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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Lydia sah gerade woanders hin und bemerkte nichts. Sie war durstig geworden und saugte an ihrem Getränk. Der perfekte Augenblick, um zu üben.

— Ich habe jemanden kennen gelernt, wie du weißt, sagte ich gerade so laut, um die Worte in meinem Schädel vibrieren zu lassen. Ich hab eine Frau kennen gelernt, sie heißt Valerie, sie …

Sie riecht einfach umwerfend, weißt du. Wir alle haben verschiedene Gerüche, und sie sind das Intimste, was wir besitzen.

— Sie riecht wirklich umwerfend. Jedes Mal, wenn ich ihre Schultern sehe, denn sie trägt meist etwas, in dem ihre Schultern nackt sind, also jedes Mal, wenn ich diese Schultern sehe, die immer ein wenig … wie soll ich sagen … glänzen, also ein kleiner Lichtschein ist da immer, auf dieser Rundung, wie … wie auf einem Porzellankrug oder einem polierten Apfel, dieser Widerschein von Licht, das durch ein Fenster fällt … ja … und morgen Abend gehe ich mit ihr in die Oper …

Lydia schaute mich plötzlich an. Ich erstarrte. Dann lächelte sie, immer noch über meine Faulheit, weil ich nicht mit ihr auf die Tanzfläche gegangen war. Ihre Lippen saugten an dem Strohhalm.

Sie gestikulierte etwas wie Gehen wir?

Ich stimmte zu.

Sie nahm meine Hand und führte mich durch den Tumult, der schlimmer zu werden schien. Inzwischen hatte sich die Blitzfrequenz erhöht und machte mich, wenn ich die Augen schloss, schwindlig und benommen. Sie war wohl nahe bei 10 oder 11 Hz, der Frequenz der Alphawellen im Gehirn. Die Tanzenden, die sich mit geschlossenen Augen bewegen (so wie der Jugendliche, der sich einen Lufttunnel in ein besseres Leben schaufelte), fallen dann in Trance, sehen Farbexplosionen und religiöse Ur-Symbole: Kreuze, Kreise, Spiralen, Sterne.

Während ich hinter Lydia herging, sprach ich weiter. Es gab noch etwas Wichtiges zu sagen:

— Ich glaube, dass sie mich auch interessant findet, obwohl sie … also, sie ist viel älter als ich … oder du … mindestens zehn oder fünfzehn Jahre. Mindestens.

Lydia verlor kurz meine Hand, fand sie aber gleich wieder und zog ein wenig stärker. Schon waren wir beim Ausgang.

Kühle Nachtluft auf schweißnassen Körpern.

Lydia gähnte, um ihre Ohren zu öffnen. Wir sprachen nichts, während wir zu ihrem Auto gingen. Erst auf den letzten Metern, kurz bevor wir stehen blieben und uns voneinander abwandten, um einzusteigen, hängte sich Lydia noch bei mir ein. Dann ließ sie mich los, gähnte ein zweites Mal und steckte mich damit an.

Als ich mein Gähnen zu unterdrücken versuchte, traten mir Tränen in die Augen, und der Blick auf die Straße und die nächtlichen Häuser verwischte sich.

— Lydia, ich muss mit dir reden, sagte ich.

— Sicher kannst du bei mir schlafen, sagte sie. Ist schon spät.

Sie stellte das Radio so laut, dass mir schwindlig wurde. Die Fliehkraft der Kurven zog an meinem müden Körper, als hinge ich an vielen winzigen Angelhaken.

— Ich hab da was Witziges gelesen, sagte Lydia, als wir bei ihr zuhause im Garten saßen. Über eine Frau ohne Arme und Beine, die Mutter von fünf Kindern geworden ist, weil sie sich in einem Edelbordell die Gliedmaßen einer Schaufensterpuppe angeschnallt hat. Ich frage mich, wer zahlt für so was?

— Grüne Spinnen, sagte ich.

— Welche Spinnen?

— Ah, gut, du kannst mich also wieder hören. Können wir jetzt miteinander reden?

— Sicher.

— Du hast mich angerufen und gesagt, dass du in meiner Wohnung wärst. Warum hast du das gesagt?

Lydia schwieg. Der Garten war still. Wie die Rahmenhandlung einer Heimatgeschichte, vorgelesen von einem alten, seltsamen Mann mit Hornbrille. Das Licht, das den Garten erhellte, verlieh allem, den Liegestühlen, dem weißen Gartentisch, sogar dem friedlich zusammengerollten Wasserschlauch, eine comicartige Schärfe. Die Ränder der Dinge schienen ihr eigentliches, unbemerktes Geheimnis zu sein. Ein Mückenschwarm, der in die Nacht davontanzte, glitt durch die Dinge hindurch, als gäbe es keine festen Oberflächen.

