Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: cbt/cbj Verlag
- ISBN: 978-3-641-02418-5
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten». Краткое содержание книги:
Immer noch drehte sie den Brief in den Fingern, rollte ihn zu einer unförmigen Papierwurst und glättete ihn wieder. Gedanken, Ängste und Hoffnungen tanzten ihr durch den Kopf, doch sie war zu erschöpft, um daran festzuhalten. Vampa saß mit leerem, dunklem Blick neben ihr, seine Hände lagen auf dem Blutbuch. Ob er nachdachte? Es schien ihr sinnlos, ihn zu fragen. Für eine Weile schloss sie die Augen. Ihr Kopf schaukelte angenehm mit dem Rumpeln der Kutsche hin und her. Sie musste an ihre Tante denken, das katzenhafte Lächeln und die schnurrende Honigstimme... dachte an die Polizei und eine vage Unruhe befiel sie wieder... Sie dachte auch an Tigwid und sah sein Gesicht vor sich; das gezeichnete im Blutbuch und das wirkliche. Ob er tatsächlich in irgendeiner Zelle saß, zwischen dicken Steinwänden? Kurz kam ihr der Gedanke, er habe sich bereits befreit, mit irgendeinem Trick, den man nur als ausgebuffter Ganove kannte... Aber natürlich war das unmöglich, nicht mal Tigwid konnte aus dem Gefängnis ausbrechen. Selbst mit seinen Mottengaben und den übrigen verbrecherischen Talenten nicht. Und doch - irgendwie fiel es ihr schwer, sich vorzustellen, dass er einer Situation hilflos ausgeliefert war. Warum bloß? Ja, warum eigentlich ... Ganz unbemerkt überkam sie der Schlaf.
Apolonia öffnete überrascht die Augen, als die Kutsche mit einem Ruck anhielt. Sie richtete sich so schnell auf, dass es in ihren Ohren sirrte, und sah sich nach allen Seiten um.
»Wo sind wir?«, fragte sie und schob den Fenstervorhang zur Seite. Der Kutscher lief an den Pferden vorbei und öffnete ein hohes Eisentor. Die Kutsche stand auf einem breiten Kiesweg, der sich in die Höhe schlängelte. Auf ihrer Seite fiel der Weg in einem sanften Hang ab, auf dem sich eine Kolonie von knotigen Obstbäumen aus der Erde stemmte. Unterhalb des Gartens hockten aneinandergedrängte Bauernhöfe und rauchten aus verschneiten Kaminen. Das also war Caer Therin. Es war mehr ein zusammengewürfeltes Häufchen von Häusern als ein Dorf.
Noch weiter weg überzog ein dichter Wald die Landschaft; und dahinter, wie ein unförmiges, schmuddeliges Geschwür im weißen Gesicht der Welt, konnte Apolonia die Stadt ausmachen. Sie fühlte sich ein wenig bedrückt, als sie daran dachte, dass ihr ganzes Leben in diesem gräulich braunen Fleck menschlicher Betriebsamkeit stattgefunden hatte, der flach zwischen Erde und Himmel klebte. Es kam ihr klein und unbedeutend vor.
Die Peitsche knallte. Der Kutscher war wieder aufgestiegen. Pferdehufe knirschten auf Kies und Eis und die Kutsche setzte sich erneut in Bewegung. Sie fuhren durch das Eisentor und gespenstische Eichen verschluckten die Aussicht auf die Obstgärten und Dörfer und die ferne Stadt. Apolonia strich sich über Augen und Stirn, um die Müdigkeit zu vertreiben, und ordnete, so gut es ging, ihre Haare. Sie fühlte ein paar grässliche Knoten, an denen sie sich später, wenn sie sich endlich wieder kämmen und waschen konnte, gewiss ein paar hundert Haare ausreißen würde. Nervös spähte sie aus dem Fenster. Sie fuhren in eiligem Tempo den Kiesweg hoch, die Schatten eines Wäldchens hetzten durch die Kutsche. Nach einer Weile machte der Weg eine Biegung und die Bäume wichen zurück. Vor ihnen eröffnete sich ein langer Garten. Gut hundert Meter weiter bildeten verschneite, zu schlanken Kegeln gestutzte Heckenbüsche einen Halbkreis um eine Terrasse mit einer weitläufigen Treppe und einem Springbrunnen. Die Terrasse führte zu dem imposantesten Haus, das Apolonia je erblickt hatte.
