s besser klingt.«
Und sie lachte wieder.
Wenn sie lachte, konnte das ja nur bedeuten, dass ihm nichts Schlimmes zugestoßen war. Pelagia fiel ein Stein vom Herzen.
»Und ist es schon lange her, dass er bei euch war?«
Das Mädchen zählte schnell an seinen kurzen Fingern ab und sagte:
»Vor sieben, nein, vor acht Tagen. Ach ja, das war in der Nacht, als sie Polkan erschlagen haben.« Vollkommen übergangslos schluchzte sie auf, zog die Nase hoch und lachte schon wieder. »Er ist auch für Erez Jissrael gestorben, der Polkan.«
»Für wen?«
»Für den Staat Israel. Polkan, das war nämlich unser Hund. Er ist uns in Jaffa zugelaufen. So was Kluges, sag ich dir, und so mutig, wie ein richtiger Regimentshund, deswegen haben wir ihn auch Polkan genannt. Der hat so gut aufgepasst in der Nacht, dass wir gar keinen Posten aufzustellen brauchten. Wenn man den draußen am Tor angebunden hat, traute sich keiner mehr heran. So ein schwarz-gelber war das, ganz zottig, und auf einem Bein hat er gehinkt, und an der Seite . . .«
»Und was war mit diesem Propheten?«, unterbrach sie Polina Andrejewna, die sich für das Porträt des verblichenen Polkan nicht allzu sehr interessierte. »Wie kam er denn zu euch?«
»Er hat eines Abends einfach an die Tür geklopft. Wir waren gerade fertig mit der Arbeit, saßen zusammen und sangen. Wir machen das Tor auf, da steht so ein bärtiger Onkel, in Bastschuhen und mit einem Stock in der Hand. Steht da und krault Polkan hinter dem Ohr, und der wedelt mit dem Schwanz und hat nicht einmal kurz Waff gemacht. Wir konnten’s gar nicht fassen. Wahrscheinlich hat der Prophet ihn zu seinem Glauben bekehrt«, lachte Malke. »Guten Tag, gute Leute, sagt er. Wie schön Sie da singen. Sind Sie etwa Russen? Und wir: Wer bist du denn? Bist du nicht einer von den ›Findelkindern‹ des Propheten Manuila? (Er hatte nämlich auch so einen Kittel mit einem blauen Streifen an, wie ihn die Findelkinder alle tragen.) Da sagt er: Ich bin Immanuel selbst. Ich ziehe durchs Land und schaue mir alles an, in Judäa war ich und in Samaria, und jetzt gehe ich nach Galiläa. Kann ich über Nacht bei euch bleiben? Na ja, klar konnte er. Dann hab ich ihn gefragt: Sag mal, wie geht denn das? Du bist doch auf dem Dampfer ermordet worden. Bist du wieder auferstanden, oder was? Und er antwortet: Nicht ich wurde ermordet, sondern einer meiner Scheluchin.«