Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
Ich war nicht ich, ich war nichts − und das kam mir wunderbar vor.
»Du bist so eigenartig.«
»Wieso bin ich eigenartig?«
»Du wirkst traurig.«
»Aber ich bin nicht traurig. Ich bin zufrieden.«
»Siehst du? Dein Tonfall ist unehrlich, du bist traurig, wagst es aber nicht zu sagen.«
»Warum sollte ich traurig sein?«
»Weil ich heute nacht sehr spät und betrunken nach Hause gekommen bin. Du hast mich nicht einmal gefragt, wo ich gewesen bin.«
»Das interessiert mich nicht.«
»Warum interessiert es dich nicht? Habe ich nicht gesagt, ich würde mit Mikhail ausgehen?«
»Und, bist du das?«
»Ja.«
»Na also, was soll ich dich dann fragen?«
»Findest du nicht, daß, wenn dein Geliebter mitten in der Nacht nach Hause kommt, du mindestens versuchen solltest herauszubekommen, was passiert ist?«
»Und was ist passiert?«
»Nichts. Ich bin mit Mikhail und ein paar seiner Freunde unterwegs gewesen.«
»Na also.«
»Glaubst du mir das?«
»Selbstverständlich glaube ich dir.«
»Ich glaube, du liebst mich nicht mehr. Du bist nicht eifersüchtig. Bist gleichgültig. Ist es normal, daß ich erst um zwei Uhr morgens nach Hause komme?«
»Sagst du nicht immer, du seiest ein freier Mann?«
»Natürlich bin ich das.«
»Also ist es normal, daß du um zwei Uhr morgens kommst. Und tust, wozu du Lust hast. Wenn ich deine Mutter wäre, hätte ich mich gesorgt, aber ich bin nicht deine Mutter, und du bist kein kleines Kind. Die Männer sollten aufhören, sich immer so aufzuführen, als müßten die Frauen sie wie ihre Söhne behandeln.«
»Diese Sorge meine ich nicht. Ich rede von Eifersucht.«
»Wärst du glücklicher, wenn ich dir beim Frühstück eine Szene machen würde?«
»Bloß nicht, die Nachbarn könnten es hören.«
»Die Nachbarn kümmern mich nicht, ich habe schlicht keine Lust dazu. Es ist mir schwergefallen, aber ich habe schließlich akzeptiert, was du mir in Zagreb gesagt hast, ich versuche, mich an den Gedanken zu gewöhnen. Falls es dich glücklich macht, könnte ich einstweilen so tun, als sei ich eifersüchtig, ärgerlich, außer mir vor Wut.«
»Du bist wirklich eigenartig. Es sieht so aus, als spielte ich in deinem Leben schon keine Rolle mehr.«
»Es sieht so aus, als hättest du den Journalisten vergessen, der im Salon auf dich wartet und unser Gespräch mithört.«
Ja, der Journalist. Den Autopiloten einstellen, denn ich weiß schon, welche Fragen er stellen wird. Ich weiß, wie das Interview anfangen wird (»Lassen Sie uns über Ihr neues Buch sprechen, welches ist die wesentliche Botschaft?«), weiß, was ich darauf antworten werde (»Wenn ich eine Botschaft vermitteln wollte, würde ich einen Satz schreiben, kein Buch!«).
Ich weiß, daß er fragen wird, was ich von den Kritikern halte, die im allgemeinen sehr hart über meine Bücher urteilen. Ich weiß, daß unsere Unterhaltung mit den Fragen enden wird: »Und schreiben Sie schon an einem neuen Buch? Welches sind Ihre nächsten Projekte?« Worauf ich antworten werde: »Das ist ein Geheimnis.«
Das Interview beginnt wie vorausgesehen:
»Lassen Sie uns über Ihr neues Buch sprechen. Welches ist die wesentliche Botschaft?«
»Wenn ich eine Botschaft vermitteln wollte, hätte ich nur einen Satz geschrieben.«
»Und warum schreiben Sie?«
»Weil ich herausgefunden habe, daß Schreiben eine Möglichkeit ist, meine Gefühle mit anderen zu teilen.«
Der Satz gehört ebenfalls zum Autopilotsystem, aber ich verbessere mich:
»Allerdings kann diese Geschichte auf eine andere Art erzählt werden.«
»Eine Geschichte, die auch anders erzählt werden könnte?
