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Autobiographische Schriften
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Dort in China würde ich vorzüglich schreiben; hier ist das bedeutend schwieriger. Dort ist alles vorgesehen und alles vorausberechnet schon auf tausend Jahre; hier dagegen geht alles drunter und drüber noch auf tausend Jahre. Dort würde ich sogar unwillkürlich verständlich schreiben; so daß ich eigentlich nicht weiß, wer meine Artikel überhaupt lesen würde. Hier dagegen ist es, wenn man gelesen werden will, sogar weit ratsamer, unverständlich zu schreiben. Nur in den »Moskauer Nachrichten« werden die Leitartikel anderthalb Spalten lang geschrieben und sind – sonderbar! – dennoch verständlich; allerdings nur, wenn sie von der bekannten Feder herrühren.Gemeint sind die Artikel des reaktionären Publizisten Katkoff (1820–87), der seit 1863 eine so führende Rolle spielte, daß Herzen von ihm sagen konnte, er habe dem Zarismus den Journalismus aufgezwungen. 1877 setzte er gegen den ursprünglichen Willen der Regierung den Krieg für die Balkanslawen durch, für den auch Dostojewski mit aller Überzeugung eintrat. Seit 1881 unter Alexander III. persona grata. E. K. R. In der »Stimme« dagegen werden sie in einer Länge von acht, von neun, von zwölf und selbst von dreizehn Spalten geschrieben. Daraus sieht man, wieviel Spalten man hier verschwenden muß, um es durchzusetzen, daß man geachtet wird.

Mit anderen zu sprechen, – das ist bei uns eine ganze Wissenschaft. D. h., auf den ersten Blick mag es ja scheinen, daß es hier dasselbe sei wie in China: ganz wie dort gibt es auch bei uns einzelne sehr vereinfachte und rein wissenschaftliche Bräuche. Früher, zum Beispiel, bedeuteten die Worte »... verstehe nichts davon« nur, daß der Betreffende, der sie aussprach, dumm war; hingegen jetzt – jetzt bringen sie einem die größte Ehre ein. Man braucht neuerdings nur mit offener Miene und stolz zu sagen: »... verstehe nicht die Religion, ich verstehe nichts von Rußland, ich verstehe so gut wie nichts von der Kunst« – und Sie stellen sich damit sogleich auf eine ganz außergewöhnliche Höhe. Und das ist besonders vorteilhaft, wenn Sie tatsächlich nichts verstehen.

Doch diese vereinfachte Manier beweist nichts. Im Grunde verdächtigt bei uns ein jeder den anderen der Dummheit, ohne jedes Nachdenken und ohne die Frage auch an sich selbst zu richten: »Oder sollte, in der Tat, nicht gerade ich dumm sein?« Also ein alle befriedigender Zustand, wie man meinen sollte, und doch, siehe da, ist niemand mit ihm zufrieden, sondern alle ärgern sich. Aber Nachdenken in unserer Zeit ist ja auch fast unmöglich: kostet zuviel. Man kauft lieber fertige Ideen. Die werden überall verkauft, sogar unentgeltlich; doch gerade unentgeltlich kommen sie noch teurer zu stehen, und das beginnt man schon zu ahnen. Das Ergebnis ist also: überhaupt kein Gewinn sondern die Unordnung herrscht nach wie vor.

Freilich, wir sind ein ebensolches China, bloß ohne seine Ordnung. Wir fangen kaum erst mit dem an, was in China schon beendet wird. Zweifellos werden wir einmal zu demselben Ende kommen, aber wann? Um tausend Bände »Zeremonien« anzunehmen, zwecks endgültiger Erwerbung des Rechts, über nichts mehr nachdenken zu müssen, – dazu müssen wir noch mindestens ein Jahrtausend des Nachdenkens durchleben. Und was sehen wir? – niemand will den Ablauf der Frist beschleunigen, denn niemand will nachdenken.

Hinwiederum: wenn niemand nachdenken will, so muß doch, sollte man meinen, der russische Schriftsteller es um so leichter haben. Ja, das ist allerdings der Fall; und wehe dem Schriftsteller und dem Herausgeber, der in unserer Zeit nachdenkt! Noch schlimmer erginge es dem, der selber lernen und begreifen wollte; doch am schlimmsten ist der daran, der das aufrichtig eingesteht; und wenn er dann gar erklärt, daß er manches schon ein wenig begriffen habe und seinen Gedanken nun aussprechen wolle, so wird er im Handumdrehen von allen verlassen. Ihm bleibt dann nichts anderes übrig, als sich irgendein passendes Menschlein herauszusuchen oder ein solches womöglich zu mieten und sich nur mit diesem Menschen zu unterhalten; vielleicht nur für ihn allein die Zeitschrift herauszugeben.

