Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
Als einer von vielen, deren Gedanken und Gebete sich um die Kaaba drehen, ist er Teil eines Kreises, der sich zu weiteren Kreisen ausdehnt, die sich über Mekka ziehen, über die Wüste und ihre Stationen, die bis nach Medina reichen, nach Kairo, und darüber hinaus, nach Karachi und Bombay und weiter noch. Ein Stein ist in den Ozean der Menschheit gefallen, und die Wellen schlagen bis in die fernste Einöde. Er hat seine sieben Umrundungen vollbracht. Das Gebet beim Fußabdruck Abrahams. Er trinkt Wasser vom Zamzam-Brunnen. Pilger, Pilger aus Indien, beglückwünschen sich. Sie schließen ihn ein in ihre Umarmungen. Er gibt sich wortkarg. Mohammed beobachtet ihn. Gewiß ist es schön, sich alle Menschen als Brüder und Schwestern vorzustellen. Aber ein Verdacht beginnt um die Kaaba zu kreisen, er verdichtet sich mit jeder Rotation. Wenn jeder Mensch einem nahestünde, um wen würde man sich kümmern, mit wem leiden? Das Herz des Menschen ist ein Gefäß von begrenztem Fassungsvermögen, das Göttliche hingegen ein Prinzip ohne Maß. Das geht nicht gut zusammen. Die Ordnung, die von der Kaaba verheißen, erscheint ihm auf einmal suspekt. Er dreht allen Nächsten den Rücken zu und trinkt ein zweites Glas Zamzam. Wieso muß es ein Zentrum geben? Wegen der Sonne? Wegen des Königs? Wegen des Herzens? Zeige mir die Richtung, in der Gott nicht weilt, hatte der Guru gesagt, als ihm vorgeworfen wurde, seine Füße würden respektlos gegen Mekka zeigen. Ganz im Sinne des Erfinders, oder noch genauer ausgedrückt: ganz im Sinne des Unerfundenen, des Ungeschaffenen. Die oberflächliche Form ist nötig für jene, denen es an Phantasie mangelt. Die sich das Allgegenwärtige nur in Stein gefaßt, in Stoff gestickt, auf Leinwand geworfen vorstellen können. Das Wasser schmeckt brackig, schwefelig. Aber es versiegt nicht. Das Wasser hat diesem Ort das Leben geschenkt und ist dafür folgerichtig in dessen Mythologie aufgenommen worden. Erneut wird er es nicht trinken, wenn er es vermeiden kann, nicht wie der Mann auf dem Pflaster vor der Moschee, auf den Mohammed ihn hinweist, ein Kranker, der sich geschworen hat, soviel Zamzam-Wasser zu trinken, wie es bedarf, um wieder zu Kräften zu kommen. Und wenn er nicht wieder gesundet? fragt er Mohammed. Dann liegt es gewiß daran, daß er nicht imstande war, genug Wasser zu trinken, lautet die Antwort, und wie so oft ist er sich nicht sicher, ob dieser junge Kerl die Dummheit seiner Altvorderen nachplappert oder sich über sie mokiert. Es gibt viele Hadjis, fügt Mohammed hinzu, die sich das Zamzam-Wasser in Eimern in ihr Quartier tragen lassen und dort über ihren Körper gießen, weil es ihr Herz ebenso wie ihren Körper reinigt. Von außen nach innen. Wir in Mekka machen es umgekehrt.
Die Skepsis von Sheikh Abdullah wächst mit jedem Schritt, mit dem er sich von der Kaaba entfernt.
Im Monat von Ramadan des Jahres 1273
Möge Gott uns seine Gunst und Gnade erfahren lassen
GOUVERNEUR: Das ist inakzeptabel. Sie überschätzen sich. Wir werden Sie zwingen, diese Fatwa zurückzunehmen.
SHARIF: Wir können, ich bin zuversichtlich, einen Kompromiß ausarbeiten, der beiden Seiten …
GOUVERNEUR: Alle Verwünschungen Gottes über Ihre faulen Kompromisse.
KADI: Wir werden unser gerechtes Urteil nicht dem Willen eines Pharaos unterwerfen.
GOUVERNEUR: Sie reden im Wahn. Sie zweifeln das Recht des Kalifen an.
KADI: Auch er untersteht den Gesetzen Gottes.
SHARIF: Sie müssen versuchen zu verstehen, Abdullah Pascha, bei mir haben sich, wie auch beim Kadi, alle führenden Händler der Stadt beschwert. Keiner von ihnen billigt Ihre Maßnahmen.
