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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Den Kopf in die Hände gestützt, betrachtet er die porösen grauen Gesteinsquader, aus denen die Treppe gemauert ist. Links und rechts steigen die Leute vorbei, die er eben überholt hat. Frauen in Flip-Flops. Eine Frau in Plateauschuhen, eine andere sogar in roten High Heels. Dann wieder Flip-Flops, zwei Paar, die bedrohlich auf ihn zusteuern: ein Paar schwarz, ein Paar pink …

Zuerst bleibt Schwarz stehen, sorgfältig enthaarte Schienbeine, ölig glänzend, ein wenig gekrümmt.

— Du hast ja eine Wahnsinnskondition, sagt Kati.

— Ich denke, ihr wolltet zu Trotzki, sagt Alexander.

— Die Stadt ist zu voll, sagt Kati. Heute ist Nationalfeiertag.

Beide, sogar Nadja, scheinen nun doch erfreut zu sein über die zufällige Begegnung. Offenbar rechnen sie damit, dass Alexander sie nach oben begleitet, und sind verblüfft, fast gekränkt und dann sogar ein wenig besorgt, als er nicht mitkommen will.

— Ist dir nicht gut, hast ein Problem?

— Nein, sagt Alexander. Ich warte hier.

Er bleibt auf den Stufen sitzen, sieht zu. Sieht zu, wie Leute an ihm vorbeisteigen: Leute in Basecaps, Leute in frisch gekauften Sombreros, Leute in kurzen Hosen. Leute mit Rucksäcken und Fotoapparaten, fette Leute in grellen T-Shirts, Leute auf allen vieren, schwitzende Leute, Leute mit Kindern, die kleine mexikanische Fähnchen tragen (Nationalfeiertag), Männer mit Goldkettchen, ein älterer Herr mit einem Wanderstock, Leute, die laut amerikanisch sprechen, Leute, über die sich einfach nichts sagen lässt, blasse junge Männer mit Dreitagebärten, kakaobraune Männer in blumigen Hemden, eine Frau mit Schal, ein junger Mann mit Rastalocken und einer Ananas, eine Gruppe japanischer Männer in Anzügen, schlanke Mädchen in knappen Shirts, bei denen ein Stück Bauch herausguckt, dicke Mädchen in knappen Shirts, bei denen ein Stück Bauch herausguckt, sie alle steigen, wanken, kriechen, klettern, marschieren, trippeln, kraxeln hinauf zu dem Ort, wo man Gott wird, Teotihuacán, und kommen wieder herunter: äußerlich unverändert.

— Und wie war’s, fragt Alexander.

— Wahnsinn, sagt Kati. Der Blick.

Sie steigen gemeinsam ab. Sie gehen die Straße der Toten noch bis zum Ende. Nadja liest aus dem Backpacker vor (in Kurzform und auf Englisch ist es die Geschichte vom Gott, der sich opfert, um als Sonne der fünften Welt wiederaufzuerstehen) und kauft sich in einem der großen Souvenirläden am Ausgang eine schwarze, grausig aussehende Obsidian-Maske, die sie an haitianische Voodoo-Masken erinnert.

Kati kauft sich eine Halskette aus Obsidian, passend zu ihren dunklen Haaren.

Auch Schildkröten aus Obsidian werden angeboten. Unauffällig, ohne dass die Frauen es sehen, stellt Alexander seine Schildkröte zu den anderen: den Hunderten, die hier auf den Verkaufstischen herumstehen.

Sie kosten fünfundzwanzig Pesos.

1976

Wenn Irina den Ursprung jener Aprikosen hätte erklären sollen, die sie am Vormittag des Weihnachtstages in Würfel schnitt, um sie, zusammen mit anderen Früchten, zur Füllung ihrer Klostergans zu verarbeiten, so hätte sie mit der Geschichte vom Fuß beginnen müssen.

Schon oft hatte Kurt diese Geschichte erzählt — Irina wusste kaum noch, wann sie sie zum ersten Mal gehört hatte — , die Geschichte davon, wie der Ast eines fallenden Baumes Kurt im Herbst 1943 den Fuß zerschlug und wie der junge Leutnant Sobakin ihm das Leben gerettet hatte, indem er dafür sorgte, dass Kurt, ohnehin am Ende seiner Kraft, nicht auf die Krankenstation kam (wo die Brotrationen noch knapper waren), sondern eine Zeitlang als Nachtwächter an den rund um die Uhr beheizten Teeröfen arbeiten konnte — eine Beschäftigung, die zudem noch lukrativ war, weil ganz in der Nähe ein Kartoffelfeld lag. Später, nachdem Kurts Strafe in «ewige Verbannung» umgewandelt worden war, spielten er und Sobakin, inzwischen Hauptmann, in einem Büro der Lagerverwaltung Schach, führten, wie Kurt berichtete, ungewöhnlich freimütige Diskussionen über Gerechtigkeit und Sozialismus, befreundeten sich — und entzweiten sich wieder, als sich beide in dieselbe Frau, nämlich in sie, Irina Petrowna, verliebten. Damals war sie Zeichnerin im Projektierungsbüro gewesen.