Eine höchst widerwärtige Lage, denn das ist doch ebensogut wie mit sich selbst sprechen und die Zeitschrift nur zum eigenen Vergnügen herausgeben. Ich vermute stark, daß der »Bürger« noch lange mit sich allein zum eigenen Vergnügen wird sprechen müssen. Und da bedenke man meinetwegen nur dies Eine, daß nach der medizinischen Wissenschaft Gespräche mit sich selbst Anlage zum Irrsinn bedeuten. Der »Bürger« muß aber doch unbedingt mit Bürgern sprechen und eben darin besteht sein ganzes Unglück!

Nun wohl, einem solchen Unternehmen habe ich mich jetzt angeschlossen. Meine Lage ist eine im höchsten Maße unbestimmte. Ich werde also mit mir selbst sprechen und nur zu meinem Vergnügen, – in der Form dieses »Tagebuchs«, gleichviel was dabei herauskommt. Wovon ich sprechen werde? Von allem, was mir auffällt oder was mich zum Nachdenken zwingt. Sollte ich aber einen Leser finden und – Gott behüte! – gar einen Opponenten, so weiß ich doch, daß man eine Unterhaltung zu führen verstehen und stets wissen muß, mit wem man und wie man spricht. Das zu erlernen werde ich mir Mühe geben, denn bei uns ist das ja am schwersten, ich meine: in der Literatur. Zudem gibt es ja auch verschiedene Opponenten: nicht mit jedem kann man ein Gespräch anfangen. Ich will hierzu eine Fabel erzählen, die ich vor ein paar Tagen hörte. Man sagte mir, es sei eine uralte Fabel, womöglich indischen Ursprungs, was überaus beruhigend ist.

Einmal geriet ein Schwein mit einem Löwen in Streit und forderte ihn zum Duell. Nach Hause zurück gekehrt, besann es sich und bekam Angst. Die ganze Herde versammelte sich, man dachte nach und beschloß also:

»Sieh', Schwein, hier in der Nähe ist eine Grube; geh' hin, wälze dich gründlich in ihr herum und erscheine dann so auf dem Kampfplatz. Du wirst sehen.«

Das Schwein tat wie ihm geheißen. Der Löwe kam, schnupperte, zog die Nase kraus und ging weg. Noch lange nachher rühmte sich das Schwein, daß der Löwe Angst bekommen habe und vom Kampfplatz weggelaufen sei.

Dies die Fabel. Natürlich, Löwen gibt es bei uns nicht, – das Klima ist nicht danach; und es wäre auch gar zu großartig. Doch setzen Sie an die Stelle des Löwen einen anständigen Menschen, der zu sein eines jeden Pflicht ist, und die Moral ist dieselbe. übrigens, ich will hier noch ein kleines Erlebnis erzählen.

Einmal, während eines Gesprächs mit dem seligen Herzen,Im Sommer 1862 in London. Das erwähnte Buch ist eine erste Abrechnung Herzens mit seinen revolutionären Illusionen. äußerte ich mich mit größtem Beifall über eines seiner Werke, – über das Buch »... anderen Ufer«. Über dieses Buch hat sich zu meiner aufrichtigen Freude auch M. P. PogodinHistoriker (1800–75), reaktionärer Chauvinist, gab die slawophile Zeitschrift »... Moskowiter« heraus, zu deren Mitarbeitern früher auch Apollon Grigorjeff gehört hatte. Pogodin war ein Kollege und Freund von Schewyreff (vgl. S. 84), 1835 wurde er vom Grafen Uwaroff (Unterrichtsminister von 1833–49) zum Professor der Geschichte an der Moskauer Universität ernannt, damit er die Orthodoxie im imperialistischen Sinne verteidige. Uwaroff hatte das offizielle Programm der Reaktion folgendermaßen formuliert: »Unsere gemeinsame Aufgabe besteht darin, dahin zu wirken, daß die Bildung der Nation in dem vereinten Geiste der Orthodoxie, Autokratie und Rationalität vor sich gehe...« und »... Inmitten des schnellen Verfalls der religiösen und bürgerlichen Institutionen in Europa, bei der Verbreitung der revolutionären Ideen allerorts, ist es Pflicht, das Vaterland auf einem unerschütterlichen Boden zu befestigen...« Auf diesem Boden der Formel Uwaroffs »Orthodoxie, Autokratie, Nationalität« stand dann auch das Zarenwort an den Unterrichtsmitteclass="underline" »Schränke die Bildung ein«, und gegen diesen »Prometeus (Uwaroff«), der das Feuer nicht Jupiter, sondern den Menschen stahl«, lichtete Herzen seine geistreichsten Angriffe. E. K. R. – in einem ausgezeichneten und interessanten Artikel über seine Zusammenkunft mit Herzen im Auslande – durchaus lobend geäußert. Dieses Buch ist in der Form eines Gesprächs zwischen dem Autor und seinem Widerpart geschrieben.

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Главный герой
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