Paganinis Fluch
- Автор: Кеплер Ларс
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Переводчик: Paul Berf
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Paganinis Fluch». Краткое содержание книги:
»Vierunddreißig Töne«, wiederholt Joona.
»Aber wenn wir über Musiker in etwas modernerer Zeit sprechen«, fährt Samuelsson fort, »hat sich der Umfang dem neuen Fingersatz folgend erweitert … und man rechnet fortan damit, das dreigestrichene A zu erreichen und damit eine chromatische Tonleiter mit neununddreißig Tönen zu bekommen.«
»Sprechen Sie weiter«, sagt Joona und sieht, wie Disa vor einer Galerie mit einigen seltsamen, verwischten Bildern stehen bleibt.
»Aber schon seitdem Richard Strauss Berlioz’ Instrumentenlehre von 1904 revidierte, wird das viergestrichene G als höchstmöglicher Ton für einen Orchestergeiger angegeben, was neunundvierzig Tönen entspricht.«
Angesichts von Joonas abwartendem Schweigen lacht Kaj Samuelsson in sich hinein.
»Die obere Grenze ist bei Weitem noch nicht erreicht«, erläutert der Professor. »Außerdem kann man ein ganzes Register von Flageoletttönen und Vierteltönen hinzufügen.«
Sie kommen an einem neu gebauten Wikingerschiff am Schlosskai vorbei und nähern sich dem Park Kungsträdgården.
»Und bei einem Cello?«, unterbricht Joona ungeduldig.
»Achtundfünfzig«, antwortet der Professor.
Disa wirft ihm einen ungeduldigen Blick zu und zeigt auf ein Straßencafé.
»Eigentlich lautet meine Frage, ob Sie sich ein Foto von vier Musikern, zwei Geigen, eine Bratsche und ein Cello, ansehen könnten«, sagt Joona. »Wäre es anhand einer scharfen Fotografie möglich, nur dadurch, dass man die Finger der Musiker, die Saiten und die Instrumentenhälse betrachtet, zu erraten, welches Stück sie spielen?«
Joona hört Kaj Samuelsson im Hörer vor sich hinmurmeln.
»Das ergibt eine Unmenge von Möglichkeiten, Tausende …«
Disa zuckt mit den Schultern und geht weiter, ohne ihn anzusehen.
»Sieben Millionen denkbare Kombinationen«, sagt Kaj Samuelsson nach einer Weile.
»Sieben Millionen«, wiederholt Joona.
Es wird erneut still am Telefon.
»Aber auf meinem Foto«, sagt Joona, »sind die Finger und die Saiten deutlich zu sehen, und man könnte ziemlich leicht viele Möglichkeiten ausschließen.«
»Ich sehe mir das Bild gerne an«, antwortet der Professor. »Aber ich werde die Töne nicht erraten können, das geht nicht und …«
»Aber …«
»Und stellen Sie sich bitte vor, Joona Linna«, fährt er fort, »stellen Sie sich vor, Sie würden tatsächlich die Töne annähernd bestimmen können … wie wollen sie diese unter all den tausend Streichquartetten finden, Beethoven, Schubert, Mozart …«
»Ich verstehe, es ist also unmöglich«, unterbricht Joona ihn.
»Um ehrlich zu sein, ja«, bestätigt Kaj Samuelsson.
Joona bedankt sich für das Gespräch und setzt sich neben Disa, die auf dem gemauerten Rand eines Brunnens wartet. Sie lehnt sich mit der Wange an seine Schulter. Als er den Arm um sie legt, fallen ihm im selben Moment die Worte Robert Riessens über seinen Bruder ein: »Wenn nicht einmal Axel es erkennen konnte, halte ich es für unmöglich.«
Spende Boerse
72
Das Rätsel
Als Joona Linna mit schnellen Schritten den Bragevägen hinaufgeht, dringt aus der Deutschen Schule das Lachen und Johlen von Kindern zu ihm heraus.
Er klingelt an Axel Riessens Tür und hört leise die Töne einer wohlklingenden Glocke im Inneren des Hauses. Nachdem er einen Moment gewartet hat, beschließt er, um das Haus herumzugehen. Plötzlich hört er einen kreischenden Misston auf einem Streichinstrument. Jemand befindet sich im Schatten unter einem Laubbaum. Joona bleibt in einiger Entfernung stehen. Auf den Marmorplatten der Terrasse steht ein Mädchen mit einer Geige. Sie ist ungefähr fünfzehn Jahre alt. Ihre Haare sind sehr kurz, und sie hat auf ihren Armen gezeichnet. Neben ihr steht Axel Riessen, der nickt und neugierig zuhört, als sie den Bogen über die Saiten zieht. Es sieht aus, als würde sie das Instrument zum ersten Mal in der Hand halten. Vielleicht ist es Axel Riessens Tochter, oder ein Enkelkind, denn er sieht sie unablässig warmherzig und neugierig an.
