Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Seine Mutter verwandelte sich von einem Augenblick zum anderen in eine umsichtige Hausfrau. »Frisches Wasser steht täglich für dich bereit. Geh nur! Ich sage derweil Elmira Bescheid, dass sie dir einen Imbiss machen soll.«
Sie strich ihrem Sohn wie einem kleinen Jungen über die Haare und verschwand dann in der Küche. Don Manuel öffnete den Mund, als wollte er noch etwas zu Orlando sagen, forderte stattdessen jedoch Alisio auf, ihn zu seinem Sessel zurückzubringen. Orlando wollte dem alten Diener helfen, wich aber vor dessen beleidigtem Blick zurück. Don Manuel zu versorgen war eine Aufgabe, die Alisio sich von niemandem abnehmen ließ.
Orlando stieg über zwei schmale, steile Treppen bis ins Dachgeschoss. Zum größten Teil diente es als Speicher für wertvolle und nicht allzu schwere Waren, die man nicht im Erdgeschoss lagern wollte, da man dort nicht sicher vor Dieben war. Er ging an den Arbeitern vorbei, die unter der Aufsicht eines Hausknechts gerade einen Stapel Tuchballen umschichteten, um mehr Platz zu gewinnen, und warf noch einen Blick auf den Kanal. Dann wandte er sich dem hinteren Teil des Dachbodens zu, auf dem sich die Truhen mit Leinen, Winterkleidung und anderen privaten Gütern stapelten. Sie verbargen die Tür zu einer Kammer, in der die Mägde des Vorbesitzers geschlafen hatten.
Der Raum war nicht besonders groß, und man sah ihm an, dass Orlando sich nicht häufig hier aufhielt. Das ganze Mobiliar bestand aus einem bequemen Bett, einem kleinen Tisch, einem Stuhl, dem Ständer für Krug und Waschschüssel, einem Bord an der Wand und einer Truhe für seine Kleidung. Auf dem Bord lagen fein säuberlich zusammengerollt mehrere Landkarten, flankiert von einem Tintenfass, einem Gestell mit frischen Schreibfedern und ein Stoß Papier, das so weiß in der Sonne schimmerte, als hätte seine Mutter Alisio eben erst damit beauftragt, es ihrem Sohn hinaufzubringen.
Orlando hätte statt dieser Dachkammer auch ein größeres Zimmer im Wohntrakt wählen können. Doch da das Haus zum Fischkopf höher war als die umliegenden Gebäude, hatte er von hier oben einen wunderbaren Ausblick auf den Hafen und die Schiffe, die an den Elbkais vertäut lagen. Auch jetzt ging er zuerst zum Fenster und blickte hinaus. Im Sommer herrschte reger Betrieb auf dem Fluss. Neben dickbäuchigen Koggen gab es holländische Kuffs und englische Segler, die Waren aus aller Herren Länder brachten und auf neue Ladung warteten, die von großen, plumpen Elbkähnen in Form von Getreide, Bier und Vieh aus dem Hinterland in die Stadt geschafft wurde. Die Kähne übernahmen ihrerseits die Waren aus Übersee und wurden dann flussaufwärts getreidelt.
Der Anblick einer Nao unter den portugiesischen Farben erinnerte Orlando an seinen Onkel. Seiner Erfahrung nach schwebte Rodrigo Varjentes de Baramosta tatsächlich in Lebensgefahr, denn selbst wenn er versuchte, sich freizukaufen, würde man ihn nur laufen lassen, wenn er den letzten Maravedi hergegeben hatte, um ihn dann nach einigen Tagen oder Wochen wieder gefangen zu setzen und der Folter zu unterwerfen. Ganz gleich, was sein Onkel tat, er war verloren.
Gleichzeitig war er der gleichen Meinung wie sein Vater. Die Tatsache, dass man Rodrigo aus Sevilla hatte fliehen lassen, ließ keine andere Erklärung zu, als dass man einen gewissen Orlando Terasa endlich in die Hände bekommen wollte. Aber er würde ihnen nicht den Gefallen tun und in die Falle gehen, die man mit Sicherheit für ihn gelegt hatte. Andererseits durfte er auch nicht die Hände in den Schoß legen, denn dann würde er bis ans Ende seiner Tage den Vorwurf in den Augen seiner Mutter sehen, am Tod ihres Bruders mitschuldig geworden zu sein. Lange überlegte er, welche seiner spanischen Freunde und Gewährsleute in der Lage waren, Rodrigo und seine Gruppe aus dem Konvent zu schaffen und an die Küste zu bringen, wo ein Schiff sie aufnehmen konnte. Doch solange er auch grübelte, er kannte niemanden, der bereit war, sich für seinen Onkel in Lebensgefahr zu begeben.
