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Paganinis Fluch

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Paganinis Fluch
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Pollock hebt behutsam das dünne Vorsatzblatt ab, auf dem einige Worte stehen: Carl Palmcronas letzter Wille.

Sie lesen schweigend. Das Dokument ist auf den ersten März des Vorjahrs datiert. Palmcrona hat sein gesamtes Vermögen einem einzigen Menschen vermacht: Stefan Bergkvist.

»Wer zum Henker ist Stefan Bergkvist?«, fragt Kofoed, als sie den Text gelesen haben. »Soweit ich weiß, hatte Palmcrona keine Verwandte, keine Freunde, er hatte niemanden.«

»Stefan Bergkvist wohnt in Västerås … jedenfalls zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Dokuments«, sagt Pollock. »In der Rekylgatan 11 in Västerås und …«

Pollock unterbricht sich und blickt auf:

»Er ist noch ein Kind. Laut Personennummer ist er gerade mal sechzehn Jahre alt.«

Aufgesetzt hat das Testament Palmcronas Anwalt von der Kanzlei Wieselgreen und Söhne. Pollock blättert im aktualisierten Anhang des Testaments, in dem Palmcronas Vermögenswerte präzisiert werden. Es handelt sich um vier Rentenfonds, verpachteten Wald, nur zwei Hektar, einen Hof in Södermanland, der seit zehn Jahren vermietet wird, und die mit hohen Hypotheken belastete Eigentumswohnung in der Grevgatan 2. Der einzige wirklich große Vermögenswert scheint ein Konto bei der Standard Chartered Bank in Jersey zu sein, auf dem nach Palmcronas Angaben neun Millionen Euro liegen.

»Es sieht ganz danach aus, dass dieser Stefan reich geworden ist«, sagt Pollock.

»Ja.«

»Aber warum?«

Tommy zuckt mit den Schultern:

»Manche Leute vermachen alles ihrem Hund oder dem Fitnesstrainer.«

»Ich rufe ihn an.«

»Den Jungen?«

»Was sollen wir denn sonst tun?«

Nathan Pollock wählt eine Nummer auf seinem Handy, bittet darum, mit Stefan Bergkvist in der Rekylgatan 11 in Västerås verbunden zu werden, erfährt, dass unter dieser Adresse nur eine Siv Bergkvist verzeichnet ist, und denkt sich, dass sie vermutlich die Mutter des Jungen ist. Nathan blickt auf den heftigen Regen und die überlaufenden Dachrinnen hinaus.

»Siv Bergkvist«, meldet sich eine Frau mit gebrochener Stimme.

»Mein Name ist Nathan Pollock, ich bin Kriminalkommissar … sind Sie die Mutter von Stefan Bergkvist?«

»Ja«, flüstert sie.

»Könnte ich ihn bitte kurz sprechen?«

»Was?«

»Es besteht kein Grund zur Sorge, ich möchte ihn nur fragen …«

»Gehen Sie zum Teufel«, schreit die Frau und bricht das Gespräch ab.

Pollock wählt noch einmal, aber es hebt keiner ab. Er blickt auf die glänzende Straße hinunter und wählt ein weiteres Mal.

»Micke«, meldet sich ein Mann mit reservierter Stimme.

»Mein Name ist Nathan Pollock, und ich …«

»Verdammt, was wollen Sie?«

Nathan hört die Frau im Hintergrund weinen und etwas zu dem Mann sagen, der erwidert, dass er das erledigen könne.

»Nein«, sagt sie. »Ich mache das …«

Das Telefon wird weitergereicht, und man hört Schritte.

»Hallo«, sagt die Frau leise.

»Ich muss wirklich …«

»Stefan ist tot«, unterbricht sie ihn mit gellender Stimme. »Warum tun Sie das, warum rufen Sie hier an und sagen, dass Sie mit ihm sprechen wollen, ich halte das nicht aus …«

Sie schreit ins Telefon, weint, etwas fällt scheppernd zu Boden.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagt Pollock. »Das wusste ich nicht, ich …«

»Ich halte das nicht aus«, weint sie. »Ich kann nicht mehr.«

Man hört Schritte, woraufhin erneut der Mann das Telefon übernimmt.

»Jetzt reicht’s aber.«

»Warten Sie bitte«, sagt Pollock schnell. »Könnten Sie mir bitte erzählen, was passiert ist? Es ist wirklich wichtig …«

Tommy Kofoed, der das Gespräch verfolgt hat, sieht Nathan, der jemandem am anderen Ende der Leitung lauscht, erblassen und sich über den silbrigen Pferdeschwanz streichen.

Spende Boerse

59

Wenn das Leben einen Sinn bekommt

Mehrere Polizisten haben sich auf den Fluren des Landespolizeiamts versammelt. Nervosität liegt in der Luft. Alle warten ungeduldig auf neue Berichte. Erst hat die Einsatzzentrale den Kontakt zum Boot der Wasserschutzpolizei verloren, und dann ist auch noch der Funkkontakt zum Rettungshubschrauber abgebrochen.

