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Der Idiot

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Der Idiot
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»Ich wußte gar nicht, daß Sie ein so hübsches Hauswesen haben«, sagte der Fürst; aber sein Gesicht machte den Eindruck, als ob er an etwas ganz anderes dächte.

»Wir sind arme, unglückliche ...«, begann Lebedjew, sich zusammenkrümmend; aber er hielt inne.

Der Fürst blickte zerstreut vor sich hin und hatte seine letzte Bemerkung offenbar schon wieder vergessen. Es verging noch ungefähr eine Minute. Lebedjew beobachtete den Fürsten und wartete. »Nun also, wie steht es?« fragte der Fürst, der aus seinen Gedanken zu sich zu kommen schien. »Sie wissen ja selbst, Lebedjew, was wir beide miteinander zu verhandeln haben: ich bin infolge Ihres Briefes hergekommen; nun reden Sie!«

Lebedjew wurde verlegen; er wollte etwas sagen, brachte aber nur stotternde Laute heraus und konnte nichts Deutliches von sich geben. Der Fürst wartete ein Weilchen und lächelte trüb.

»Ich glaube Sie sehr gut zu verstehen, Lukjan Tomofejewitsch: Sie haben mich wahrscheinlich nicht erwartet. Sie dachten, ich würde mich aus meiner Zurückgezogenheit nicht gleich auf Ihre erste Benachrichtigung hin aufmachen, und schrieben mir, um Ihr Gewissen zu beruhigen. Aber Sie sehen, ich bin hergekommen. Nun lassen Sie es genug sein, und täuschen Sie mich nicht weiter! Hören Sie auf, zwei Herren zu dienen! Rogoschin ist schon drei Wochen hier; ich weiß alles. Haben Sie es schon wieder fertiggebracht, sie ihm zu verraten und zu verkaufen wie damals? Sagen Sie die Wahrheit!«

»Der Unmensch hat es selbst erfahren, ganz allein.«

»Schimpfen Sie nicht auf ihn; er hat Sie ja freilich schlecht behandelt ...«

»Geprügelt hat er mich, geprügelt!« fiel Lebedjew in großer Erregung ein. »Mit einem Hund hat er mich in Moskau gehetzt, die ganze Straße entlang, mit einem Jagdhund. Es war ein schreckliches Tier!«

»Sie halten mich für ein kleines Kind, Lebedjew. Sagen Sie mir im Ernst: hat sie ihn jetzt in Moskau verlassen?«

»Im Ernst, im Ernst, und wieder unmittelbar vor der Trauung. Der zählte schon die Minuten; aber sie reiste hierher nach Petersburg und kam geradewegs zu mir: ›Rette mich, beschütze mich, Lukjan‹, sagte sie, ›und sage dem Fürsten nichts ...!‹ Sie fürchtet sich vor Ihnen, Fürst, noch mehr als vor ihm, und das ist das Rätselhafte!« Lebedjew hielt mit schlauer Miene den Finger an die Stirn.

»Und jetzt haben Sie die beiden nicht wieder zusammengeführt?«

»Durchlauchtigster Fürst, was konnte ... was konnte ich dagegen tun?«

»Nun genug! Ich werde selbst alles in Erfahrung bringen. Sagen Sie mir nur: wo ist sie jetzt? Bei ihm?«

»O nein, ganz und gar nicht! Sie lebt immer noch ganz für sich. Sie sagt: ›Ich bin frei‹, und wissen Sie, Fürst, das ist bei ihr immer der Refrain: ›Ich bin noch vollkommen frei‹, sagt sie. Sie wohnt immer noch in der Petersburgskaja4, im Haus meiner Schwägerin, wie ich Ihnen ja auch geschrieben habe.«

»Ist sie auch jetzt dort?«

»Ja, wenn sie nicht bei dem schönen Wetter in Pawlowsk ist, bei Darja Alexejewna, in deren Landhaus. Sie sagt: ›Ich bin vollkommen frei!‹ Noch gestern hat sie sich Nikolai Ardalionowitsch gegenüber sehr ihrer Freiheit gerühmt. Ein übles Zeichen!«

Lebedjew schmunzelte.

»Ist Kolja oft bei ihr?«

»Er ist leichtsinnig und unberechenbar und nicht diskret.«

»Sind Sie in neuerer Zeit dagewesen?«

»Ich gehe alle Tage hin, alle Tage.«

»Also waren Sie auch gestern da?«

»N-nein, vorvorgestern.«

»Wie schade, daß Sie angetrunken sind, Lebedjew! Sonst hätte ich Sie etwas gefragt.«

»Oh, nicht die Spur betrunken bin ich!«

Lebedjew machte geradezu ein finsteres Gesicht.

