Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
Die Geräusche von der Straße verrieten die Rückkehr der Nachbarn. Die Versammlungen waren zu Ende. Ich musste den ganzen Nachmittag im Dunkeln geblieben sein, ohne es zu bemerken. Vorsichtig öffnete ich die Falltür und spähte hinaus. War wirklich keiner da, der auf mich wartete? Nein, das Haus war leer. Ich war allein. Vorsichtig schlich ich hinaus. Ich wollte sehen, was die Männer tun würden, wenn sie entdeckten, dass sie entwaffnet waren. Die zerschlagenen Tore, ihre Ehefrauen und Kinder würden es ihnen sofort offenbaren. Aber was erwartete ich? Einen Sturm der Entrüstung, einen Demos, der sich formiert, zum Strategion zieht und lautstark die Rückgabe der Schwerter, Schilde und Speere reklamiert? Nichts dergleichen geschah. Die Männer blieben ruhig. Einige rannten auf die Straße, um sich zu vergewissern, dass sie nicht die Einzigen waren, die man ihres Schutzes beraubt hatte. Dann zogen sich alle in ihre Häuser zurück und verriegelten die Tore. An diesem Abend lag bleierne Stille über dem Kerameikos und über der gesamten Stadt.
I
und die stille blieb. Die Stadt hatte sich verändert, von einem Moment auf den anderen, und niemand wagte, darüber zu sprechen. Die Menschen gingen immer noch ihren Geschäften nach, aber die Lebensfreude und Zuversicht, die sie mit dem Ende des Krieges ergriffen hatte wie ein Frühling, war ihnen genommen.
Den Fall der Mauern und den Fall der Stadt hatten sie ertragen können. Der Waffen zum Schutz des eigenen Hauses beraubt, empfanden die Athener sehr viel mehr als beim Einmarsch der Spartaner das Ausmaß ihrer Niederlage, ihrer Demütigung. Jetzt war nicht nur Athen, jetzt waren die Menschen selbst besiegt, in ihrem Innern besiegt, und das war sehr viel schmerzlicher als der Fall der Stadt. Was heißt das schon: Stadt und Polis? Das sind Gedanken, Ideen, unberührbar und letztlich unverletzlich. Aber Haus und Hof, Weib und Kind kann ich fassen und sehen, und ich brauche sie. Nah sind sie mir, ganz nah, und dabei zerbrechlich und verwundbar wie das Glück selbst. Und wer tat uns das an, wer? Unsere eigenen Männer, die Führer der Stadt - und mit diesem Wissen bekamen die Athener eine vage und furchtbare Ahnung davon, dass auch das unglückliche Ende des Krieges mehr mit uns selbst als mit den Spartanern zu tun haben mochte.
In jenen Tagen besuchte ich die Agora nur noch im Schutz der Dunkelheit und hielt mich bis Sonnenuntergang verborgen. Das genügte mir, um zu sehen, was in den Menschen vorging. Mehr noch als sonst in der Stadt fühlte man das Unglück der Menschen auf dem Marktplatz. Das pulsierende Herz Griechenlands drohte zu erstarren. Am dritten Abend nach dem Raub der Waffen traf ich Xenophon, den ich lange nicht gesehen hatte. Sein Gesicht war noch ernster als sonst.
«Xenophon!», rief ich ihn vorsichtig zu mir, wie er gerade an der Zeus-Halle vorbeikam. Gehetzt sah er sich um.
«Nikomachos, entschuldige, ich habe dich gar nicht gesehen», sagte er und kam zu mir herüber. Wie sollte ich mich darüber wundern? Sein Blick war ganz nach innen gerichtet, und ich hielt mich abseits.
«Was ist mit dir?», fragte ich. Es war offensichtlich, dass ihn irgendetwas umtrieb.
«Du weißt schon», antwortete er, «wir haben darüber gesprochen. Die Spartaner ziehen bald ab. Mein Freund hat mich eingeladen. Ich soll ihn begleiten. Es gibt einen persischen Fürsten, der Soldaten anheuert. Vielleicht wäre das etwas für mich?»
«Du willst in den Dienst eines Persers? Hast du mit Sokrates darüber gesprochen?»
Xenophon nickte nur zögerlich.
«Und, was hat er dir geraten?»
«Er meinte, ich solle das Orakel befragen.»
«Und wirst du?»
Xenophon antwortete mir nicht mehr. Er gab vor, schnell nach Hause zu müssen, wo man ihn erwarte. Ich glaubte ihm nicht recht, ließ ihn aber gehen. Was blieb mir übrig? Er würde für sich schon die richtige Entscheidung treffen ...
Seit diesem kurzen Treffen habe ich ihn nicht wiedergesehen. Sokrates erzählte mir später, Xenophon habe das Orakel tatsächlich befragt. Aber nicht so, wie der Lehrer es erwartet hatte. Xenophon fragte die Priesterin nicht, ob er Athen verlassen, sondern nur, welchem Gott er sein Geschick auf der Reise anvertrauen sollte. So hatte er denn allein und ganz für sich bestimmt, sein Glück andernorts zu suchen. So wie ihm ging es vielen in jenen dunklen Tagen. Vor allem junge Männer verließen die Stadt, weil sie die doppelte Niederlage nicht mehr ertragen konnten. Wer aber glaubte, Athen hätte mit der Entwaffnung seiner Bürger den Tiefpunkt erreicht, der sollte sich auch darin täuschen.
