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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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Er bekam nicht einmal ein Dankeschön dafür. Er fand, es wäre genug. Er wollte lieber den Menschen in seinem Leben etwas geben, von denen er so vieles bekommen hatte, was seine eigenen Kinder ihm versagt hatten. Treue, meine ich. Freundschaft, Anerkennung — und Liebe. Aber das konnte er nur tun, wenn er alles über mich laufen ließ.«

«Und sein Sohn?«

«Adrian?«

«Wollte Ihr Bruder ihn auch enterben?«

«Er wollte keines seiner Kinder enterben. Er wollte lediglich den Betrag verringern, den er ihnen von Gesetzes wegen hätte hinterlassen müssen.«

«Wer hat von dem Manöver gewusst?«, fragte St. James.

«Meines Wissens nur mein Bruder, Dominic Forrest — das ist der Anwalt — und ich. «Sie griff nach dem braunen Umschlag, aber sie öffnete die Klammern noch nicht. Sie legte ihn nur auf den Schoß und hielt ihn fest, während sie weitersprach.»Ich war damit einverstanden, weil ich Guy seine innere Ruhe wünschte. Er war entsetzlich unglücklich darüber, dass seine geschiedenen Ehefrauen ihm jede halbwegs normale Beziehung zu seinen Kindern verwehrt hatten. Na schön, sagte ich mir, warum nicht? Warum soll ich ihm nicht helfen, den Menschen etwas zurückzugeben, die für ihn da waren, als seine eigenen Kinder nichts von ihm wissen wollten? Verstehen Sie, ich rechnete nicht damit.«

Sie zögerte und faltete bedächtig die Hände, als überlegte sie, wie viel sie preisgeben sollte. Der Anblick des Umschlags, der auf ihrem Schoß lag, schien ihr Entschlossenheit zu verleihen, denn sie fuhr zu sprechen fort.»Ich rechnete nicht damit, dass ich meinen Bruder überleben würde. Ich dachte, wenn ich ihm über meine — meinen körperlichen Zustand die Wahrheit sagte, würde er vorschlagen, mein Testament wieder zu ändern und ihn als Alleinerben einzusetzen. Dann hätte er sich zwar wieder mit den gesetzlichen Bestimmungen herumschlagen müssen, aber ich denke doch, das wäre ihm lieber gewesen, als mit einem einzigen Bankkonto und einem Wertpapierportefeuille dazustehen, ohne eine Möglichkeit, das eine oder andere aufzufüllen.«

«Ich verstehe«, sagte St. James.»Ich verstehe, was beabsichtigt war. Aber es ist wohl anders gekommen?«

«Ich habe es nie geschafft, ihm zu sagen, wie — wie es um mich steht. Manchmal bemerkte ich, dass er mich ansah, und dann dachte ich, er weiß es. Aber er hat nie etwas gesagt. Und ich auch nicht. Jeden Abend nahm ich mir vor, morgen, morgen spreche ich mit ihm. Aber ich habe es nie getan.«

«Und als er dann plötzlich starb — «

«Gab es große Erwartungen.«

«Und jetzt?«

«Jetzt gibt es verständliche Verärgerung.«

St. James nickte. Er blickte auf den riesigen Wandbehang, der einen entscheidenden Teil des Lebens der beiden Geschwister abbildete. Er sah, dass die Mutter, die die Koffer packte, weinte; dass die Kinder sich angstvoll aneinander klammerten. Durch ein Fenster erkannte man Nazi-Panzer, die über ein fernes Feld rollten, und einen Trupp Soldaten, der im Stechschritt durch eine schmale Straße marschierte.

«Ich nehme nicht an, dass Sie mich hergebeten haben, um sich raten lassen, was Sie tun sollen«, sagte er.»Ich habe das Gefühl, das wissen Sie bereits.«

«Ich verdanke meinem Bruder alles, und ich bin ein Mensch, der seine Schulden begleicht. Sie haben Recht, ich habe Sie nicht hergebeten, damit Sie mir sagen, wie ich es jetzt, wo mein Bruder tot ist, mit meinem Testament halten soll. Nein, ganz gewiss nicht.«

«Darf ich dann fragen.? Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

«Bis zum heutigen Tag«, sagte sie,»war ich über den jeweiligen Inhalt der Testamente meines Bruders immer genau unterrichtet. «

«Hat er denn mehrere gemacht?«

«Er hat sein Testament häufiger geändert, als die meisten Leute das tun. Bei jeder Änderung trafen wir uns mit seinem Anwalt, und der setzte mir genau auseinander, wie das neue Testament aussehen würde. Mein Bruder war in dieser Beziehung sehr zuverlässig. Immer fuhren wir an dem Tag, an dem das Testament unterzeichnet werden sollte, zusammen zu Mr. Forrest. Wir gingen die einzelnen Klauseln durch, prüften, ob in meinem eigenen Testament irgendwelche Änderungen nötig wurden, erledigten das mit der Unterschrift und gingen hinterher zum Lunch.«

