Der Funke Leben
- Автор: Ремарк Эрих Мария
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Der Funke Leben». Краткое содержание книги:
Lebenthal seufzte und blickte dem Hasen nach.
»Glaubt ihr, daß wir heute abend Brot kriegen?« fragte Meyerhof nach einiger Zeit.
»Ist er tot?«
»Ja. Endlich. Er wollte noch, daß wir den Neuen aus seinem Bett nehmen sollten. Den mit dem Fieber. Er glaubte, der würde ihn anstecken. Dabei hat er den Neuen angesteckt. Er jammerte und schimpfte zuletzt auch wieder. Der Priester hat nicht ganz vorgehalten.« 509 nickte. »Es ist schwer, jetzt noch zu sterben. Früher war es leichter. Jetzt ist es schwer. So kurz vor dem Ende.«
Berger setzte sich zu 509. Es war nach dem Abendessen. Das Kleine Lager hatte nur eine dünne Suppe bekommen; für jeden einen Becher voll. Kein Brot. »Was wollte Handke von dir?« fragte er.
509 öffnete die Hände. »Er hat mir dieses hier gegeben. Einen sauberen Bogen Briefpapier und einen Füllfederhalter. Er will, daß ich ihm mein Geld in der Schweiz überschreibe. Nicht die Hälfte.
Alles. Die ganzen fünftausend Franken.«
»Und?«
»Dafür will er mich einstweilen leben lassen. Er hat mir sogar so etwas wie Protektion angedeutet.«
»So lange, bis er deine Unterschrift hat.«
»Das ist bis morgen abend. Es ist schon etwas. Wir haben manchmal nicht so lange Zeit gehabt.«
»Es ist nicht genug, 509. Wir müssen etwas anderes finden.« 509 hob die Schultern. »Vielleicht hält es vor. Kann sein, daß er denkt, mich brauchen zu müssen, um das Geld zu beheben.«
»Es kann auch sein, daß er das Gegenteil denkt. Dich loszuwerden, damit du die Überschreibung nicht widerrufen kannst.«
»Ich kann sie nicht widerrufen, wenn er sie hat.«
»Das weiß er nicht. Und du könntest es vielleicht. Du hast sie unter Zwang gegeben.« 509 schwieg einen Augenblick. »Ephraim«, sagte er dann ruhig. »Das brauche ich nicht. Ich habe kein Geld in der Schweiz.«
»Was?«
»Ich habe nicht einen Franken in der Schweiz.«
Berger starrte 509 eine Weile an. »Du hast das alles erfunden?«
»Ja.«
Berger wischte sich mit dem Handrücken über die entzündeten Augen. Seine Schultern zuckten.
»Was hast du?« fragte 509. »Weinst du etwa?«
»Nein, ich lache. Es ist idiotisch, aber ich lache.«
»Lach nur. Wir haben verdammt wenig gelacht hier.«
»Ich lache, weil ich an Handkes Gesicht in Zürich gedacht habe. Wie bist du nur auf die Idee gekommen, 509?« »Ich weiß es nicht. Man kommt auf vieles, wenn es ums Leben geht. Die Hauptsache ist, daß er es geschluckt hat. Er kann nicht einmal etwas herausfinden, bevor der Krieg zu Ende ist. Er muß es einfach glauben.« »Das ist richtig.« Bergers Gesicht war wieder ernst. »Deshalb traue ich ihm nicht. Er kann seinen Koller kriegen und etwas Unvermutetes tun. Wir müssen Vorsorgen. Am besten ist es, wenn du stirbst.« »Sterben? Wie? Wir haben kein Lazarett. Wie sollen wir das schieben? Hier ist die letzte Station.« »Über die allerletzte. Über das Krematorium.« 509 sah Berger an. Er sah das sorgenvolle Gesicht mit den tränenden Augen und dem schmalen Schädel, und er spürte eine Welle von Wärme. »Glaubst du, daß das möglich ist?« »Man kann es versuchen.« 509 fragte nicht, wie Berger es versuchen wolle. »Wir können darüber noch reden«, sagte er. »Vorläufig haben wir noch Zeit. Ich werde Handke heute nur zweitausendfünfhundert Franken überschreiben. Er wird den Zettel nehmen und den Rest verlangen. Dadurch gewinne ich ein paar Tage. Dann habe ich noch die zwanzig Mark von Rosen.« »Und wenn die weg sind?« »Bis dahin passiert vielleicht noch etwas anderes. Man kann immer nur an die nächste Gefahr denken. Eine zur Zeit. Und eine nach der anderen. Sonst wird man verrückt.« 509 drehte den Briefbogen und den Füllfederhalter hin und her. Er beobachtete die matten Reflexe auf dem Halter. »Komisch«, sagte er. »Das habe ich lange nicht in der Hand gehabt. Papier und Feder. Früher habe ich einmal davon gelebt. Ob man das je wieder können wird?«
XV
