Die Habenichtse
- Автор: Hacker Katharina
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Год: Fischer-Taschenbuch-Verl
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Habenichtse». Краткое содержание книги:
Die beiden haben alles, was ein junges, erfolgreiches Paar braucht und stehen doch mit leeren Händen da. Sehnsüchtig und ratlos sehen sie zu, wie ihr Leben aus den Fugen gerät. Jakob ist fasziniert von seinem Chef, Isabelle von Jim, dem Dealer. Die untergründigen Ströme von Liebe und Gewalt werden spürbar, und das Nachbarskind Sara wird ihr Opfer.
Aber anscheinend war es nur eine Platzwunde, das Blut trocknete schon. — Nun komm schon, es ist nicht so schlimm, sagte Isabelle ungeduldig. Sie nahm die Terrasse, den Garten noch einmal in Augenschein. Es könnte überall sein, dachte sie, in Bosnien, in Bagdad, es war immer die Gegenseite ihres eigenen Lebens. Als wäre das Maß Leid festgesetzt, nur die Verteilung offen. Schüchtern richtete Sara sich aus der Hocke auf, streckte ihre Hand nach Polly aus, um sie zu streicheln, aber die Katze sprang mit einem Satz zur Seite. — Du hast sie geschlagen, sagte Isabelle kalt, was erwartest du? Das Mädchen hob den Kopf, sah Isabelle an, ihre Augen waren jetzt grau, herausfordernd, — es ist meine Katze, sagte sie trotzig. Sie stand auf, sie stellte sich dicht vor Isabelle, schuldbeladen, bereit, sich zu verteidigen, zwiespältig, dachte Isabelle und fühlte sich herausgefordert, abgestoßen. Zielstrebig wandte sie sich der Mauer zu, die Amsel flog auf, Sara und die Katze wichen nicht von ihrer Seite. Es wäre ein leichtes, dem Kind heraufzuhelfen, und da war das Mädchen schon, dicht neben ihr, atmend, säuerlich riechend, beide Arme nach oben gereckt. Aber Isabelle hob die Katze auf, setzte das Tier oben ab und fing an, nach Halt für sich selbst zu suchen, nach einer Lücke oder einem Vorsprung für ihre Füße, und da die Mauer auf dieser Seite mangelhafter gebaut oder nie ausgebessert worden war, fand sie, wonach sie suchte, rutschte mit den Händen wiederholt von den nassen Ziegeln ab, stützte sich schließlich an dem Baumstamm ab. Der Stoff ihrer Bluse zerriß. Oben, auf dem Mauersims sitzend, schaute sie nach dem Mädchen. Es unternahm keinen Versuch, ihr zu folgen. Mit sprachlosem Entsetzen starrte es Isabelle an, alles Kindliche war aus seinem Gesicht verschwunden, es gab nur noch Ausweglosigkeit und Leid darin; Isabelle mußte lachen. Ein paar Worte würden genügen, Sara zu beschwichtigen, sie könnte ihr die Hand entgegenstrecken und sie ebenfalls hinaufziehen, zu der Katze, die schnurrte, was für ein albernes Schauspiel, dachte Isabelle, wie idiotisch, sich einzumischen. Entschlossen sprang sie in ihren eigenen Garten hinunter, faßte mit beiden Händen die Katze und setzte sie in das Gras, das hier frischer aussah und angenehm roch. Die Tür zu ihrem Wohn- und Arbeitszimmer stand offen, ihr Leben, von außen betrachtet, wirkte geordnet und einladend, unberührt, dem Anschein nach, wie ein Geburtstagspäckchen, das auszupacken man noch keine Lust verspürt hatte. Es lag aber bereit. Die Katze rieb ihren Kopf an Isabelles Wade, miaute. Man könnte, fuhr es Isabelle durch den Kopf, sie genauso wieder auf die Mauer heben, auf die Seite hinunterstoßen. Alles war zweideutig. Hatte sie dem Mädchen geholfen, wie es ihre Absicht gewesen war? Später würde sie durch die zu dünnen Wände den Geräuschen aus der benachbarten Wohnung lauschen und wissen, was dort geschah, beinahe so, als wäre sie beteiligt. Sie war sich sicher, daß Sara alleine nicht wieder in die Wohnung kommen würde, die Tür war geschlossen gewesen und hatte bestimmt ein Schnappschloß. Zwei oder drei Stunden, dachte Isabelle, bis Saras Eltern nach Hause kamen. Bis Jakob aus dem Büro kam. Sie hob die Katze auf, das plumpe Ding, das sich schwer machte, unsicher, was als nächstes geschehen würde, nachdem sie gerade erst in einen fremden Garten geschwebt war. Zurücksetzen, auf die andere Seite — was hatte sie nur gemacht, fragte sich Isabelle. Das Tier schien ihre Gedanken mühelos zu lesen, wenn auch die Anspannung fast unmerklich war, eine winzige Verschiebung der Beine und des Kopfes, es bereitete sich darauf vor, fallengelassen zu werden. Dann erschlaffte der warme Körper wieder, als sei Polly zu dem Schluß gekommen, sie müsse eine derartige Behandlung doch nicht fürchten, sie machte es sich bequem, mit leisem Maunzen, ein Bild von einer Katze, dachte Isabelle, als sie sich beide in der Glastür spiegeln sah, während sie die zwei Stufen heraufstieg.
Mit dem Fuß stieß sie die angelehnte Terrassentür auf und setzte Polly im Wohnzimmer ab. Es war aber offenkundig, daß sich das Tier unwohl fühlte, sich nur setzte, weil die Tür sogleich geschlossen wurde, betäubt vielleicht von den veränderten Gerüchen und Bewegungen, und hätte es sich äußern können, würde es sich wohl an die Seite des Mädchens gewünscht haben, das hinter der Mauer heulen oder kotzen mochte, an der verschlossenen Tür rütteln, eine Strafe fürchtend oder die Dämmerung. Daß das Telefon klingelte, war Isabelle willkommen, ebenso Peters Stimme, die nüchtern von einer weiteren Anfrage berichtete — ein Hörbuchverlag wünschte ein Cover, originell und nicht zu teuer, — das ewige alte Lied, sagte Peter, und er sei mit dem Umzug, Andras mit seiner Reise nach Budapest beschäftigt. Also bist du dran, sagte er, bis Andras zurückkommt, mußt du mir helfen, La´szlo´ versucht ihn zum Bleiben zu überreden, aber er wird keinen Erfolg haben. Peters müde Stimme war weder freundlich noch unfreundlich, und er fragte nicht, wie es ihr ging. Polly maunzte, folgte Isabelle die Treppen hinauf in die Küche, beroch das Schüsselchen Milch, das für sie auf den Boden gestellt, verfolgte, wie in einem zweiten Schälchen ein Stück kaltes Fleisch zerkleinert wurde. Es machte Isabelle Spaß, die Katze zu füttern, und als sie an Sara dachte, die jetzt vermutlich heulend im Garten hockte, aber immerhin eine Katze hatte, schien sie ihr ein vergleichsweise glückliches Kind. Gesättigt machte Polly einen Rundgang, lief wie ein Geheimpolizist die Treppe hinauf, die letzten beiden Zimmer zu kontrollieren. Das Schlafzimmer, Jakobs Arbeitszimmer, das er jedoch nie benutzte. Die Kanzlei war wie eine Obsession, die keine Nachfrage duldete. Isabelle wollte allerdings auch nicht erklären müssen, wie sie ihre Tage verbrachte; ihrer beider Schweigen war wie eine Anzahlung, dachte Isabelle, man würde sehen, worauf. Sie ließ die Katze oben, ging selber ins Erdgeschoß, öffnete eines der Fenster zur Straße, es dämmerte schon, der Himmel hatte sich mit dichteren Wolken bezogen, kühler Wind wehte in Böen. Auf der Straße ging ein dicker Mann mit einem riesigen Turban vorbei, zwei Kinder in Schuluniform liefen so gesetzt wie ältere Damen. Jeden Moment könnte Jakob die Straße heraufkommen und sie sehen, winken. Polly sprang auf die Fensterbank und erschreckte sie, Isabelle griff sie sicher mit beiden Händen, hielt sie aus dem Fenster. Die Katze wand sich, versuchte sich zu befreien. Isabelle ließ sie los. Das Tier schien verwundert, knickte kurz ein, vielleicht war es zu alt, um springen zu können, doch dann richtete es sich auf, zwängte sich durch die Gitterstäbe des Törchens und verschwand unter einem geparkten Auto.
In der Küche standen drei Flaschen Rotwein, die eine noch halb voll; Jakob hatte Sushi mitgebracht, Alistair war eine halbe Stunde später gekommen, sie hatten nur wenig gegessen, am meisten trank Isabelle. Alistair hob sie in die Luft und wirbelte sie herum. — Wie handlich deine Frau ist! Und ihr war übel gewesen, aber das war vergangen. Jakob trank auf ihre Gesundheit, sie leerte ihr Glas, Alistair schenkte sogleich nach. Beide waren aufgestanden, traten zu ihr, aufgerichtet, erwartungsvoll, Jakob wandte den Kopf zu Alistair, über sich hinweg spürte sie die Blicke, spürte am Rücken die Hände, Jakobs Hand, die über ihr Haar, ihre Stirn, vor ihre Augen glitt, sie im Scherz zuhielt, eine andere Hand tastete nach ihrem Po, streichelte die Pobacken, fuhr mit dem Finger den Spalt entlang, soweit es die Stoffhose zuließ, und sie wartete, daß die Hand wieder hinaufglitt, den Bund suchte und sich hinein- und vorwagte, sie hörte sich aufseufzen, als Finger an den Knöpfen, an dem Reißverschluß nestelten, ihr Mund öffnete sich, es mußte Alistair sein, der sie um die eigene Achse drehte, schwindelig war ihr nicht, sie war hellwach, jemand schob ihr sachte den Daumen in den Mund, die Augen mußte sie jetzt selber schließen, jemandes Atem traf ihr Ohr, blies sanft hinein, das mußte Jakob sein, ein Blick von ihr würde alle drei aufhalten, noch war es zu früh, in ein paar Minuten könnte sie die Augen öffnen. Sie hielt den Atem an, eine Zunge, es mußte Jakobs Zunge sein, liebkoste ihre Ohrmuschel, und wenn es Jakob war, kniete Alistair vor ihr, umfaßte ihre Beine, steckte den Kopf zwischen ihre Oberschenkel, und sie hörte etwas, spürte nahe eine Bewegung, vielleicht Jakobs Hand, die Alistairs Haar, seinen Nacken streichelte, und gleich würde sie die beiden nackten Männer sehen, sie müßten sich endlich ausziehen, dachte Isabelle ungeduldig, Jakob, der Alistair umschlang, der sie in den Armen hielt. Aber keine Hand berührte ihre Brüste, die Zunge zog sich aus ihrem Ohr zurück, eine Hand kraulte sie bloß am Nacken, es kitzelte und war nicht länger angenehm, einer von ihnen verdarb alles, verriet alles. Noch wollte sie es nicht glauben, sie preßte die Augenlider zu, streckte sich, als könnte sie ihren Körper noch einmal anbieten, spürte die Lust verebben, faßte im Reflex nach ihrem Slip, an dem eine Hand zog, nicht zärtlich, sondern unwirsch, es mußte Alistair sein, sie berührte seine Hand, wie ein Stoß traf sie sein Zorn, Fingernägel bohrten sich in ihren Arm, er zwang ihre Hand in den Slip und tiefer, bis ihre Finger die noch feuchte Scham berührten und sie den Griff und seine Wut vergaß, zärtlich nach der weichen Haut tastete, etwas, das dünn und unendlich alt schien, das nicht sie selbst, sondern eine alte Frau war, ein Körper, der nicht mehr Lust, sondern Mitleid hervorrief. Ihre Hand wurde weggezogen, Jakob, dachte sie, der alles beendete. Er lieferte sie der Beschämung aus, sie spürte Alistairs Befremden und war machtlos dagegen. Jakob hob sie hoch, er nahm sie auf seine Arme, trug sie, alleine konnte sie tatsächlich nicht laufen, die Treppen hinauf und ins Schlafzimmer, legte sie aufs Bett, deckte sie zu, er zog sie nicht aus. Ihre Hand ruhte noch immer über ihrer Scham, die Augen hatte sie nicht geöffnet. Schritte hörte sie, leise Stimmen, die beiden waren noch da, vielleicht küßten sie sich, und Isabelle lag da, spürte die Demütigung Teil ihres Körpers werden.