Ein Feuer auf der Tiefe [A Fire upon the Deep - de]
- Автор: Виндж Вернор (Вернон) Стефан
- Серия: Qeng Ho (de) #1
- Год: 1995
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-88125-7
- Переводчик: Erik Simon
- Жанр: Космическая фантастика
Электронная книга - «Ein Feuer auf der Tiefe [A Fire upon the Deep - de]». Краткое содержание книги:
›Ein Feuer auf der Tiefe‹ wurde mit dem Hugo Gernsback Award als bester Roman des Jahres ausgezeichnet.
Sie ging die gepflasterte Gasse zwischen den Lagerhäusern der Burg entlang. Der Wagen war außer Sicht, doch sie hörte weiter vorn sein Klappern. Feilonius’ Sicherheitsrudel liefen in beiden Richtungen an ihr vorbei und hielten kurz in Seitennischen an, um die Entgegenkommenden vorbeizulassen. Niemand antwortete auf ihre Fragen — wahrscheinlich sprach überhaupt niemand von ihnen Samnorsk.
Beinahe hätte sich Johanna verlaufen. Sie konnte den Wagen hören, doch er war irgendwo umgekehrt. Hinter sich hörte sie ihn wieder. Sie brachten Holzschnitzerin ins Johannas Hütte! Sie ging zurück und wenige Minuten später den Weg zu dem einstöckigen Gebäude hinauf, das sie die letzten Wochen mit Holzschnitzerin geteilt hatte. Sie war zu fertig, als dass sie noch rennen konnte. Langsam ging sie den Hang hinan, sich ihres nassen und schmutzigen Zustandes vage bewusst. Der Wagen hatte etwa fünf Meter vor der Tür angehalten. Wachrudel hatten sich über den Hügel verteilt, ihre Armbrüste aber nicht gespannt.
Das nachmittägliche Sonnenlicht fand eine Lücke zwischen den Wolken im Westen und schien für einen Moment auf das feuchte Heidekraut und die glänzenden Holzwände, ließ sie hell vom dunklen Himmel über den Anhöhen abstechen. Es war eine Kombination von Licht und Dunkelheit, die Johanna immer besonders schön gefunden hatte. Bitte lass sie gesund sein.
Die Wachen ließen sie vorbei. Wanderer Wickwracknarb stand am Eingang, und drei von ihm sahen zu, wie sie näher kam. Der vierte, Narbenhintern, hatte seinen langen Hals durch die Türöffnung gesteckt und beobachtete, was immer drinnen geschehen mochte. »Sie wollte wieder hier sein, wenn es geschieht«, sagte er.
»W-was geschieht?«, fragte Johanna.
Pilger machte das Gegenstück eines Achselzuckens. »Es war der Schock der losgehenden Kanone. Aber alles Mögliche hätte dasselbe bewirken können.« Etwas war seltsam an der Art, wie seine Köpfe auf und ab wogten. Erschüttert begriff Johanna, dass das Rudel vergnügt lächelte.
»Ich will sie sehen!« Narbenhintern wich hastig zurück, als sie auf die Tür zu ging.
Drinnen gab es nur das Licht von der Tür und den hohen Fensterschlitzen. Es dauerte eine Sekunde, bis sich Johannas Augen eingewöhnt hatten. Etwas roch… nass. Holzschnitzerin lag im Kreis auf der gefütterten Matratze, die sie allabendlich benutzte. Johanna ging durch den Raum und kniete sich neben das Rudel. Das Rudel wich nervös vor ihrer Berührung zurück. In der Mitte der Matratze war Blut und etwas, das aussah wie ein Haufen Eingeweide. Johanna fühlte den Drang, sich zu übergeben. »Holzschnitzerin?«, sagte sie ganz leise.
Eins von der Königin kam wieder auf Johanna zu und legte die Schnauze in die Hand des Mädchens. »Hallo, Johanna. Es ist… so seltsam…, zu so einer Zeit jemanden bei sich zu haben.«
»Du blutest. Was ist passiert?«
Leises, menschlich klingendes Lachen. »Ich bin verletzt, aber es ist gut… Schau her.« Das Blinde hielt etwas Kleines und Nasses zwischen den Kiefern. Eins von den anderen leckte daran. Was immer es sein mochte, es zappelte, lebte. Und Johanna fiel wieder ein, wie sonderbar plump und unbeholfen Holzschnitzerin geworden war.
»Ein Baby?«
»Ja. Und in ein, zwei Tagen kriege ich noch eins.«
Johanna setzte sich auf die Holzdielen und schlug die Hände vors Gesicht. Gleich würde sie wieder zu weinen anfangen. »Warum hast du mir nichts gesagt?«
Holzschnitzerin schwieg eine Weile. Sie leckte das Kleine ringsum ab, dann setzte sie es an den Bauch des Gliedes, das die Mutter sein musste. Das Neugeborene schmiegte sich an, stukte die Nase in das Fell am Bauch. Es gab keinerlei Laute von sich, die Johanna hören konnte. Schließlich sagte die Königin: »Ich… ich weiß nicht, ob du das verstehen wirst. Das ist sehr schwer für mich gewesen.«
»Kinder zu kriegen?« Johannas Hände waren klebrig vom Blut auf der Matte. Natürlich war es schwer gewesen, aber so muss auf einer Welt wie dieser ja jedes Leben beginnen. Es war ein Schmerz, der des Beistandes von Freunden bedurfte, ein Schmerz, der zur Freude führte.
