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Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten

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Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
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Trotzdem schnupperte sie vorsichtshalber in ihre Gedanken hinein. Er roch nach Essig, nach Salz und irgendetwas Fettigem. Darüber lag ein Hauch von Verbranntem und süßlichem Alkohol.

»Mhm.« Apolonia verengte die Augen. Es handelte sich also um einen Raucher, der Parfüm trug, darunter ein bisschen schwitzte. Behutsam nahm sie Knebel die Schnur mit dem Schriftröllchen ab. Selbstverständlich wusste sie bereits, von wem der Brief war - es gab nur einen, der einen Sinn darin erkennen konnte, einem wilden Marder einen Brief umzuhängen. Morbus, natürlich.

Einen Augenblick wog sie die Schriftrolle unschlüssig in der Hand. Glaubte Morbus tatsächlich, dass sie nach allem, was sie über ihn und seine Gabe wusste, einfach so einen von ihm geschriebenen Brief öffnete? Sie biss sich auf die Unterlippe. Ich sollte den Brief wegwerfen, verbrennen, dachte sie. Bestimmt wartete auf dem Papier irgendein Manipuliersatz. Aber schließlich war sie eine Motte und sie war resistent. Eigentlich könnte sie es doch wagen... aus purer Neugier.

Sie holte tief Luft und machte sich gefasst. Mit klammen Fingern glättete sie das Papier. Ein Auge zugekniffen, spähte sie auf die erste Zeile. Zu ihrer Überraschung gehörte die Schrift nicht Morbus und die Tinte war weder mit Blut gemischt noch übte sie irgendeinen Sog auf sie aus. In säuberlichen schwarzen Lettern stand geschrieben:

Meine liebe Nichte!

Die Nachricht der jüngsten Ereignisse hat mich erreicht und zutiefst erschüttert. Heute Abend war die Polizei da, morgen früh wollen sie wiederkommen. Ich lasse diese Nachricht bei dem Marder zurück, den ich für Deinen Freund halte, und reise noch heute Nacht ab. Dein Onkel wird sich um die Misere kümmern. Dich aber bitte ich, unverzüglich die Stadt zu verlassen. Am Haupttor des Parks steht eine Kutsche bereit, um Dich außer Gefahr zu bringen. Im Hause eines Freundes wartet auf Dich in großer Sorge

Deine liebe Tante Nevera

P. S.: Deine Amme ist bei mir.

Apolonia las den Brief ein zweites Mal durch und wurde noch verwirrter. Nevera? Ihre Tante? Woher kannte sie Knebel? Woher wusste sie von ihm? Apolonia erhob sich langsam, den Brief in der Hand, und schüttelte ungläubig den Kopf. Es gab nur einen Weg, Antworten zu bekommen.

»Was ist das?«, fragte Vampa, doch es klang nicht, als ob er wirklich interessiert wäre. Jedenfalls verzichtete Apolonia darauf, seine Frage zu beantworten.

»Das Haupttor...«, murmelte sie. »Vampa, weißt du, wo hier das Haupttor des Parks ist? Bringst du mich hin, bitte?«

Er nickte knapp, warf Knebel einen Blick zu, dann dem Brief in Apolonias Hand und wieder ihr. Das Blutbuch fest im Arm, setzte er sich in Bewegung.

Knebel lief eine Weile neben Apolonia her, dann sandte er ihr einen Abschiedsgruß und verschwand im Dickicht, um auf Mäusejagd zu gehen. Apolonia registrierte sein Verschwinden kaum. Sie las noch einmal den Brief durch. Aber es blieb ihr ein Rätsel, wie ausgerechnet ihre Tante ihn hatte schreiben und an Knebel übergeben können. Wie hatte Nevera es bloß geschafft, dem wilden Marder einen Brief um den Hals zu hängen und ihm zu erklären, dass dieser für Apolonia bestimmt war? Es gab nur eine einzige Erklärung. Aber das war ... Apolonia schüttelte unwillkürlich den Kopf. Unmöglich!

Und wenn es doch stimmte ...

»Da vorne ist das Haupttor.« Vampa wies voraus. Am Ende des Kieswegs schimmerte ein von vereistem Efeu umwucherter Torbogen. Apolonia atmete tief ein, als sie am Straßenrand eine Kutsche sah.

»Apolonia.« Vampa berührte ihren Arm und blieb stehen.

Sie drehte sich zu ihm um.

»Wo gehst du jetzt hin?«, fragte er.