Die zweihundert Mann des neuen Bergungskommandos waren in einer langen Reihe über die Straße verteilt. Es war das erste Mal, daß sie innerhalb der Stadt zum Aufräumen eingesetzt wurden. Bisher hatte man sie nur in den eingestürzten Fabriken der Vororte beschäftigt. Die SS hatte die Ausgänge der Straße besetzt und außerdem Mannschaften der Länge nach über die linke Seite als Wachen verteilt. Die Bomben hatten hauptsächlich die rechte Seite getroffen; Mauern und Dächer waren über den Fahrdamm gestürzt und machten fast jeden Verkehr unmöglich. Die Häftlinge hatten nicht genug Schaufeln und Hacken; sie mußten zum Teil mit den bloßen Händen arbeiten. Die Kapos und Vorarbeiter waren nervös; sie wußten nicht, ob sie prügeln und antreiben oder sich zurückhalten sollten. Zivilisten war es zwar untersagt, die Straße zu benutzen; aber die Mieter, die in den heilgebliebenen Häusern wohnten, konnten nicht hinausgeworfen werden. Lewinsky arbeitete neben Werner. Beide hatten sich mit einer Anzahl gefährdeter politischer Gefangener zum Bergungskommando gemeldet. Die Arbeit war schwerer als anderswo; aber sie waren auf diese Weise tagsüber dem Zugriff der SS im Lager entzogen; abends, nach dem Einrücken, wenn es dunkel war, konnten sie sich dann bei Gefahr leichter unsichtbar machen und unauffindbar bleiben. »Hast du gesehen, wie die Straße heißt?« fragte Werner leise. »Ja.« Lewinsky grinste. Die Straße hieß Adolf-Hitler-Straße. »Heiliger Name. Hat aber gegen Bomben nichts genützt.«
Sie schleppten einen Balken fort. Die Rücken ihrer gestreiften Jacken waren dunkel von Schweiß. An der Sammelstelle trafen sie auf Goldstein. Er war trotz seines schwachen Herzens mit zum Kommando gekommen, und Lewinsky und Werner hatten nichts dagegen gesagt – er gehörte zu den gefährdeten Häftlingen. Sein Gesicht war grau. Er schnupperte. »Es stinkt hier. Nach Leichen. Nicht nach frischen – hier müssen noch alte Leichen liegen.« »Stimmt.« Sie kannten das. Sie wußten genau, wie Leichen rochen. Sie schichteten jetzt losgebrochene Steine neben einer Mauer auf. Der Mörtel wurde in kleinen Wagen fortgeschafft. Hinter ihnen, auf der anderen Seite der Straße, befand sich ein Kolonialwarenladen. Die Fenster waren geplatzt; aber einige Plakate und Kartons waren schon wieder in die Auslage hineingestellt worden. Ein Mann mit einem Schnurrbart schaute hinter ihnen hervor. Er hatte eines der Gesichter, die man 1933 in Mengen bei Demonstrationen hinter Schildern mit der Aufschrift:»Kauft nicht bei Juden« gesehen hatte. Der Kopf schien durch die Rückwand des Schaufensters abgeschnitten zu sein – ähnlich wie bei billigen Fotografien auf Rummelplätzen, wo die Klienten ihre Köpfe über gemalte Kapitänsuniformen halten. Dieser stand über leeren Schachteln und verstaubten Plakaten; es schien zu ihm zu passen. In einem unzerstörten Torweg spielten Kinder. Neben ihnen stand eine Frau in einer roten Bluse und blickte auf die Gefangenen. Ein paar Hunde brachen plötzlich aus dem Torweg und rannten über die Straße zu den Sträflingen hinüber. Sie schnupperten an ihren Hosen und Schuhen, und einer wedelte und sprang an dem Sträfling Nr. 7105 hoch. Der Kapo, der diesen Abschnitt beaufsichtigte, wußte nicht, was er tun sollte. Der Hund war ein Zivilhund und kein Mensch; trotzdem schien es ungebührlich, daß er freundlich zu einem Sträfling war, besonders in Gegenwart der SS. 7105 wußte noch weniger Rat. Er tat das einzige, was ein Gefangener tun konnte; er stellte sich, als sei das Tier nicht da. Aber der Hund folgte ihm; er hatte eine rasche Zuneigung zu ihm gefaßt. 7105 bückte sich und arbeitete mit angestrengtem Eifer. Er war besorgt; der Hund konnte seinen Tod bedeuten. »Weg da, Lauseköter«, schrie der Kapo endlich und hob einen Knüppel. Er hatte seinen Entschluß gefaßt; es war immer besser, scharf zu sein, wenn die SS zusah. Aber der Hund kümmerte sich nicht um ihn; er sprang und tanzte wieder um 7105 herum. Es war ein großer, braunweißer deutscher Vorstehhund. Der Kapo hob Steine und warf nach ihm. Der erste Stein traf 7105 am Knie; erst der dritte traf den Hund quer gegen den Bauch. Das Tier heulte auf, sprang beiseite und bellte den Kapo an. Der Kapo hob den nächsten Brocken. »Scher dich weg, du Aas!« Der Hund wich aus, aber er lief nicht weg. Geschickt machte er einen Bogen und sprang den Kapo an. Der Mann stürzte über einen Haufen Mörtel, und der Hund stand sofort knurrend über ihm. »Hilfe!« schrie der Kapo und verhielt sich still. Die SS-Leute in der Nähe lachten. Die Frau in der roten Bluse kam herangelaufen. Sie pfiff dem Hund. »Hierher! Sofort hierher! O dieser Hund! Bringt einen noch ins Unglück!« Sie zerrte ihn hinweg, in den Torbogen hinein. »Er ist 'rausgelaufen«, sagte sie ängstlich zu dem nächsten SS-Mann. »Bitte! Ich habe es nicht gesehen! Er ist weggelaufen! Er wird Prügel dafür kriegen!« Der SS-Mann grinste. »Dem da hätte er ruhig ein Stück von seiner dämlichen Fresse wegbeißen können.« Die Frau lächelte schwach. Sie hatte geglaubt, der Kapo gehöre zur SS. »Danke! Danke vielmals! Ich werde ihn gleich anbinden!« Sie zog den Hund am Halsband fort, aber streichelte ihn plötzlich. Der Kapo klopfte sich den Kalkstaub ab. Die SS-Wachen grinsten immer noch. »Warum hast du ihn nicht gebissen?« rief einer dem Kapo zu.