Die persischen Bankiers! Seit ihrer Ankunft hatte man nichts von ihnen gehört oder gesehen. Man konnte sich vorstellen, wie sie sich mit ihren Kollegen und den Dreißig trafen, wie sie mit ihnen aßen, schwatzten, verhandelten und feilschten, aber das blieben bloße Ahnungen. Bis zu jenem Tag.
Den ganzen Morgen schon standen zerrissene Wolken über der Akropolis, düstere Nebel mit fratzenhaften Gesichtern und verrenkten Gliedern zum Zeichen des Frevels, der an diesem Tag geschehen sollte. Ich war zu Hause und wartete auf den Sonnenuntergang. Plötzlich hörte ich einen kleinen Jungen durch die Straßen rennen und laut und aufgeregt rufen. Er war so außer sich, dass man ihn nicht verstehen konnte. Ich war alarmiert und kletterte auf das Dach, weil ich hoffte, ich könnte von dort oben vielleicht irgendetwas sehen. Unten in der Gasse hatte mein beherzter Nachbar Janos den Jungen angehalten. Er beruhigte ihn und sprach mit ihm. Ich konnte natürlich nicht hören, was der Junge sagte, aber ich sah, wie mein Nachbar die Hände vor sein Gesicht schlug. Schon lief die halbe Nachbarschaft zusammen und bedrängte das Kind. Die Männer schüttelten die Köpfe, gestikulierten wild, diskutierten und setzen sich endlich in Bewegung. Ich kletterte von meinem Posten herunter und rannte ihnen hinterher. Es ging zum Dromos. Sobald ich den Ersten von ihnen eingeholt hatte, fragte ich, was los sei.
«Die Spartaner!», sagte er aufgeregt und hob die geballte Faust. «Sie entweihen den Parthenon!»
Als wir den Kerameikos hinter uns gelassen hatten, sahen wir halb Athen auf den Beinen. Wer noch gehen konnte, der drängte auf den Dromos und zur Akropolis hinauf, eine ungestüme und wilde Prozession auf dem heiligen Pfad, empört und aufgebracht. Plötzlich stoppten die Menschen. Die Leute kamen nicht weiter. «Was ist da los? Wieso bleibt ihr stehen?», tönte es aus der brodelnden Menge. Ich löste mich und schlug mich durch ein Wäldchen, bis ich mit zerkratztem Gesicht und von Pinienharz beschmutztem Chiton beinahe an der großen Treppe vor der Akropolis stand. Dort erkannte ich, wieso es nicht weiterging.
Vor den Propyläen warteten spartanische Truppen, die Speere gezückt, die Schilde grimmig erhoben. Hier kam niemand durch. Einen Schritt weiter, und es würde Blut vergossen. So standen wir uns gegenüber. Unten, am Fuß der Treppe, wir, Hunderte von Athenern, unbewaffnet und gedemütigt, über uns, auf der Zinne, ein kleiner Trupp Spartaner, gerüstet und siegreich. Und nichts geschah.
Ich habe mich seitdem oft gefragt, wieso wir sie gewähren ließen, wieso sich niemand nach einem Stein gebückt hat, um ihn den Feinden entgegenzuschleudern, die da auf unserem Tempelberg standen. Wir waren den Spartanern zahlenmäßig weit überlegen. Einem von unseren Händen geschleuderten Steinhagel hätten sie nicht standgehalten. Aber keiner tat den ersten Schritt. Stattdessen harrten wir im Gedränge aus und versuchten, unseren Vordermännern über die Köpfe zu sehen, um einen Blick nach oben zu erhaschen. Das blieb aber unmöglich, und niemand wusste, was wirklich vor sich ging. Plötzlich und wie aus heiterem Himmel setzten sich die Spartaner in Bewegung. Zwei Einheiten sprengten die Stufen herunter und fuhren in die Menge wie eine Axt in einen Holzscheit. «Gebt den Weg frei, macht Platz!», riefen ihre Hauptleute und drängten uns beiseite. Wer sich nicht bewegte, wurde niedergetrampelt. Die Athener wichen in Panik zurück, strauchelten, fielen übereinander und rutschten den Hang hinunter. Ich selbst rettete mich gerade noch zur Mauer unter dem Tempel Nikes und hielt mich an einem Vorsprung fest. Vor mir lagen etliche Männer und Frauen schwer verletzt am Boden, aber die Spartaner drängten unbeirrt und gnadenlos weiter auf die Menschenmenge ein, bis eine Gasse freigeräumt war. Dann stießen von unten her die Toxotai mit ihren Weidenruten dazu und verbreiterten mit ihren Hieben das Spalier. Wer nicht schnell genug fortsprang, den schlugen sie wahllos auf den Rücken, den Bauch und in das Gesicht, egal ob sie es mit einem Mann oder einer Frau, mit einem Kind oder einem Greis zu tun hatten. Und wieder schritt er voran, breitbeinig und roh wie ein Tier. Ich ging in Deckung, damit er mich nicht sah. Mein Herz drohte zu zerspringen, ich weiß nicht, ob aus Angst oder Wut. Das glänzende Schwert in der Hand, den Helm der Bogenschützen auf dem Haupt, befehligte er meine Soldaten, und sie folgten ihm unbeirrt, auch wenn sie Athener niederschlagen mussten. Ihre Aufgabe war es offenbar, den Weg für die Spartaner frei zu machen, und sie erfüllten sie ohne jede Rücksicht gegen die eigenen Leute.