Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
Alle schauten ehrfurchtsvoll auf das Stück Stoff.
»Wir sind in eine Zeit des Aufruhrs hineingeboren worden. Wir lehnen uns voller Begeisterung auf, riskieren unser Leben und unsere Jugend, doch plötzlich haben wir Angst: Anstelle der anfänglichen Freude treten die wahren Herausforderungen: Müdigkeit, Monotonie, Zweifel an den eigenen Fähigkeiten. Einige Freunde haben bereits aufgegeben. Wir müssen uns der Einsamkeit stellen, den Überraschungen, den unvermittelten Wendungen, und nachdem wir immer wieder gestrauchelt sind und niemand da war, der uns auffing, fragen wir uns am Ende, ob sich die Mühe überhaupt lohnt.«
Mikhail machte eine Pause.
»Es lohnt sich weiterzumachen. Und wir werden weitermachen, auch wenn wir wissen, daß unsere Seele zwar ewig ist, jedoch mit ihren Möglichkeiten und Beschränkungen in den Spinnweben der Zeit gefangen. Versuchen wir, uns so lange wie möglich von diesen Spinnweben zu befreien.
Wenn es aber nicht mehr möglich ist und wir zur offiziellen Geschichte zurückkehren, werden wir uns um so mehr an die Schlachten erinnern, die wir geschlagen haben, und werden bereit sein, den Kampf wiederaufzunehmen, sobald die Bedingungen wieder günstig sind. Amen.«
»Ich muß mit der Herrin sprechen«, sagte der blonde Junge mit dem Irokesenschnitt.
»Heute nicht. Ich bin müde.«
Enttäuschtes Gemurmel. Anders als das Publikum im armenischen Restaurant kennt diese Gruppe Mikhails Geschichte und weiß um die › Anwesenheit, die Mikhail neben sich wähnt. Er erhob sich und ging in die Küche, um ein Glas Wasser zu holen. Ich ging ihm nach.
Ich fragte ihn, wie sie zu dieser Wohnung gekommen seien. Er erklärte mir, das französische Gesetz erlaube jedem Bürger, legal eine Immobilie zu bewohnen, die nicht von ihrem Besitzer genutzt werde. Oder anders gesagt, daß es sich um eine ›Besetzung‹ handle.
Die Vorstellung, daß Marie noch wach sein und auf mich warten könnte, begann mir unangenehm zu werden. Mikhail packte mich am Arm.
»Sie haben heute gesagt, Sie würden in die Steppe reisen.
Ein letztes Maclass="underline" Bitte nehmen Sie mich mit. Ich muß in mein Land zurückkehren, auch wenn es nur für kurze Zeit ist, aber ich habe kein Geld. Ich habe Sehnsucht nach meiner Mutter, nach meinen Freunden, meinen Landsleuten.
Ich könnte sagen: ›Die Stimme sagt mir, Sie werden mich brauchen‹, aber das ist nicht wahr − Sie können Esther problemlos ohne jede Hilfe finden. Trotzdem − ich muß nach Hause, um mich dort wieder mit Energie aufzuladen.«
»Ich kann Ihnen Geld für ein Rückflugticket geben.«
»Klar können Sie das. Aber ich möchte Sie begleiten, mit Ihnen zu dem Dorf gehen, in dem Esther jetzt lebt, den Wind auf meinem Gesicht spüren, Ihnen helfen, den Weg zurückzulegen, der Sie zu der Frau führt, die Sie lieben. Sie war sehr wichtig für mich und ist es immer noch. Ich habe mitbekommen, wie Sie sich verändert haben und wie ernst es Ihnen ist. Dadurch konnte ich viel lernen und will es weiterhin. Erinnern Sie sich an die ›nicht zu Ende gebrachten Geschichten‹, von denen ich gesprochen habe? Ich möchte Sie begleiten, bis wir das Haus sehen, in dem Esther lebt. So werde ich erfahren, wie diese Phase Ihres Lebens − und meines Lebens − ihren Abschluß findet. Sobald das Haus in Sicht kommt, werde ich Sie allein lassen.«
Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Ich versuchte, das Thema zu wechseln, und fragte, wer die Leute im Raum seien.
»Menschen, die Angst haben, am Ende so dazustehen wie Esther und Sie, eine Generation, die davon träumte, die Welt zu verändern, sich aber am Ende der ›Realität‹ gefügt hat. Wir tun so, als seien wir stark, weil wir schwach sind.
Wir sind noch wenige, sehr wenige, aber ich hoffe, daß dies nur vorübergehend so ist; die Menschen können sich nicht immer weiter selber betrügen.
