Die Frequenzen
- Автор: Setz Clemens J.
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Residenz Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
Als sie mich hereinließ, umarmte sie mich.
— Seltener Gast, sagte sie.
— Hallo.
— Du schwitzt wie ein Schwein.
Da hatte sie Recht.
— Ein bisschen, ja. Ist heiß draußen.
— Zuviel überschüssige Energie? fragte sie.
Sie war stolz darauf, meine Gemütszustände am Geruch erkennen zu können. In diesem Fall hatte sie Recht. Ich war über eine halbe Stunde lang mit einer Erektion in einer der hintersten Sitzreihen des kleinen Vortragssaals gesessen und hatte hinterher mit Valerie zu Abend gegessen, nichts weiter.
— Energien muss man umleiten, sonst können sie einen umbringen, sagte Lydia im Tonfall eines Dokumentarfilmkommentars.
Ich berührte geistesabwesend ihre Schulter. Ich musste es ihr sagen, es war die perfekte Gelegenheit.
— Weißt du, Ly, um ehrlich zu sein, ich –
Aber sie nahm meine Hand von ihrer Schulter und biss mich sanft in den Finger.
— Du riechst wie ein fünfzehnjähriger Schüler, der sich in der Umkleidekabine für Mädchen in einem Schrank versteckt hat.
— Woher weißt du, wie so jemand riecht?
— So wie du, sagte sie.
Hinkend führte sie mich zu einem Sessel. Sie öffnete meine Hose.
— Nicht, sagte ich, wir –
— Ist doch nichts dabei, sagte sie. Versprochen.
Ich glitt sofort in ihren Mund. Ihre Lippen bewegten sich um meinen Schwanz, als versuchten sie ihn neu zu formen. Tausend winzige Bewegungen. Dann, auf einmal, rutschte ihr Kopf nach vor und ihre Zähne bissen in meine Schambehaarung. Völlig fassungslos starrte ich sie an. Mein Glied steckte bis zum Anschlag in ihrem Rachen, und an den leichten Bewegungen ihrer Nasenflügel sah ich, dass sie trotzdem noch atmen konnte. Sie bewegte ihren Kopf (der so nah an der Form einer geschlossenen Faust war, wie ein Kopf nur sein kann) ruckartig vor und zurück, und ich spürte die verheißungsvolle Härte absoluten Vakuums.
— Oh Gott, stammelte ich. Wie … wie …
— Puaaah.
Lydia entließ meinen Penis, atmete ein paar Mal tief durch und nahm ihn ein zweites Mal in den Mund. Diesmal brauchte sie länger, bis sie die besondere Leerlauf-Schluckbewegung (die geheime Zutat dieses atemberaubenden Zaubertricks) hinbekam, und wieder schlitterte ich mit der ganzen Länge in ihren Hals. Ihre Zähne berührten meine Hoden.
— Ng, machte Lydia.
Drei, vier, fünfeinhalb Pumpbewegungen genügten und ich kam. Mein Sperma spritzte Gott weiß wohin, in sie, in ihren Kopf, ein entsetzliches, herrliches, Funken sprühendes Sakrileg.
— Hat das geholfen? fragte sie, als es vorbei war.
— Was? fragte ich benebelt.
Sie hätte mich genauso gut fragen können, wie der Innenminister der Ukraine hieß.
— Zu viel Energie kann einen umbringen, sagte sie. Weißt du? Chchchrrrr! Mmh.
Sie blickte sich im Zimmer um. Auf dem Tisch fand sie eine Packung Taschentücher, faltete eines auf und spuckte hinein. Sie betrachtete den Fleck eingehend, drehte das Taschentuch hin und her, dann knüllte sie es zusammen und warf es mir in den Schoß.
— Wie … wie hast du das gemacht? fragte ich dumm.
Ich ließ das Taschentuch, für das ich keine Verwendung hatte, zwischen meinen Knien auf den Boden fallen. Ich zog mir die Unterhose über mein Glied, das immer noch steif war und vergeblich zu begreifen versuchte, was mit ihm geschehen war.
– Übung, sagte sie. Übrigens, wenn du schon einmal hier bist. Weißt du noch, die Disco, wo wir früher immer hingegangen sind? Die haben wieder offen. Ich bin da gestern vorbeigefahren und hab das Schild gesehen. Wollen wir?
