Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
Es war das erste Mal, dass er sie Drude nannte. Arri konnte nicht behaupten, dass ihr das gefiel.
»Nein, ich weiß auch nicht, was hier gerade geschieht«, antwortete sie ruhig. »Wir haben in den letzten Jahren vieles gesehen, und oft hat sich der Himmel verändert, bevor das Wetter umschlug. Das jetzt wird wohl auch wieder etwas mit einem Wetterumschwung zu tun haben.«
»Nein.« Amar schüttelte entschieden den Kopf. »Das ist es nicht. Und du weißt es.«
»Da täuschst du dich«, widersprach Arri. »Ein roter Himmel kann manches bedeuten. Zum Beispiel ein Feuer ...«
»Ein Feuer«, unterbrach sie Amar aufgebracht. »Willst du mir wirklich erzählen«, er deutete nach oben, ließ sie dabei aber nicht aus den Augen, »dies dort sei der Widerschein eines Feuers?«
Nein, das wollte sie natürlich nicht. Ihr Blick wanderte nach oben.
Amar hatte tatsächlich recht. Es sah aus, als flösse Blut in den Wolken. Arri erkannte das, und in einem anderen Fall wäre sie jetzt erschauert. Aber das konnte sie nicht mehr. Es war nur noch Leere in ihr, und das Wissen, dass hier gewaltige Dinge vor sich gingen, deren Hintergründe sie nicht im Geringsten verstand.
»Ich glaube nicht, dass wir so weiterkommen«, sagte Amar. »Es wird Zeit, dass sich die Toten darum kümmern.«
Taru riss schon den Mund auf, Arri aber schüttelte den Kopf. »Die Toten?«, fragte sie ungläubig.
»Ja.« Amar machte ein Zeichen, und die beiden Männer, die sich gerade ohne viel Feingefühl um Taru gekümmert hatten, eilten heran.
Amar trat in der Zwischenzeit ganz nah zu ihr hin. Erst aus der Nähe sah Arri, dass er wohl doch etwas älter war, als sie geglaubt hatte. Aber nicht das war es, was sie beunruhigte. In den Augen, die aus der Entfernung so harmlos und freundlich wirkten, schimmerte etwas tief Verborgenes, das sie nicht einordnen konnte. Dieser Mann schien ihr nicht nur ganz und gar außergewöhnlich, irgendetwas stimmte auch nicht mit ihm.
»Eine Drude ist eine Frau, die über geheimes Wissen verfügt«, sagte er. »Damit kann sie Menschen verderben. Sie kann ihnen aber auch helfen. Welche Art von Drude bist du?«
»Ich?« Arri schüttelte den Kopf. »Ich bin gar keine Drude.«
»Das«, sagte Amar, »ist die falsche Antwort.«
Ehe es sich Arri versah, stieß er sie von sich, in die Hände seiner Krieger.
Sie taumelte, griff haltsuchend instinktiv um sich und bekam ein Stück Stoff zu fassen. Im nächsten Augenblick packten sie auch schon Amars Männer und zerrten sie mit so wenig Feingefühl mit sich, dass sie es überhaupt nur mit schnellen Trippelschritten schaffte, mit ihnen mitzuhalten. Sie taten ihr dabei zwar nicht vorsätzlich weh oder versetzten ihr gar einen Knuff in die Seite, aber in seiner Bedeutung war ihr Verhalten dennoch unmissverständlich. Amar mochte rücksichtsvoller als Taru oder Rar sein, doch auch sein Langmut kannte Grenzen.
»Bringt sie ins Haus«, sagte Amar. »Sie und diesen Wurm, der sich von einer Frau in die Eingeweide treten lässt.«
Irgendwo im dichten Unterholz hinter ihnen knackte es mehrfach. Dies war ein kaum wahrnehmbares Geräusch, das sich nur durch die Wiederholung von der gewöhnlichen Geräuschkulisse eines Waldes abhob. Lexz wurde sich dessen erst bewusst, als ihn Isana unsanft beiseiteschob und über seine Schulter hinweg zum Wald hinüberblickte.
»Da war doch was«, murmelte sie.