Nun, es war nicht direkt ein Haus - eher ein Schloss. Das Hauptgebäude wurde von Türmen flankiert, die aus dem Boden und aus anderen Türmen hervorsprossen wie schwarze Pilze. Die zarten Schneehauben konnten den spitzen Dächern kaum ihre Bedrohlichkeit und schon gar nicht ihre erdrückende Mächtigkeit nehmen. Das Anwesen wirkte düster, obwohl die Fassade von unzähligen Fenstern durchzogen war, deren dunkles Glas die Wälder ringsum reflektierte. Es war ein Anblick von so unzweifelhaftem Reichtum, dass Apolonia unweigerlich den Atem anhielt - was ganz sicher der vom Besitzer gewünschte Effekt war.
»Da sag noch mal einer, der Adel sei verarmt«, murmelte sie vor sich hin, während sie sich dem herrschaftlichen Schloss in einer Wegkurve näherten. Wie konnte es bloß sein, dass sie nie von dem Grafen von Caer Therin gehört hatte? Allerdings wollte Apolonia sich von der Pracht des Anwesens nicht zu sehr beeindrucken lassen. Gut möglich, dass das Schloss alles war, was der Graf besaß. Wieso sonst würde man in dieser Abgeschiedenheit leben, fernab der Stadt und ihren Möglichkeiten?
Die Kutsche hielt auf einem runden Platz, der sich an die Hinterseite des Hauptgebäudes schmiegte und einen Springbrunnen in seiner Mitte präsentierte. Die verschwenderisch breite Haustür wurde sogleich geöffnet, als Apolonia und Vampa ausstiegen, und ein Diener mit hochgeschlossenem Frack eilte ihnen entgegen.
»Fräulein Apolonia Spiegelgold?« Der Diener verneigte sich, als Apolonia nickte. »Sie werden bereits erwartet. Wenn Sie erlauben?« Er wies zum Haus und verneigte sich abermals, als er Apolonia und Vampa den Vortritt ließ. Apolonia steckte den mittlerweile ziemlich mitgenommen aussehenden Brief in ihre Manteltasche und trat durch die Haustür.
Zwei geschwungene Wendeltreppen aus Eichenholz, flankiert von geschnitzten Engeln so groß wie Apolonia, führten aus der Eingangshalle ins Innere des Hauses. Der Boden war mit weißen und schwarzen Marmorplatten gefliest. Hoch über der Haustür fiel Licht durch die Fenster und malte helle Streifen auf die rötlich schimmernden Holztüren, die rechts und links der Treppen die getäfelten Wände durchzogen.
»Ihre Tante wartet im ersten Stock, mein Fräulein.« Der Diener wies eine der Treppen empor und wartete geduldig, bis Apolonia sich vom Anblick der eindrucksvollen Eingangshalle gelöst hatte.
»Komm, Vampa«, sagte sie überflüssigerweise, denn er wich nicht von ihrer Seite und folgte sogar ihrem Blick überallhin. Der Diener trippelte hinterher.
»Wenn Sie gestatten, der Korridor ganz links.« Sie erreichten den balkonartigen Vorsprung über den Treppen und gingen bis zum Korridor ganz links. Das Gemälde eines Mädchens, das beim Lesen eines Buches weinte, bedeckte den Großteil der Wand.
Der Korridor blickte durch eine Vielzahl von Fenstern auf den Wald des Anwesens hinaus. Die karamellbraune Wandtapete fing das Tageslicht auf und glänzte matt wie aus zahllosen Augen. Bei genauerem Hinsehen machte das verwirrende Muster Apolonia beinahe schwindelig.
Der Gang mündete in ein schmuckes Vorzimmer. Der Diener vollführte abermals eine umständliche Verneigung.
»Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit. Ich vergaß zu fragen, ob ich Ihren Mantel waschen lassen soll, Fräulein Spiegelgold. Und natürlich auch den Ihren, junger Herr«, fügte er mit einem zögerlichen Blick auf Vampa hinzu. Apolonia wippte ungeduldig mit dem Fuß auf und ab. Sie hatte keine Zeit, sich mit Höflichkeiten aufzuhalten. Mit einer einzigen Schulterbewegung schüttelte sie ihren Mantel ab, pellte sich aus den Ärmeln und übergab ihn dem Diener.
»Hier, danke. - Nein, du nicht.« Energisch zog sie Vampa den Mantel vor der nackten Brust wieder zu. Dann wandte sie sich an den Diener. »Wo ist meine Tante?«
»Dieses Zimmer, mein Fräulein.« Der Diener hatte sich ihren Mantel bereits über den Arm gelegt und klopfte an die Tür. Gedämpft erklang die Erlaubnis einzutreten.
Es war ein helles Zimmer mit einer pfefferminzgrünen Tapete und einem minzgrünen Teppich. Das Mobiliar war, wie im ganzen Haus, in dunklem Holz gehalten, die Fenster hatten keine Vorhänge, dafür waren sie in lackierte Rahmen gefasst. Vor einem der Fenster stand Nevera Spiegelgold und drehte sich zu ihnen um.