Und wie lautet Ihre Antwort auf meine Frage?« »Mikhail, Sie wissen, daß ich ehrlich versuche, mich von meiner eigenen Geschichte zu befreien. Vor nicht allzu langer Zeit noch hätte ich es bequemer und vernünftiger gefunden, mit Ihnen zu reisen, weil Sie sich in der Region, mit ihren Gebräuchen und möglichen Gefahren auskennen. Aber jetzt glaube ich, daß ich den Ariadnefaden ganz allein aufrollen, allein aus dem Labyrinth herausfinden muß, in das ich mich begeben habe. Mein Leben hat sich verändert, mir kommt es so vor, als sei ich zehn, zwanzig Jahre jünger geworden − jung genug, um zu einem Abenteuer aufzubrechen.«
»Wann fahren Sie?«
»Sobald ich ein Visum habe. In zwei oder drei Tagen.«
»Die Herrin möge Sie begleiten. Die Stimme sagt mir, dies ist der richtige Augenblick. Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie es sich anders überlegen.«
Ich ging an den anderen vorbei, die sich zum Schlafen auf den Boden gelegt hatten. Auf dem Nachhauseweg dachte ich, daß sogar in meinem Alter das Leben sehr viel fröhlicher sein konnte, als ich früher gedacht hatte. Es ist immer möglich, wieder jung und verrückt zu sein. Ich war so auf den Augenblick konzentriert, daß ich überrascht war, als die Leute mir nicht auswichen, um mich vorbeizulassen.
Niemand bemerkte mich, aber mir gefiel es. Plötzlich fühlte ich mich in das Paris Heinrichs IV. zurückversetzt, der, als man ihm vorwarf, seinen protestantischen Glauben verraten und eine Katholikin geheiratet zu haben, geantwortet hatte:
»Paris ist eine Messe wert.« Paris ist noch viel mehr wert als das.
Vor meinem inneren Auge erstand das Paris um 1600
mit seinen religiösen Massakern, den blutigen Ritualen, seinen Königen und Königinnen, dem Louvre, den anderen Schlössern, den darbenden Malern, betrunkenen Schriftstellern, den Philosophen, die sich das Leben nahmen, den Militärs, die Intrigen spannen und so die Welt erobern wollten, den Verrätern, die mit einem Handstreich eine Dynastie stürzen konnten. Alles Geschichten, die schnell vergessen wurden und erst jetzt wieder erinnert − auf daß sie wieder erzählt würden.
Zum ersten Mal seit langer Zeit kam ich nach Hause, ohne sofort im Computer meine Mails aufzurufen und zu sehen, ob von mir eine dringliche Antwort erwartet wurde. Nichts ist vollkommen unaufschiebbar. Ich ging nicht ins Schlafzimmer, um nach Marie zu sehen, denn ich wußte ohnehin, daß sie wach war und nur so tun würde, als ob sie schliefe.
Ich schaltete auch den Fernseher nicht an, um die nächtlichen Nachrichtensendungen zu sehen, die ich von Kind an verfolgte: Dieses Land bedroht jenes − jemand hat einen anderen verraten − der Wirtschaft geht es schlecht − ein Skandal um Liebe und Leidenschaft ist gerade aufgedeckt worden − Israel und Palästina sind auch nach fünfzig Jahren nicht zu einer friedlichen Übereinkunft gekommen − noch eine Bombe ist hochgegangen − ein Hurrikan hat Tausende obdachlos gemacht.
Ich erinnerte mich an jenen Morgen, als die großen Nachrichtensender aus Mangel an terroristischen Attentaten als Hauptmeldung über eine Rebellion in Haiti berichteten.
Was interessierte mich Haiti?! Was bedeutete es für mein Leben, für das Leben meiner Frau, für den Brotpreis in Paris oder den ›Stamm‹ Mikhails ? Wie konnte ich fünf Minuten meines kostbaren Lebens damit verbringen, mir etwas über diese Rebellen und den Präsidenten anzusehen, noch dazu in unzähligen Wiederholungen, als handele es sich bei der Nachricht um ein Ereignis von globaler Bedeutung!
Eine Rebellion in Haiti! Ich war darauf hereingefallen! Ich hatte bis zum Ende zugeschaut! Die Dummen verdienen tatsächlich einen besonderen Personalausweis, weil sie die kollektive Dummheit aufrechterhalten.
Ich öffnete das Fenster, ließ die eisige Nachtluft herein, zog mich aus, sagte mir, ich könnte mich beherrschen, der Kälte widerstehen. Ich stand da, dachte an nichts, spürte nur meine Füße auf dem Boden, mein Blick war starr auf den Eiffelturm gerichtet, ich hörte Hundegebell, Sirenen, Gesprächsfetzen, die ich nicht genau verstehen konnte.