GOUVERNEUR: Aus selbstsüchtigen Gründen.
SHARIF: Sie befürchten die völlige Abschaffung der Sklaverei.
GOUVERNEUR: Sie wissen genau, daß nur der Sklavenhandel verboten worden ist.
SHARIF: Ohne Sklavenhandel kann es langfristig keine Sklavenhaltung geben.
GOUVERNEUR: Selbst wenn wir unterschiedlicher Ansicht sind, der Kadi kann doch nicht öffentlich verkünden, mit diesem Erlaß seien die Türken zu Ungläubigen geworden.
KADI: Was wollen Sie noch einführen? Glauben Sie, wir kriegen nicht mit, was anderswo geschieht? Wenn wir uns nicht wehren, was werden Sie noch alles verbieten, welche unsäglichen Neuerungen erlauben? Wird demnächst statt des Azaans eine Gewehrsalve abgefeuert? Werden sich die Frauen unverhüllt in der Öffentlichkeit zeigen dürfen, werden sie das Recht erhalten, die Scheidung auszusprechen?
GOUVERNEUR: Sie übertreiben maßlos. Nur der Sklavenhandel ist verboten worden.
KADI: Wieso?
SHARIF: Ich habe so meine Vermutungen, daß der Kalif unter Druck steht, weil die Farandjah ihren Teil der Abmachung einfordern, nachdem sie ihm geholfen haben, den Krieg gegen Moskau zu gewinnen.
KADI: Was in Istanbul geschachert wird, kann nicht Maßstab sein für das Wohl der heiligen Stätten.
GOUVERNEUR: Sie können sich dem Lauf der Geschichte nicht verschließen.
KADI: Lauf der Geschichte? Selbst wenn es so etwas gäbe, müßten wir uns dem widersetzen. Wenn es so weitergeht, werden sich eines Tages Ungläubige im Hijaz niederlassen, sie werden Moslems heiraten und schließlich den gesamten Islam unterwandern.
GOUVERNEUR: Das erledigen die Araber schon selbst. Sie leben ohne Ehre. Sie respektieren nicht den Kalifen. Wir versuchen es im Guten, und was geschieht? Wir zahlen den Stammesführern Abgaben in Korn und Stoff, und sie bewaffnen ihre Leute und führen Überfälle auf die Karawanen aus.
SHARIF: Etwas unbedacht Ihrerseits, den eigenen Feind zu füttern.
KADI: Seit sie unser Land erobert haben, gibt es keine Gerechtigkeit mehr. Sie ernten nun, was sie eingeführt haben. Wenn ein Räuber gefaßt wird, trauen sie sich nicht, ihn köpfen zu lassen. Das sendet Signale. Sie haben Willkür zum obersten Richter ernannt.
GOUVERNEUR: Die Hadj ist sicherer geworden, und wenn wir geeint wären in unseren Bemühungen, könnten wir die Herrschaft des Friedens auch den Beduinen im Landesinneren aufzwingen.
SHARIF: Wir unterstützen Sie doch, so gut wir können, aber uns sind die Hände gebunden, Sie dürfen nicht übersehen, daß wir nicht mehr soviel Einfluß haben wie früher.
GOUVERNEUR: Was soll sich denn geändert haben?
SHARIF: Das Schiff ist ein Feind, mit dem wir nicht gerechnet haben. Was waren das für glorreiche Zeiten, über die meine Vorfahren gewacht haben, mit sechs Karawanen, und Völkerscharen, die ihren Herrschern auf Pilgerschaft folgten. Wissen Sie, daß der letzte der Abbasiden mit hundertdreißigtausend Tieren am Berg Arafah kampierte? Und heute, wo stehen wir heute, es ist jämmerlich. Nur noch drei Karawanen erreichen unsere Stadt, möge Gott sie heiligen, mit nur einigen zehntausend Pilgern, und die Karawanen aus Istanbul und Damaskus, das sind bald Karawanen der Zeremonie. Wenn es so weitergeht, werden wir bald nicht mehr über das Geld verfügen, unseren Pflichten nachzukommen.
KADI: Ihre Armut wäre vielleicht ein Segen. Dann würden die Wahhabi nicht mehr von all den Schätzen angelockt werden.
SHARIF: Die Wahhabi würden versuchen, uns zu unterwerfen, selbst wenn wir alle in Fetzen gekleidet wären.