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Der Weltensammler

Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:

Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.
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GOUVERNEUR: Übertreiben Sie nicht Ihre Not? Sie erhalten doch ein Viertel der Abgaben. Und wenn ich mich nicht irre, bringen jene, die mit dem Schiff anreisen, Geschenke mit für die Große Moschee, möge Gott sie ehrenvoller und erhabener machen. Und was ist mit den Lizenzen, die Sie den Führern erteilen, ist das etwa kein einträgliches Geschäft mehr? Der Sultan ist gar nicht so glücklich über die weitreichenden Rechte, über die Sie noch immer verfügen.

SHARIF: Wenn Ihre Soldaten wenigstens die Wege sicherhalten könnten. Die Karawanen werden so oft ausgeraubt, es ist, als würden wir Eiswürfel durch die Wüste transportieren. Für uns bleiben nur noch einige Tropfen übrig.

KADI: Wir müssen den Glauben erneuern. Wenn die Renegaten die Welt regieren, müssen wir zu dem Weg des reinen Gehorsams zurückfinden.

GOUVERNEUR: Genug palavert. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, die unser Sultan sehr schätzt. Ein Löwe, ein Wolf und ein Fuchs gehen gemeinsam auf die Jagd. Sie erlegen einen Wildesel, eine Gazelle und einen Hasen. Der Löwe bittet den Wolf, die Beute zu verteilen. Der Wolf zögert nicht: Der Wildesel geht an dich, die Gazelle an mich und der Hase an unseren Freund, den Fuchs. Der Löwe holt aus und schlägt mit einem Hieb seiner Tatze dem Wolf den Kopf vom Leib. Dann wendet er sich an den Fuchs und sagt: Du wirst jetzt die Beute aufteilen. Der Fuchs verbeugt sich tief vor dem Löwen und sagt mit sanfter Stimme: Eure Majestät, die Aufteilung ist denkbar einfach. Der Wildesel wird euer Mittagessen sein, die Gazelle euer Abendessen. Und was den Hasen betrifft, so wird er euch als Leckerbissen zwischen den Mahlzeiten sicher willkommen sein. Der Löwe nickt zufrieden: Was für einen Takt und Wohlverstand du an den Tag legst. Sag, wer hat dir das beigebracht? Und der Fuchs antwortet: Der Kopf des Wolfes.

Am Tage sind die Farben in der Wüste wie weggewischt, und die Wüste ist in Mekka, trotz der hohen Bauten und der engen Gassen. Kurz ist der Übergang zur Nacht, bei dem die Wiederkehr der Farbnuancen mit der Kargheit des Tages versöhnt. Es scheint Sheikh Abdullah, der sich einen guten Platz unter den Kolonnaden ausgesucht hat, als wäre ein Farbfächer aus der Hand einer ganz in Weiß gekleideten Gestalt gefallen. Und er staunt über die verschiedenen Weißtöne, die er auf einmal in den Ihrams entdeckt. Wenig später werden Fackeln angezündet, die Große Moschee erstrahlt, und der Himmel schwärzt sich ein. Die Gebete, die ihn umgeben, wirken ansteckend. Er möchte sich auch versenken, nur weiß er nicht, worin. Bei der Rezitation des Korans stolpert er immer wieder über seine Gedanken nach dem Sinn der Sure. Er versucht zu beten, aber bricht bald ab, weil ihm klar wird, daß er das Gebet nur als gemeinschaftlichen Akt akzeptieren kann. Es kann sich nicht zum einsamen Gebet zwingen. Er richtet sich auf und sucht eine erhöhte Stelle, von der aus er über die Köpfe der Kreisenden auf die Kaaba blicken kann. Wenn schon die Zunge sich den Gebeten verweigert, wird er mit den Augen beten. Die Menschheit rotiert um den vermeintlichen Kern, in einem gleichmäßigen Tempo, als stünde sie auf der Töpferscheibe Gottes. Er könnte dieses Drehen stundenlang betrachten. Mal scheint es ihm ein Perpetuum mobile der Hingabe, mal ein blinder Tanz.