— Ich weiß nicht, ich wollte eigentlich –
Aber alle vorbereiteten Sätze waren verschwunden. Abgesaugt, ausgespuckt.
— Ach, komm schon, das geht schon in Ordnung. Ist kein Rendezvous, versprochen.
Eine Stahltoilette auf einem LSD-Trip. Keine Fenster, dumpf wummernde Drumbeats, als wären die dünnen Wände der Klokabine von Blutgefäßen durchzogen, die bei der geringsten Berührung bersten. Flackerndes Licht wie eine in der Lampenschale gefangene Fledermaus. Überall auf den schmutzigen Fliesen: Mobiltelefonnummern, manche davon ohne Vorwahl.
Im Spiegel ein unreifes, verschwitztes Gesicht. Elender Feigling. Kein Wunder, dass du nie bekommst, was du willst. Du weißt eben nicht, was du mit deinem Leben anfangen lassen sollst.
Anfangen lassen?
Das Gesicht zweifelte an der Richtigkeit dieser Formulierung, blickte noch ein paar Sekunden auf sein Double, erlaubte sich ein unerwidertes Blinzeln, dann streckte ich meine Hände unter den Wasserhahn, der durch einen Bewegungsmelder aktiviert wurde. Angenehm. Bloß nichts berühren. Schmutz, Keime, fremde Spermien. Bauplan für ein ganzes Leben.
Das Gesicht betrachtete sich noch einmal im Spiegel. Es war nur ein Gesicht. Gerötet, feige und ohne Zukunft.
Ich ging zurück zu Lydia, tauchte wieder in den innersten Kreis der Disco ein, wo es am lautesten war und sich vor meinen Augen flimmernde Gestalten unter dem donnernden Lärm der Lautsprecherboxen krümmten und ekstatisch auf und ab sprangen, als schieße jemand mit einer MG auf den Boden unter ihren Füßen. Ein Jugendlicher hatte die Augen in seinem großen, krebsroten Gesicht fest geschlossen und ruderte zum Rhythmus der Musik wild mit seinen Armen, als wollte er ein Loch in die Luft schaufeln. Ein anderer spielte seine Zeigefinger aus, deutete zuerst mit der linken, dann mit der rechten Hand im Takt zur Decke, dann geradeaus, als hätte er jemanden erkannt, dann wieder zur Decke, wo futuristische Lampen in verschiedenen Farben Blitze durch den Raum jagten, in denen die Bewegungen der Tanzenden zu einer Serie von Schnappschüssen wurden.
Lydia stieß mich auffordernd an.
Ich schüttelte den Kopf: Nein, ich will jetzt nicht tanzen.
Sie stieß mich ein zweites Mal an: Ach, komm schon.
Nein, schüttelte ich meinen Kopf ein wenig bestimmter.
Jetzt komm schon, zogen ihre Finger an meinem Ärmel.
Nein, sagten meine Augen, die kurz zu Boden blickten. Aber geh du ruhig, wenn du magst, ergänzte meine Hand.
Lydia wartete, ob ich mittels Zeichensprache auch so etwas wie eine Begründung geben würde, dann wandte sie sich ab und ging mit ihren vorsichtigen, kleinen Schritten allein auf die Tanzfläche.
Ich sah sie in den sich bewegenden, einander streifenden Gliedmaßen untergehen, sie war eine kleine Frau unter Menschen, die sie um mindestens einen Kopf überragten.
Nach einer Weile sah ich sie nicht mehr. Ich schaute den hypnotisierenden Bewegungen zu. Die Blitze verwandelten die Tanzenden in Bewegungsstudien von Muybridge: Viele ließen eine ihrer Hände vor dem Gesicht auf und ab wandern und folgten diesem interessanten Objekt, das sich in schnellen Momentaufnahmen voranbewegte wie die Protagonisten in einem Daumenkino. Ein Springball. Ein Mann, der einen Revolver zieht. Eine Bombe, die explodiert, zu Rauch wird und sich schließlich in Nichts auflöst. Ein Strichmännchen, eine einzige von links nach rechts laufende Linie, geht im Pyjama durch die Welt, ohne erkennbaren Gesichtsausdruck.