«Aber bei diesem letzten Testament war es nicht so?«

«Nein.«

«Vielleicht war Ihr Bruder noch nicht dazu gekommen«, meinte St. James.»Er hat ganz sicher nicht mit seinem Tod gerechnet.«

«Dieses letzte Testament wurde im Oktober aufgesetzt, Mr. St. James. Vor mehr als zwei Monaten. Ich war in dieser Zeit immer hier. Mein Bruder ebenso. Er muss nach St. Peter Port gefahren sein, um die Formalitäten zu erledigen und das Testament rechtsgültig zu machen. Er hat mich nicht mitgenommen. Das legt doch nahe, dass er mich ganz bewusst über seine Pläne im Unklaren gelassen hat.«

«Und was waren das für Pläne?«

«Er wollte die Vermächtnisse an Anai's Abbott, Frank Ouseley und die Duffys streichen. Das hat er mir verheimlicht. Als mir das klar wurde, wurde mir natürlich auch klar, dass er mir vielleicht noch weit mehr verheimlicht hat.«

Jetzt, erkannte St. James, waren sie beim Kernpunkt angelangt: beim Grund ihrer Bitte um ein zweites Gespräch mit ihm.

Ruth Brouard öffnete die Metallklammern des Umschlags auf ihrem Schoß. Sie zog heraus, was er enthielt, und St. James sah sofort, dass Guy Brouards Reispass dabei war.

Ruth Brouard reichte ihm das Dokument.»Das war sein erstes Geheimnis«, sagte sie.»Sehen Sie sich den letzten Stempel an.«

St. James blätterte in dem Pass und fand schnell den relevanten Vermerk. Anders als Ruth Brouard ihm gegenüber in ihrem ersten Gespräch an diesem Tag behauptet hatte, war ihr Bruder sehr wohl in den Vereinigten Staaten gewesen. Er war im März über den Internationalen Flughafen von Los Angeles eingereist.

«Und davon hat er Ihnen nichts gesagt?«, fragte St. James.

«Nein, sonst hätte ich Ihnen doch nicht etwas anderes erzählt. «Sie reichte ihm ein Bündel Unterlagen, das, wie St. James sah, aus Kreditkartenrechnungen, Hotelrechnungen und Quittungen von Restaurants und Mietwagenfirmen bestand. Guy Brouard hatte fünf Nächte im Hilton eines Orts namens Irvine gewohnt. Er hatte dort in einem Restaurant mit Namen II Fornaio gegessen sowie in Costa Mesa in Scott 's Seafood Restaurant und in Orange im Citrus Grille. Er hatte sich mit einem gewissen William Kiefer getroffen, Rechtsanwalt in Tustin, dem er etwas über tausend Dollar für drei Termine innerhalb von fünf Tagen bezahlt hatte, und er hatte neben der Karte dieses Anwalts eine Quittung von einem Architekturbüro Southby, Strange, Willows und Ward aufbewahrt.»Jim Ward «stand krakelig hingeworfen unten auf dem Zettel, dazu eine Mobiltelefon- und eine Festnetznummer.

«Er hat sich also anscheinend selbst um die Vorbereitungen für den Museumsbau gekümmert«, bemerkte St. James.»Das passt doch alles zu den Plänen, die er unseres Wissens nach hatte.«

«Das stimmt«, sagte Ruth.»Aber mir hat er kein Wort von dieser Reise gesagt. Verstehen Sie nicht, was das bedeutet?«

In Ruth Brouards Stimme schwang ein eigenartiger Unterton, aber St. James sah nur, dass der Bruder vielleicht ein wenig Freiheit gebraucht hatte. Möglicherweise hatte er eine Freundin mit auf die Reise genommen, von deren Existenz er seine Schwester nichts wissen lassen wollte. Doch als Ruth weitersprach, erkannte er, dass sie sich durch die überraschenden Neuigkeiten, die sie entdeckt hatte, weniger brüskiert fühlte, als vielmehr in ihrer bereits bestehenden Überzeugung bestätigt.

«Kalifornien, Mr. St. James«, sagte sie.»Sie lebt in Kalifornien. Er muss sie also schon gekannt haben, bevor sie nach Guernsey kam. Und als sie hier eintraf, hatte sie bereits alles geplant. «

«Ach so, ich verstehe. Miss River. Aber sie lebt nicht in diesem Teil Kaliforniens«, widersprach St. James.»Sie kommt aus Santa Barbara.«

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