Wen die Götter lieben
- Автор: Waters Paul
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wen die Götter lieben». Краткое содержание книги:
Über den Autor:
Paul Waters ist in England geboren und riss mit siebzehn von zu Hause aus, um zur See zu fahren. Irgendwo auf dem Indischen Ozean fiel ihm ein Exemplar von Herodots Historien in die Hände, was seine Faszination für die Antike weckte. Später studierte er Latein und Griechisch am University College London. Danach lebte und lehrte er in Frankreich, Griechenland, Amerika und im südlichen Afrika. Er wohnt heute in Cambridge, England.
Titel der Originalausgabe: »The Philosopher Prince«
Doch ich sagte mir, dass es gut für ihn sei, mitzukommen. Seine Laune würde sich bald bessern.
Wir erreichten den Pass ohne Zwischenfall. Am Abend, als wir beim Essen saßen, erwähnte der Garnisonshauptmann, ein junger Mann, der mit mir in Gallien gekämpft hatte, dass einer seiner Späher Bewegungen gemeldet habe. »Wahrscheinlich nur Hirten aus dem Umland«, meinte er. »Wir sehen sie oft entlang der Wege. Manchmal kommen sie ans Tor, um uns eine Ziege oder ein Schaf zu verkaufen.«
Rufus schien begierig zu sein, den Pass zu sehen, und sagte: »Wir sollten der Sache morgen selbst nachgehen.«
»Ja, warum nicht?«, sagte ich. So machten wir uns am nächsten Morgen nach einem guten Frühstück bei dem Hauptmann und seinen Männern zu zweit auf den Weg und stiegen zwischen den Bäumen zu dem felsigen Gipfel hinauf.
Über Nacht waren die Wolken fortgezogen. Der Morgen war klar und kalt, und es roch nach Kiefern. Hoch oben schwebte ein Adler am Himmel und hielt nach Beute Ausschau.
Wir stapften schweigend voran und hörten nur die eigenen Schritte und das Säuseln des Windes in den Zweigen. Ich drängte Rufus kein Gespräch auf, sah ihn vor sich hin brüten und spürte, dass er etwas zu sagen hatte. Ich wollte warten, bis er zu reden bereit war.
Es dauerte nicht lange, bis die Kiefern sich ausdünnten und wir auf eine felsige Lichtung gelangten, von der man in die steile Schlucht blicken konnte. Ich blieb stehen und schaute über den endlosen Himmel. Mir war klar gewesen, dass hier oben keine feindlichen Soldaten lauerten; ich hatte zum Vergnügen hier hinaufsteigen wollen. Auf Berggipfeln fühlte ich die Gegenwart der Götter, und nun kehrte der Optimismus zurück, den ich in Julians Beisein empfunden hatte; die ganze Welt schien voller Möglichkeiten und Verheißungen zu sein.
Ich atmete tief die kalte Luft ein. Von irgendwoher war ein Wasserfall zu hören, und weit unten pfiff der Wind durch die Schlucht. »Das ist eine prachtvolle Aussicht«, sagte ich zu Rufus, der hinter mir stand. »Siehst du dort die Stadt am Fluss? Das ist Philippopolis, und dahinter liegt Thrakien, das bis ans Meer und nach Konstantinopel reicht.«
»Ich habe etwas gehört!«, sagte er plötzlich.
»Wahrscheinlich nur ein Vogel oder ein Luchs.«
»Nein, da unten in der Schlucht.«
Ich trat einen Schritt näher an den Rand und schaute, während ich mich über seine angespannte Stimme wunderte. Unter mir sah ich nur dichte Bäume und Felsspalten mit Schnee darin. Ich wollte ihm sagen, er solle sich keine Sorgen machen, doch er entfernte sich schon und meinte: »Wir brauchen nur ein kleines Stück weiterzugehen, dann können wir besser hinunterschauen.«
Widerstrebend wandte ich mich von der Aussicht ab und folgte ihm.
»Hier entlang!«, rief er einige Schritte vor mir und verschwand hinter einem Felsen.
Ich weiß noch, wie ich mich wunderte, weil er mit einem Mal unternehmungslustig wirkte. Halb im Scherz rief ich ihm nach: »Wo bleibt deine Ausbildung, Rufus? Du hast nicht einmal dein Schwert gezogen.«
Dummerweise hatte ich meines auch nicht gezogen. Hinter der Felsschulter kam ein dichtes Gebüsch. Rufus war nicht zu sehen. Ich ging noch einen Schritt und rief nach ihm.
Plötzlich nahm ich eine schnelle Bewegung wahr; dann drückte sich etwas Spitzes an meinen Rücken. Ich brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass es eine Klinge war.
»Es tut mir leid, Drusus, aber es geht nicht anders«, sagte Rufus.
Dann rief er laut, und aus der Deckung des Gebüschs kamen Männer mit Speeren hervor und umringten mich.
ZWÖLFTES KAPITEL
Sie hielten mich mit ihren Waffen in Schach wie ein gefährliches Tier. Die Klingen blinkten in der Sonne, die schräg durch die Kronen der Kiefern fiel.