— Ach, ich weiß auch nicht, sagte Lydia. Ich wollte, dass du mir zuhörst, das ist alles.

Lydia lag auf einem der Liegestühle. In ihrer Hand drehte sich eine nervöse Bierflasche. Auf dem weißen Gartentisch neben ihr lag ein Buch. Gärten — Die Orte Gottes. Der Autor ein multikulturelles Gemisch namens Albert Fatih Johnson.

— Und? fragte ich.

— Ach, scheiße, das ist alles so kompliziert, sagte sie. Ein Haufen hundskomplizierte Geschichten. Mein Gott …

Gott, ein Heimatdichter in der charakteristisch neutralen Abendgarderobe seines Metiers, steigt die drei Stufen zu einer kleinen Freilichtbühne empor. Niemand beachtet ihn, als er sich an den Tisch setzt. Er sucht in seinen Taschen, findet eine schmetterlingsförmige Brille, die er sorgfältig auffaltet und sich auf die Nase klemmt. Mit zitternder Stimme liest er einen Auszug aus seinem Work in Progress. Bevor er zu lesen beginnt, nimmt er einen gewaltigen Schluck aus dem Wasserglas. Es ist halb leer. Er liest eine traurige Geschichte über einen Mann und eine Frau. Eine Szene, die in einer Küche spielt.

— Du verlässt mich nicht, zumindest nicht ganz … Ach, du weißt schon, was ich meine, sagte sie und ließ eine Haarsträhne, die sie zwischen ihren Fingern zu einem kraftlosen Korkenzieher gezwirbelt hatte, los. Die Strähne wickelte sich auf.

— In Ordnung, sagte ich. Aber ich meine, bitte versteh das jetzt nicht falsch, aber wie … ich meine, wie kannst du dir da so sicher sein?

Der Satz ging entschieden zu weit, aber ihr Gesicht blieb, wie es war: entspannt. Sie griff sich wieder eine Haarsträhne, diesmal eine dünnere.

— Einfach so, ich …

Sie drehte sich um und nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. Ein Echo der Schluckbewegung ging durch ihren zierlichen Nacken.

— Ich weiß es, weil ich Vertrauen zu dir habe, sagte sie und stellte die Flasche vor mich hin, als gehörten Vertrauen und Flasche irgendwie zusammen.

Ich wollte einen Bissen von meinem Kuchen nehmen, da hielt mich Lydia zurück.

— Halt, warte!

Sie nahm mir die Gabel aus der Hand.

— Was denn?

— Ist vergiftet, sagte sie und aß das Stück selbst.

Dann spülte sie mit einem Schluck nach. Bier rann ihr übers Kinn und tropfte auf ihr T-Shirt. Sie wischte sich den Mund mit dem nackten Unterarm.

Sie lachte.

— Mein Gott, sagte sie, jetzt schau nicht so dumm. Glaubst du wirklich, ich bin eifersüchtig? Ausgerechnet dieses eine Mal? Iss ruhig fertig, ich wollte nur kosten.

— Man weiß ja nie, sagte ich.

— Oh doch, sagte sie, man weiß sehr wohl. Ich kenne dich länger als irgendjemand sonst, ausgenommen deine Mutter. Und auch wenn du weiterhin hartnäckig glaubst, dass es in jedem Menschen diesen kleinen, unbetretbaren Raum gibt, der bis in alle Ewigkeit verschlossen bleibt, bin ich doch so nahe an einem vollständigen Bild von dir, wie man es nur sein kann. Wie kannst du mir dann ins Gesicht sagen, ich würde ausgerechnet das nicht verstehen? Es gibt nichts an dir, keine Entscheidung, keine Bewegung, keine Bemerkung, die mir nicht bekannt vorkommen würde! Also bitte … Siehst du? Ich bitte dich wirklich … erklär mir.

— Aber was soll ich erklären?

— Natürlich, die Frage habe ich erwartet. Diese Fragen. Was willst du überhaupt, warum stehst du da vor mir und hältst mir dieses sprechende Gesicht vor? Warum bist du überhaupt da? Warum gibt es dich? Sag selbst. Warum mache ich das wohl? Was meinst du?

— Du willst wissen, wo ich hingehe?

— Falsch.

— Du willst nicht wissen, wo ich hingehe?

— Das Wo ist mir völlig egal. Ob du dich mit irgendjemandem in einem Brunnenschacht, auf einem Baugerüst oder auf einem fremden Hausdach zur Besichtigung des Sternenhimmels triffst –

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