»Nein. Es ist nicht das Kinderkriegen. Ich habe mehr als hundert geboren, soweit ich zurückdenken kann. Aber diese beiden… sind mein Ende. Wie sollst du das verstehen? Ihr Menschen habt nicht einmal die Wahl, ob ihr weiterleben wollt; eure Nachkommen können niemals ihr selbst sein. Für mich aber bedeutet es das Ende einer Seele, die sechshundert Jahre alt ist. Weißt du, ich habe vor, diese beiden als Teil von mir zu behalten — und zum ersten Mal in all den Jahrhunderten bin ich nicht sowohl Mutter als auch Vater. Eine Neukunft werde ich sein.«
Johanna schaute auf das Blinde und den Sabberer. Sechshundert Jahre Inzucht. Wie lange hätte Holzschnitzerin so weitermachen können, bevor der Verstand selbst verfiel? Nicht sowohl Mutter als auch Vater.
»Aber wer ist dann der Vater?«, platzte sie heraus.
»Was meinst du wohl?« Die Stimme kam von unmittelbar hinter der Tür. Einer von Wanderer Wickwracknarbs Köpfen lugte gerade weit genug um die Ecke, dass ein Auge zu sehen war. »Wenn Holzschnitzerin einen Entschluss fasst, tut sie es gründlich. Sie ist die am sorgsamsten beisammengehaltene Seele aller Zeiten gewesen. Doch nun hat sie Blut — Gene, würde das Datio sagen — von Rudeln aus aller Welt, von einem der bröckligsten Pilger, der je seine Seele in den Wind verstreut hat.«
»Und von einem der klügsten«, sagte Holzschnitzerin mit Ironie und Schwermut zugleich in der Stimme. »Die neue Seele wird mindestens so intelligent wie vorher sein, und wahrscheinlich viel flexibler.«
»Und ich bin selber ein bisschen schwanger«, sagte Pilger. »Aber ich bin überhaupt nicht traurig. Ich bin schon zu lange ein Viersam gewesen. Stell dir vor, Welpen von Holzschnitzerin selbst zu haben! Vielleicht werde ich ganz konservativ und sesshaft.«
»Ha! Nicht einmal zwei von mir reichen aus, um deine Pilgerseele zu bremsen.«
Johanna hörte dem Wortgeplänkel zu. Die Gedanken waren so fremdartig, und dennoch wirkten die Obertöne von Zuneigung und Humor vertraut. Als Johanna gerade erst fünf gewesen war und Mutti und Vati den kleinen Jefri nach Hause gebracht hatten… Johanna konnte sich nicht an die Worte erinnern, nicht einmal an den Inhalt dessen, was sie gesagt hatten — der Ton aber war derselbe wie zwischen Holzschnitzerin und Pilger.
Johanna ließ sich in eine sitzende Haltung zurücksinken, und die Anspannung des Tages löste sich. Scrupilos Artillerie funktionierte wirklich; es bestand eine Chance, das Schiff zu bekommen. Und selbst wenn es misslang — ein klein wenig fühlte sie sich, als sei sie wieder daheim.
»Darf ich… darf ich dein Junges streicheln?«
FÜNFUNDZWANZIG
Die Reise der Aus der Reihe II hatte in einer Katastrophe begonnen, wo ein paar Minuten oder Stunden über Leben und Tod entschieden. In den ersten Wochen hatte es Entsetzen und Einsamkeit und Phams Wiederbelebung gegeben. Die ADR war schnell zur Galaxisebene hin abgestiegen, fort von Relais. Tag für Tag kippte der Sternenwirbel nach oben, ihnen entgegen, bis er ein einziges Lichtband war, die Milchstraße aus der Perspektive der Nyjora und der Alten Erde — und der meisten bewohnbaren Planeten der Galaxis.
Zwanzigtausend Lichtjahre in drei Wochen. Aber da hatte der Weg durchs Mittlere Jenseits geführt. Jetzt, in der Galaxisebene, waren sie noch etliche tausend Lichtjahre von ihrem Ziel am Grunde des Jenseits entfernt. Die Grenzflächen der Zonen folgten annähernd den Flächen gleicher mittlerer Dichte; in galaktischem Maßstab war der Grund eine unscharf linsenförmige Fläche, die einen großen Teil der Galaxisscheibe umschloss. Die ADR flog jetzt in der Ebene der Scheibe, mehr oder weniger auf das Zentrum der Galaxis zu. Jede Woche brachte sie näher an das Langsam heran. Schlimmer, ihre Route samt allen Varianten, die überhaupt ein Vorankommen versprachen, führte mitten durch ein Gebiet massiver Zonenverschiebungen. Die Netznachrichten hatten es den Großen Zonensturm genannt, obwohl es natürlich nicht die geringsten physikalischen Anzeichen von Turbulenzen innerhalb des Gebiets gab. Doch an manchen Tagen legten sie weniger als achtzig Prozent vom erwarteten Wert zurück.