Joona steht in seinem Büro und liest die Ansichtskarte, die Disa ihm von ihrer Konferenz auf Gotland geschickt hat. »Ich leite den Liebesbrief einer heimlichen Verehrerin an dich weiter. Kuss, Disa.« Er nimmt an, dass sie lange suchen musste, um eine Karte zu finden, die ihn garantiert schaudern lassen wird. Er beißt die Zähne zusammen und dreht die Karte um. Auf der Vorderseite steht in Druckbuchstaben »Sex on the beach« über dem Bild eines weißen Pudels mit Sonnenbrille in einem rosa Bikini. Der Hund sitzt in einem Liegestuhl, und neben ihm steht ein roter Drink in einem hohen Glas.

Es klopft an der Tür, und Joonas Lächeln verschwindet, als er Nathan Pollocks ernstem Blick begegnet.

»Carl Palmcrona hat sein gesamtes Vermögen seinem Sohn vermacht«, setzt Nathan an.

»Ich dachte, er hätte keine Verwandten.«

»Der Sohn ist tot, er wurde nur sechzehn Jahre alt, offenbar ist er gestern bei einem Unfall umgekommen.«

»Gestern?«, wiederholt Joona.

»Stefan Bergkvist hat Carl Palmcrona um drei Tage überlebt«, erklärt Nathan Pollock.

»Was ist passiert?«

»Ich habe es ehrlich gesagt nicht ganz verstanden, es hing mit seinem Moped zusammen«, sagt Pollock. »Ich habe darum gebeten, den vorläufigen Bericht zugeschickt zu bekommen …«

»Was weißt du?«

Der große Mann mit dem silbernen Pferdeschwanz lässt sich auf den Bürostuhl fallen.

»Ich habe mehrmals mit seiner Mutter, Siv Bergkvist, und ihrem Lebensgefährten Micke Johansson gesprochen … dabei ist herausgekommen, dass Siv zur Aushilfe als Palmcronas Sekretärin arbeitete, als dieser bei der Vierten Marineflottille tätig war. Sie hatten eine kurze Affäre. Die Frau wurde schwanger. Als sie ihm davon erzählte, meinte er zu ihr, er gehe davon aus, dass sie abtreiben werde. Siv kehrte nach Västerås zurück, brachte das Kind zur Welt und hat seither stets behauptet, der Vater sei unbekannt.«

»Wusste Stefan, dass sein Vater Carl Palmcrona war?«

Nathan schüttelt den Kopf und ist in Gedanken bei den Worten der Mutter: »Ich habe Hummelchen gesagt, dass sein Vater tot ist, dass er noch vor seiner Geburt gestorben ist.«

Es klopft an die Tür, und Anja Larsson kommt herein. Sie legt einen Bericht auf den Tisch, der nach dem Ausdrucken noch warm ist.

»Ein Unfall«, sagte sie ohne weitere Erklärung und verlässt den Raum.

Joona greift nach der Plastikmappe und liest den Bericht über die vorläufige kriminaltechnische Untersuchung. Wegen der starken Hitzeentwicklung starb der Junge nicht an einer Kohlenmonoxidvergiftung, sondern an seinen Verbrennungen. Noch vor seinem Tod war die Haut wie von tiefen Schnittwunden aufgeplatzt und daraufhin die gesamte Muskulatur eingeschrumpft. Die Hitze hatte am Schädel und den Röhrenknochen zu Brüchen geführt. Der Pathologe hatte ein Brandhämatom festgestellt, eine Blutansammlung zwischen der Schädeldecke und der harten Hirnhaut, die entstanden ist, als das Blut anfing zu kochen.

»Grauenvoll«, murmelt Joona.

Die Untersuchung des Feuers war dadurch erschwert worden, dass von dem Bauwagen, in dem man die sterblichen Überreste Stefan Bergkvists gefunden hatte, praktisch nichts übrig geblieben war. Nichts als ein schwelendes Bett aus Asche, schwarze Metallteile und stachlige Reste eines verkohlten Körpers in zusammengekrümmter Haltung hinter dem, was einmal die Tür gewesen war. Die vorläufige Theorie der Polizei basierte im Großen und Ganzen auf der Aussage des einzigen Zeugen, eines Lokführers, der die Feuerwehr alarmiert hatte. Er hatte das brennende Moped wie einen Keil vor dem Wagen liegen sehen. Alles in allem legten die Untersuchungsergebnisse nahe, dass sich der sechzehnjährige Stefan Bergkvist in dem alten Bauwagen aufgehalten hatte, als sein Moped unglücklicherweise so umkippte, dass es die Tür blockierte. Der Tankdeckel war nicht zugeschraubt, und das Benzin lief aus. Wodurch das Benzin Feuer fing, war zum Zeitpunkt des Berichts noch unklar, aber wahrscheinlich durch eine Zigarette.

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