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Die Dämonen
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Seine Wut ging fast bis zu fieberhaftem Irrereden; Nikolai Wsewolodowitsch machte ein finsteres Gesicht und schien vorsichtiger zu werden.

»Wenn ich noch auf eine halbe Stunde hiergeblieben bin,« sagte er ernst und nachdrücklich, »obwohl meine Zeit kostbar ist, so seien Sie überzeugt, daß ich Sie wenigstens mit Interesse anzuhören beabsichtige, und ... und daß ich von Ihnen viel Neues zu hören erwarte.«

Er setzte sich auf einen Stuhl.

»Setzen Sie sich!« schrie Schatow und setzte sich plötzlich selbst hin.

»Gestatten Sie mir aber daran zu erinnern,« bemerkte Stawrogin noch einmal, »daß ich Ihnen eine Bitte in betreff Marja Timofejewnas aussprechen wollte, eine Bitte, die wenigstens für diese von großer Wichtigkeit ist ...«

»Nun?« fragte Schatow finster; er sah aus wie jemand, der an der wichtigsten Stelle unterbrochen worden ist, und der, obgleich er den andern anblickt, die Frage desselben doch noch nicht verstanden hat.

»Und daß Sie mich nicht haben zu Ende reden lassen,« schloß Nikolai Wsewolodowitsch lächelnd.

»Ach was, Unsinn, nachher!« winkte Schatow geringschätzig ab, nachdem er endlich das Verlangen seines Gegenübers begriffen hatte, und ging geradeswegs auf sein Hauptthema los.

VII.

»Wissen Sie wohl,« begann er fast drohend mit funkelnden Augen, indem er sich auf seinem Stuhle nach vorn beugte und den Zeigefinger der rechten Hand vor sich in die Höhe hob (offenbar, ohne es selbst zu bemerken), »wissen Sie wohl, welches Volk jetzt auf der ganzen Welt der einzige ›Träger des wahren Gottesglaubens‹ ist, welches Volk dasjenige ist, das im Namen des neuen Gottes die Welt erneuern und erlösen wird, und dem allein die Quellen des Lebens und des neuen Wortes gegeben sind? ... Wissen Sie wohl, welches Volk das ist, und wie sein Name lautet?«

»Aus Ihrem Gebaren muß ich wohl mit Notwendigkeit und aufs schnellste schließen, das dies das russische Volk ist ...«

»Und Sie lachen schon! O diese Menschensorte!« fuhr Schatow auf ihn los.

»Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie; ich habe im Gegenteil gerade etwas Derartiges erwartet.«

»Sie haben Derartiges erwartet? Und Ihnen selbst ist dieser Satz nicht bekannt?«

»Er ist mir sehr wohl bekannt; ich sehe ganz genau voraus, worauf Sie hinauswollen. Der ganze Gedanke, den Sie da aussprechen, und sogar der Ausdruck ›Träger des wahren Gottesglaubens‹ ist nur der Schluß eines Gespräches, das wir beide vor mehr als zwei Jahren im Auslande führten, nicht lange vor Ihrer Abreise nach Amerika ... Wenigstens soweit ich mich jetzt erinnern kann.«

»Das ist ganz und gar Ihr Gedanke und nicht der meinige. Ihr eigener Gedanke, und nicht etwa nur der Schluß unseres Gespräches. Ein ›von uns beiden geführtes‹ Gespräch hat überhaupt nicht stattgefunden: es war ein Lehrer da, der gewaltige Worte verkündete, und es war ein Schüler da, der in geistigem Sinne von den Toten auferstand. Ich war jener Schüler und Sie der Lehrer.«

»Aber wenn ich mich recht erinnere, so traten Sie gerade nach meinen Worten in jenen Bund ein und fuhren erst dann nach Amerika.«

»Ja, und ich habe Ihnen darüber aus Amerika geschrieben; ich habe Ihnen über all das geschrieben. Ja, ich konnte mich nicht blutend von allem losreißen, womit ich seit meiner Kindheit verwachsen war, von allem, worauf ich voll Entzücken gehofft und worüber ich voll Haß geweint hatte. Es fällt dem Menschen schwer, seine Götter zu wechseln. Ich glaubte Ihnen damals nicht, weil ich Ihnen nicht glauben wollte, und klammerte mich zum letztenmal an diese Mistgrube ... Aber der Same blieb und wuchs. Im Ernst, sagen Sie im Ernst, haben Sie meinen Brief aus Amerika nicht durchgelesen? Vielleicht haben Sie ihn überhaupt nicht gelesen?«

