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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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So sprachen sie miteinander in einer stillen Stunde zwischen den Ritten auf den Landstraßen und öffneten ihre Herzen.

Die Wasserperlchen, vom Wind durch die Luft getragen, wehten in ihre Gesichter. Ein Stein löste sich vom Abhang, sein Fall in die Tiefe ging im Brausen des Wassers unter. Schritte näherten sich. Eine Stimme sagte: «Angiolino, höre, ein Pfarrer sitzt unten. Er will dich sprechen. Sein Begehren duldet keinen Aufschub, sagte er.» Angiolino und Paolo standen auf.

«Ein Pfarrer, sagst du?»

«Ein junger Mensch ist es, Angiolino. Sein Gesicht ist gut.» Der König der Felder dachte nach. «Bring ihn zu mir», sagte er dann. «Komm mit mir, Paolo. Wir werden ihn in meinem Haus empfangen und mit gutem Wein bewirten. Unser Pfarrer im Dorf liebte den Wein und nahm gern an den Gelagen des Herrn teil.»

Der Raum, in dem Angiolino wohnte, war wie die Unterkünfte der anderen eingerichtet. Teppiche verdeckten die kahlen Wände und wärmten den kühlen Fußboden. Möbel aus kostbaren Hölzern, mit viel Fleiß von kunstfertigen Handwerkern hergestellt, schufen Behaglichkeit und Freude am Leben zwischen den schützenden Mauern, besonders wenn nachts der Wind um das Haus heulte. Die Teppiche, die Möbel, die Schinken in den Rauchfängen und der Wein in den Kellern waren auf Maultieren beim Mondenschein mühselig heraufgebracht worden. Angiolino sorgte dafür, daß jeder seinen gerechten Teil erhielt.

Der Tisch in der Mitte des Raumes, der Stuhl, auf dem Angiolino Platz nahm, das Schreibgerät, die Bücher und die Teppiche stammten aus einem Schloß am Fuße der Berge, eine halbe Tagesreise entfernt von hier. Der Herr hatte sich gern von seiner Einrichtung getrennt, als er hörte, daß man auf sein Leben weniger Wert lege als auf seine Teppiche. Aber als Angiolino mit seiner Truppe abgezogen war, hatte er nichts Eiligeres zu tun gehabt, als seine Bewaffneten zusammenzutrommeln und den Räubern nachzujagen. Er fand sie nicht; keiner hatte sie gesehen. Menschen, Pferde, Teppiche, Möbel waren verschwunden; denn die Berge waren mit dichten Wäldern bedeckt, und die Bauern verschlossen Augen und Ohren, wenn sie beim Holzfällen flüchtige Schatten vorbeihuschen sahen oder das Wiehern der Pferde und leise Menschenstimmen hörten.

«Nehmt Platz, Hochwürden», sagte Angiolino.

Der junge Pfarrer sah um sich, sein Gesicht verzog sich unwillig, als er die prunkvolle Einrichtung in dem Haus auf dem Dach der Berge sah, das jahrhundertelang nur Armut und kalte Steine gekannt hatte.

«Wir leben wie die Herren», sagte Angiolino, «gönnt es uns, Hochwürden. Wir werden nicht hochmütig dabei. Unser Alltag ist gefährlich. Wir nehmen von denen, die im Überfluß haben, und geben denen, die arbeiten und Hunger leiden nach Brot und schönen Dingen.»

«Darum komme ich zu Euch», sagte der junge Pfarrer.

«Hol Wein und Heisch, Paolo, Hochwürden wird hungrig sein nach dem mühevollen Aufstieg.»

«Ich danke Euch, Angiolino, aber ich wünsche nichts, als eine Bitte vorzutragen.»

«So trinkt Ihr keinen Wein, Hochwürden?» «Nicht darum bin ich gekommen.»

Angiolinos Gesicht wurde freundlich. «Eßt nur mit uns und tragt mir Eure Bitte vor. Wir werden Euch helfen, wenn es in unserer Macht steht.»

Sie aßen Brot und Schinken und tranken auch einen Becher Wein. Und der junge Pfarrer erzählte Albertos Geschichte und bat für Isabella um ein Brautkleid.

Angiolino dachte an seine Braut, die er lange nicht gesehen hatte, und an den Pfarrer seines Heimatdorfes, der Wein trank und Fleisch aß und seinen Pfarrkindern alle Strafen der Hölle androhte, wenn sie im Bach einen Fisch fingen oder in den Wäldern Holz sammelten.

«Der Herr hat ihn mit den Hunden vom Hof jagen lassen», sagte Angiolino mit Haß im Blick. «Es ist gut, Hochwürden, daß Ihr zu mir gekommen seid. Sagt Alberto und Isabella, daß sie bald Hochzeit feiern können.»