Er fühlt sich von diesem Ort aufgenommen. Zur Ruhe gebettet. Wie ausgehebelt von allen Fallen und Stricken des Lebens. Er ist in al-Islam hineingewachsen, schneller als erwartet, er hat Buße und Entbehrung übersprungen und gleich Eingang in diesen Himmel gefunden. Keine andere Tradition hat eine so schöne Sprache für das Unsagbare geschaffen. Von dem Gesang des Korans bis hin zu den Dichtungen aus Konya, Bagdad, Shiraz und Lahore, mit denen er begraben werden möchte. Gott ist im Islam aller Eigenschaften enthoben, und das erscheint ihm richtig so. Der Mensch ist befreit, keiner Erbsünde untertan und dem Verstand anvertraut. Natürlich ist diese Tradition wie alle anderen kaum in der Lage, den Menschen zu bessern, den Gebrochenen aufzurichten. Aber in ihr läßt es sich stolzer leben als in den schuldbeladenen, freudlosen Niederungen des Christentums. Wenn er glauben könnte, an die Details der Tradition — an das Allgemeine zu glauben ist nicht nötig, das ist die höchste Erkenntnis —, und wenn er sich frei entscheiden könnte und wenn er sich frei bedienen dürfte, so würde er sich für den Islam entscheiden. Aber es ist nicht möglich, zuviel steht im Wege — das Gesetz seines Landes, das Gesetz von al-Islam und seine eigenen Bedenken —, und in Augenblicken wie diesem bedauert er es. Er genießt das Paradies, das ihn umgibt, aber ein Leben nach dem Tod ist bei bestem Willen nicht annehmbar, ebensowenig die Bilanzen, die Gott angeblich zieht, um sein Reich zu bevölkern. Gott ist alles und nichts, aber er ist kein Buchhalter.

An diesem Abend ging der neue Mond über Mekka auf. Sie saßen nahe dem Fußabdruck des Urahns Abraham. Was fühlst du jetzt? fragte Mohammed. Und er antwortete, den Erwartungen gemäß: Dies ist der glücklichste Neumond meines Lebens. Er sprach es aus, dann wog er es ab und stellte fest, daß es so falsch nicht war. Und er fügte hinzu, dem jungen Gewährsmann zu Ohren, der nicht aufgeben würde, auf Fehler seinerseits zu lauern: Möge Gott in all Seiner Kraft und Macht uns anregen, Dank zu sprechen für Seine Gunst, und uns bewußt machen, wie viele Privilegien Er uns zum Anteil gegeben hat, bis hin zu der Aufnahme im Paradies und der Belohnung durch die gewohnte Großzügigkeit Seiner wohltätigen Handlungen und der Hilfe und der Unterstützung, die Er uns gnädig gewährt. Amen, murmelte Mohammed kleinlaut. Und Sheikh Abdullah schlug das Buch der Fragen zu mit einem inbrünstigen Amen, das sich in die Lüfte erhob, als sei es eine der Tauben Mekkas.

Später, als Mohammed sich entfernte, um etwas Zamzam-Wasser zu trinken, skizzierte er die Moschee, zerschnitt das Papier in viele kleine Streifen, die er durchnumerierte und in seinen Hamail legte.

Im Monat von Shawwal des Jahres 1273

Möge Gott uns seine Gunst und Gnade erfahren lassen

GOUVERNEUR: Sind Sie bereit, uns bei der Suche nach der Wahrheit behilflich zu sein?

SAAD: Ich kam in Frieden in Ihre Stadt. Um Handel zu treiben. Sie haben mich eingesperrt. Sie haben mich entehrt.

SHARIF: Sie sind einige ehrliche Antworten von Ihrer Entlassung entfernt.

SAAD: Womit habe ich diese Qual verdient?

GOUVERNEUR: Sie haben sich geweigert, uns zu helfen.

SAAD: Ich weigere mich nicht.

GOUVERNEUR: Wir wollen Ihnen glauben, aber Sie müssen uns entgegenkommen.

SAAD: Es gibt etwas, ich habe es zuvor nicht erwähnt.

GOUVERNEUR: Sie haben es uns verheimlicht.

SAAD: Ich wußte nicht, daß es wichtig ist. Er hat auf seinem Ihram gekritzelt.

KADI: Auf dem Stoff selbst?

SAAD: Ja.

GOUVERNEUR: Was hat er aufgeschrieben?

SAAD: Es war nicht zu lesen.

GOUVERNEUR: Du konntest es nicht richtig sehen oder nicht entziffern?

SAAD: Ich habe es nicht versucht.

GOUVERNEUR: Und du hieltest diese Information nicht für bedeutsam genug, um sie uns mitzuteilen?

SAAD: Er war manchmal seltsam. Wie jeder Derwisch. Ich dachte, ein Gebet vielleicht, ein Segensspruch, der ihm vor der Kaaba eingegeben worden ist.

GOUVERNEUR: Hast du ihn nur in der Großen Moschee etwas notieren gesehen?

SAAD: Ein anderes Mal auch.

GOUVERNEUR: Wo?

SAAD: Auf der Straße.

GOUVERNEUR: Wo? Genauer?

SAAD: Nahe der Kaserne.

GOUVERNEUR: Was habt ihr dort getan?

SAAD: Wir gingen spazieren.

GOUVERNEUR: Wieso gerade dort?

SAAD: Nicht nur dort.

GOUVERNEUR: Was noch? Was hast du uns noch verheimlicht? Sprich.

SAAD: Er hat einen Menschen umgebracht.

KADI: Was?

SAAD: Auf der Karawane von Medina nach Mekka. Ich sah, wie er seinen Dolch säuberte. Am nächsten Morgen wurde ein toter Pilger entdeckt, erstochen.

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