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Der Leuchtturm von Alexandria

Электронная книга - «Der Leuchtturm von Alexandria». Краткое содержание книги:

Das Buch
Der Untergang des Römischen Reiches ist unabwendbar, politische Wirren und Intrigen sind am Ende des 4. Jahrhunderts nach Christus an der Tagesordnung. In dieser unruhigen Zeit wächst das Mädchen Charis in Ephesus auf. Charis scheint über geheimnisvolle, ja magische Fähigkeiten zu verfügen, die ihr Bewunderung ebenso wie Neid und Mißtrauen eintragen. Dabei ist es nicht Zauberei, sondern ihre fürsorgliche Liebe zur Kreatur, die ihr die wunderbare Kraft des Heilens und Pflegens verleiht. Das friedvolle Leben ihrer angesehenen Familie wird jäh zerstört, als der neue machtgierige Statthalter Festinus seine Aufmerksamkeit der zur Frau erblühenden Charis zuwendet. Sie entzieht sich seinen Nachstellungen durch eine tollkühne Flucht nach Alexandria als Eunuch verkleidet. In dieser Maske gelingt ihr, was einer Frau im Römischen Reich versagt war: sie läßt sich in Alexandria, der damaligen Hochburg der Medizin, zur Heilkundigen ausbilden. Doch die neue Rolle bewirkt eine schicksalhafte Wende in ihrem Leben: Als Charon avanciert sie zum Militärarzt im wilden Thrazien. Wegen ihrer Heilkunst wird sie von den Goten entführt – bis der Mann, den sie seit langem liebt, sie errettet und ihre wahre Identität erkennt. Ein hinreißend erzählter historischer Roman, der eine turbulente Epoche farbenprächtig und abenteuerlich spannend vergegenwärtigt.
Der Autor
Gillian Bradshaw wurde in Falls Church, Virginia, geboren, wuchs auf in Chile und studierte englische Literaturgeschichte an den Universitäten von Michigan und Cambridge. Ihre Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet. Mit ihrer großartigen Trilogie um König Artus hat sich Gillian Bradshaw auch beim deutschen Leserpublikum einen Namen gemacht.
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Dritter Teil 

THRAZIEN

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Ich traf Anfang Oktober desselben Jahres, in dem Athanasios gestorben war, in Thrazien ein. Die Reise von Alexandria dorthin war angenehm. Weil ein für die Jahreszeit ungewöhnlich mildes Wetter herrschte und weil es andererseits schon spät im Jahr war, segelte der Schiffsherr nicht die syrische Küste hinauf, sondern steuerte sein Segelschiff direkt durch die offene See nach Kreta. Dort nahmen wir frisches Wasser an Bord, segelten so rasch wie möglich zwischen den griechischen Inseln hindurch und hielten Kurs auf den Bosporus, um die letzten schönen Tage auszunutzen. Früh am Morgen des 25. September erreichten wir Konstantinopel. Der Hafen schimmerte sanft im Licht des Morgens, und die Stadt schien dem Wasser wie eine Vision des himmlischen Jerusalem zu entsteigen; ihre Kuppeln und Paläste färbten sich in den ersten Strahlen der Sonne golden. Auf den Hafenkais riefen die Verkäufer ihre Waren aus: frische Feigen und Melonen, heiße Sesamkuchen! Seemöwen breiteten ihre weißen Flügel über das blitzende Wasser und schossen auf ein paar Bissen Abfall herunter, die in das Hafenbecken geworfen wurden.

Das Schiff mußte einen Teil seiner Getreidefracht in ein kleineres Segelschiff umladen, das diese Ladung dann – zusammen mit mir – über das Schwarze Meer nach Norden bringen würde. Die Fracht sollte in Histria ausgeladen und von dort mit Hilfe von Booten den Fluß hinaufbefördert werden. Dieses kleinere Schiff wartete bereits am Pier, als das Schiff aus Alexandria einlief, und sein Schiffsherr kam sofort an Bord. »Ich will so schnell wie möglich auslaufen!« verkündete er der Mannschaft. »Wer weiß, wie lange der Wind sich noch hält! Ich will die Reise vor dem Winter hinter mich bringen. Wenn man an den Piers von Konstantinopel festliegt, kann man kein Geld verdienen!«

Die Luken wurden also geöffnet, und die Hafenarbeiter begannen damit, die Kornballen an Deck zu schleppen, sie auf Handkarren zu laden und diese zum anderen Schiff hinüberzurollen. Ich hätte Thorion gern wiedergesehen, aber es blieb keine Zeit zu einem Besuch in der Stadt.

Von Konstantinopel aus segelten wir in Richtung Nordwesten, dicht an der Küste des Schwarzen Meeres entlang. Das schöne Wetter hielt sich, und das Schwarze Meer gebar keinen seiner tückischen Stürme. Die Unruhe des Schiffsherrn ließ merklich nach, und er legte unterwegs in mehreren kleinen Häfen an, um Wasser und frisches Obst an Bord zu nehmen. In einem dieser Häfen – es war Odessus – hörten wir, Sebastianus, der Heerführer der thrazischen Provinz Skythien, berate sich gerade mit dem Oberfeldherrn Thraziens in Marcianopolis. Da ich unter Sebastianus’ Befehl stehen würde, hatte es keinen Zweck, in sein Hauptquartier nach Tomis weiterzureisen und dort auf ihn zu warten. Deshalb ging ich in Odessus von Bord und machte mich auf den Weg nach Marcianopolis, das zwanzig Meilen flußaufwärts von diesem Hafen liegt.

