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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Obwohl die Gans gut fünf Kilo wog, überfiel Irina, als sie das ausgenommene, gewaschene, gesalzene, angestochene und gefüllte Tier in den Ofen schob, die schreckliche Frage, ob es für alle reichen würde. Sie rechnete die Personen zusammen, es waren sieben: Außer Charlotte und Wilhelm war in diesem Jahr noch ihre Mutter dabei; und Sascha kam mit seiner Neuen.

Irina beschloss, auch die Innereien zu braten: Herz, Magen, Leber. Gewöhnlich briet sie die Innereien erst am nächsten Tag und verzehrte sie zusammen mit den aufgewärmten Resten der Gans im Laufe der Weihnachtsfeiertage — ein Hochgenuss! Irina liebte die bissfesten Magenwände und den süßlichen Lebergeschmack, wohingegen Kurt Innereien verabscheute, ebenso das Abnagen von Knochen; und auch Aufgewärmtes schätzte er nicht, wenngleich er es nicht zugab. Aber sie kannte ihn: Er aß nicht gern an zwei Tagen das Gleiche.

Irina schnitt die Innereien in Portionshäppchen, würzte sie kräftig mit Pfeffer, warf sie in eine Pfanne mit heißem Kokosfett und ließ sie auf kleiner Flamme brutzeln, während sie den Bratenfond vorbereitete, das Eigentliche, Wichtigste an der Klostergans: ein Gemisch aus Kognak, Honig und Portwein, das der Gans eine süße, halb aus Honig, halb aus Fruchtzucker bestehende, pechschwarze Kruste verlieh. — Nicht schlecht, wie die Mönche in diesem Burgund gelebt hatten. Wo war eigentlich Burgund?

Abgesehen von der burgundischen Gans war die Küche am Weihnachtstag deutsch. Außer Rotkohl und Grünkohl gab es noch Thüringer Klöße (die komplizierteste aller Kloßvarianten), Kartoffeln für Kurt, der keine Klöße aß, außerdem einen deftigen Rettichsalat als Vorspeise, rote Grütze als Nachspeise und selbstgebackenen Weihnachtsstollen zum anschließenden Kaffee — und das alles im Überfluss, denn nichts verabscheute Irina mehr als die Frage, ob es reichen würde. Ihre ganze Kindheit hindurch hatte sie sich diese Frage gestellt. Ihre ganze Kindheit hindurch hatte sie nach Brot angestanden; ihre ganze Kindheit hindurch hatte sie halbverfaulte Kartoffeln gegessen (denn immer wurden die halbverfaulten Kartoffeln zuerst gegessen, sodass man schließlich immer nur halbverfaulte Kartoffeln aß); ihre ganze Kindheit hindurch hatte sie bei Winterbeginn auf die ersten Starkfröste gewartet, weil das magere Schwein, das Oma Marfa das Jahr über mit Abfällen fütterte, in der Regel erst — dann aber in aller Eile — geschlachtet wurde, wenn ihm bei Außentemperaturen von minus fünfzig Grad in dem aus dünnen Brettern zusammengezimmerten Stall die Klauen erfroren waren.

Armes Schwein, dachte Irina.

Sie zupfte die äußeren Blätter des Rotkohlkopfs ab, nahm das große Messer, teilte, sich entschlossen auf den Messerrücken stützend, den Kopf in zwei Hälften und empfand noch einmal, einen Atemzug lang, Genugtuung darüber, dass sie alldem tatsächlich entronnen war: sie, Irina Petrowna, das Kind mit den schwarzen Locken, für die sie gehänselt wurde, weil sie verrieten, von was für einem sie gezeugt worden war.

Die Tür des Zimmers von Nadjeshda Iwanowna öffnete sich mit einem langgezogenen Krächzen. Ihre Mutter erschien in der Küche:

— Pomotsch tebje?

Ob sie helfen solle. Aber Irina brauchte keine Hilfe, im Gegenteil, es störte sie, wenn ihre Mutter ihr in die Töpfe guckte.

— Die Innereien lass für mich übrig, sagte Nadjeshda Iwanowna in einem Tonfall, der einem Befehl nahekam.

