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Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)

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Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
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Sie war furchtbar froh, daß sie endlich weggehen konnte; sie ging mit gesenktem Kopfe, eilig, um nur so schnell als möglich den beiden jungen Leuten aus den Augen zu kommen, um nur diese zwanzig Schritte bis zur Straßenbiegung nach rechts zurückzulegen und endlich allein zu bleiben, dann schnell, ohne jemand anzublicken und ohne etwas zu bemerken, nachzudenken, sich zu erinnern, sich auf jedes gesprochene Wort und auf jeden Nebenumstand zu besinnen. Noch niemals, niemals hatte sie Ahnliches empfunden. Eine ganze neue Welt hatte sich unbekannt und dunkel in ihre Seele gesenkt. Sie erinnerte sich plötzlich, daß Raskolnikow selbst zu ihr heute kommen wollte, daß er vielleicht noch am Vormittag, vielleicht gleich kommen würde!

»Bitte aber nicht heute, bitte, nicht heute!« murmelte sie mit bebendem Herzen, als flehe sie jemand wie ein erschrockenes Kind an. »Mein Gott! Zu mir ... in dieses Zimmer ... er wird sehen ... oh, mein Gott!«

Natürlich konnte sie in diesem Augenblick den ihr unbekannten Herrn nicht bemerken, der sie aufmerksam beobachtete und ihr auf den Fersen folgte. Er hatte sie schon von dem Tore an begleitet. In dem Augenblick, als alle drei, Rasumichin, Raskolnikow und sie auf dem Trottoir stehengeblieben waren, um noch ein paar Worte zu wechseln, hatte dieser Fremde, als er um sie herumging, zufällig die Worte Ssonjas: »und fragte: wohnt hier Herr Raskolnikow?« aufgefangen und war plötzlich zusammengefahren. Er musterte schnell, doch aufmerksam, alle drei, besonders Raskolnikow, an den sich Ssonja wandte, sah sich dann das Haus an und merkte es sich. Das alles machte der Fremde in einem Augenblick, im Gehen; er verriet dabei durch keine Miene, daß ihm etwas aufgefallen war, und ging weiter, aber etwas langsamer, als wartete er auf etwas. Er wartete auf Ssonja; er hatte gesehen, daß sie sich verabschiedeten: also mußte Ssonja wohl gleich zu sich nach Hause gehen.

»Aber wohin denn nach Hause? Ich habe dieses Gesicht schon irgendwo gesehen«, dachte er sich und versuchte, sich Ssonjas Gesicht zu vergegenwärtigen ... »Ich müßte es erfahren.«

Bei der Straßenbiegung ging er auf die andere Seite hinüber, wandte sich um und sah, daß Ssonja ihm auf dem gleichen Wege folgte, ohne etwas zu beachten. An der Biegung schwenkte sie in die gleiche Straße ab. Er ging ihr nach, sie unablässig mit den Augen verfolgend; nach etwa fünfzig Schritten ging er wieder auf die gleiche Straßenseite, auf der Ssonja ging, herüber und folgte ihr in einer Entfernung von etwa fünf Schritten.

Er war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, mehr als mittelgroß, wohlbeleibt, mit breiten, steil abfallenden Schultern, was ihm ein etwas gebücktes Aussehen verlieh. Seine Kleidung war elegant und bequem, und er sah wie ein solider vornehmer Herr aus. In den Händen trug er einen hübschen Stock, den er bei jedem Schritt aufs Trottoir stieß, und die Hände staken in neuen Handschuhen. Sein breites Gesicht mit den derben Backenknochen war recht angenehm, und seine Gesichtsfarbe frisch, gar nicht petersburgisch. Seine Haare waren noch sehr dicht, hellblond und kaum graumeliert, und der breite, üppige Vollbart war noch heller als das Kopfhaar. Seine blauen Augen blickten kalt, durchdringend und nachdenklich; die Lippen waren hellrot. Überhaupt war er ein wunderbar konservierter Mann und sah viel jünger aus, als er war.

Als Ssonja zum Kanal kam, waren sie beide allein auf dem Trottoir. Da er sie beobachtete, hatte er schon ihre Nachdenklichkeit und Zerstreutheit bemerkt. Vor ihrem Hause angelangt, schwenkte Ssonja ins Tor ab, und er folgte ihr, anscheinend etwas überrascht. Vom Hofe bog sie rechts in die Ecke ab, wo die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufführte. »Ach!« murmelte der fremde Herr und stieg hinter ihr die Stufen hinauf. Jetzt erst bemerkte ihn Ssonja. Sie stieg in den zweiten Stock hinauf, bog in den Gang ein und läutete auf Nr. 9, auf dessen Tür mit Kreide geschrieben stand: »Kapernaumow, Schneider.« – »Ach!« wiederholte der Unbekannte, über das seltsame Zusammentreffen erstaunt, und läutete nebenan auf Nr. 8. Beide Türen waren kaum sechs Schritte voneinander entfernt.