Es gab eine Menge Boote, die von Odessus aus flußaufwärts nach Marcianopolis segelten und sowohl Fische und importierte Güter als auch Passagiere mit sich führten. Ich bezahlte also ein paar Kupfermünzen, um mich und meine Reisetruhe auf einem von ihnen unterzubringen. Zwei weitere Passagiere kletterten an Bord, eine Frau mit einem Ballen importierter wollener Gewänder und ein Mann mit ein paar Fischen und zwei großen Weinamphoren. Alle beide warfen mir verstohlene Blicke zu, sagten jedoch nichts. Die Bootsmänner legten vom Kai ab, hißten das Segel und setzten sich an ihre Ruder. Ich saß im Heck auf meiner Truhe und beobachtete, wie die Ufer vorüberglitten. Ich hatte nicht viel Gelegenheit gehabt, von dem größeren Schiff aus das Land zu betrachten – nur Strände und felsige Uferabschnitte, dahinter die Berge; viele Pinien und Eichenwälder; ein paar Weiler, die sich an den morastigen Flußmündungen zusammendrängten, umgeben von offen daliegenden Feldern; ein oder zwei Städte. Als wir den Fluß weiter hinaufsegelten, kam mir Thrazien noch rauher und trostloser vor, als ich es mir vorgestellt hatte. Odessus war nur eine kleine Stadt, und Marcianopolis entpuppte sich, nachdem wir es schließlich erreicht hatten, als nicht viel größer. Zwischen den beiden wand sich der Fluß durch einen schmalen Streifen bebauten Landes in Richtung auf das Hämusgebirge. Kühe grasten auf dem fruchtbaren Weideland; ein paar Bauern brachten die letzte Ernte ein oder droschen in rhythmischen Bewegungen das reiche Gold des Korns aus den Ähren. Während der ersten Meilen machte die Landschaft einen unerklärlich fremdartigen Eindruck auf mich, und endlich wurde mir bewußt, was ich vermißte: Olivenbäume. Sie gedeihen in Thrazien nicht; es ist dort zu kalt für sie. Die Einwohner haben die barbarische Sitte der Goten übernommen, aus der Milch eine breiige Masse zuzubereiten, die sie Butter nennen und die sie statt Olivenöl zum Kochen benutzen oder einfach aufs Brot schmieren. Auch der Wein wächst in Thrazien nur spärlich, außerdem ist der dortige Wein wäßrig und sauer.

Ich spürte ein unbehagliches Frösteln und schaute weiter in die Ferne. Hinter dem bebauten Land erstreckten sich die dunklen, schattigen Umrisse der Berge und Meilen über Meilen öder Flächen und Wälder, fremdartig und wild. Es gab eine Menge brachliegendes Land: Thrazien ist eine spärlich besiedelte Region. Mit Ausnahme des Küstenstreifens war es in alten Zeiten äußerst unfruchtbar, und in den Kriegen vor der Thronbesteigung des erlauchten Kaisers Diokletian hatte es sehr gelitten. Thrazien ist außerdem ein recht großer Verwaltungsbezirk, der aus sechs Provinzen besteht. Es grenzt im Süden an die Ägäis, im Osten an das Schwarze Meer, und im Norden wird es von dem Fluß, den man Hister oder auch Donau nennt, begrenzt. An ihrem jenseitigen Ufer sind die Stämme der barbarischen Goten zu Hause. Im Westen grenzt Thrazien an die kaiserliche Diözese Dazien mit einer lateinisch sprechenden Bevölkerung, die unter der Herrschaft des westlichen Kaisers steht. Die vier südlichen Provinzen Thraziens haben eine griechisch sprechende Bevölkerung, die beiden nördlichen, Mösien und Skythien, sind allerdings zweisprachig, nämlich griechisch und lateinisch – wenn man einmal unberücksichtigt läßt, daß viele Soldaten gotisch sprechen und die Bauern thrazisch.

Wir erreichten Marcianopolis am Abend. Obwohl nach asiatischen Maßstäben nicht viel mehr als ein Flecken, war es stark befestigt. Die steinernen Wälle ragten in die Höhe und hoben sich, als sich unser kleines Schiff ihnen näherte, düster gegen die untergehende Sonne ab. Hinter ihnen tauchte drohend das Hämusgebirge auf und sperrte das Licht aus. Sogar die Flußdurchfahrt war mit Hilfe von Toren befestigt, die allerdings offenstanden, als wir in die Stadt einfuhren. Als wir an einem steinernen Pier anlegten, dämmerte es bereits. Ich war von der langen Seereise erschöpft. Nachdem ich einen Träger für meine Truhe aufgetrieben hatte, mietete ich mir ein Zimmer in der nächstgelegenen Taverne.

Am nächsten Morgen ging ich, um mich dem Heerführer Sebastianus vorzustellen. Angesichts des bevorstehenden Zusammentreffens verspürte ich ein wenig Nervosität. Deshalb zog ich mich sorgfältig an, wählte meine neueste Tunika und meinen besten Umhang. Ich besaß keinen Spiegel, aber im Zimmer befand sich eine irdene Wasserschale aus dunklem Steingut, und darin betrachtete ich mein Ebenbild. Es war einige Zeit her, daß ich mich zuletzt in einem Spiegel begutachtet hatte. Das Gesicht, das ich jetzt erblickte, war schmaler als das, an das ich mich erinnerte, und auch älter. Der unvoreingenommene, abschätzende Blick hatte sich noch verstärkt, er hatte einen vorsichtigen, ja mißtrauischen Ausdruck angenommen. Ich lächelte mir zu, verschrieb mir im Geiste viel Ruhe und regelmäßige Mahlzeiten, und das Gesicht lächelte zurück, die Züge wurden professionell und selbstsicher: das Gesicht eines in Alexandria ausgebildeten Arztes. Ich würde es schaffen. Mit gestiegenem Selbstvertrauen machte ich mich auf den Weg zu Heerführer Sebastianus.

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