— Let’s hear it for DJ Q!, wurde über einen Lautsprecher verkündet.
Ich fuhr heftig zusammen, als mich jemand an den Schultern packte. Lydias Gesicht tauchte neben mir auf, grinste, erwischt, hab ich dich, hast geglaubt, ich wäre –
— Lass das, sagte ich.
Sie sah, dass sich meine Lippen bewegten, und bedeutete mir, dass sie nichts hören könne.
Ihr T-Shirt hatte in den Achseln Schweißflecken bekommen, außerdem hinkte sie stärker.
— Mir gefällt es hier, ehrlich gesagt, nicht besonders, sagte ich.
Ich sprach, indem ich meine Lippen möglichst wenig bewegte. Nur in meinem Rachen spürte ich, wie sich der Schall der Worte bildete.
Lydia sah gerade woanders hin und bemerkte nichts. Sie war durstig geworden und saugte an ihrem Getränk. Der perfekte Augenblick, um zu üben.
— Ich habe jemanden kennen gelernt, wie du weißt, sagte ich gerade so laut, um die Worte in meinem Schädel vibrieren zu lassen. Ich hab eine Frau kennen gelernt, sie heißt Valerie, sie …
Sie riecht einfach umwerfend, weißt du. Wir alle haben verschiedene Gerüche, und sie sind das Intimste, was wir besitzen.
— Sie riecht wirklich umwerfend. Jedes Mal, wenn ich ihre Schultern sehe, denn sie trägt meist etwas, in dem ihre Schultern nackt sind, also jedes Mal, wenn ich diese Schultern sehe, die immer ein wenig … wie soll ich sagen … glänzen, also ein kleiner Lichtschein ist da immer, auf dieser Rundung, wie … wie auf einem Porzellankrug oder einem polierten Apfel, dieser Widerschein von Licht, das durch ein Fenster fällt … ja … und morgen Abend gehe ich mit ihr in die Oper …
Lydia schaute mich plötzlich an. Ich erstarrte. Dann lächelte sie, immer noch über meine Faulheit, weil ich nicht mit ihr auf die Tanzfläche gegangen war. Ihre Lippen saugten an dem Strohhalm.
Sie gestikulierte etwas wie Gehen wir?
Ich stimmte zu.
Sie nahm meine Hand und führte mich durch den Tumult, der schlimmer zu werden schien. Inzwischen hatte sich die Blitzfrequenz erhöht und machte mich, wenn ich die Augen schloss, schwindlig und benommen. Sie war wohl nahe bei 10 oder 11 Hz, der Frequenz der Alphawellen im Gehirn. Die Tanzenden, die sich mit geschlossenen Augen bewegen (so wie der Jugendliche, der sich einen Lufttunnel in ein besseres Leben schaufelte), fallen dann in Trance, sehen Farbexplosionen und religiöse Ur-Symbole: Kreuze, Kreise, Spiralen, Sterne.
Während ich hinter Lydia herging, sprach ich weiter. Es gab noch etwas Wichtiges zu sagen:
— Ich glaube, dass sie mich auch interessant findet, obwohl sie … also, sie ist viel älter als ich … oder du … mindestens zehn oder fünfzehn Jahre. Mindestens.
Lydia verlor kurz meine Hand, fand sie aber gleich wieder und zog ein wenig stärker. Schon waren wir beim Ausgang.
Kühle Nachtluft auf schweißnassen Körpern.
Lydia gähnte, um ihre Ohren zu öffnen. Wir sprachen nichts, während wir zu ihrem Auto gingen. Erst auf den letzten Metern, kurz bevor wir stehen blieben und uns voneinander abwandten, um einzusteigen, hängte sich Lydia noch bei mir ein. Dann ließ sie mich los, gähnte ein zweites Mal und steckte mich damit an.
Als ich mein Gähnen zu unterdrücken versuchte, traten mir Tränen in die Augen, und der Blick auf die Straße und die nächtlichen Häuser verwischte sich.
— Lydia, ich muss mit dir reden, sagte ich.
— Sicher kannst du bei mir schlafen, sagte sie. Ist schon spät.
Sie stellte das Radio so laut, dass mir schwindlig wurde. Die Fliehkraft der Kurven zog an meinem müden Körper, als hinge ich an vielen winzigen Angelhaken.