Der Funke Leben
- Автор: Ремарк Эрих Мария
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Der Funke Leben». Краткое содержание книги:
»Er verwechselt nichts«, erklärte Lebenthal. »Er weiß, was er redet.«
»Ich hoffe nicht«, sagte Bucher.
509 sah ihn an. »Er war einmal anders, Bucher«, sagte er ruhig. »Aber man hat ihn zerschlagen. Er ist nichts mehr von dem, was er einmal war. Das da ist ein anderer Mensch, der aus Resten und Fetzen von früher zusammengewachsen ist. Und die Fetzen waren nicht heil. Ich habe es gesehen.«
»Einen Priester«, jammerte Ammers wieder. »Ich muß beichten! Ich will nicht in die ewige Verdammnis!« 509 setzte sich auf den Bettrand. Neben Ammers lag ein Mann des neuen Transports, der hohes Fieber hatte und flach und rasch atmete. »Du kannst das ohne Priester, Ammers«, sagte 509. »Was hast du schon getan? Hier gibt es keine Sünden. Nicht für uns. Wir büßen alles gleich ab. Bereue, was du zu bereuen hat. Wenn keine Beichte möglich ist, ist das genug. So steht es im Katechismus.«
Ammers hörte einen Moment auf zu keuchen. »Bist du auch katholisch?« fragte er.
»Ja«, sagte 509. Es war nicht wahr.
»Dann weißt du es doch! Ich muß einen Priester haben! Ich muß beichten und kommunizieren! Ich will nicht in Ewigkeit brennen!« Ammers zitterte. Seine Augen waren weit aufgerissen. Sein Gesicht war nicht mehr als zwei Fäuste, und die Augen waren viel zu groß dafür. Er hatte dadurch etwas von einer Fledermaus. »Wenn du Katholik bist, weißt du, wie es ist. Wie das Krematorium; aber man verbrennt nie und stirbt nie. Willst du, daß das mit mir passiert?« 509 sah zur Tür. Sie war offen. Ein klarer Abendhimmel stand darin wie ein Bild.
Dann sah er zurück auf den abgezehrten Kopf, in dem die Bilder der Hölle brannten.
»Für uns hier ist das anders, Ammers!« sagte er schließlich. »Wir haben drüben eine Vorzugsstellung. Ein Stück Hölle haben wir ja schon hier gehabt.«
Ammers bewegte ruhelos den Kopf. »Versündige dich nicht«, flüsterte er. Dann hob er sich mühsam auf, starrte um sich und brach plötzlich aus:»Ihr! Ihr! Ihr seid gesund! Und ich muß abkratzen! Gerade jetzt! Ja, lacht! Lacht! Ich habe alles gehört, was ihr gesagt habt! Ihr wollt 'raus!
Ihr kommt 'raus! Und ich? Ich! Ins Krematorium! Ins Feuer! Die Augen! Und ewig – huh – huh -«
Er heulte wie ein mondsüchtiger Hund. Sein Körper war straff hochgezogen, und er heulte. Sein Mund war ein schwarzes Loch, aus dem es heiser heulte.
Sulzbacher erhob sich. »Ich gehe«, sagte er. »Ich will nach einem Priester fragen -«
»Wo?« fragte Lebenthal.
»Irgendwo. Auf der Schreibstube. Bei der Wache -«
»Sei nicht verrückt. Hier gibt es keine Priester. Die SS duldet das nicht. Sie wird dich in den Bunker stecken.«
»Das macht nichts.«
Lebenthal starrte Sulzbacher an. »Berger, 509«, sagte er dann. »Habt ihr das gehört?«
Sulzbachers Gesicht war sehr blaß. Seine Kinnbacken traten stark heraus. Er sah niemand an. »Es nützt nichts«, sagte Berger zu ihm. »Es ist verboten. Wir wissen auch keinen unter den Gefangenen.
Meinst du, wir hätten ihn sonst nicht schon geholt?«
»Ich gehe«, erwiderte Sulzbacher.
»Selbstmord!« Lebenthal griff sich in die Haare. »Und noch für einen Antisemiten!«
Sulzbachers Kiefer arbeiteten. »Gut, für einen Antisemiten.«
»Meschugge! Wieder einer meschugge!«
»Gut, meschugge, ich gehe.«
»Bucher, Berger, Rosen«, sagte 509 ruhig.
Bucher stand bereits mit einem Knüppel hinter Sulzbacher. Er schlug ihm auf den Kopf. Der Schlag war nicht besonders stark, aber er genügte, um Sulzbacher taumeln zu lassen. Alle zerrten ihn jetzt herunter und rollten sich über ihn. »Gib die Bänder vom Schäferhund, Ahasver«, sagte Berger.
Sie banden die Hände und Füße Sulzbachers und ließen ihn los. »Wenn du schreist, müssen wir dir was in den Mund stecken«, sagte 509.
»Ihr versteht mich nicht -«
»Doch. Du bleibst so, bis dein Koller vorbei ist. Wir haben schon genug Leute so verloren -«
Sie schoben ihn in eine Ecke und kümmerten sich nicht mehr um ihn. Rosen richtete sich auf. »Er ist noch durcheinander«, murmelte er, als müsse er für ihn um Entschuldigung bitten. »Ihr müßt das verstehen. Sein Bruder damals -«
Ammers war heiser geworden. Er flüsterte nur noch. »Wo bleibt er?
