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Der Idiot

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Der Idiot
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Der Fürst erhob sich. Lebedjew wunderte sich und war sogar ganz befremdet, daß der Fürst schon fort wollte.

»Sie sind jetzt so gleichmütig geworden, hehe!« erlaubte er sich unterwürfig zu bemerken.

»Ich fühle mich in der Tat nicht ganz wohl; der Kopf tut mir weh, wohl von der Reise«, antwortete der Fürst mit finsterem Gesicht.

»Sie sollten aufs Land gehen«, riet Lebedjew schüchtern.

Der Fürst überlegte.

»Ich will selbst in drei Tagen mit meiner ganzen Familie nach meinem Landhaus ziehen, damit sich auch der Säugling da kräftigt, und damit hier im Haus unterdessen alles zurechtgemacht wird. Ich ziehe ebenfalls nach Pawlowsk.«

»Sie ziehen auch nach Pawlowsk?« fragte der Fürst rasch. »Wie geht denn das zu? Ziehen hier alle Leute nach Pawlowsk? Und Sie haben, wie Sie sagen, dort ein eigenes Landhaus?«

»Alle Leute ziehen nicht nach Pawlowsk. Mir hat Iwan Petrowitsch Ptizyn eines von den Landhäusern überlassen, die ihm für ein Billiges da zugefallen sind. Es ist ein hübscher Ort und hochgelegen und grün und billig, und es herrscht da bon ton, und auch Musik ist da; darum ziehen so viele nach Pawlowsk. Ich wohne übrigens nur in einem Nebengebäude; das Landhaus selbst ...«

»Das haben Sie wohl vermietet?«

»N-n-nein. Noch nicht ... noch nicht definitiv.«

»Vermieten Sie es mir!« schlug der Fürst schnell vor.

Gerade darauf schien es Lebedjew abgesehen zu haben. Dieser Gedanke war ihm wenige Augenblicke vorher durch den Kopf gegangen. Ein Bedürfnis nach einem Mieter hatte er übrigens gar nicht mehr; ein solcher hatte sich bereits gefunden und ihn benachrichtigt, er werde das Landhaus vielleicht mieten. Lebedjew wußte bestimmt, daß er es nicht »vielleicht«, sondern sicher mieten werde; aber jetzt war ihm auf einmal ein seiner Meinung nach vielversprechender Gedanke gekommen, das Landhaus dem Fürsten zu überlassen, unter Benutzung des Umstandes, daß der bisherige Interessent sich nur unbestimmt ausgedrückt hatte. »Das ist ja ein eigentümliches Zusammentreffen und eine ganz neue Wendung der Dinge«, das war seine Empfindung. Er nahm den Vorschlag des Fürsten ordentlich mit Entzücken an und machte auf dessen direkte Frage nach dem Preis nur eine abwehrende Handbewegung.

»Nun, wie Sie wollen«, sagte der Fürst. »Ich werde mich erkundigen, was üblich ist, und Sie sollen nicht zu Schaden kommen.«

Sie verließen nunmehr beide den Garten.

»Ich könnte Ihnen ... ich könnte Ihnen ... wenn es Ihnen erwünscht wäre, könnte ich Ihnen eine sehr interessante Mitteilung machen, hochverehrter Fürst; ich könnte Ihnen etwas mitteilen, was sich auf denselben Gegenstand bezieht«, murmelte Lebedjew, der glückselig neben dem Fürsten einherscharwenzelte.

Der Fürst blieb stehen.

»Darja Alexejewna hat ebenfalls ein Landhaus in Pawlowsk.«

»Nun, und?«

»Ein gewisse Dame ist mit ihr befreundet und beabsichtigt anscheinend, sie häufig in Pawlowsk zu besuchen. Sie hat dabei eine bestimmte Absicht.«

»Nun?«

»Aglaja Iwanowna ...«

»Ach, hören Sie auf, Lebedjew!« unterbrach ihn der Fürst, als sei bei ihm ein wunder Punkt berührt. »Das verhält sich alles anders. Sagen Sie mir lieber, wann Sie umziehen! Mir ist es je eher um so lieber, da ich im Gasthaus ...«

Während dieses Gesprächs hatten sie den Garten verlassen, waren, ohne nochmals in das Haus zu gehen, über den Hof gegangen und näherten sich nun dem Torpförtchen.

»Das beste wäre«, meinte Lebedjew schließlich, »wenn Sie gleich heute vom Gasthaus zu mir zögen; übermorgen ziehen wir dann alle zusammen nach Pawlowsk.«

»Ich werde es mir überlegen«, erwiderte der Fürst nachdenklich und ging aus dem Tor.

Lebedjew sah ihm nach. Die plötzliche Zerstreutheit des Fürsten überraschte ihn. Dieser hatte sogar vergessen, beim Weggehen Adieu zu sagen, und nicht einmal mit dem Kopf genickt, was zu der Höflichkeit und Aufmerksamkeit des Fürsten, die Lebedjew recht wohl kannte, wenig stimmte.