— Mama, sagte Irina, du brauchst hier bei uns keine Reste zu essen, begreif das doch mal.

Nadjeshda Iwanowna zog ab, ihre Tür krächzte — man musste endlich einmal dem Tischler Bescheid sagen, dachte Irina, denn es lag, das wusste sie, nicht einfach am Öl, sondern daran, dass das untere Scharnier am Türrahmen schrammte.

Sie nahm die Innereien vom Herd, würzte sie noch einmal mit Paprika (Paprika immer zum Schluss, sonst verlor er sein Aroma!), schwitzte dann den feingeschnittenen Rotkohl an, gab geriebenen Apfel dazu, ein bisschen Salz und eine Prise Zucker, legte die mit Nelken gespickte Zwiebel in den Topf, löschte alles mit Rotwein ab und ergänzte es mit heißem Wasser. Dann goss sie sich ein Bier ein — zum Kochen trank sie am liebsten Bier — und naschte schon mal ein wenig von den noch etwas zu heißen, aber köstlichen Innereien … Nein, es war nicht etwa so, dass sie ihrer Mutter die Innereien nicht gönnte. Die Sache war die, dass ihre Mutter es als ein Opfer ansah, die Innereien zu essen — und Irina war nicht bereit, dieses Opfer anzunehmen. Auch du isst heute Weihnachtsgans, dachte sie — und ertappte sich bei der Vorstellung, wie sie ihrer Mutter mit Gewalt ein Stück Gänsefleisch hineinstopfte …

Kurt erschien, im Arbeitshemd — als sei das Dekorieren des Weihnachtsbaums Arbeit. Sie solle mal gucken kommen.

Kurt dekorierte den Weihnachtsbaum seit drei Jahren. Eigentlich hatte er den Weihnachtsbaum abschaffen wollen, nachdem Sascha ausgezogen war, aber Irina hatte auf Wahrung der Traditionen bestanden. Das wäre ja noch schöner! Was wäre Weihnachten ohne Weihnachtsbaum? Der Weihnachtsbaum und die Klostergans gehörten einfach zu Weihnachten, und auch wenn Irina ein bisschen vor dem alljährlichen Besuch der Schwiegereltern graute, auch wenn sie schon jetzt die bemüht einvernehmliche Atmosphäre spürte, die jedes Jahr an der Festtagstafel aufkam: die gestelzten Gespräche, das umständliche Öffnen der Geschenke, die vorgetäuschte Freude bei allen (außer bei Wilhelm, der jedes Jahr aufs schärfste gegen das Beschenktwerden protestierte und jedes Jahr doch wieder eine Flasche Stolitschnaja und eine Dose Eberswalder Würstchen bekam, die er am Ende halb widerwillig, halb gönnerhaft einsteckte oder, genauer, von Charlotte einstecken ließ) — auch wenn das alles im Grunde peinlich und anstrengend und bis zu einem gewissen Grad idiotisch war, bestand Irina auf der Einhaltung des Rituals, ja, mochte es in gewisser Weise sogar, und sei es bloß wegen der Erleichterung, die eintrat, nachdem die Schwiegereltern gegangen waren, wegen dieser Stunde, wenn Kurt das Fenster öffnete und man sich erhitzt und erschöpft und vollgefressen in die Sitzecke fallen ließ, eine Zigarette rauchte und einen Kognak nahm und sich gemeinsam über Charlotte und Wilhelm amüsierte.

— Ist er nicht zu kitschig, fragte Kurt.

— Ein bisschen schief, sagte Irina.

— Ja, aber findest du nicht, dass ein bisschen zu viel dran ist?

— Ach was, sagte Irina und betrachtete mit schiefem Kopf den schiefen Baum, dessen Äste dick mit Watte und Lametta belegt und mit bunten Kugeln behängt waren, so wie es sich gehörte, und obgleich der Baum, den Kurt ausgesucht hatte, im Grunde ein Schreckgespenst war: Sobald es dunkelte und die elektrischen Kerzen leuchteten, würde es nicht weiter auffallen.

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