Wo – der Priester -«
Sie hatten allmählich alle genug. »Ist wirklich kein Priester oder Küster oder Meßdiener in den Baracken?« fragte Bucher. »Irgendeiner, damit er Ruhe gibt.«
»Es waren vier in siebzehn. Einer ist entlassen worden; zwei sind tot; der andere ist im Bunker«, sagte Lebenthal. »Breuer verprügelt ihn jeden Morgen mit einer Kette. Er nennt das: die Messe mit ihm lesen.«
»Bitte -« flüsterte Ammers weiter. »Um Christi willen – einen -«
»Ich glaube, in B ist ein Mann, der Lateinisch kann«, sagte Ahasver. »Ich habe mal davon gehört.
Kann man den nicht nehmen?«
»Wie heißt er?«
»Ich weiß es nicht genau. Dellbrück oder Hellbrück oder so ähnlich. Der Stubenälteste weiß das sicher.« 509 stand auf. »Das ist Mahner. Wir können ihn fragen.«
Er ging mit Berger hinüber. »Es kann Hellwig sein«, sagte Mahner. »Das ist einer, der Sprachen spricht. Er ist etwas verrückt. Ab und zu deklamiert er. Er ist in A.«
»Das wird er sein.«
Sie gingen zu Sektion A. Mahner sprach mit dem Stubenältesten dort, einem großen, dünnen Mann mit einem Birnenkopf. Der Birnenkopf zuckte schließlich die Achseln.
Mahner ging in das Labyrinth von Betten, Beinen, Armen und Stöhnen hinein und rief den Namen aus.
Er kam nach einigen Minuten zurück. Ein mißtrauischer Mann folgte ihm. »Dies ist er«, sagte Mahner zu 509. »Laßt uns 'rausgehen. Hier kann man ja kein Wort verstehen.« 509 erklärte Hellwig die Situation. »Sprichst du Lateinisch?« fragte er.
»Ja.« Hellwigs Gesicht zuckte nervös. »Wißt ihr, daß mir jetzt mein Eßnapf gestohlen wird?«
»Wieso?«
»Hier wird gestohlen. Gestern ist mir mein Löffel weggekommen, während ich auf der Latrine saß.
Ich hatte ihn unter meinem Bett versteckt. Jetzt habe ich den Eßnapf drinnen gelassen.«
»Dann hole ihn.«
Hellwig verschwand ohne ein Wort. »Der kommt nicht wieder«, sagte Mahner.
Sie warteten. Es wurde dunkler. Schatten krochen aus Schatten; Dunkelheit aus der Dunkelheit der Baracken. Dann kam Hellwig zurück. Er hielt den Eßnapf an die Brust gepreßt.
»Ich weiß nicht, wieviel Ammers versteht«, sagte 509. »Sicher nicht mehr als ego te absolvo. Das mag er behalten haben. Wenn du ihm das sagst und noch irgend etwas, was dir einfällt-«
Hellwig knickte mit seinen langen dünnen Beinen beim Gehen ein. »Virgil?« fragte er.
»Horaz?«
»Gibt es nicht etwas Kirchliches?«
»Credo in unum deum -«
»Sehr gut.«
»Oder Credo quia absurdum -« 509 blickte auf. Er sah in zwei sonderbar rastlose Augen. »Das tun wir alle«, sagte er.
Hellwig blieb stehen. Er zeigte dabei mit dem knotigen Zeigefinger auf 509, als wollte er ihn aufspießen. »Es ist eine Gotteslästerung, das weißt du. Aber ich will es tun. Er braucht mich nicht.
Es gibt eine Reue und Sündenvergebung ohne Beichte.«
»Vielleicht kann er nicht bereuen, ohne daß einer dabei ist.«
»Ich tue es nur, um ihm zu helfen. Inzwischen stehlen sie meine Portion Suppe.«
»Mahner wird deine Suppe für dich halten. Aber gib mir deinen Eßnapf«, sagte 509.
»Ich bewahre ihn für dich, während du drin bist.«
»Warum?«
»Er glaubt dir vielleicht eher, wenn du keinen Eßnapf bei dir hast.«
»Gut.«
Sie traten in die Tür. Die Baracke war auch vorn jetzt schon fast dunkel. Man hörte Ammers flüstern. »Hier«, sagte 509. »Wir haben einen gefunden, Ammers.«
Ammers wurde still. »Wirklich?« fragte er dann deutlich. »Ist er da?«
»Ja.«
Hellwig bückte sich. »Gelobt sei Jesus Christus!«
»In Ewigkeit, Amen«, flüsterte Ammers mit einer Stimme wie ein erstauntes Kind.
Sie begannen zu murmeln. 509 und die anderen gingen hinaus. Draußen stand der späte Abend sehr still über den Wäldern am Horizont. 509 setzte sich gegen die Barackenwand. Sie hatte noch etwas Wärme von der Sonne behalten. Bucher kam und setzte sich neben ihn. »Sonderbar«, sagte er nach einer Weile.