»Sagen Sie mir: in welchem Zustand befand sie sich, als Sie sie verließen?«

»Sie suchte ...«

»Sie suchte?«

»Es war, als ob sie immer etwas suchte, als ob sie etwas verloren hätte. Was die bevorstehende Ehe betrifft, so war ihr sogar der Gedanke daran zuwider, und sie faßte die bloße Erwähnung derselben als Beleidigung auf. An ihn selbst denkt sie nicht mehr als an ein Stückchen Apfelsinenschale, das heißt: doch mehr, sie denkt an ihn mit Furcht und Schrecken und verbietet einem sogar, von ihm zu reden; sie sehen einander nur, wenn es unbedingt nötig ist ... und er empfindet das außerordentlich schmerzlich! Aber sie wird ihrem Schicksal doch nicht entgehen ...! Sie ist unruhig, spottlustig, launisch, zänkisch..«

»Launisch und zänkisch?«

»Ja, zänkisch; denn es fehlte das vorige Mal wenig daran, daß sie mich wegen etwas, was ich gesagt hatte, an den Haaren gerissen hätte. Ich wollte sie durch die Offenbarung des Johannes gesund machen.«

»Wie? Was?« fragte der Fürst, der sich verhört zu haben glaubte.

»Durch Vorlesen aus der Offenbarung des Johannes. Sie ist eine Dame mit einem unruhigen Geist, hehe! Überdies habe ich die Beobachtung gemacht, daß sie eine große Neigung zu ernsten, wenn auch abseits gelegenen Gesprächsgegenständen hat. Sie liebt dergleichen und faßt es sogar als ein Zeichen besonderer Hochachtung auf, wenn man von solchen Dingen anfängt. Ja. Ich bin in der Auslegung der Offenbarung stark und beschäftige mich damit schon seit fünfzehn Jahren. Sie stimmte mir darin bei, daß wir jetzt bei dem dritten Pferd, dem Rappen, angelangt sind und bei dem Reiter, der ein Maß in seiner Hand hat, da ja in jetziger Zeit alles nach dem Maß und dem Vertrag geht und alle Menschen nur ihr Recht suchen: ›Ein Maß Weizen um einen Denar und drei Maß Gerste um einen Denar ...‹, und dann möchten sie sich noch einen freien Geist und ein neues Herz und einen gesunden Leib und alle andern Gaben obendrein bewahren. Aber auf Grund des bloßen Rechts können sie sich das nicht bewahren, und danach folgt das fahle Pferd und der, dessen Name Tod heißt, und nach ihm kommt dann die Hölle ... Darüber reden wir, wenn wir zusammenkommen, und es hat bei ihr starke Wirkung getan.«

»Sie selbst glauben daran?« fragte der Fürst, indem er Lebedjew mit einem eigentümlichen Blick ansah.

»Ich glaube daran und lege es aus. Denn ich bin arm und nackt und ein Atom im Strudel der Menschheit. Und wer achtet Lebedjew? Jeder spottet über ihn, und jeder versetzt ihm einen Fußtritt. Aber dort, bei dieser Auslegung, stehe ich den Großen dieser Welt gleich. Denn dabei kommt es auf den Verstand an! Und es hat auch schon ein hoher Würdenträger vor mir gezittert, auf seinem Lehnstuhl, als ihm ein Licht aufging. Seine Exzellenz Nil Alexejewitsch hatte vor zwei Jahren vor Ostern von mir gehört (ich war damals noch in seinem Departement angestellt), ließ mich durch Peter Sacharowitsch expreß aus dem Bureau zu sich in sein Arbeitszimmer rufen und fragte mich unter vier Augen: ›Ist das wahr, daß du ein Verkünder des Antichrists bist?‹ Und ich leugnete nicht und sprach: ›Ich bin es.‹ Und ich legte ihm alles aus und stellte es ihm dar, und ich milderte das Schreckliche nicht, sondern steigerte es noch unvermerkt, indem ich die allegorische Bücherrolle öffnete, und zog Schlüsse aus den Zahlen. Und er lachte; aber bei den Zahlen und den Ähnlichkeiten fing er an zu zittern und bat mich, das Buch zu schließen und wegzugehen, und zu Ostern wies er mir eine Remuneration an, und in der zweiten Woche nach Ostern hauchte er seine Seele aus.«

»Was reden Sie da, Lebedjew?«

»Ich sage es, wie es gewesen ist. Er fiel nach dem Mittagessen aus seiner Equipage ... mit der Schläfe schlug er gegen einen Prellstein, und wie ein kleines Kind, ganz wie ein kleines Kind, war er auf dem Fleck tot. Dreiundsiebzig Jahre war er nach der Rangliste alt geworden; er hatte eine rötliche Gesichtsfarbe, graues Haar und besprengte sich ganz mit Parfüm; und immer lächelte er, immer lächelte er, wie ein kleines Kind. Peter Sacharowitsch erinnerte sich damals noch an das, was vorhergegangen war, und sagte zu mir: ›Du hast es vorhergesagt.‹«

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Главный герой
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