Der Bogen streicht mit einem schlurfenden, quietschenden Laut schräg über die Saiten.
»Sie ist bestimmt ganz verstimmt«, schlägt das Mädchen als Erklärung für den schiefen Ton vor.
Sie lächelt und gibt das Instrument behutsam zurück.
»Wenn man Geige spielt, geht es ums Gehör«, sagt Axel freundlich. »Man lauscht, hört die Musik in sich und überführt sie anschließend in die Wirklichkeit.«
Er setzt die Geige an und spielt die Anfangsmelodie von »La seguidilla« aus Bizets Oper »Carmen«, hält inne und zeigt ihr die Geige.
»Jetzt stimme ich die Saiten mal so, mal so um«, sagt er und dreht die Wirbel viele Male in verschiedene Richtungen.
»Warum willst …«
»Jetzt ist die Geige völlig verstimmt«, fährt er fort. »Und wenn ich das Stück nur mechanisch gelernt hätte, mit exakten Fingerpositionen, wie ich es gerade gespielt habe, dann klingt es so.«
Er spielt erneut »La seguidilla«, und es klingt grauenhaft, ist kaum wiederzuerkennen
»Wundervoll«, scherzt sie.
»Aber lauscht man stattdessen den Saiten«, sagt er und schlägt die E-Saite an. »Hörst du? Sie ist natürlich viel zu tief gestimmt, aber das heißt nichts, man muss es nur ausgleichen, indem man den Ton an einer höheren Stelle auf dem Hals spielt.«
Joona sieht Axel Riessen die Geige ansetzen und das Stück noch einmal auf der völlig verstimmten Geige spielen, mit einem höchst seltsamen Fingersatz, aber den exakt richtigen Tönen. »La seguidilla« ertönt plötzlich wieder perfekt.
»Du kannst zaubern«, ruft das Mädchen lachend und klatscht in die Hände.
»Hallo«, sagt Joona Linna, geht zu den beiden und gibt erst Axel Riessen und dann dem Mädchen die Hand.
Er sieht Axel an, der die ungestimmte Geige in der Hand hält.
»Beeindruckend.«
Axel folgt seinem Blick auf die Geige und schüttelt den Kopf:
»Ehrlich gesagt habe ich seit vierunddreißig Jahren nicht mehr gespielt«, sagt er in einem seltsamen Tonfall.
»Glaubst du ihm das?«, fragt Joona das Mädchen.
Sie nickt und meint anschließend:
»Siehst du nicht den Lichtschein?«
»Beverly«, sagt Axel leise.
Sie sieht ihn lächelnd an und geht anschließend zwischen den Bäumen davon.
Joona nickt Axel Riessen zu:
»Ich muss mit Ihnen sprechen.«
»Ich muss mich bei Ihnen dafür entschuldigen, dass ich einfach verschwunden bin«, sagt Axel und beginnt, die Geige zu stimmen. »Aber ich musste in einer dringenden Angelegenheit fort.«
»Kein Problem – ich bin zurückgekommen.«
Joona sieht Axel Riessen das Mädchen beobachten, das einige Blumen vom Unkraut in dem schattigen Rasen pflückt.
»Gibt es drinnen irgendwo eine Vase?«, fragt sie.
»In der Küche«, antwortet er.
Sie trägt den kleinen Strauß aus Pusteblumen durch die Tür.
»Ihre Lieblingsblume«, erläutert Axel Riessen und lauscht der G-Saite, dreht am Wirbel und legt die Geige auf dem Mosaiktisch ab.
»Ich möchte, dass Sie sich dieses Foto anschauen«, sagt Joona und zieht das Bild aus der Plastikhülle.
Sie setzen sich an den Tisch. Axel Riessen zieht eine Brille aus der Brusttasche und mustert die Aufnahme eingehend.
»Wann ist dieses Bild entstanden?«, fragt er.
»Das wissen wir nicht genau, aber wahrscheinlich im Frühjahr 2008«, antwortet Joona.
»Aha«, sagt Axel und sieht sofort entspannter aus.
»Sie erkennen die Personen?«, fragt Joona ruhig.
»Natürlich«, antwortet Axel. »Palmcrona, Pontus Salman, Raphael Guidi und … Agathe al-Haji.«
»Aber ehrlich gesagt bin ich hier, weil ich möchte, dass Sie sich die Musiker im Hintergrund anschauen.«
Axel sieht Joona fragend an und betrachtet anschließend erneut das Foto.
»Das Tokyo String Quartet … es ist sehr gut«, sagt er.