»Sie wohnen also bei Kapernaumow!« sagte er, Ssonja anblickend und lachend. »Er hat mir gestern eine Weste umgenäht. Ich wohne aber hier gleich neben Ihnen, bei Madame Gertrude Karlowna Rößlich. Wie sich das trifft!«

Ssonja sah ihn aufmerksam an.

»Wir sind also Nachbarn«, fuhr er auffallend lustig fort: »Ich bin ja erst seit drei Tagen in Petersburg. Nun, vorerst auf Wiedersehen!«

Ssonja gab keine Antwort; man machte ihr die Tür auf, und sie schlüpfte zu sich hinein. Sie fühlte sich irgendwie beschämt und hatte Angst ...

* * *

Rasumichin war auf dem Wege zu Porfirij besonders aufgeregt.

»Das ist ausgezeichnet, Bruder,« sagte er einigemal, »und ich freue mich! Ich freue mich!«

– Worüber freust du dich denn? – dachte Raskolnikow.

»Ich wußte ja gar nicht, daß auch du bei der Alten zu versetzen pflegtest. Und ... und ... ist es schon lange her? Das heißt, ist es lange her, daß du bei ihr warst?«

– Dieser naive Dummkopf! –

»Wann es war? ...« Raskolnikow blieb stehen, als besinne er sich. »Ja, ich glaube, ich war bei ihr drei Tage vor ihrem Tode. Übrigens will ich jetzt die Sachen gar nicht auslösen«, fügte er hinzu: plötzlich schien er wegen seiner Sachen sehr besorgt. »Ich habe ja nur noch einen Rubel Kleingeld ... wegen des gestrigen verfluchten Fiebers! ...«

Das Fieber erwähnte er mit besonderem Nachdruck.

»Na ja, na ja«, bestätigte Rasumichin eilig, man wußte nicht, was. »Darum hat dich das also damals so erschüttert ... weißt du, du hast auch während der Krankheit immer von irgendwelchen Ringen und Ketten phantasiert! ... Nun ja ... Es ist klar, jetzt ist alles klar.«

– So ist es also! Wie dieser Gedanke sie alle angesteckt hat! Dieser Mensch wird sich für mich kreuzigen lassen, und doch ist er so froh, daß es sich nun aufgeklärt hat, warum ich von den Ringen phantasiert habe! Wie sich das bei ihnen festgesetzt hat ... –

»Werden wir ihn auch antreffen?« fragte er laut.

»Ganz sicher!« antwortete Rasumichin eilig. »Er ist ein Prachtkerl, du wirst es sehen, Bruder! Etwas plump, das heißt, er ist sogar ein Gesellschaftsmensch, aber ich meine plump in einem anderen Sinne. Ein kluger, sehr kluger, sogar gar nicht dummer Bursche, hat aber eine eigene Art zu denken ... Mißtrauisch, skeptisch, zynisch ... betrügt gerne, das heißt er betrügt nicht, sondern hält einen zum Narren ... Nun, die alte materialistische Methode ... Seine Sache versteht er ausgezeichnet ... Er hat im vorigen Jahr einen Fall – es war auch ein Mord – aufgeklärt, wo fast alle Spuren verwischt waren. Er will dich sehr, sehr gerne kennen lernen!«

»Ja warum denn?«

»Das heißt, ich will nicht gesagt haben, daß ... Siehst du, in der letzten Zeit, als du erkranktest, hatte ich oft und viel Gelegenheit, von dir zu sprechen ... Nun, er hörte mir zu, und als er erfuhr, daß du Jurist bist und das Studium aus privaten Gründen nicht beenden kannst, sagte er: ›Wie schade!‹ Nun, und ich schloß daraus ... das heißt, alles zusammen, nicht bloß das ... auch Samjotow gestern ... Siehst du, Rodja, ich hab' dir gestern im Rausche, als wir nach Hause gingen, etwas vorgeschwatzt ... Nun fürchte ich, daß du es irgendwie übertreiben könntest, siehst du ...«

»Was denn? Daß man mich für verrückt hält? Vielleicht ist es auch wirklich wahr.«

Er lächelte gezwungen.

»Ja, ja ... das heißt, pfui, nein! ... Also alles, was ich sagte ... (und auch alles andere) ist dummes Geschwätz, und ich habe es nur im Rausche gesagt.«

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