Fußnoten

1 Stadtteil im Osten von Petersburg; die Roschdestwenskaja erscheint hier als ein Teil desselben. (A.d.Ü.)

2 Ein Hasardspiel mit Karten (A.d.Ü.)

3 Säuerliches Getränk aus Roggenmehl und Malz. (A.d.Ü.)

4 Ein Stadtteil von Petersburg. (A.d.Ü.)

III

Es ging schon auf zwölf. Der Fürst wußte, daß er bei Jepantschins in ihrer Stadtwohnung jetzt nur den dienstlich beschäftigten General treffen konnte, und auch den kaum. Er sagte sich, daß der General ihn womöglich sogleich mit Beschlag belegen und mit nach Pawlowsk hinausnehmen würde, und es lag ihm doch sehr daran, vorher noch einen Besuch zu machen. Auf die Gefahr hin, daß es ihm für Jepantschins zu spät werden und er genötigt sein würde, seine Fahrt nach Pawlowsk bis zum nächsten Tag aufzuschieben, entschloß sich der Fürst dazu, zunächst jenes Haus aufzusuchen, wohin es ihn so sehr verlangte.

Dieser Besuch war für ihn übrigens in gewisser Hinsicht gewagt. Er zauderte und schwankte. Er wußte von dem Haus, daß es in der Gorochowaja-Straße lag, nicht weit von der Sadowaja-Straße, und entschied sich dafür, hinzugehen, in der Hoffnung, es werde ihm noch gelingen, ehe er hinkomme, einen endgültigen Beschluß zu fassen. Als er an die Kreuzung der Gorochowaja- und Sadowaja-Straße kam, wunderte er sich selbst über seine ungewöhnliche Aufregung; er hatte nicht erwartet, daß ihm das Herz so schmerzhaft schlagen würde. Ein Haus zog, wahrscheinlich durch seinen besonderen Anblick, schon von weitem seine Aufmerksamkeit auf sich, und der Fürst erinnerte sich später, daß er zu sich gesagt hatte: »Es wird gewiß dieses Haus sein!« Mit außerordentlicher Neugier ging er näher heran, um seine Mutmaßung auf ihre Richtigkeit zu prüfen; er fühlte, daß es ihm aus irgendeinem Grund besonders unangenehm sein würde, wenn er es sollte erraten haben. Es war dies ein großes, finsteres, dreistöckiges Haus, ohne allen architektonischen Schmuck, von schmutziggrüner Farbe. Einige, allerdings nur sehr spärliche derartige Häuser, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts gebaut sind, haben sich namentlich in diesen Straßen Petersburgs (obwohl sich doch in dieser Stadt so vieles ändert) fast unversehrt erhalten. Sie sind solide gebaut, mit dicken Mauern und sehr wenigen Fenstern; im Erdgeschoß sind die Fenster manchmal vergittert. Meist befindet sich unten ein Wechselgeschäft. Der Skopze1, der in dem Wechselgeschäft sitzt, wohnt oben. Ein solches Haus macht von außen und von innen einen ungastlichen, unfreundlichen Eindruck; es sucht sich gleichsam zu verstecken und zu verbergen; aber warum eigentlich schon der bloße Anblick des Hauses einen solchen Eindruck macht, das ist schwer zu sagen. Die architektonischen Linien müssen wohl auf geheimnisvolle Weise diese Wirkung ausüben. In diesen Häusern wohnen fast ausschließlich Kaufleute. Der Fürst näherte sich dem Tor, sah nach dem Türschild und las: »Haus des erblichen Ehrenbürgers Rogoschin.«

Seinem Zaudern ein Ende machend, öffnete er die Glastür, die hinter ihm geräuschvoll wieder zuschlug, und begann die Haupttreppe zum zweiten Stock hinaufzusteigen. Die Treppe war dunkel, kunstlos aus Steinstufen gebaut, die Wände mit roter Farbe angestrichen. Er wußte, daß Rogoschin mit seiner Mutter und seinem Bruder das ganze zweite Stockwerk dieses düsteren Hauses bewohnte. Der Diener, der dem Fürsten öffnete, führte ihn ohne Anmeldung hinein; die Führung dauerte lange: sie passierten einen für Festlichkeiten bestimmten Saal mit marmorartig bemalten Wänden, eichenem Parkettfußboden und schweren, plumpen Möbeln aus den zwanziger Jahren; sie gingen auch durch einige kleine Zimmerchen, wobei sie Bogen und Zickzacke machten, ein paar Stufen hinauf- und dann wieder ebensoviele hinunterstiegen, und klopften endlich an einer Tür an. Parfen Semjonowitsch öffnete selbst; als er den Fürsten erblickte, wurde er so blaß und blieb so starr auf dem Fleck stehen, daß er mit seinem unbeweglichen, erschrockenen Blick und dem zu einem verständnislosen Lächeln schiefgezogenen Mund eine Zeitlang einem steinernen Götzenbild glich; er schien in dem Besuch des Fürsten etwas Unglaubliches, ja beinah Wunderbares zu finden. Der Fürst hatte zwar etwas Derartiges erwartet, war aber doch erstaunt.

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