Wollen Sie damit sagen, daß Sie mit ›Zerreißen hat seine Zeit, Zunähen hat seine Zeit‹ nicht zufrieden sind?«
»Ich bin mit dem Buch sehr zufrieden, aber unzufrieden mit der Antwort, die ich gerade gegeben habe. Warum ich schreibe? Die wahre Antwort lautet folgendermaßen: Ich schreibe, weil ich geliebt werden will.«
Der Journalist schaut mich mißtrauisch an: Was sollte er mit diesem Bekenntnis anfangen?
»Ich schreibe, weil ich als Junge nicht gut Fußball spielen konnte und kein Auto, kein anständiges Taschengeld und keine Muskeln hatte.«
Es kostete mich große Mühe, weiterzureden. Das Gespräch mit Marie hatte mich an eine Vergangenheit erinnert, die schon keine Bedeutung mehr hatte, ich mußte über meine wahre eigene Geschichte sprechen, mich von ihr befreien. Ich fuhr fort:
»Ich trug auch keine modische Kleidung. Die Mädchen in meiner Klasse interessierten sich nur dafür, und ich schaffte es nicht, sie auf mich aufmerksam zu machen. Die Abendstunden, die meine Mitschüler bei ihren Freundinnen verbrachten, nutzte ich dazu, mir eine eigene Welt zu erschaffen, in der ich glücklich sein konnte: Meine Gefährten waren Schriftsteller und ihre Bücher. Eines schönen Tages schrieb ich für ein Mädchen aus meiner Straße ein Gedicht.
Ein Mitschüler entdeckte es in meinem Zimmer, entwendete es und las es später vor versammelter Klasse vor. Alle feixten, fanden mich lächerlich − ich war verliebt!
Das Mädchen, dem ich das Gedicht gewidmet hatte, lachte nicht. Am nächsten Abend, als wir mit der Schule ins Theater gingen, richtete sie es so ein, daß sie neben mir saß, und faßte nach meiner Hand. Wir verließen das Theater Arm in Arm. Ich, der ich mich häßlich, mickrig fand und altmodisch angezogen war, zusammen mit dem beliebtesten Mädchen der Klasse.«
Ich machte eine Pause.
»Alles wegen eines Gedichts«, fuhr ich fort. »Ein Gedicht hat mich begreifen lassen, daß ich schreibend meine eigene, unsichtbare Welt zeigen und so mit den Bedingungen der sichtbaren Welt meiner Freunde konkurrieren konnte: mit der körperlichen Kraft, der modischen Kleidung, den Autos, der Überlegenheit beim Sport.«
Der Journalist war etwas überrascht, und ich noch viel mehr. Aber er beherrschte sich und fragte weiter:
»Warum glauben Sie, daß die Kritiker so hart mit Ihren Büchern ins Gericht gehen?«
Der Autopilot hätte in diesem Augenblick geantwortet:
»Nehmen Sie die Biographie eines beliebigen Klassikers − mit dem ich mich, verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ansonsten mitnichten zu vergleichen anmaßen würde −, dann sehen Sie, daß die Kritik mit Autoren schon immer nadenlos umgesprungen ist. Der Grund ist einfach: Die Kritiker sind höchst unsicher, sie tappen immer im dunkeln.
Wenn es um Politik geht, sind sie Demokraten, aber wenn es um Kultur geht, sind sie Faschisten. Sie meinen, die Leute seien fähig, eine Regierung zu wählen, aber keine Filme, Bücher oder Musik.
Haben Sie schon einmal vom Gesetz von Jante gehört?«
Jetzt war es passiert. Ich hatte den Autopiloten abgestellt, obwohl ich davon ausgehen konnte, daß der Journalist meine Antwort schwerlich veröffentlichen würde.
»Nein, noch nie«, antwortete er.
»Obwohl es das Gesetz schon seit Beginn der Zivilisation gibt, wurde es erst 1933 von einem dänischen Schriftsteller erkannt und beschrieben. In der kleinen Stadt Jante hatten die Stadtväter zehn Gebote geschaffen, nach denen die Menschen sich richten mußten. Ganz offensichtlich aber gilt das Gesetz nicht nur in Jante, sondern überall auf der Welt. Wenn ich den Gesetzestext mit wenigen Worten zusammenfassen müßte, würde ich sagen: Mittelmäßigkeit und Anonymität sind die beste Wahl. Wenn du nach dem Gesetz handelst, wirst du in deinem Leben keine großen Probleme bekommen. Aber wenn du versuchst, anders zu sein‹«
»Wie lauten denn die Gebote von Jante«, unterbrach mich der Journalist, der ehrlich interessiert zu sein schien.
Ich ging zu meinem Computer und druckte eine bereits veröffentlichte Kurzfassung aus: