Centurio der XIX Legion
- Автор: Pollmann Klaus
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Centurio der XIX Legion». Краткое содержание книги:
Einen Tagesmarsch hinter Lousonna bog die Straße nach Norden ab und sie ließen den See hinter sich. Sie befanden sich nun im Gebiet der Tiguriner. Mit diesen existierte seit Caesars Zeiten ein Vertrag, aber trotzdem hatte Lucius ein flaues Gefühl im Magen, da sie jetzt nicht mehr in der Provinz Gallia Comata waren, sondern sich jenseits der Grenzen des Imperium Romanum befanden. Als ob Jupiter nur darauf gewartet hatte, setzte prompt das schlechte Wetter wieder ein und es begann zu regnen. Zwei Tage lang regnete es ununterbrochen und alle atmeten erleichtert auf, als am Nachmittag des dritten Tages die Häuser von Aventicum vor ihnen auftauchten. Es war nur ein kleines, unbedeutendes Oppidum. Aber die Legionäre wussten, hier lebten Menschen, hier gab es bestimmt Wein und vielleicht sogar Frauen. Die Stimmung hatte sich verschlechtert. Die Männer waren nicht nur gegenüber ihren Vorgesetzten kurz angebunden, sondern auch untereinander. Lucius war ebenfalls missgelaunt, weil die Marschleistung unverändert schlecht war. Wegen der nicht vorhandenen Meilensteine konnte er die Tagesleistung nicht ausrechnen, aber mehr als sechs Meilen pro Tag konnten es nicht sein und jetzt hatten sie zudem die gute römische Straße verlassen und marschierten nur noch auf einem befestigten Weg. Der war von den Soldaten der Gallica befestigt worden und damit komfortabler als die Wege, die die Barbaren gemeinhin benutzten. Aber, so dachte Lucius, wenn sie auf einer Straße nur sechs Meilen schafften, wie würde das jetzt werden? Das vor ihnen liegende Gelände erweckte keine Hoffnung, ein schnelleres Marschtempo anschlagen zu können. Lucius schlug daher Scapula vor, den Ruhetag zu streichen. Dieser überlegte eine Weile. Lucius konnte sich vorstellen, was in ihm vorging. Auf der einen Seite versprach der Ort eine gewisse Bequemlichkeit und der Tribun hätte die Möglichkeit, seine Kleidung zu trocknen, dem Wein zuzusprechen und vielleicht eine Frau zu bekommen. Auf der anderen Seite würde, wenn sie direkt weiterzogen, die Reise schneller zu Ende gehen. Scapula warf einen Blick zum Himmel und gab dann sein Einverständnis. Lucius war egal, ob er das Wetter begutachtet oder auf eine göttliche Inspiration gewartet hatte. Froh, dass sie etwas verlorene Zeit aufholen konnten, ging er los, um seine Offiziere zu informieren, dass sie am nächsten Tag weitermarschieren würden.
Ihm fiel es schwer, ihre Reaktionen zu deuten. Drusillus’ Miene war unergründlich, Mallius dagegen sah aus, als ob er etwas sagen wollte, dann überlegte er es sich anders.
Die Legionäre reagierten keinesfalls schweigend auf die Ankündigung, dass am nächsten Tag ohne Pause weitermarschiert würde. Lucius hörte ihre Protestrufe und ihr verärgertes Gemurmel, aber es war ihm egal. Bei dem Tempo hatten sie sich kaum verausgabt und es widerstrebte ihm, nur aus traditionellen Gründen einen Ruhetag einzulegen. Es entging ihm nicht, dass die Männer sehnsüchtige Blicke auf die kleine Ortschaft mit ihren Häusern und rauchenden Schornsteine warfen, als sie am nächsten Morgen aufbrachen.
Wenn Lucius gedacht hatte, die Stimmung könnte nicht schlechter werden, so wurde er in den nächsten Tagen eines Besseren belehrt. Nach weiteren Regentagen war die Stimmung nicht mehr schlecht, sondern katastrophal. Die ganze Ausrüstung war nass, Kleidung, Zelte, Essen, Waffen, einfach alles. Die Legionäre waren übellaunig und gehorchten den Befehlen nur mürrisch und aufsässig. Der Tesserarius meldete jede Nacht Männer wegen Wachvergehen, so dass die halbe Centurie mit Strafarbeiten beschäftigt war und nicht mehr zum Ausruhen kam. Hatten sich die Männer am Anfang der Reise noch Scherzworte zugeworfen oder Lieder gesungen und gepfiffen, gab es jetzt nur noch Flüche und Verwünschungen.