Lexz schüttelte den Kopf und versuchte ihr mit einem Kuss den Mund zu verschließen. Aber sie drehte sich unter ihm weg und wich zur Seite aus. Blätter stoben auf, als sie sich in eine sitzende Position aufrichtete und fast ängstlich wisperte: »Ich bin mir aber ganz sicher. Da muss jemand sein!«
»Nein«, flüsterte Lexz. »Da ist niemand. Das sind nur die üblichen Geräusche in einem lebendigen Wald.«
Sein Herz klopfte noch schneller, als sie sich nun zu ihm hinüberbeugte, und er streckte die Arme aus, um sie wieder an sich zu ziehen. Sie ließ es zu, aber nur, um ihm einen leichten Kuss auf die Stirn zu drücken und zu flüstern: »Ich bin mir sicher, dass uns jemand zusieht.«
Lexz seufzte, und durch seinen Kopf schossen die abenteuerlichsten Gedanken. Auf keinen Fall wollte er sich den Zauber des Augenblicks rauben lassen. Alles in ihm begehrte diese Frau, die er zuerst für Arri gehalten hatte. Sie war so weich und anschmiegsam, so ganz und gar anders als die anderen Frauen, mit denen er bislang ein Lager geteilt hatte, gleichermaßen fordernd wie hingebungsvoll. Die Berührungen ihrer Hände, ihre Küsse, das Verlangen, das zur Antwort darauf in ihm wuchs ...
»Hörst du denn nichts?«
Lexz schüttelte den Kopf. Er wollte diesem dummen Knacken nicht nachgehen, das ohnehin schon wieder aufgehört hatte. Er wollte lieber da weitermachen, wo sie gerade aufgehört hatten. Isana - allein sie war wichtig, sonst nichts ... und außerdem hatte er in seinem Leben genug Geräusche in Wäldern gehört, um Bedrohliches von Alltäglichem unterscheiden zu können.
Doch damit hatte er hier keinen Erfolg. Isana verhielt sich wie ein junges Vögelchen, das aufgeschreckt war und nun nicht recht wusste, was es tun sollte. Die Hände, mit denen sie eben noch seinen Körper erkundet hatte, zitterten nun, während der Blick ihrer weit aufgerissenen Augen das Muster aus braunen und grünen Schatten und die ineinandergekrallten Umrisse hinter ihnen absuchte.
»Also gut«, murmelte Lexz. Bislang hatte er sich immer ganz gut auf seinen Instinkt verlassen können, der ihn zuverlässig gewarnt hätte, sofern es dafür wirklich einen Grund gab. Aber vielleicht war er eben ja einfach auch zu abgelenkt gewesen, um angemessen reagieren zu können.
Jetzt war er es, der Isana sanft von sich schob, um sich dann auf die Seite zu drehen. Der Wald hinter ihnen wirkte dicht ... und war es auch wieder nicht. Äste und Zweige schienen vielfach eng ineinander verwachsen, aber sie ließen dazwischen auch genug Platz, um hindurchzuschlüpfen.
»Was genau hast du gesehen?«, flüsterte Lexz.
Isana schien nicht genau zu wissen, was sie darauf sagen sollte, und so fuhr sie sich nur mit der Zungenspitze über die Lippen und reckte den Kopf, um in die Richtung zu blicken, aus der das Knacken erklungen war. »Eigentlich gar nichts«, bekannte sie.
Das beruhigte Lexz aber nicht, eher im Gegenteil.
Etwas stimmte tatsächlich nicht. Es waren nicht zu viele Geräusche, die an sein Ohr drangen, sondern zu wenige. Das leise Säuseln des Windes, das Rascheln der Pflanzen in der frischen Brise, das Murmeln und Glucksen des Wassers hinter sich - das war alles. Er hörte weder das Surren von Insekten noch das Huschen kleinerer Tiere, die sich ihren Weg durch das Gebüsch bahnten.
Und dann war da noch mehr. Das Sonnenlicht flirrte durch das Blätterdach, doch dazwischen gab es auch dunkle Stellen, fast schwarze, so als hätten Mardans Schattendämonen ihre dunklen Schleier über sie ausgebreitet. Wenn sich jemand hätte anschleichen wollen, dann hätte er dort genug Deckung gefunden.
Lexz erhob sich langsam, reckte sich wie nach einem langen Schlaf und drehte sich dabei um seine eigene Achse. Dabei ließ er seinen Blick prüfend über die Umgebung schweifen und räumte sich selbst ein, dass er schon wieder einen Fehler begangen hatte. Überprüfe zuallererst deine Umgebung!, hörte er Zakaans Stimme flüstern. Nicht alles, was harmlos erscheint, muss auch harmlos sein.
In der Tat wirkte alles recht harmlos hier. Aber er verstand jetzt, wie Isana darauf gekommen war, dass sie beobachtet wurde. Ihm erging es nicht anders. Es war das unangenehme Gefühl, angestarrt zu werden, ohne zu wissen von wem und von wo.
Er wandte sich wieder Isana zu, die aus angstrunden Augen zu ihm nach oben blickte. »Ich habe Hunger«, sagte er und blinzelte ihr in der Hoffnung zu, dass sie seine Worte dann richtig einordnen konnte. »Lass uns ein paar Beeren sammeln.«
»Ja.« Isana nickte eifrig, zupfte ihren Rock zurecht und stand auf. »Vorhin habe ich sogar ein paar Pilze gesehen ...«