Der Arzt von Stalingrad
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочее научное
Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:
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FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
In dieser Stunde geschah es, daß Dr. Kresin laut rufend durch das Lazarett lief und die Kasalinsskaja aus dem Bett jagte, wo sie ihren Mittagsschlaf hielt. Auch Major Worotilow rannte über den verschneiten Appellplatz und stürmte in die Krankenbaracke.
Im Zimmer Janina Saljas standen die beiden Schwestern Erna Bord-ner und Ingeborg Waiden am Bett des Mädchens und bemühten sich um sie mit einem Sauerstoffapparat. Dr. Schultheiß machte alles bereit für eine Magenspülung, während Dr. Kresin keuchend zurückkam und eine Spritze mit Traubenzucker und Strophanthin aufzog.
»Wie ist das nur möglich?!« schrie er immer wieder. »Janina. Täubchen . was machst du für Dummheiten.«
Er streichelte ihre blassen Wangen und hob die Lider von den eingesunkenen Augen. »Sie ist ja schon tot!« schrie er auf. Dr. Schultheiß fuhr herum und ließ den Magenschlauch fallen. Er stürzte an das Bett und setzte zitternd das Stethoskop an.
»Das Herz schlägt noch ... ganz schwach. Geben Sie sofort die Injektion.«
Dr. Kresin spritzte intravenös das Strophanthin. Der kleine, schmale Körper Janinas bäumte sich auf.. Die Brust begann sich zu heben. Das Herz schlug hörbar gegen die Brustwand. Major Worotilow saß starr und gelbweiß in der Ecke am Fenster und stierte in das blasse Gesicht des Mädchens.
»Was ist denn?« fragte er immer wieder. »Was ist denn? Was hat sie denn getan?«
»Vergiftet!« Dr. Kresin ließ sich auf die Bettkante fallen. »Zwanzig Schlaftabletten! Das hält sie nicht aus! Und sie war sowieso so schwach!« Er schlug Dr. Schultheiß den Magenschlauch aus der Hand, als er sich über Janina beugen wollte. »Quälen Sie doch mein Täubchen nicht noch!« brüllte er. »Gehen Sie weg mit dem dummen Schlauch! Als ob sie damit zu retten wäre.«
»Auspumpen ist das einzige Mittel!« Dr. Schultheiß warf verzweifelt beide Hände vor das Gesicht. »Wenn man bloß wüßte, wann sie die Tabletten genommen hat!«
»Schon vor Stunden!« Ingeborg Waiden begann zu schluchzen. »Wenn ich nicht zufällig ins Zimmer gesehen hätte, würde es keiner gemerkt haben. Sie war ja immer so still . so bescheiden.«
Major Worotilow sprang auf. Er rannte hin und her. Sein mächtiger Körper war nach vorn gebeugt. »Aber warum? Warum?« murmelte er immer wieder.
Man sah auf den Boden und schwieg. Jeder wußte es ... aber keiner wagte es auszusprechen. Kresin hatte den Weinkrampf miterlebt, als Janina erfuhr, daß Dr. Schultheiß auf der Entlassungsliste stand. Er hatte sie eine ganze Nacht lang getröstet und ihr zugesprochen, er hatte ihr das Leben an der Wolga geschildert, das weiterging, auch wenn der deutsche Arzt mit den blonden Haaren nicht mehr bei ihnen war, er hatte von der Steppe erzählt, von den Wäldern und den weißen Häusern am Sandstrand der Krim. Und Janina hatte stumm zugehört und geweint. Er hatte sie verlassen in der Hoffnung, in ihr den Mut zum Leben erhalten zu haben.
Und nun dies!
»Wenn Dr. Böhler doch hier wäre.«, sagte Worotilow leise.
»Er kann auch nicht helfen!« Die Kasalinsskaja fühlte den Puls. »Kaum noch tastbar. Sie schläft ein ... ganz sanft ... so sanft, wie ihr Leben war.«
Worotilow drehte sich zum Fenster um. Seine Schultern zuckten. Dr. Schultheiß setzte sich an das Bett und nahm die weißen, schlaffen Hände Janinas. Er streichelte sie . die Finger entlang, über die kleinen, blauen Adern, die durch die fahle Haut schimmerten, zum Gelenk hin und wieder zurück. Er war schuldig an diesem Sterben. Er wußte, daß der Tod Janinas immer auf seiner Seele liegen würde.
Dr. Kresin saß auf einem Stuhl am Fußende des Bettes und beobachtete das Gesicht des Mädchens. Die Kasalinsskaja stand am Kopfende und ging in Gedanken alle Medikamente durch, die sie gegen Schlafmittelvergiftung kannte. Es war nur eine kurze Liste, denn der Tod kommt in Rußland in anderer Gestalt als in der von zwanzig kleinen, weißen Pillen. Und man lehrt nur das in Rußland, was man braucht. Schlafmittel sind ein Privileg der dekadenten westlichen Welt, aber nicht des blutfrischen, erst erwachenden Rußland.