Apolonia hielt das zusammengerollte Papier hoch. »Dieser Brief ist von meiner Tante. Sie wird uns helfen. Mir, Tigwid und vielleicht auch dir, damit du dein Blutbuch findest. Wenn du möchtest, kannst du mitkommen.«

Er nickte und Apolonia rang sich zu einem zögerlichen Lächeln durch. »Ich würde jetzt sagen: Hab keine Angst. Aber die hast du ja bestimmt nicht.« Fast glaubte sie, ein Lächeln über seine Lippen huschen zu sehen, aber sie, wandte sich gleich wieder ab und schritt auf die Kutsche zu. Hinter sich hörte sie bald Vampas Schritte. Sonderbarerweise war sie froh darüber. Denn obwohl sie gesagt hatte, der Brief sei von Nevera - und sie hoffte es inständig -, befürchtete sie etwas ganz anderes... Womöglich hatten die Dichter ihre Tante entführt, sie gar manipuliert. Das Ganze roch nach einer Falle. Aber was blieb ihr übrig, als darauf einzugehen? Wenn Nevera den Brief wirklich eigenhändig geschrieben hatte, war sie ihre letzte Hoffnung. Wenn nicht, war ohnehin alles verloren.

Mit einer angedeuteten Verneigung gab der Kutscher zu verstehen, dass er auf sie gewartet hatte. »Guten Morgen, Fräulein Apolonia.« Sein Blick schwenkte zu Vampa und er erschrak kaum merklich vor seinem toten Gesicht. Dann fand er seine Stimme wieder und fuhr fort: »Mein Herr schickt Ihnen seine wärmsten Grüße. Auch Ihre Tante, Frau Spiegelgold, wünscht Ihnen einen guten Morgen. Wenn Sie erlauben.« Er öffnete die Kutschentür und reichte Apolonia eine Hand. Sie ließ sich in die Kutsche helfen und nahm auf der schwarzen Sitzbank Platz. Vampa schob sich an dem Kutscher vorbei und setzte sich neben sie.

»Wenn Sie gestatten.« Der Kutscher wollte gerade die Tür schließen, als Apolonia sich noch einmal zu ihm vorlehnte.

»Wer ist Ihr Herr?«

»Er ist der Graf von Caer Therin. Sagt Ihnen der Name etwas? Wahrscheinlich nicht.« Der Kutscher lief rot an. »Verzeihung«, stammelte er. »Ich wollte nicht sagen, dass Sie nicht wissen ...«

»Caer Therin, das habe ich noch nie gehört.«

»Nun«, erklärte der Kutscher, »mein Herr lebt sehr zurückgezogen auf seinem Landsitz. Caer Therin ist nur ein Dorf ohne viel Bedeutung. Was man von meinem Herrn natürlich nicht sagen kann«, beeilte sich der Kutscher zu sagen. Apolonia lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. »Fahren Sie los. Wie weit ist es bis Caer Therin?«

Der junge Mann war bereits auf den Kutschbock gestiegen und nahm Peitsche und Zügel in die Hand. »Oh, eine Weile dauert es schon, fast eine Stunde. Ich werde die Pferde schneller laufen lassen, wenn Sie wünschen.«

»Tun Sie das.« Apolonia faltete den Brief in den Händen und blickte aus dem Fenster, als sie losfuhren. Die Stadt zog an ihnen vorüber. Ein Zeitungsjunge lief neben die Kutsche und bot ihr die neueste Ausgabe des Stadtspiegels an, doch Apolonia winkte ab. Kleine Märkte und Schaubuden sandten Lärm und Düfte in die Kutsche, als sie die betriebsamen Straßen der Innenstadt durchquerten. Sie sah die Gesichter von Passanten vorbeifließen, von Straßenkindern und eifrigen Händlern, von Schuhputzern, mausgrauen Angestellten und aufmerksamen Wachmännern. Apolonia schloss die Vorhänge ein Stück und lehnte sich zurück. Das Rattern und Ruckeln der Kutsche machte sie mit einem Mal schläfrig und trotz aller ungeklärter Rätsel breitete sich ein Gefühl träger Geborgenheit in ihr aus. Vampa saß dicht neben ihr und schien die Sitzpolster zu betrachten. Ja, aus irgendeinem Grund war Apolonia froh, dass er sie begleitete - egal ob sie eine Falle oder ihre Rettung erwartete, wenigstens ging sie nicht allein. Und dass zumindest einer von ihnen mit Gewissheit überleben würde, war doch irgendwie tröstlich.

Caer Therin

Sie verließen die Stadt und der Lärm der Menschen ver klang jenseits der Fenstervorhänge. Bald waren nur noch das Rattern der Kutsche zu hören, das Schnauben der Rösser und gelegentlich ein Rabenkrächzen. Apolonia warf wieder einen Blick nach draußen und erspähte eine verschneite Welt aus Feldern, Dörfchen und Wäldern. Die Aussicht wurde von kahlen Pappeln durchschnitten, die in immer gleichen Abständen die Straße säumten. In der Ferne hörte sie das Läuten von Kirchenglocken.

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