Ich konnte nicht begreifen, was geschehen war.
Einer der Männer stieß mich energisch mit der Speerspitze an. »Lass dein Schwert fallen«, sagte er.
Ich gehorchte, zog es aus der Scheide und ließ es fallen. Die Männer trugen die Uniformen unseres Reiches und einige Abzeichen, die ich nicht kannte. In meiner Verwirrung dachte ich zunächst, sie wären von unserer Garnison, aber das war ein Irrtum.
»Dein Messer auch«, sagte Rufus und trat von hinten an mich heran, »dein Jagdmesser, das in deiner Tunika versteckt ist. Das Messer, das du von Marcellus bekommen hast.«
Ich blickte ihn finster an; dann zog ich das Messer hervor und warf es hin. Bis dahin hatte ich benommen reagiert, wie jemand, der aus dem Schlaf gerissen wird und nicht weiß, wo er ist. Doch jetzt begann mein Verstand zu arbeiten, wenn auch zu spät.
»Du hast das eingefädelt«, sagte ich zu Rufus. »Warum? Was habe ich dir getan?«
In plötzlicher Wut rief er: »Jetzt wirst du selbst sehen, wie es ist, wenn man alles verliert, was zählt.«
Ich schüttelte den Kopf. Die Soldaten starrten uns an.
»Das ist nicht bloß dein Werk«, sagte ich. »Wer hat dir geholfen?«
»Keiner!«
Doch er konnte meinem Blick nicht standhalten und wandte die Augen ab. »Wir werden nicht gewinnen, das sieht jeder. Wir können nicht gewinnen.«
»Das klingt ganz nach Nevitta.«
»Oh, ich kann selbst denken.«
»Na schön.« Ich deutete mit dem Kinn auf die Speere. »Worum geht es?«
»Das wirst du früh genug sehen. Er hat mir gesagt, es wird eine Einigung geben, wenn ich dich zu ihm bringe.«
»Wer hat das gesagt? Nevitta?«
»Nein! Ein mächtiger Mann, ein Gesandter des Kaisers.« Seine Stimme schwankte, denn er war überreizt und aufgewühlt. Kurz starrte er mich an, dann sagte er zu meinem Entsetzen: »Es ist sein persönlicher Agent, der Notar Paulus. Er sagt, er will nur Frieden.«
Ich blickte ihm in die Augen. »Bei den Göttern, Rufus, begreifst du, was du getan hast? Dieser Mann ist mein größter Feind. Er ist ein Foltermeister und Mörder, und wenn er mich haben will, dann nur, damit er mich töten kann. Man hat dich betrogen. Er will weder Frieden schließen, noch will er eine Einigung. Er hat dich benutzt …«
Der Anführer der Soldaten brachte mich mit einem Speerstoß zum Schweigen. Rufus stieß ein gezwungenes Lachen aus. »Was denn? Hat der tapfere Drusus Angst? Sieht man jetzt den wahren Mann hinter den hehren Worten?«
Ich ging nicht darauf ein. Meine Gedanken waren bereits auf meine Flucht gerichtet. Mir war klar, was der Notar tun würde, sobald er mich in die Finger bekam.
Die Soldaten wussten es ebenfalls. Sie fesselten mich straff mit geflochtenen Lederschnüren und führten mich weg. Wir kamen an einem Toten vorbei, der zwischen den Bäumen lag. Ich erkannte ihn. Es war einer der Späher der Garnison. Er musste der Meute in die Arme gelaufen sein.
Wir gelangten zu einem versteckten Lager, wo Pferde standen. Ich wurde verschnürt wie ein Hirsch, und wir passierten die Schlucht und begannen den Abstieg nach Thrakien.
Nachdem die Männer stundenlang über gewundene Bergpfade gestapft waren, erreichten wir in den Ausläufern des Gebirges ein befestigtes Lager, von wo man über die Ebene schauen konnte. Dort standen mehrere Soldatenzelte; in der Mitte erhob sich ein Pavillon mit der Flagge des Kaisers auf dem Dach. Ich betrachtete den Pavillon düster, da ich erriet, wer sich darin aufhielt.
Unterwegs hatte ich die üblichen Listen ausprobiert. Ich hatte gerufen, ich müsse mich erleichtern; ein andermal hatte ich geklagt, meine Fesseln säßen zu stramm und dass ich keine Luft bekäme, und ob sie dem Notar etwa eine Leiche bringen wollten.
Daraufhin hatten sie meine Fesseln flüchtig geprüft. Doch sie waren keine gemeinen Soldaten, und derlei Täuschungsversuche waren ihnen bekannt. Kein Wunder, dachte ich, wenn sie für den Notar arbeiteten. Sie hatten gewiss schon so manchen um Gnade flehen hören. Nachdem ich diesen Gedanken in ihren harten Gesichtern bestätigt sah, ließ ich davon ab, mich durch Rufen und Betteln weiter zu erniedrigen. Es würde zu nichts führen. Ich versuchte, nicht daran zu denken, was mich erwartete.