Am Abend saß Lucius in seinem Zelt vor seinem Weinbecher und brütete vor sich hin. Er war am Ende seiner Weisheit. Was sollte er nur tun? Er versuchte seinen Männern ein gutes Vorbild zu sein, so, wie er es in Caesars Kommentaren über den Gallischen Krieg gelesen und wie sein Vater ihm geraten hatte. Er nahm die gleichen Strapazen auf sich wie seine Soldaten. Er misshandelte und schikanierte sie nicht – und trotzdem sah er in den Blicken der Männer Hass, wenn sie ihn ansahen. Im Zeitplan waren sie auch weit zurück, da die Marschleistung weiter gesunken war. Hatte Scapula noch mit der Aussage übertrieben, die Lager lägen von Tag zu Tag in Sichtweite, so war dies nun wirklich der Fall. Dabei hätten sie bei normalem Marschtempo schon längst in Vindonissa sein müssen.
Am nächsten Tag hatten sie stattdessen ein besonders schwieriges Stück Weg zu bewältigen, da sie die Wagen durch eine Furt bringen mussten.
Lucius dachte sehnsüchtig an das gemütliche Heim in Arausio oder an die gepflegten Räume auf dem Hof. War es wirklich erst ein halbes Jahr her, dass er als Zivilist gelebt hatte und es gar nicht hatte erwarten können, zur Legion zu kommen? Er schrak zusammen, als er einen Schatten vor dem Zelt wahrnahm. Die Plane wurde zurückgeschlagen und Mallius, der gerade Wache hatte, sah herein. Was war jetzt schon wieder passiert?
„Centurio.“ Mallius grüßte schlampig. „Ich habe gerade meine Runde gedreht und sah bei dir noch Licht. Da wollte ich mal vorbeischauen.“
Lucius richtete sich auf und verließ gebückt das Zelt. Vor dem Zelt standen unter einem Vordach aus Plane ein Klapptisch und zwei Stühle. Hier saß man trocken. Trocken, solange der Wind nicht den Regen unter das Vordach blies. Lucius knallte seinen Weinbecher auf den Tisch und bedeutete Ajax, der vor dem Zelt im Matsch hockte, Mallius auch einen Becher Wein einzuschenken. Mallius nahm den Becher und ließ sich auf den zweiten Stuhl fallen. Sie tranken schweigend. „Du machst dir Sorgen um die Moral der Männer und den weiteren Marsch“, begann Mallius schließlich.
Lucius nickte müde.
„Wir haben sechzehn Tage für eine Strecke gebraucht, die in zwölf zu schaffen sein müsste. Die Männer sind langsam“, fügte Mallius hinzu, und Lucius hätte ihn am liebsten angeschrien. „Und sie hassen dich“, ergänzte er erbarmungslos.
„Ja, ich weiß!“, versetzte Lucius heftig und war froh, dass der Signifer verstummte. Bloß keine Tirade über Alter und Erfahrung. Mallius sah ihn wartend an und nach einer Pause sagte Lucius leise: „Und ich weiß nicht, wieso.“
„Wenn es weiter nichts ist. Das kann ich dir sagen.“ Der Signifer zeigte sein überlegenes Lächeln, das Lucius so hasste. Ich erkläre dir die Welt, kleiner Junge, schien es zu sagen.
„Sie hassen dich, weil du sie im Stich lässt.“
Lucius verschlug diese Aussage für einen Augenblick den Atem.
„Was?“, fuhr er auf. „Ich lasse sie doch nicht im Stich.“ Dieser Vorwurf stellte alles in Frage, was er sich vorgenommen hatte und woran er glaubte.
„Doch. Sie werden am Tag von einem Schläger drangsaliert und bei Nacht von einem Erpresser ausgenommen – und du als Kommandeur greifst nicht ein.“
Lucius schüttelte entgeistert den Kopf. „Was meinst du mit ‚ausgenommen’? Und ‚drangsaliert’? Der Optio treibt sie nur an.“
„Der Optio treibt sie an“, wiederholte Mallius und zeigte immer noch das überlegene Lächeln. „Kontrollierst du ihn denn? Oder Celsonius? Oder deinen Schreiber?“
„Kontrollieren?“ Lucius war wie vor den Kopf geschlagen. Hatten nicht alle großen Befehlshaber ihre Männer angespornt, indem sie gezeigt hatten, dass sie ihnen vertrauten?
„Ja. Wenn du ihnen einen Befehl erteilst, überwachst du dann auch, ob der Befehl richtig ausgeführt wird?“
„Nein. Natürlich nicht. Ich kann doch meinen Stellvertreter nicht überwachen. Außerdem sind es altgediente Soldaten. Die werden doch wissen, was richtig ist.“