In den Abendstunden stieg der Pfarrer, die Soutane über die Schulter gelegt, wieder bergab. Zwei Männer aus Angiolinos Truppe begleiteten ihn bis zum heimatlichen Dorf, das er noch vor dem Einbruch der Dunkelheit erreicht. Die Sonne war hinter dem Berg verschwunden, in Schluchten, Tälern und an den Abhängen breitete sich die Dämmerung aus.

Der Vater empfing den Sohn mit fragenden Augen, und die Mutter kam mit eiligen Schritten über den Hof gelaufen. «Ich habe recht getan, Vater», sagte der junge Pfarrer nachdenklich.

Vier Tage später stieg eine Gruppe von zwanzig Männern mit ihren Pferden vom Gipfel des Berges in das Tal hinab. Sie ritten nach Rocca Secca, geführt von Angiolino und Paolo.

Die Pferde trabten fröhlich durch den Morgen. Sie trugen gutes Zaumzeug, auch die Lanzen und Schwerter der Reiter waren in gutem Zustand. Die Bauern auf den Äckern hielten in ihrer Arbeit inne und sahen ihnen nach.

«Das wird also dein letzter Ritt mit uns sein», sagte Angiolino. «Schade, daß du weggehst, Bruder!»

«Vielleicht bin ich bald wieder bei euch», erwiderte Paolo. «Doch laß uns jetzt nicht daran denken.»

Sie gaben den Pferden die Sporen, ritten in gestrecktem Galopp durch das einsam daliegende Dorf, bogen an der Kirche in den breiten Herrenweg ein und erreichten bald das Herrenhaus, dessen rote Ziegelmauern sich in einem stillen Teich spiegelten. Die Reiter umstellten das Haus, trieben das Gesinde in die Ställe und überwältigten einige bewaffnete Knechte, die ihnen entgegentraten.

Angiolino und Paolo waren indes mit gezogenem Schwert in das Haus eingedrungen und suchten nach dem Herrn, der Alberto großmütig die Erlaubnis zum Heiraten gegeben und mit Hunden von seinem Hof gehetzt hatte.

Da stand er in der äußersten Ecke seines Zimmers, den Degen in der Hand. Als er die große, kräftige Gestalt Paolos neben dem schlanken Angiolino gewahrte, ließ er die Waffe sinken. «Was wollt Ihr von mir?» fragte er zitternd.

«Geld für einen guten Zweck», sagte Angiolino. «Werft Euren Degen hin!»

Der Degen fiel auf die Dielen.

«Ich habe nur wenig Geld im Hause», sagte der Herr. Angiolino kannte diese Ausflüchte. Hundertmal hatte er sie gehört. «Schafft sofort fünfhundert Dukaten herbei, oder wir knüpfen Euch auf und suchen sie uns selber», sagte er drohend.

Der Herr wurde weiß im Gesicht und brauchte einige Zeit, bis er sich so weit gefaßt hatte, daß er die schwere Tür des Eichenschrankes öffnen und eine kleine, eisenbeschlagene Truhe mit Geld hervorholen konnte.

«Zählt fünfhundert Dukaten auf den Tisch!» befahl Angiolino. Draußen ertönte Waffenlärm und Geschrei. Angiolino und Paolo rührten sich nicht. Die Hände des Herrn zögerten, die Truhe zu öffnen. In seinen Augen blitzte Hoffnung auf. Er erwartete den Besuch des Grafen von Casallvieri; vielleicht war er eben mit seinen Bewaffneten gekommen? Seine Ohren lauschten gespannt.

«Binde ihn», befahl Angiolino.

Paolo lehnte sein Schwert vorsichtig an den Tisch, zog eine Schnur aus der Tasche und band den Herrn an einem Stuhl fest, daß er sich nicht mehr rühren konnte.

«Fünfhundert Dukaten wolltet Ihr uns nicht geben», sagte Angiolino, «so nehmen wir denn alles und danken Euch dafür.»

Der Waffenlärm war draußen verstummt. Wut und feige Angst zeigten sich in den Mienen des Gefesselten, der bisher nicht mehr als fünf Worte gesprochen hatte. Die Angst verstärkte sich, als Angiolino dicht an ihn herantrat.

«Hört, was ich Euch sage, edler Herr!» rief er drohend. «Eure Bauern beklagen sich über Euch. Ihr schindet sie und gönnt ihnen nicht das trockene Brot, jagt sie mit Hunden vom Hofe, wenn sie mit einem billigen Anliegen zu Euch kommen. Heute kommt Ihr noch mit dem Leben davon, das nächste Mal werdet Ihr aufgehängt… Der König der Felder hat mit Euch gesprochen. Nun seid gegrüßt!»

Paolo und Angiolino verließen das Haus und gaben das Zeichen zum Aufbruch.

Die Reiter trabten wieder dem Dorfe zu. Das Herrenhaus hinter ihnen spiegelte sich in dem stillen Teich, der Herr schrie nach seinem Diener, daß er ihm die Fesseln löse. Mägde und Knechte traten ohne sonderliche Eile aus den Ställen heraus. Es war ein schöner Tag. Zwei Schwäne schwammen über das Wasser.

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