Nach dem Umzug in die DDR verloren sie Sobakin aus den Augen. Er verwandelte sich in eine anekdotische Figur, eine Figur aus einer fernen, abgeschnittenen, unwirklicher werdenden Welt — bis Kurt an einem heißen Tag dieses Jahres gegen halb vier nachmittags einen Anruf aus dem Ministerium für Staatssicherheit bekam und von einem aufgeregten Anrufer gefragt wurde, ob er derjenige Kurt Umnitzer sei, der von 1941 bis 1956 in Slawa, Nord-Ural, gelebt habe: Ein sowjetischer General wolle ihn sprechen.

Sobakin hatte ungefähr einhundert Kilo zugenommen, erdrückte Irina beinahe vor Freude über das Wiedersehen, war glücklich wie ein Kind über Kurts wissenschaftliche Karriere (habe er Kurt nicht immer schon umniza — russisch so viel wie «Schlaukopf» — genannt?), soff, wie selbstverständlich im falschen, nämlich in Kurts Sessel sitzend, eine Flasche Wodka aus, erzählte eine Menge Wunderliches über den kommenden Weltkrieg, den er für eine ausgemachte Sache hielt, und schlug beim Abschied versehentlich eine tellergroße Beule in das Dach des fast noch ganz neuen Lada.

Sei es wegen dieser Beule im Dach des fast noch ganz neuen Lada, sei es wegen der Frage der Gerechtigkeit und des Sozialismus oder aus irgendeinem anderen Grund — zwei Monate später brachte der Postbote ein großes Paket in den Fuchsbau, schwer wie ein Ziegelstein, das nichts anderes enthielt als schwarzen russischen Kaviar.

Den geringsten Teil dieses Kaviars verzehrten Kurt und Irina selbst (ihr Kaviarappetit hielt sich in Grenzen, denn obwohl es in Slawa kaum ausreichend Lebensmittel gegeben hatte, war dort, ausgerechnet im Sommer nach Stalins Tod, ein ganzer Güterwaggon schwarzen Kaviars angekommen, «auf Zuteilung», wie es hieß, und Kurt und Irina hatten sich derart an Kaviar überfressen, dass Irina eine Art anaphylaktischen Schock erlitt und danach monatelang in der Angst lebte, das Kind, das sie unmittelbar nach Stalins Tod gezeugt hatten, durch übermäßigen Kaviarverzehr geschädigt zu haben) — den geringsten Teil also verzehrten sie selbst; einen größeren Teil boten sie — typischerweise nach ausschweifenden Partys — Freunden zum Sektfrühstück an; der größte Teil des Sobakin’schen Kaviars jedoch ging als Schmier- und Zahlungsmittel in den undurchsichtigen Kreislauf der unter Ladentischen und in Hinterzimmern gehandelten Waren ein.

In der Galerie am Stern erstand Irina gegen Zuzahlung von Kaviar mehrere Stücke der begehrten Waldenburg-Keramik, Ofenbrand mit bräunlichen Flugascheresten, die sie wiederum als Schmiermittel beim Erwerb von Dachfenstern verwendete; einen Teil der Dachfenster, die sie selbst nicht benötigte, brachte sie mit dem Pkw-Anhänger nach Finsterwalde und tauschte sie dort gegen etwas breitere Dachfenster (100 cm) ein, welche alsbald Fischer Eberling aus Großzicker auf Rügen abholte und dafür eine Kiste Aal hinterließ, den er — natürlich illegal — in einer hinter der Garage versteckten Kammer geräuchert hatte.

Zwei dieser Aale verspeiste Nadjeshda Iwanowna, die erst kürzlich in der DDR eingetroffen war und ihre Anspruchslosigkeit unter Beweis stellen wollte (Esst ihr mal das gute Brot, für mich sind die Schlangen gut genug); drei Aale hob Irina für Sascha auf, der sie allerdings, wie er sagte, «aus Respekt vor dem Lebenswillen dieser Tiere» nicht essen wollte (früher hatte er immer Aal gegessen!); drei Räucheraale bekam der Fleischer, der Irina die berühmten «blinden Pakete» packte, deren Inhalt (aus Rumpsteaks, geräucherten Schweinefilets oder gekochtem Schinken bestehend) den anderen Kunden nicht offenbart werden durfte; drei bekam der Autoschlosser; einen der Buchhändler; und zwei schließlich eine ehemalige Kollegin, aus deren väterlichem Kleingarten jene getrockneten Aprikosen stammten, außerdem Quitten und dickschalige Winterbirnen, die Irina schälte und würfelte und zusammen mit den schon eingeweichten Aprikosen sowie halbierten Feigen aus dem Russenmagazin, Rosinen (die sie anstelle von Weintrauben benutzte), Esskastanien (die sie eigenhändig auf den Caputher Hügeln gesammelt hatte) und etwas strunkigen, deshalb feingeschnittenen Kuba-Orangen (die sie schlicht und einfach im Laden gekauft hatte!) in eine Pfanne gab, in reichlich Butter andünstete, mit armenischem Kognak ablöschte und als Füllung in ihre Weihnachtsgans stopfte, die sie nach einem dreihundert Jahre alten Rezept zubereitete und die, weil das Rezept angeblich von burgundischen Mönchen stammte, Burgundische Klostergans hieß.

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