Es musste jemand sein, der die Flucht planen und vorbereiten konnte, ohne dass die Inquisitoren Verdacht schöpften. Freunde, die ihm oder einem Boten von ihm für ein, zwei Tage Unterschlupf gewährten, Nachrichten weiterreichten oder mit Geld und Pferden aushalfen, besaß er genug. Aber einen Mann zu finden, der mutig, nein, verrückt genug war, der Inquisition ihr Opfer unter der Nase wegzuschnappen, war schier unmöglich. Wenn er Rodrigo helfen wollte, musste er es selbst tun, aber wenn er nach Spanien ging, konnten die Aufregung und die Angst um ihn seinen Vater das Leben kosten. Orlando ging all die Namen und Gesichter jener durch, die er gerettet und denen er eine neue Heimat verschafft hatte. Er musste jemanden finden, der gleichzeitig draufgängerisch und besonnen war, jemand, dem es zur zweiten Natur geworden war, seine Umwelt zu täuschen.
Ein Mann wie Samuel Goldstaub. Ja, Lea würde er es zutrauen, Sand in die ewig misstrauischen Augen der spanischen Inquisitoren zu streuen.
Schnell schüttelte er diesen Gedanken ab. Natürlich durfte er Lea keiner solchen Gefahr aussetzen, selbst wenn sie, was unwahrscheinlich war, diesem halsbrecherischen Unternehmen zustimmen würde. So nahm er ein Blatt Papier und schrieb die Namen aller in Frage kommenden Männer auf und ging die Liste dann sorgfältig durch. Als er mehr als zwei Drittel von ihnen wieder ausgestrichen hatte, spürte er, wie die Verzweiflung seinen Geist wie ein schwarzes Tuch einhüllte.
Fünfter Teil.
Spanien
1.
Lea starrte Roland Fischkopf fassungslos an. Diesen Vorschlag konnte er nicht ernst gemeint haben. Aber sein flehender Blick und seine angespannte Miene verrieten ihr, dass seine Frage kein schlechter Witz gewesen war. So gab es nur eine andere Erklärung: Der Mann musste verrückt geworden sein!
Sie hatte sich schon gewundert, als ein Bote bei ihr erschienen war, um ihr mitzuteilen, dass Roland Fischkopf an der Grenze der Hartenburger Markgrafschaft in einer Kutsche auf sie wartete. Sein Auftauchen war ihr gerade recht gekommen, denn sie hatte weder eine Nachricht erhalten, wie das flandrische Weinmonopol sich entwickelte, noch wusste sie, ob Fischkopfs Gewährsleute Peter Pfeiffer als ihren Beauftragten akzeptiert hatten. Aus diesem Grund hatte sie sich wieder in Samuel verwandelt und war dem Boten gefolgt.
Jetzt saß sie in einer engen, schmalen Kutsche, die nur wenig Ähnlichkeit mit dem großen, bequemen Reisewagen hatte, den der Herzog von Burgund benutzte, sondern auf Schnelligkeit getrimmt war. Die vier angespannten Pferde waren so temperamentvoll, dass sie keinen Augenblick ruhig standen und der Kutscher und sein Knecht alle Mühe hatten, sie zu bändigen.
Lea musterte ihr Gegenüber, um Spuren beginnenden Wahnsinns zu entdecken, aber der Handelsagent wirkte nur müde und abgespannt wie nach zu vielen durchwachten Nächten.
»Könntet Ihr noch einmal wiederholen, was Ihr da eben gesagt habt, Herr Fischkopf?«
»Ich bitte dich, an meiner Stelle nach Kastilien zu reisen - und zwar als Christ verkleidet.« Orlandos Stimme klang schroff, doch sein Unmut galt nicht Lea, sondern sich selbst. Er verachtete sich, weil er keine andere Lösung gefunden hatte, als einer jungen Frau etwas zuzumuten, für das nur er allein sich in Gefahr hätte begeben dürfen.