»Ich habe davon drei Seiten gelesen, die beiden ersten und die letzte, und habe außerdem die Mitte flüchtig überblickt. Übrigens hatte ich immer vor ...«

»Ach, es ist ja ganz gleichgültig; weg damit; zum Teufel!« wehrte Schatow ab. »Wenn Sie jetzt von Ihren damaligen Ansichten über dieses Volk zurückgetreten sind, wie konnten Sie sie dann damals so energisch aussprechen? Das ist es, was mich jetzt niederdrückt.«

»Ich habe auch damals nicht mit Ihnen gescherzt; wenn ich Sie zu überzeugen suchte, so mühte ich mich dabei mit mir selbst vielleicht noch mehr ab als mit Ihnen,« antwortete Stawrogin rätselhaft.

»Sie haben nicht gescherzt! In Amerika habe ich drei Monate neben einem Unglücklichen auf Stroh gelegen und von ihm erfahren, daß Sie zu derselben Zeit, wo Sie mir Gott und das Vaterland ins Herz pflanzten, daß Sie zu derselben Zeit, ja vielleicht in denselben Tagen das Herz dieses Unglücklichen, dieser Drahtpuppe, dieses Kirillow vergiftet haben. Sie haben ihn in der Unwahrheit und Lüge bestärkt und seinen Verstand zur Raserei gebracht ... Gehen Sie hin, und sehen Sie ihn sich jetzt an; er ist Ihr Werk ... Übrigens haben Sie ihn ja gesehen.«

»Erstens muß ich Ihnen bemerken, daß Kirillow mir soeben selbst gesagt hat, er sei glücklich und gut. Ihre Annahme, daß dies alles zu derselben Zeit vorgegangen sei, ist ziemlich richtig; aber was folgt daraus? Ich wiederhole: ich habe weder Sie noch ihn getäuscht.«

»Sind Sie Atheist? Sind Sie jetzt Atheist?«

»Ja.«

»Waren Sie es auch damals?«

»Genau ebenso wie jetzt.«

»Ich habe Sie bei Beginn unseres Gespräches nicht um Achtung vor meiner Person gebeten; bei Ihrem Verstande könnten Sie das begreifen,« murmelte Schatow unwillig.

»Ich bin nicht bei Ihren ersten Worten aufgestanden; ich habe das Gespräch nicht abgebrochen; ich bin nicht von Ihnen weggegangen; ich sitze bis jetzt hier und antworte friedlich auf Ihre Fragen und auf Ihr ... Anschreien; also habe ich es Ihnen gegenüber nicht an Achtung fehlen lassen.«

Schatow unterbrach ihn mit einer abwehrenden Handbewegung:

»Erinnern Sie sich an Ihren Ausdruck: ›Ein Atheist kann nicht Russe sein‹, ›Ein Atheist hört sofort auf, Russe zu sein‹? Erinnern Sie sich daran?«

»Ja?« erwiderte Nikolai Wsewolodowitsch in fragendem Tone.

»Sie fragen? Sie haben es vergessen? Und doch war das einer der feinsten Hinweise auf eine der wichtigsten Eigenheiten des russischen Geistes, die Sie richtig erkannt hatten. Das haben Sie nicht vergessen können! Ich will Sie an noch mehr erinnern: Sie sagten damals: ›Wer nicht zur rechtgläubigen Kirche gehört, kann nicht Russe sein‹.«

»Ich meine, das ist ein Gedanke der Slawophilen.«

»Nein, die heutigen Slawophilen lehnen ihn ab. Heute ist das Volk klüger geworden. Aber Sie gingen noch weiter: Sie glaubten, daß der römische Katholizismus kein Christentum mehr sei; Sie behaupteten, Rom habe einen Christus verkündet, der der dritten Versuchung des Teufels erlegen sei, und wenn der Katholizismus der ganzen Welt gepredigt habe, daß Christus ohne ein weltliches Reich auf Erden nicht bestehen könne, so habe er eben damit den Antichrist gepredigt und dadurch die ganze westliche Welt verdorben. Sie wiesen speziell darauf hin, wenn Frankreich unglücklich sei, so sei einzig und allein der Katholizismus daran schuld; denn dieses Land habe den stinkenden römischen Gott verworfen, einen neuen aber nicht gefunden. So haben Sie damals reden können! Ich erinnere mich an alles, was Sie sagten.«

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Главный герой
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