Der Puls wurde schwächer. Tiefe Ringe zeigten sich unter den Augen. Der Körper verfiel in rasender Eile. Worotilow stand noch immer mit dem Rücken zum Bett und schluchzte. Dr. Kresins Hand glitt tastend über die Bettdecke.
»Janinaschka«, flüsterte er. »Verlaß uns doch nicht. Mein silbernes Täubchen . warum willst du die Wolga nicht mehr sehen. Bleib doch, bleib doch, Muscha.« Er sah wie ein russischer Bauer aus, grobschlächtig, bärenstark, kindlich im Gemüt und mit Tränen im Bart.
Eine Stunde später starb Janina Salja. Still schlief sie hinüber in eine reinere Welt, das Herz setzte einfach aus, als habe man an einem Schalter gedreht, der das Lebenslicht löscht. Sie zitterte noch einmal mit den Lidern, dann seufzte sie leise . kaum vernehmbar . dann lag sie still und weiß in den Kissen. Ihre Züge verloren die innere Verkrampfung . schön wie nie im Leben war sie im Tod . die verklärte himmlische Schönheit des erlösten Leibes.
Dr. Kresin faltete die Hände und betete leise. Auch die beiden deutschen Schwestern und Dr. Schultheiß beteten. Major Worotilow verließ das Zimmer ... man sah ihn über den Platz zur Kommandantur gehen, langsam, schleppend, als trüge er eine Zentnerlast . er hielt den Kopf gesenkt und beachtete nicht die Wachtposten, die ihn grüßten, und Leutnant Markow, der auf ihn zutrat und ihm eine Meldung machte. Er ließ den Erstaunten einfach stehen und ging langsam weiter wie ein Nachtwandler.
Die Kasalinsskaja deckte Janina bis zum Hals zu und schob mit der Hand die ein wenig geöffneten Lider ganz herab. Von einem Blumentopf riß sie einige Blüten ab - es war eine kleine, armselige Primel, die in Sellnows Zimmer gestanden hatte - und steckte die Blüten zwischen die Finger des Mädchens.
Dr. Kresin blickte auf und sah sich wie erwachend im Zimmer um.
»Ich lasse mich versetzen«, sagte er dumpf. »Ich kann hier nicht mehr bleiben. Ich will kein Gefangenenlager mehr sehen! Keinen Plenni, keinen Zaun, keine Soldaten - und keinen deutschen Arzt mehr! Ich gehe nach Süden, an das Schwarze Meer. Ich will auch die Wolga nicht mehr sehen . nie, nie mehr!«
Er erhob sich und zog Dr. Schultheiß mit sich empor.
»Du bist der einzige Mensch gewesen, Jens«, sagte er langsam, während ihm die Tränen aus den Augen rannen und über seine dicken Backen rollten, »den Janina wirklich geliebt hat. Mit dieser Liebe ist sie gestorben . verdammt sollst du sein, wenn du mein Täubchen jemals vergißt.«
»Ich werde sie nie vergessen, Dr. Kresin.« Jens schüttelte müde den Kopf. »Ich habe sie sehr geliebt.«
Dr. Kresin legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wäre ich kein Russe, ginge ich mit dir nach Deutschland. Aber ich bin ein Russe ... und ich muß bei Mütterchen leben, denn was würde aus ihr, wenn wir sie alle verließen? Wirst du mir schreiben aus Deutschland?«
»Ja, Dr. Kresin.«
Die Kasalinsskaja räusperte sich. »Sie war eine Bolschewikin«, sagte sie leise. »Aber sie war immer gläubig. Sollen wir nicht den Pfarrer holen, Genossen, damit er sie segnet?«
Und Dr. Kresin nickte.
Professor Taij Pawlowitsch stand zitternd vor Dr. Böhler. Der Oberarzt, der junge Armenier, vier andere Ärzte und sieben Schwestern füllten das enge Zimmer. In dem Bett lag bleich und starr Sascha Kislew.
»Sie haben ihn getötet!« schrie der kleine Asiate in gut gespielter
Erregung. »Sie haben einen Genossen gemordet!«
Dr. Böhler sah den Professor ruhig an. Er wandte sich zu dem Toten um, und ein Blick des Mitleids glitt über die langgestreckte Gestalt.
»Er ist bereits seit sieben Stunden tot«, sagte er mit fester Stimme. »Das wissen Sie genau.«
»Ich habe ihn vor einer Viertelstunde lebend verlassen!« schrie Taij Pawlowitsch. »Der Oberarzt war Zeuge! Lebte er noch, Genosse Ija-new?«
Der Oberarzt würgte. Er sah an Dr. Böhler vorbei und nickte. »Ja«, sagte er leise.